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FDP-Parteitag Röslers starker Bruder heißt Brüderle


FDP-Chef Rösler ist mit klarer Mehrheit im Amt bestätigt worden. Wer aber wirklich Herr im Hause ist, zeigte sich einen Tag später: Rainer Brüderle brachte den Saal zum Toben.
Ein Kommentar von Hans Peter Schütz

Vor dem FDP-Parteitag wurde diskutiert: Wer ist denn jetzt eigentlich der Spitzenmann der FDP? Der Parteichef oder der Spitzenkandidat? Am zweiten Tag des Berliner Parteitags der Liberalen wurde die Frage entschieden: Philipp Röslers starker Bruder heißt Rainer Brüderle. Der zeigte gleich bei seiner ersten Rede als Spitzenkandidat, dass er Wahlkampf exzellent kann.

Im Nachhinein betrachtet muss Rösler froh sein, dass die FDP-Statuten keine echte Wahl des ersten Mannes oder einer ersten Frau für einen Bundestagswahlkampf vorsehen und nur seine Ausrufung per Beifall. Denn im Fall einer geheimen Abstimmung wäre die Gefahr groß gewesen, dass Brüderle die rund 85 Prozent bei Weitem übertroffen hätte, die Rösler am Vortag bei seiner Wiederwahl zum FDP-Chef erreicht hatte.

Brüderles Rede war ein Stück Schwerstarbeit für die Delegierten. Praktisch nach jedem seiner Sätze sahen sie sich gezwungen, begeistert Beifall zu klatschen. Besonders groß war der Jubel, als Brüderle ausrief: "Uns hat der Himmerl geschickt!" Da dürften viele Delegierte gedacht haben: Das Himmelsgeschenk, lieber Rainer Brüderle, bist vor allem du. Als der FDP-Spitzenmann nach fast anderthalb Stunden seinen Vortrag mit dem wilden Appell „Wir ziehen den blau-gelben Kampfanzug an" zu Ende war, zeigten sich auch jene beglückt, die ihn sonst kritisieren. Burkhard Hirsch zum Beispiel: "Das war endlich die Parteitagsrede, auf die sie hier so lange gewartet haben." Die Delegierten skandierten hinauf zu Brüderle: "FDP, FDP, FDP!" Röslers Augen glänzten, als er Brüderle einen blau-gelben Fußball überreichte und sagte: "Du bist die Sturmspitze für die FDP."

Rückbesinnung auf liberale Werte

Mitten im Begeisterungssturm ließ auch Gerhart Baum, der wie Hirsch zu den Altliberalen zählt, freudige Erregung erkennen und lächelte und lächelte. Zuvor war er ziemlich lustlos durch die Reihen der Delegierten gehuscht, in den Händen eine Broschüre mit den "Freiburger Thesen", die in seinen Augen für eine FDP stehen, als sie noch eine in jeder Hinsicht liberale Partei war. Darin der Satz: "Wirtschaftliche Freiheit und gesellschaftliche Freiheit sind zwei Seiten derselben Medaille. Freiheit ist unteilbar." Auf diesem Grundsatz beruhte Brüderles Rede. Fast hatte man den Eindruck, als wäre er beim Sprachtrainig gewesen. Während er in seinen Reden im pfälzischen Dialekt nuschelt und nicht immer alles zu verstehen ist, brachte er in Berlin alle Sätze verständlich und klar rüber - wie man es eben von einem Spitzenkandidaten erwartet. "Wir werden einen Wahlkampf hinlegen, da brennt der Baum. Der wird erfolgreich sein." Sogar Streicheleinheiten hatte Brüderle parat. Zu Generalsekretär Patrick Döring fiel ihm das Kompliment ein: "Du wärst die Walz aus der Pfalz, wenn du aus meiner Heimat kommen würdest."

Brüderle schonte die eigenen Reihen, teilte aber ansonsten vielfach aus. Mit Blick auf den Spitzenkandidaten der Grünen, Jürgen Trittin, erklärte er: "Wer mit 60 immer noch Sozialist ist, der hat keinen Verstand." Über Merkel-Herausforderer Peer Steinbrück befand er: "Die SPD hat keinen Kandidaten aufgestellt, sondern eine Fettnapfsuchmaschine." Den Truppen von Kanzlerin Angerla Merkel bescheinigte er: "Die Union hat ein bisschen viel sozialdemokratischen Speck angesetzt." Brüderles Fazit zur schwarz-gelben Koalition fällt natürlich positiv aus. "Wir haben die Union in vielem Besser gemacht." Und: "Ohne FDP gäbe es keinen Bundespräsidenten Gauck."

Machtanspruch untermauert

Mit der Rede untermauerte Brüderle seinen Machtanspruch in der Partei. Vermutlich hatte es das FDP-Urgestein geärgert, dass Rösler ihn als "Spitzenmann" der Liberalen bezeichnet und sorgsam das Wort „Spitzenkandidat“ vermieden hatte. Diesem Rösler wollte er es zeigen, das war bei jedem Satz zu spüren. So geht Attacke! Brüderle redete, als stehe das Parteikürzel für Freie Dramatische Partei. Brüderle, der alte Haudegen, bewies auch, wie clever er ist. Zugleich machte er klar, mit Rösler "werde ich weiterhin eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten" - elegant verdrängend, dass er die Ablösung des Parteikollegen von der FDP-Spitze schon einmal energisch betrieben hatte.


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