BODENSEE Vermutlich 71 Tote nach Flugzeug-Kollision


Beim Zusammenstoß zweier Flugzeuge über dem Bodenseeufer sind vermutlich 71 Menschen ums Leben gekommen, unter den Opfern sollen 50 Jugendliche sein.

Bei der Kollision zweier Großflugzeuge in der Nähe des Bodensees sind vermutlich alle 71 Insassen ums Leben gekommen. Nach Polizeiangaben wurden bis zum Dienstagmorgen elf Todesopfer geborgen. Als Unglücksursache wurde ein Pilotenfehler genannt.

- Info-Grafik: die Flugroute der beiden Maschinen

Eine russische Tupolew-Maschine und ein Frachtflugzeug vom Typ Boeing 757 seien am Montag kurz vor Mitternacht in rund zwölf Kilometern Höhe über dem Landkreis Sigmaringen und dem Bodenseekreis zusammen gestoßen, sagte Baden-Württembergs Verkehrsminister Ulrich Müller in Überlingen. Nach Angaben der Polizei, des Landesinnenministeriums und des Moskauer Flughafens Domodedovo waren insgesamt 69 Menschen an Bord der Tupolew auf dem Flug von Moskau nach Barcelona mit Zwischenstopp in München. Demnach saßen neben zwölf Besatzungsmitgliedern 57 Passagiere in der Maschine, darunter acht Kinder. An Bord der Boeing seien zwei Piloten gewesen. Opfer am Boden gab es demnach nicht. Mehrere hundert Polizisten, Feuerwehrleute und Helfer suchten die Felder und Obstwiesen am Morgen nach Absturzopfern ab. Taucher waren im Bodensee im Einsatz.

Rau zeigt sich bestürzt

Bundespräsident Johannes Rau hat sich am Rande eines Staatsbesuches in Japan bestürzt über das Flugzeugunglück am Bodensee geäußert. Dem ARD-Fernsehen sagte Rau: »Hier in Tokio habe ich von dem schrecklichen Unfall erfahren, der über dem Bodensee geschehen ist. Die Zahl der Opfer weiß ich noch nicht. Wir denken an die Toten und deren Angehörige. Wir sind tief betroffen davon, dass so viele ihr Leben lassen mussten. Wir hoffen, dass die Ursachen bald aufgeklärt werden, dass noch mehr für die Flugsicherheit geschieht«. Rau betonte, er sei jetzt nah bei den Menschen, »die ihr Liebstes verloren haben«.

»Es ist davon auszugehen, dass alle Menschen, die in der Luft waren, nicht mehr am Leben sind«, sagte Verkehrsminister Müller. Er hatte zunächst von 69 Passagieren und zehn bis zwölf Besatzungsmitgliedern an Bord der aus Weißrussland stammenden Tupolew gesprochen. Ein Sprecher des Moskauer Flughafens Domodedovo sagte, bei den Insassen handele es sich vermutlich ausschließlich um russische Staatsbürger. Rund 50 Passagiere seien Jugendliche gewesen, darunter acht Kinder unter 12 Jahren. Bei der Besatzung habe es sich um erfahrene Mitarbeiter gehandelt.

Ausweichmanöver missglückt

Zur Unglücksursache sagte der Minister, nach Angaben der Flugsicherung in Zürich hätten die Fluglotsen die Tupolew aufgefordert, tiefer zu fliegen, da sie auf gleicher Höhe mit der Frachtmaschine gewesen sei. Trotz mehrfacher Aufforderung habe der Pilot aber nicht reagiert. Der Pilot der Boeing habe noch ein Ausweichmanöver versucht, was aber misslungen sei. Gegen 23.40 Uhr seien die beiden Maschinen dann kollidiert. Der Einsatzleiter der Polizei in Friedrichshafen, Hans-Peter Walser, sagte, es gebe keine Erkenntnisse, die auf einen kriminellen Hintergrund hindeuteten. Die Deutsche Flugsicherung erklärte, laut Flugplan habe die Frachtmaschine keine gefährlichen Güter transportiert.

In der Nacht hatte das Innenministerium zunächst von einer sehr unübersichtlichen Situation am weit läufigen Absturzort nördlich des Bodensees gesprochen. Hunderte Helfer von Feuerwehr und Rettungs- und Hilfsdiensten waren im Einsatz. In der Nähe der Ortschaft Owingen erstreckte sich demnach ein Trümmerfeld von etwa 25 Kilometern Länge. Bei Überlingen lagen Teile von Rumpf und Heck der Tupolew quer über einem geteerten Feldweg zwischen Weizen- und Maisfeldern.

Hunderte Helfer suchen nach Opfern

Das Fahrwerk der Tupolew 154 stürzte bei Owingen rund sieben Kilometer nördlich von Überlingen am Bodensee ab. Die Umgebung der Absturzstelle in der Nähe eines auf einem Hügel gelegenen Gehöftes war weiträumig mit rot-weißen Flatterband abgesperrt. In den Wiesen und Feldern rund um das Dorf suchten die Helfer nach Wrackteilen und Opfern. Wiederholt waren Hubschrauber zu hören, die die Umgebung aus der Luft absuchten. Mit Tauchern und Booten wurde auch im Bodensee nach Wrackteilen und Opfern gesucht.

Augenzeugen berichteten von einem großen Feuerball unmittelbar vor dem Herabfallen von Trümmerteilen. »Hinter dem Wald sah es aus wie bei einem Feuerwerk«, sagte Klaus-Dieter Schindler, Hausmeister im Schul- und Gemeindezentrum in Owingen. Im Widerschein des grellen Feuers habe er Wrackteile vom Himmel fallen sehen. »Es sah aus, als ob es schwarz regnen würde.«

Die aus Weißrussland stammende Tupolew gehörte amtlichen Angaben zufolge der Bashkirian Airline. Die Boeing sei aus Bahrain gekommen und nach einem Zwischenstopp im italienischen Bergamo auf dem Weg nach Brüssel gewesen. Nach Angaben der Deutschen Flugsicherung flog die Boeing für den Frachtdienstleister DHL, der zur Deutschen Post AG gehört. Bei der Flugsicherung hieß es weiter, von der Kollision der Flugzeuge gebe es Radaraufzeichnungen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker