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Frank-Walter Steinmeier: Sein langer Marsch ins Präsidentenamt

Laaangweilig. Das ist der Ruf, den Frank-Walter Steinmeier weghat. Stimmt nicht, findet stern-Autorin Ulrike Posche, die ihn seit 20 Jahren kennt. Ein Blick auf die unbekannte Seite des künftigen Bundespräsidenten.

Von Ulrike Posche

Frank-Walter Steinmeier wird Bundespräsident

Man muss sich Steinmeier als glücklichen Menschen vorstellen: Nach seiner Wahl durch die Bundesversammlung verlässt der zukünftige Bundespräsident den Plenarsaal

Er ist ein Kümmerer, ein Filmfreak, ein leidenschaftlicher Bücherleser. Er explodiert, wenn er lacht, mal raucht er und mal nicht. Gern Rotwein oder Pils statt Bionade. Immer noch dieselbe Frau. Wie selten, wie toll, wie treu! Er hat ihr einmal mit seiner Niere das Leben gerettet. Und bald heißt es: "He's our president", unser Bundespräsident.

Frank-Walter Steinmeier mag David Bowie, Peking-Ente, George Clooney, Schalke 04 und die Filme von Rainer Werner Fassbinder. Charlotte Rampling findet ihn sexy. Aber es nützt nichts.

Das übliche Klischee über ihn lautet, wenn man es in seinem ostwestfälischen Idiom notiert: freundlich, tüchtich – langweilich. Das klebt an ihm so zäh wie die Losung eines Neufundländers unterm Schuh. Wird er einfach nicht los, kann er nicht gegen anstinken. Neulich hat er über Donald Trump gesagt, der wäre "ein Hassprediger", da ging ein kurzes, leises Staunen durch die Abendnachrichten, "hui, da hat er sich aber mal was getraut!" Aber dann war's auch schon wieder vorbei mit der Unbeherrschtheit des Chefdiplomaten. Kurz nach Trumps Inthronisation war er schon wieder ganz der Alte. Steinmeier. Trump natürlich auch. In bewährt entschleunigter Diktion erklärte der Außenminister, "mit der Wahl Donald Trumps ist die alte Welt des 20. Jahrhunderts endgültig vorüber". Donnerwetter. Eine echt ruckartige Erkenntnis im Jahr 2017! Tut nicht weh und stimmt, ist zu hundert Prozent präsidiabel. He's only human after all. Und ist er wirklich so langweilig, wie alle schreiben?

"Dies sehen wir ebenso wenig wie die Tatsache, dass ein anderer Vorschlag auf dem Tisch liegt", würde er selbst vielleicht ins Mikrofon antworten, nachdem er lange nachgedacht und in seine linke Handfläche gestiert hätte, in der er solche Sätze zu horten scheint.

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Steinmeier - eine Lichtgestalt?

Nein, er ist nicht langweilig. Ein Scheißklischee eben. Es gibt Momente, da kommt einem der 61-jährige Mann mit dem hermelinweißen Schopf geradezu wie eine Erscheinung vor. Und es gibt Menschen, Frauen vor allem, die halten ihn gar für eine Lichtgestalt.

Die Geschichte spielt vor vier Jahren, als der Papst noch Joseph Ratzinger hieß, der gern durch Südtirol wanderte. Frank Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbender wanderten also eines Tages oberhalb Bozens durchs Rittener Hochplateau und begegneten dabei einem Touristenpaar, "das beim Näherkommen immer stärker signalisierte, dass es den Außenminister zwar erkannt hatte, sich das Erkennen aber rücksichtsvollerweise nicht anmerken lassen würde", so gibt der Schriftsteller Tilman Spengler die Szene in einer Rede zu Steinmeiers 60. Geburtstag wieder. Nachdem sich das Paar entfernt hatte, hörten die Steinmeiers dann Laute, die ihnen aus der westfälischen Heimat vertraut waren: "Boah, nä, ne: letztes Jahr der Papst, jetzt der Steinmeier. So 'ne Erscheinung haste nich' überall."

Das war die Anekdote mit der Erscheinung. Zur Lichtgestalt kommen wir später.

Schröders Krisenmanager

Unsere erste Begegnung spielte am 2. August des Jahres 1997. Niedersachsens Ministerpräsident Gerhard Schröder hatte am Vortag im Juist-Urlaub das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" aufgeschlagen und lesen müssen, dass seine Exfrau in spe dort ein langes Interview gegeben hatte, in dem sie ihm zum einen attestierte, ein Charakterschwein zu sein, und zum anderen eines ohne Charakter. So in etwa der Inhalt, knapp zusammengefasst. Da Hiltrud Schröder zu jener Zeit noch sehr beliebt war und Gerd Schröder gerade Kanzler werden wollte, war die Kacke am Dampfen, Pläne und Strategien schienen im Eimer, und der stern witterte eine schnurrige Rosenkrieg-Geschichte.

Steinmeier jung

Steinmeiers Karriere begann als Medienreferent bei Gerhard Schröder in der Hannoveraner Staatskanzlei. Später folgt er Schröder nach Bonn und Berlin und managte für ihn als Kanzleramtschef den politischen Alltag


Schröder war sauer, fühlte sich ungerecht behandelt und wollte nun seinerseits die Wahrheit über seine Ex erzählen. Aber je mehr er auspackte, packte Steinmeier ein. Der Spielverderber mäßigte, gab zu bedenken, kassierte Sätze und Anekdoten. Krise kann Steinmeier extrem gut. Da geht seine innere Temperatur auf die eines Omuls im Baikalsee, und die Stimme wird tief. Einatmen, ausatmen. Es war die unausgesprochen abgesprochene Arbeitsteilung der beiden, seit der junge Juristendoktor unterm Dach der Hannoveraner Staatskanzlei ein Zimmerchen bezogen hatte, um "irgendwas mit Medien" zu machen. Schröder zog vorn in die Schlacht, Steinmeier achtete darauf, dass hinten die Tür zu war. Zu Beginn seiner Karriere saß er also unter der Schräge. Im Sommer bullig heiß, im Winter saukalt. Nie Klagen. Allen war schnell klar, dass dieser Frühergraute zu mehr imstande war, als die Medienpolitik im Auge zu halten. So zog er schnell in die tiefer gelegenen Etagen, wurde Schröders Kanzleichef, sein verschwiegener Pack-an, Mach-mal und Kuh-vom-Eis-Schieber über Jahrzehnte, erst in Hannover, dann in Bonn und Berlin. "Machtmakler" nannten ihn politische Kommentatoren, nachdem er die Agenda 2010 maßgeblich miterfunden hatte. Wenn Schröder morgen mit dem Regierungsflieger abstürzen würde, hieß es immer, könnte der Frank den Job sofort übernehmen. "Seine Effizienz", lautete Steinmeiers Nom de Guerre. Seit jenem Augusttag 1997 hat Steinmeier seine unaufgeregte Methode des Kuh-vom-Eis-Schiebens nicht grundsätzlich geändert. Im Gegenteil. Er hat vielmehr, was er im Kleinen übte, aufs Weltweite übertragen.

Syrien und Nordkorea, maritime Sicherheit und nukleare Abrüstung, der Kampf gegen den IS-Terrorismus, Ukraine-Krise, Brüssel, ein kaputter Stellmotor am Dienstflugzeug und jetzt – Donald Trump. Das waren so seine Themen von Freitag bis Montag. Die Probleme, die er als Außenminister manchmal an nur einem Wochenende am Bein hatte, die will bei Gott kein normaler Mensch haben. Echt nicht.

Merkels Chefdiplomat

Im Frühjahr 2016 begleiteten wir ihn nach China, erst Gespräche in Peking, dann Flugzeugschaden in der Provinzhauptstadt von Hunan, dann Weiterflug nach Hiroshima, Japan. Steinmeier hatte sich von einer der vorigen Brachialreisen nach Zentralasien eine Erkältung mitgebracht: Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan, Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Manch einer ahnt vielleicht nicht einmal, wo diese Länder überhaupt liegen, aber Steinmeier weiß, dass es gerade hier, wo die Interessen gleich dreier großer Mächte – Russland, China und Iran – aufeinanderprallen, erhebliche Stabilitätsrisiken gibt. Also musste er hin. Beziehungen stärken, Witterung aufnehmen, die Bande zu den Herrschenden festzurren. Oder wie seine Leute es sagten, "um die Welt ein bisschen zu verbessern".

Denn das war, so sozialromantisch und idealistisch es klingen mag, tatsächlich sein Movens. Das, was den Sozialdemokraten Steinmeier immer schon trieb. Warum er sich auf jener Chinareise allerdings mit Erkältung auf einen Tempelberg im "Heimifeng Naturpark" quälte – sein Geheimnis. Früh startete die Delegation aus Wirtschaftsbossen, Journalisten und Kulturgästen in Anoraks die Wanderung. Na, ja, Wanderung. Erstens goss es wie aus Eimern, und zweitens war es bloß Treppensteigen. Gefühlte tausend Stufen bis zu einem buddhistischen Tempel, dessen Dach man vor lauter Nebel nicht sehen konnte. Steinmeier kletterte dennoch tapfer voran, und ein Tross bunter Regencapes folgte ihm wie der Schwanz dem Neujahrsdrachen.

Dickkopf aus dem Lipperland

 Warum tut sich einer das an? Wenn er krank ist? Steinmeier ist, wie gesagt, Ostwestfale. "Jetzt stehen die Kartoffeln auf dem Tisch", sagen die Ostwestfalen, "jetzt werden sie auch gegessen." Tempel, Husten, Regen. Einmal sollte er sagen, ob er ein Dickkopf ist, ein Reinfuchser und Durchbeißer. Sollte sagen, was man an Vorprägung mitbringt, wenn man aus dem Lipperland kommt. Hm, Vorprägung, hat er gesagt. Und dann hat er überlegt und überlegt. "Nach einigem Nachdenken", so Steinmeier, "habe ich herausgefunden, dass das ein sehr karger, armer Landstrich war, in dem die Leute sich den Luxus von großer Eitelkeit nicht leisten konnten. Insofern war das Durchbeißen in dieser Region eine Erfahrung, die durchaus in die eigene Persönlichkeit eingegangen ist." Als der Mann dies vortrug, lag seine linke Gesichtshälfte in ernstem, nachdenklichem Guss, während die Grübchen-gekerbte rechte Gesichtshälfte freimütig lächelte. Links grübeln, rechts lächeln – Steinmeier ist wohl der einzige Politiker zwischen Abidjan und Zagreb, der das kann. Grübeln, lächeln, nachdenken, sprechen; alles in einem Zug. Mehr Diplomatie geht eigentlich nicht. Und warum soll das im künftigen Job schlecht sein? Auch da wird er wieder reisen müssen, chinesische Funktionäre treffen, mit denen er einst Glühwein trank und über den Wiederaufbau Afghanistans stritt. Oder arabische Finstermänner. Allen wird er seine Grübchen zeigen, herzhaft lachen.

Steinmeier als Fußballer

Na, hätten Sie ihn erkannt? Frank-Walter Steinmeier (oberer Reihe, 2.v.r.) 1976 im Kreise seiner Mannschaftskameraden vom TuS Brakelsiek. Ob er damals im linken oder rechten Mittelfeld spielte, darüber gehen die Erinnerungen auseinander


Manchmal denkt man: Diese abwägende Art muss ein Gendefekt sein, und dass er nie ausflippt, ein Geburtsfehler. Er sagt schon mal im Scherz, im Grunde gehe es doch in jeder Krise nur darum, wer am Ende die Küche aufräumt – so wie er es schon in seiner Studenten-WG gelernt hat. Es heißt, dass ihn Verhandlungspartner, egal, ob es sich um Saudis oder Iraner, um Amerikaner oder Russen handelt, nach den Gesprächen "nett" finden. Wie viel dieses Nettsein zu Durchbrüchen bei Friedens- und Atomabkommen beigetragen hat, lässt sich schwer ausrechnen. Zu denen, die jedes Mal gackern, wenn sie ein Ei gelegt haben, gehört unser Frank nämlich nicht. Man merkt ihm an, dass er weder sich noch anderen etwas beweisen muss. Wahrscheinlich ist er deshalb so beliebt, dass man ihm sogar seine lila Schlipse nachsieht.

Nie peinlich, der Mann!

Frank-Walter Steinmeier ist im Kräfte zehrenden Amt des Außenministers älter geworden, gesetzter, die Haare lichter. Aber im Fernsehen hat er noch immer dieselbe soignierte Wucht wie 2005 beim ersten Amtsantritt. Er hat neben seinem Geheimnisträgergesicht noch immer den ruhig weisen Überblicks-Charme, der viele Deutsche sagen lässt: Gut, dass der uns in der Welt vertritt! Nie peinlich, der Mann. Da sind die sorgsam abgespulten Sätze im internationalen Polit-Sprech, in dem das Wort "Normandie-Format" nicht Bezeichnung für einen nordfranzösischen Liegestuhl ist, sondern den Dialog zwischen Russland, Frankreich, Deutschland und der Ukraine meint. Steinmeiers Worten hört man Groll selbst dann nicht an, wenn es Zoff gegeben hat. Und selbst wenn es bekannt ist, dass 2008 am Schwielowsee zuvorderst er am Putsch gegen den SPD-Parteivorsitzenden Kurt Beck beteiligt war – ihm nahmen sie in der Partei nichts sooo übel wie Sigmar Gabriel. Kanzlerkandidat war Steinmeier deshalb folglich auch einmal. Mit niederschmetterndem Ergebnis, 23 Prozent. Nein, Leute, das war nichts für Frank, den Guten!

Frank-Walter Steinmeier und seine Frau Elke Büdenbener

Ein seltenes Paar: Seit 22 Jahren sind Elke Büdenbender und Frank-Walter Steinmeier verheiratet. Seit er ihr 2010 eine Niere spendete, machen sie sich in der Öffentlichkeit rar


Im Sommer nach der Niederlage kam dann die Sache mit der Niere. Montags stellt er sich plötzlich vor ein Mikrofon in Berlin und sagt, dass seine Frau eine Niere brauche und er sie ihr spenden werde. Sagt's, steigt ins Auto, fährt in die Klinik. Was für ein Liebesdienst! Hammer!

Elke Büdenbender ist sechs Jahre jünger als er. Sie lernen sich an der Uni in Gießen kennen, und es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Sie haben sich aus den Augen verloren und wiedergetroffen. Erst einmal schön abwarten und überlegen, bloß nichts überstürzen. Klingt das lieblos? Nö. Als das Paar sehr, sehr viele Jahre später einmal in einer Talkshow sitzen und über sich Auskunft geben muss, da zieht Elke Büdenbender plötzlich ein löchriges Blatt Papier aus der Handtasche, und es entsteht, was Steinmeier selbst niemals so hingekriegt hätte – ein bewegender Moment. Der öffentliche Steinmeier, damals Kanzlerkandidat, neigt ja nicht so zum Sentimentalen. Doch als Elke Büdenbender plötzlich ihre Heiratsurkunde präsentierte, keckerte auch ihr Mann verlegen. Die trage sie immer bei sich, sagte sie im Erröten. Es war die wohl rührendste Liebeserklärung von zwei ehrlich Innigen, die man im Wahlkampffernsehen je sah. Auf einmal wirkte der Frank gar nicht mehr so hölzern.

Schröder sagte: "Klasse Frau!"

Zwei – astrologisch gesehen – Steinböcke, das gleiche Milieu, beide Väter Tischler. Sie Siegerland, er Lipperland, beide Jura. Was sollte da schiefgehen? Gerhard Schröder, der Frauenversteher, sagte einst über Elke Büdenbender: "Klasse Frau, selbstbewusst, intelligent, einfach toll." 1995 heiraten sie, also Steinmeier und Büdenbender, nicht Schröder. 1996 kommt Tochter Merit auf die Welt. Elke Büdenbender findet, als ihr Mann 1999 Kanzleramtschef in Berlin wird, ein Haus in Zehlendorf, einen Kindergartenplatz für Merit und eine Stelle als Richterin am Verwaltungsgericht in Moabit. Dort arbeitet sie bis heute als Vertreterin des Vorsitzenden Richters der dritten Kammer.

Frank-Walter Steinmeier

Frank-Walter Steinmeier war Medienreferent, Kanzleramtschef,, Fraktionsvorsitzender, Außenminister und SPD-Kanzlerkandidat. Das Amt des Bundespräsidenten ist für ihn die Krönung einer bemerkenswerten politischen Karriere


Erwachsenen- und Bildungsrecht, Schulrecht, Asylrecht für das Herkunftsland Irak. Das sind ihre Themen. Und die erscheinen ihr erst reizvoller als das vielleicht nur auf den ersten Blick glanzvollere Leben einer First Lady; als die vielen interessanten Menschen, die über den roten Teppich ins Schloss Bellevue schreiten, als die Pomp-gesäumten Staatsbankette in Übersee und Robe. Sie wolle ihren Job eigentlich weitermachen, ließ sie erst ausrichten, als die Parteien sich nach demütigend langer Zeit endlich auf ihren Mann geeinigt hatten und die Kanzlerin von einer "Entscheidung aus Vernunft" sprach, was ziemlich lieblos klang für einen, der sich beim aufreibenden Staatsdienern nichts hatte zu Schulden kommen lassen. Aber weiterarbeiten geht natürlich nicht so leicht. Nun lässt sie ihr Richteramt ruhen.

Es ist dieses dauernde Exponieren, das ein politisches Amt mit sich bringt, das Frau Steinmeier schon immer viel zu anstrengend war. Sie bleibe "lieber privat", verriet sie in einem der seltenen Interviews. Nun aber doch: Bundespräsident Doktor Steinmeier und Frau Büdenbender. Hatten wir schon erwähnt, dass das 20. Jahrhundert mit seiner gemütlichen Nachkriegsordnung endgültig vorbei ist? "Hütchen auf und mit!", wie es auch bei Daniela Schadt der Fall war, weil sie schlecht als Journalistin hätte weiterarbeiten können - es ist schon ein großes Opfer, das die Ehefrauen unserer Präsidenten bringen.

Hornhaut eines Spenders rettete Steinmeiers Augenlicht

Vielleicht haben die Steinmeiers nach ihrer Krise aber auch andere Prioritäten für ihr Leben gesetzt. Damals, als die brutale Erkenntnis, wie endlich es ist, sie hart traf. Seit der Geburt der Tochter war dem Ehepaar klar, dass Elke an einer schweren Niereninsuffizienz leidet, dass irgendwann der Punkt kommen würde, an dem eine Transplantation unausweichlich wird, oder der Tod. Aber man denkt ja nicht täglich und stündlich daran.

Das Schicksal schien allerdings sehr genau gewusst zu haben, wann und was es einem wie Frank-Walter Steinmeier zumuten kann. Denn nicht das Schicksal pickt sich einen Menschen heraus, sondern der Mensch sein Schicksal. Oder wie ist sonst zu erklären, dass der damalige SPD-Fraktionschef im Sommer 2010 am eigenen Leibe erfuhr, was ihn seit rund 30 Jahren bewegt hatte? Seit er nämlich kurz vor dem Examen das rechte Auge durch ein Geschwür beinahe verlor und ihm die Hornhaut eines toten Spenders den Blick aufs Leben rettete. Seit 1980 trug er den orangegelben Organspendeausweis im Portemonnaie. Seither setzte er sich für das Thema ein. Im Bundestag, beim Kirchentag, im Leben.

Steinmeier-Wahl

Gratulationen für den neuen Bundespräsidenten. Frank-Walter Steinmeier wird eingerahmt von den SPD-Granden Sigmar Gabriel und Thomas Oppermann. Es war Gabriels Coup, Steinmeier als Kandidaten der Großen Koalition durchgesetzt zu haben


Aber das war immer nur die Theorie. Die Theorie des Nehmens und Gebens. Er habe genommen, erklärte er seinen Vertrauten, als seine Frau plötzlich todkrank war, jetzt sei er "selbstverständlich mit dem Geben dran". So prosaisch sah er das. Und wir, die beinahe vergessen hatten, dass hinter den Politikern, die wir tagtäglich in der "Tagesschau" sehen, echte Menschen stecken, wir wachten auf und erschraken.

Echte Lichtgestalt, der Mann. Apropos. Der Autor und Sinologe Tilman Spengler erzählte in seiner bereits erwähnten Geburtstagsrede noch eine Geschichte, die sich bei den Berliner Filmfestspielen nach einer Vorführung zugetragen haben soll. Zu einem Empfang in einer Lounge war auch eine berühmte britische Schauspielerin gekommen, die Spengler bei Steinmeiers Eintreten am Ärmel zupfte und laut rief: "What beautiful ears! This man has such extravagant ears. He is an EPIPHANY!"

Was für schöne extravagante Ohren! Dieser Mann ist eine LICHTGESTALT! Ja, es ist manchmal seltsam, worauf Frauen bei Politikern und Präsidenten achten.