Berlin vertraulich! Koitus-Theorie und Kanzlerfrage


Die SPD diskutiert seit Wochen über den richtigen Zeitpunkt, um ihren Kanzlerkandidaten zu benennen. Ein bayerischer SPD-Abgeordneter hat nun allgemeinverständlich erklärt, warum die Partei damit wartet. Er verglich die Kür mit Sex.
Von Hans Peter Schütz

Einen "schönen Sommer" hat FDP-Chef Guido Westerwelle der Republik gewünscht. Ob die elf Wochen politische Sommerpause, die jetzt begonnen haben, streitfrei ablaufen? Wohl kaum. Da gibt es die unvermeidlichen "Sommer-Interviews", mit denen sich politische Gegner wie Freunde ärgern lassen. Und dann ist, wie Westerwelle richtig bemerkte, bei der SPD weiterhin "Feuer unterm Dach." Wetten, dass es nicht jeder Genosse schafft, "nicht in jedes Mikrophon zu beißen", wie SPD-Fraktionschef Peter Struck befohlen hat? Denn die SPD hat sich mit einem denkwürdigen Sommerfest in die Pause entlassen. Gallige Töne, üble Nachrede übereinander waren zu hören. Struck wurde als "Herbert-Wehner-Imitator" bezeichnet. Das war als Schmähung gemeint, nicht als Lob. Wie einst Wehner in seinem letzten Jahr an der Fraktionsspitze blicke er nicht mehr durch und "brülle nur noch rum." Ein SPD-Bundesminister nannte den Amtskollegen Sigmar Gabriel "einen, den ich gern zur Strecke bringen würde." Wie strapaziert das Nervenkostüm der Genossen ist, war auch auf dem Berliner SPD-Parteitag zu spüren. Beck war Gast, hielt eine gute Rede, bekam viel Applaus. Nach ihm ging die Europa-Abgeordnete Dagmar Roth-Behrendt ans Mikrophon und sagte: "Kurt Beck muss weg!" Der Saal erstarrte. Bis die Rednerin anfügte, "der Kurt muss schnell zum Flughafen".

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Die Kritik an Bundesumweltminister Sigmar Gabriel ist unberechtigt. Denn er ist allemal bei den Sozialdemokraten für die schönsten Formulierungen politischer Sachverhalte gut. Dieser Tage befragt, weshalb denn die Zahl der Dienstwagen von Managern und Selbstständigen, die als großkotzige, CO2-ausstoßende Geländewagen daherkommen, ständig steige, antwortete er: "Da ist viel Viagra in Chrom unterwegs."

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Eine ganz neuartige Begründung dafür, dass die SPD ihren Kanzlerkandidaten für die Bundestagswahl 2009 nicht zu früh nominieren sollte, hat jetzt Florian Pronold geliefert. Der Vorsitzende der bayerischen SPD-Abgeordneten im Bundestag sagte zunächst, es "wäre politisches Harakiri, den Kandidaten schon jetzt auszurufen." Dann wurde er allgemeinverständlich und sagte: "Das ist eine Sex-Frage. Wenn wir damit zu früh kommen, ist es schlecht." Beraten neuerdings Beate Uhse-Manager die SPD?

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Schade, dass die Fußball-EM vorbei ist. Denn die Berliner Politik dachte bis zum vergangenen Sonntag oft weniger politisch, sondern verstärkt fußballerisch. Und produzierte dabei bemerkenswerte Akzente. Zum Beispiel Bundesumweltminister Sigmar Gabriel. Nach dem Spiel der Deutschen gegen die Türkei sagte er: "Die Stärkeren haben verloren. Das ist so ähnlich gewesen, wie es der SPD zurzeit geht." Beim CDU/CSU-Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder sah die fußballstrategische Taktik in der Politik ebenfalls zutreffend aus. Er analysierte auf dem Sommerfest des Unions-Mittelstands: "Die Arbeit in der Regierung wäre einfacher, wenn sich Beck und Struck so verhalten würden wie Bastian Schweinsteiger - einfach tun, was die Kanzlerin wünscht." Vielleicht sollte sich die Kanzlerin in der Tat mal Rat holen bei Fußball-Bundestrainer Joachim Löw. Der weiß, wie man mit den Lahms umgehen muss. Die treffendste Fußball-Prognose lieferte Grünen-Chefin Renate Künast ab. Auf die Frage, wie das Spiel gegen die Türkei enden würde, sagte sie: "Es wird ganz spannend. Aber wir werden in der letzten Minute gewinnen." Das lehrt uns: Genau hinsehen, wenn die Grünen über das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl spekulieren.

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Mit Spannung blickt das politische Berlin einem ganz anderen Endspiel entgegen: Schafft der Ex-Grüne Oswald Metzger diese Woche den Sprung zur Nominierung als CDU-Kandidat des Wahlkreises Biberach für die nächste Bundestagswahl? Bemerkenswert wie sich jetzt ein Grüner und ein Schwarzer, beide höchstrangige Vertreter ihrer Parteien im Bundestag, darüber unterhielten. Sagte der Grüne zum CDU-Mann: "Eigentlich müsste ich euch wünschen, dass ihr ihn kriegt." Antwortete der Schwarze: "Ja, schon. Aber eigentlich müsste er als Abweichler auf die Schnauze fallen."

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Kennen Sie den deutschen Verbraucherschutzminister? Nein, nein, er heißt nicht Renate Künast, wie die Deutschen glauben. Die Grüne ist seit 2005 nicht mehr im Amt. Horst Seehofer ist ihr Nachfolger. Doch wie eine repräsentative Umfrage (3500 Befragte) des Bundesverbands der Verbraucherzentralen ergab, ist Frau Künast die "gefühlte Verbraucherschutzministerin." Der grüne Fraktionschef Fritz Kuhn war nicht überrascht. Für ihn ist das Umfrageergebnis ein klarer Fall. Er sagte zu stern.de: "Künast ist eben einfach besser als Seehofer. Für die Verbraucher, die Kühe und den Wein." Renate Künast selbst: "Einen Verbraucherminister Seehofer kenne ich auch nicht. Seine Aufgabe als Anwalt der Menschen gegenüber massiven Wirtschaftsinteressen hat er bis heute nicht verstanden."


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