HOME

Islam in Deutschland: Eine Religion unter Verdacht

Mit jedem Attentat islamischer Fundamentalisten wächst die Angst vor den über drei Millionen Muslimen, die hier leben. Eine Reise durch die Ghettos einer entwurzelten Minderheit.

Hamburg-Wilhelmsburg liegt angeblich in der Bundesrepublik. Doch wer die deutschen Staatsbürger Izzet und Türkan Akyl besucht, landet ganz woanders. Zusammen mit ihren Kindern Aysegül, 16, Gökan, 15, und Muhammed, 10, leben die beiden an einem eigentümlichen Ort, irgendwo nirgendwo gelegen zwischen dem Dorf Ocakli in der Westtürkei und der Süderelbe.

Das Universum der Akyls ist gastfreundlich und staubfrei, dafür sorgt Türkan, die einerseits alle mit Tee und Selbstgebackenem beglückt, andererseits mit einer Palette von Reinigungsmitteln rastlos hinter Gast, Gatten und Kindern herwischt. Sie liebt ihr Land über alles, schon wegen der Hygiene. Einmal war die Familie bei Verwandten in Paris, Türkan, 33, fand dort alles "völlig durcheinander".

Schlimmer sei es nur in der Türkei, wohin die Akyls alle Jahre wieder unter Umgehung der Großstädte Istanbul oder Ankara nach Ocakli reisen. "Wir bleiben immer sechs Wochen, aber schon nach der dritten habe ich Sehnsucht nach Hause", sagt sie. Mühsam sucht sie nach den Worten, die sie während des Jahrzehnts gelernt hat, in dem sie eine Hamburger Grund- und Hauptschule besuchte. Die Frau, die als Kleinkind aus der Türkei wegzog, hat in Deutschland ihr Deutsch verlernt. Ihr Kontakt zur Bundesrepublik beschränkt sich auf Elternabende. Das Reden dort überlässt sie allerdings lieber Izzet.

Er sollte Geld verdienen

Der 38-jährige Izzet Akyl ist ein charmanter Tyrann, der seine Familie fest im Griff hat. Deutsch spricht er fließend falsch, er war 14, als seine Eltern ihn aus Ocakli zu sich holten. Sie fanden, sein türkischer Grundschulabschluss genüge, er sollte nicht lernen, sondern Geld verdienen. Seither hat er gearbeitet, zunächst für eine Putzfirma, dann bei einer Baumschule, schließlich als Rangierer bei der Bahn, in doppelter Schicht. Zwischendurch machte er den Taxischein, jetzt fährt er Kunden durch die Stadt.

Wann immer er Zeit hatte, versuchte Izzet, seine Bildungslücken zu füllen. Vor drei Jahren beschloss er, ein guter Muslim zu werden, "denn wenn man auf die 40 zugeht, macht man sich so seine Gedanken. Ich möchte gerne ins Paradies, und dafür muss man bezahlen. Das ist wie bei einem Bausparvertrag."

Mit solchen selbst gebastelten Ansichten, allesamt fest wie Stahlbeton, beglückt Izzet beständig seine Familie. Seine Söhne hören dann weg, sie machen lieber Computerspiele. Nur seine Älteste lauscht ihm gebannt, Aysegül, sein Augapfel, die Einzige, der er zutraut, dass sie seinen Traum verwirklichen und studieren wird. Sie ist ein ernstes, gehorsames Mädchen, zur Welt gebracht nach sieben Monaten Schwangerschaft von ihrer damals 16-jährigen Mutter. Je älter sie wird, desto mehr fürchtet ihr Vater um ihre Tugend, obwohl es dazu keinerlei Anlass gibt. Denn im Gegensatz zu ihren Brüdern betet Aysegül voller Hingabe fünfmal am Tag und ist fest entschlossen, stets "so zu leben, wie es der Koran vorschreibt", wie sie mit leuchtenden Augen sagt. Ihr Vater allerdings findet: "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Auch er liebt seine zweite Heimat, schon deswegen, weil ihm hier so sehr dabei geholfen wird, über das Leben seiner Tochter zu bestimmen.

In der Türkei wäre sie mit Kopftuch von der Schule geflogen

"In Deutschland kann jeder seine Kultur bewahren und glauben, was er will", sagt Izzet. Er etwa glaubt, dass muslimische Mädchen ihr Haar bedecken sollten und nicht mit jungen Männern zum Schwimmen gehen oder auf Klassenreise fahren dürfen. Niemals hat ihm hierzulande diesbezüglich jemand widersprochen. Aysegül war zwölf, als sie begann, ein Kopftuch zu tragen wie ihre Mutter. In der laizistischen Türkei wäre sie von der Schule geflogen, in Wilhelmsburg wurde ihr Vater von Aysegüls Lehrerin an der Gesamtschule Kirchdorf zu einem Gespräch gebeten. Sie wollte von ihm wissen, ob seine Tochter sich freiwillig dazu entschlossen habe. Izzet bejahte, dabei blieb es. Was wäre passiert, wenn Aysegül ihr Haar nicht bedeckt hätte? Sie betrachtet ihren Vater und lacht. "Das frage ich mich manchmal auch."

Seither ist Aysegül, die als kleines Kind das Seepferdchen gemacht hat, nie mehr mit ihren Mitschülern zum gemeinsamen Schwimmunterricht gegangen. Probleme hatte sie deswegen keine. Ein einziges Mal hat sie an einer Klassenreise teilgenommen, was der Vater nur erlaubte, weil die Lehrerin versprach, mit seiner Tochter ein Zimmer zu teilen. Die übrigen Male blieb sie weg, Ärger gab es deswegen nicht. Um ein Haar hätte sie im letzten Herbst auch kein Praktikum gemacht. Die Apotheke, in der sie arbeiten sollte, wollte sie nur ohne Kopftuch beschäftigen, was der Vater strikt ablehnte. "Eigentlich genügt es, wenn die Haare bedeckt sind", sagt Aysegül, "man kann auch einen Hut aufsetzen oder eine Mütze." - "Nein", widerspricht Izzet, "man muss sich muslimisch kleiden." Seine Tochter sagt nichts, es wäre auch zwecklos. In letzter Sekunde fand sie eine andere Praktikumsstelle.

Es gibt hunderte von Wilhelmsburgs in Deutschland, und Hunderttausende von Menschen, die in der Welt der Akyls leben. Es ist eine Welt, in der die Eltern auf alle schwierigen Fragen des Lebens eine klare Antwort haben, aber die einfachsten Dinge nicht lösen können. Sie wissen genau, wen ihre Kinder eines Tages heiraten sollen, sind aber nicht in der Lage, ihnen bei den Hausaufgaben zu helfen. Eine Welt, in der Frauen, junge Mädchen und manchmal selbst Sechsjährige nur verhüllt das Haus verlassen dürfen, während ihre Söhne und Brüder gegeltes Haar, Ohrringe und Skater-Klamotten tragen. Eine Welt, in der fünfmal am Tag gebetet wird, derweil unablässig halb nackte Moderatorinnen der türkischen Privatsender über den Bildschirm flimmern. In der die Männer von spärlich bekleideten Busenwundern wie der türkischen Chansonette Sibel Can schwärmen und von ihren Frauen Unterwerfung verlangen. In der die Kinder es besser haben sollen als ihre Eltern, aber nie an deren Autorität zweifeln dürfen. Und es ist auch eine Welt ohne Einsamkeit und mit unendlich viel Liebe und Solidarität.

Schwieriger Spagat zwischen Okzident und Orient

Ins Bewusstsein der Mehrheitsgesellschaft dringt die Existenz dieses Universums nur selten, zuletzt durch Fatih Akins Film "Gegen die Wand" über den unendlich schwierigen Spagat zwischen Okzident und Orient, den die Kinder der dritten Migranten-Generation bewältigen müssen. "Man steht ständig unter Druck", sagt die 24-jährige Isik* aus Köln. "Ich weiß noch, wie ich geheult habe, als ich das Kopftuch tragen musste. Ich war zwölf und wurde von einem Tag auf den anderen als Frau behandelt, obwohl ich noch ein Kind war. Es heißt immer, das Kopftuch bewahre die Unschuld, doch ich finde, dass es schon kleine Mädchen zu Sexualobjekten abstempelt."

Natürlich trügen es viele Teenager auch freiwillig und gern, als "Zeichen des Erwachsenwerdens, und oft auch wie eine Fahne. Wenn man schon nicht zu den Deutschen gehören soll, dann gehört man dadurch wenigstens irgendwohin. Doch ich würde meine Eltern manchmal am liebsten anschreien, weil sie mich hier zur Welt gebracht haben. Wären sie in der Türkei geblieben, hätten sie nicht ständig diese furchtbare Angst, ihre Wurzeln zu verlieren. Sie wären viel liberaler."

Meist ist es Gewalt, die die Deutschen daran erinnert, dass über drei Millionen Muslime hier leben. Der Islam, das ist Metin Kaplan, selbst ernannter Kalif von Köln, unerbittlicher Herrscher über eine Hand voll Gläubiger, der einen Gegenkalifen ermorden ließ und in der Türkei das Atatürk-Mausoleum sprengen wollte - ein Mann, der wegen eines Urteils des Düsseldorfer Oberlandesgerichts nicht abgeschoben werden kann.

Die CDU fordert die Videoüberwachung der Moscheen

Der Islam, das sind die Attentate von Madrid. Kaum waren sie geschehen, bezogen die üblichen Akteure hierzulande routiniert ihre Positionen: Der türkische Verband Milli Görüs lamentierte: "Bei jedem Anlass muss man nach jedem Anschlag, der vermeintlich von Muslimen ausgeführt wurde, erklären, dass man diesen aufs Schärfste verurteilt", wohingegen Christian Wulff, Christdemokrat und Ministerpräsident von Niedersachsen, prompt die Videoüberwachung der Moscheen der Republik forderte und damit wieder einmal klarstellte, dass seine Partei die drittgrößte Religionsgemeinde in Deutschland hauptsächlich als Sicherheitsproblem wahrnimmt.

Doch von dem furchterregenden Islam der Mörder von Spanien ist die Religion der Akyls ebenso viele Lichtjahre entfernt wie der jetzige Papst von der Inquisition. Die Ureinwohner haben von diesem Islam nichts zu befürchten, er dringt aus dem Ghetto nicht heraus. Dort allerdings diktiert er zunehmend das Leben. So stieg allein im Jahr 2003 die Zahl der regelmäßigen Moschee-Besucher um 176 Prozent.

Es ist ein volkstümlicher und friedfertiger Islam. Anders als seine zunehmend radikaler werdende arabische Variante spielt bei ihm der Nahostkonflikt ebenso wie der Hass auf den Westen kaum eine Rolle. Er ist so einfach wie die türkischen Migranten, die über zwei Drittel der Muslime hierzulande ausmachen. Alles wird mit ihm gerechtfertigt - die arrangierte und oft erzwungene Ehe mit Importpartnern aus der alten Heimat, die Unterwerfung der Töchter, die Aufwertung der Söhne zu den Sittenwächtern der Schwestern. Die Religion, sie ist der Zement, der die fragile Existenz der Entwurzelten bindet, das Einzige, an dem man sich festhalten kann auf der glatten Oberfläche eines sonderbaren Landes mit bizarren Prioritäten.

Das Schächten ist in Deutschland erlaubt

Wäre Aysegül kein deutsches Kind, sondern ein deutsches Rind, wäre sie vorm Einfluss des Islam bestens geschützt. Obwohl das Bundesverfassungsgericht Anfang 2002 das für Muslime obligatorische Schächten genehmigte, sind Rinder davon ausgenommen. Und Schafe dürfen hierzulande erst dann betäubungslos geschlachtet werden, wenn eine Gemeinde dem in Glaubensfragen nicht unbedingt kompetenten Veterinärsamt "ausführlich", "schriftlich" und "individuell" das "religiöse Profil" ihrer Glaubensgemeinschaft dargelegt hat, möglichst unter Beifügung "schriftlicher Rechtsquellen".

Und wenn Aysegüls Vater eine Moschee bauen wollte, statt seine Tochter zu kontrollieren, würde er schnell merken, dass man in der Bundesrepublik zwar glauben darf, was man will - aber nur, wenn es die Ureinwohner nicht stört. Die nehmen zwar keine Notiz von Aysegül und den Zehntausenden von Mädchen in ihrer Lage. Indes fühlen sie sich durch Moscheen immer dann gestört, wenn sie als solche zu erkennen sind. Solange islamische Gotteshäuser im Verborgenen von Hinterhöfen liegen oder von außen aussehen wie Lagerhallen, werden sie hingenommen. Aber kaum wünschen sich die Muslime eine Kuppel nebst Minarett, kommt es zum Konflikt.

So wird derzeit an einem halben Dutzend Orten von Hamburg bis Baden-Württemberg vor Gericht um den Bau von Moscheen gestritten. Das Vorhaben der islamisch-türkischen Gemeinde von Kassel, am Mattenberg ein großes Gotteshaus mit 30 Meter hohem Turm zu errichten, ließ die örtliche CDU bangen, hier werde "ein Sammelbecken für Fundamentalisten" entstehen, was die "christlich-abendländische Leitkultur" ins Wanken bringen könnte.

Die Glaubensfreiheit ist zu einem Recht auf Abkapselung degeneriert

Doch Fundamentalisten können sich auch in so Kuppel- wie Minarett-losen Bauten wie der tristen Hamburger Al-Kuds Moschee sammeln, wo die Attentäter des 11. September beteten. Und die "christliche Leitkultur" wurde Menschen wie den Akyls bisher lediglich durch das Werbefernsehen näher gebracht, mit Erfolg. Längst tauschen sie zu Weihnachten Geschenke aus und essen Schokoladenhasen zu Ostern. Was das "Abendländische" angeht, so präsentiert sich das in der Parallelgesellschaft als Speisekarte, auf der man das auswählt, was einem am besten gefällt, etwa die Glaubensfreiheit. Und die ist in der Bundesrepublik mit Hilfe von Gerichtsentscheidungen längst zu einem Recht auf Abkapselung degeneriert.

Willkommen im schizophrenen Deutschland, das sich auch nach mehr als vier Dekaden Einwanderung beharrlich weigert, ein Einwanderungsland zu sein, und infolgedessen in einer schwammigen Nicht-Politik eingerichtet hat. Den Hinzugekommenen wird wenig angeboten - und im Gegenzug auch nichts von ihnen gefordert. Anders als Frankreich, das durch seinen Staatslaizismus klare Linien vorgibt und von all seinen Bürgern Anpassung fordert, anders als Großbritannien, das sich als multikulturelle Gesellschaft versteht, in der jede ethnische Minderheit tun und lassen kann, was sie will, hat die Bundesrepublik einen obskuren Sonderweg eingeschlagen, der in einer Sackgasse zu enden droht. Denn die Integration macht hier keine Fort-, sondern Rückschritte. 40 Prozent der türkischstämmigen Schulabgänger finden keinen Ausbildungsplatz; in Berlin verlässt ein Viertel aller Migrantenkinder ohne Abschluss die Schule, nicht einmal jeder dritte Schüler schafft die mittlere Reife, nur acht Prozent machen Abitur.

Als in den sechziger Jahren die ersten muslimischen "Gastarbeiter" aus der Türkei kamen, prüfte man ihre Zähne und ihre Arbeitsfähigkeit, um ihre Hoffnungen, Sehnsüchte und ihre Kultur kümmerte man sich nicht. Sie sollten das deutsche Wirtschaftswunder garantieren und anschließend schnell gehen. In der Zwischenzeit brachte man sie in Männerwohnheimen in den Industriegebieten unter, fernab der regulären Gesellschaft. Sie sollten schuften, nicht Deutsch lernen - wozu auch. Doch der Satz, der längst ein Klischee geworden ist, stimmt: Man wollte Arbeitskräfte, es kamen Menschen.

"Gefährliche Fremde"

Sesshaft wurden sie erst nach dem Anwerbestopp 1973, zu einer Zeit, als die wirtschaftliche Situation in der Türkei katastrophal war und bei vielen die Entscheidung fiel für ein dauerhaftes Leben in der Fremde. Die Frauen und Kinder wurden aus der Heimat nachgeholt, die Wohnheime wurden gegen billige Wohnungen in Sanierungsgebieten ausgetauscht. Und plötzlich lebten mitten unter den so gar nicht kosmopolitischen Deutschen ebenso wenig kosmopolitische "gefährliche Fremde", wie der "Spiegel" sie einmal nannte.

Es entstand das deutsche Unwort "Ausländerproblematik". Auf der einen Seite des politischen Spektrums wurden Molotow-Cocktails gebastelt; nirgendwo in Westeuropa wurden im vergangenen Jahrzehnt so viele Menschen aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit ermordet wie hierzulande. Auf der entgegengesetzten Seite machten sich Hundertschaften von Gutmenschen an die Lösung der "Problematik" und schwelgten im Dunst gegrillter Lammkoteletts auf Multikulti-Straßenfesten in kritikloser Toleranz und Völkerfreundschaft, stets auf der Suche nach dem möglichst pittoresken, da nur dann "authentischen" Fremden.

So finden die einen an Ausländern alles schlecht, weil sie Ausländer sind, und dämonisieren sie, und die anderen an Ausländern alles gut, weil sie Ausländer sind, und infantilisieren sie. In der Masse der Mitte dagegen herrscht Apathie. Ein Dialog unter Gleichen, eine Auseinandersetzung mit der anderen Kultur, ihren Werten und Normen findet nicht statt. Der türkischstämmige Unternehmer Vural Öger zitiert dazu gern Goethe: "Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen." Über das Duldungsstadium sind die Deutschen noch längst nicht hinaus.

Milli Görüs bietet ein komplettes Freizeitangebot von der Wiege bis zur Bahre

Beflügelt vom weltweiten Aufstieg des politischen Islam etablierten sich in diesem Vakuum die Moscheen, betrieben von einem Geflecht von Vereinen, allen voran die gemäßigte "Türkisch-islamische Union der Anstalt für Religion", deren Imame von der Regierung in Ankara entsandt werden, und von der radikaleren "Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs". Neben Gottesdiensten bietet Letztere längst ein komplettes Freizeitangebot von der Wiege bis zur Bahre an - Koran- und Arabischkurse für Kinder, fromme Ferienlager im Sommer, Gesprächskreise für Frauen, Teestuben für Rentner.

So wurde die Religion für die Migranten wie das Hilton-Hotel - "a home away from home". Und darum erklärt der Verfassungsschutz in schöner Regelmäßigkeit, Milli Görüs "sei eine Gefahr für die demokratische Grundordnung", weil die Organisation "schrittweise die Schaffung einer faktischen islamischen Parallelgesellschaft" anstrebe. Dabei stimmt eher das Gegenteil. Längst wollen die zumeist gut ausgebildeten und perfekt Deutsch sprechenden Kader dieser Organisationen raus aus der Parallelgesellschaft und hinein in den Mainstream, nicht als angepasste Quoten-Ausländer, sondern als selbstbewusste Fundamentalisten. Dabei sind sie zupackender als die fürsorglichen Gutmenschen. "Die mangelnden Sprachkenntnisse der Deutsch-Türken nerven mich total", sagt etwa Özlem Nas, Islamwissenschaftlerin und Frauenbeauftragte der Milli-Görüs-nahen Hamburger Zentralmoschee. "Integration ist ein Geben und Nehmen. Man kann doch nicht nur rumsitzen und warten, dass irgendjemand vorbeikommt und einen integriert. Wer hier lebt, hat Rechte und Pflichten. Zu den Pflichten gehört das Erlernen der deutschen Sprache."

Der Traum der Lobbyisten sind zehn, hundert, tausend Kopftuch tragende Fereshta Ludins - als Lehrerinnen, Richterinnen, Politikerinnen. Nichts zeigt die Hilflosigkeit im Umgang mit einer mächtigen, aggressiven und politisierten Religion besser als der Streit um die fromme Lehrerin, die Deutschland an einer seiner schwächsten Stellen getroffen hat. Frau Ludin zwingt die Ureinwohner zu einer Bestimmung der eigenen Position. Wer sind wir? Wollen wir den Laizismus wie in Frankreich, oder sind wir bereit für eine multikulturelle Gesellschaft wie Großbritannien? Die Antwort auf diese Frage ist bisher ausgeblieben.

"Keine Assimilation, sondern Integration"

Dagegen wissen die islamischen Fundamentalisten genau, was sie wollen - "keine Assimilation, sondern Integration", so Mustafa Yoldas vom Bündnis islamischer Gemeinden, der einmal polemisch urteilte: "Die Deutschen werden uns erst akzeptieren, wenn wir nach der Arbeit in der Kneipe sitzen, Schweinewürste essen, Bier trinken und mit ihnen gemeinsam schreien ,Ausländer raus!"" Virtuos stößt der 34-jährige Hamburger Allgemeinarzt die Ureinwohner auf ihre eigenen Widersprüche. "Heiraten wir Deutsche, durchrassen wir sie, heiraten wir Türken, überfremden wir Deutschland. Engagieren wir uns politisch, unterwandern wir Parteien, tun wir es nicht, sind wir nicht integriert. Kopftücher in Putzkolonnen und Fabriken stören niemanden, in der Schule werden sie zum Ärgernis."

Tatsächlich waren gebildete und selbstbewusste Fundamentalistinnen offenbar nicht vorgesehen im deutschen Modell. Davon zeugt das Unbehagen, das sie auslösen, wenn sie die Parallelgesellschaft verlassen wollen. Doch dass die allerstrengste Auslegung des Islam hierzulande überhaupt so viel Erfolg haben konnte, dazu haben deutsche Juristen mindestens ebenso viel beigetragen wie fanatische Gläubige. Solange es weder um Tiere noch um Gebäude, sondern um Menschen geht - und zwar stets um Mädchen ausländischer Herkunft oder um ausländische Mitbürgerinnen, wie es so schön heißt -, können sich Islamisten auf deutsche Richter verlassen.

Im selben Jahr, in dem mit Tansu Ciller in Ankara erstmals eine Frau Ministerpräsident wurde, ebnete das Bundesverwaltungsgericht in Berlin den hiesigen Türkinnen den Weg ins geistige Ghetto, als es im Fall von zwei türkischen Teenagern entschied, dass es muslimischen Mädchen unzumutbar sei, am koedukativen Sportunterricht teilzunehmen, auch wenn ihnen dort gestattet würde, Kopftücher zu tragen. Denn die Mädchen müssten gleichwohl den Anblick leicht bekleideter Jungen sowie flüchtige Berührungen ertragen. Dass ihre Eltern sich entschlossen hätten, in Deutschland zu leben, rechtfertige nicht, ihre Töchter in Glaubenskonflikte zu stürzen. Sie respektierten zwar die deutsche Verfassung, hatte das eine Elternpaar erklärt, aber sie wünschten auf keinen Fall eine "Sozialisation ihrer Tochter nach deutschen Wertmaßstäben".

Strenge soziale Kontrolle

Auch das Gericht wünschte dies offenbar nicht und verordnete den Mädchen eine Sozialisation nach den Maßstäben nicht der Türkei, sondern Saudi-Arabiens. Und deponierte so eine Zeitbombe an deutschen Schulen - natürlich nicht an der Art von Bildungseinrichtungen, wie sie Kinder von obersten Richtern frequentieren, sondern in den Ghettos der Republik. Etwa an der Grund- und Hauptschule Slomanstieg auf der Hamburger Elbinsel Veddel, wo die allermeisten Abc-Schützen die Frage "Wie heißt du?" nicht verstehen. Hier sind über 85 Prozent der Kinder Ausländer und davon mehr als die Hälfte Muslime. Das Fernbleiben der Schülerinnen vom Schwimm- und Sportunterricht ist keine Ausnahme. Zwar seien "höchstens 20 Prozent der Kinder aus strenggläubigen Familien", so die Schulleiterin Hiltrud Kneuer, "aber die üben eine strenge soziale Kontrolle über die anderen aus. Und kaum springt einer ab, hängen sich die übrigen dran."

Viele Eltern erscheinen mit Formbriefen, die man aus islamischen Websites wie dem "Muslim-Markt" herunterladen kann - "Gemäß den religiösen Geboten des Islam erreicht ein Mädchen spätestens mit 9 Mondjahren die religiöse Reife. Zu ihren Pflichten gehört dann u.a., dass sie ihren Körper (bis auf Gesicht und Hände) vor fremden Männern und Jugendlichen verhüllt. Ausgehend von der oben beschriebenen Ausgangssituation beantragen wir, dass unsere Tochter Chadidscha Fatima Zeynep von dem bevorstehenden koedukativen Schwimmunterricht befreit wird" -, wobei sie den Wortlaut häufig nicht einmal verstehen. Bundesweit ist diese Tendenz ständig steigend, ebenso wie die Nicht-Teilnahme an Klassenreisen, die kürzlich vom Bildungsministerium in NRW geduldet wurde.

"Die Bereitschaft zur Selbstpreisgabe" nennt die Marburger Islamwissenschaftlerin Ursula Spuler-Stegemann diese vordergründig verständnisvolle Haltung. Doch in Wahrheit geben die Deutschen nicht sich selbst preis, sondern Mädchen und junge Frauen, die ihnen auch dann noch fremd erscheinen, wenn sie längst eingebürgert sind. Hierzulande werde der Neuankömmling "entweder abgelehnt oder behütet", so der Islamwissenschaftler Herbert L. Müller vom baden-württembergischen Verfassungsschutz. "Aber auch der Behüter behandelt den Behüteten als defizitär. Wir haben weniger eine Ausländer- als eine Inländerproblematik."

Die angebliche Toleranz ist in Wahrheit zutiefst diskriminierend

Die angebliche Toleranz ist in Wahrheit zutiefst diskriminierend. Denn was für Muslimas gut sein soll, gilt für Christinnen nicht. So lehnte das Bundesverwaltungsgericht die Klage einer deutschen Mutter ab, die ihre Tochter unter Berufung auf Bibelstellen sowie die Schamhaftigkeit und Sittsamkeit ebenfalls vom koedukativen Sportunterricht befreien lassen wollte, und fand ihre religiösen Überzeugungen "erheblich überzogen".

So etwas müssen sich muslimische Eltern vor deutschen Gerichten nie anhören. Auch als Folge davon suchen allein in Berlin jedes Jahr mehr als 200 junge Frauen Zuflucht bei Hilfsorganisationen wie Papatya - sei es, weil ihnen eine Zwangsehe bevorsteht, sei es, weil sie bereits mit einem ungeliebten Mann verheiratet sind. Mit dem Islam haben diese Arrangements nichts zu tun, wohl aber mit dörflicher Tradition - und oft auch mit Geld.

Ceren* aus Stuttgart zum Beispiel wurde mit 18 Jahren während der Sommerferien mit einem Cousin verlobt, ohne gefragt zu werden. Zurück in Deutschland, erfuhr sie, dass die Familie des Vetters für ihren Vater ein Haus gebaut hatte und sie die Bezahlung war. "Ich fühlte mich wie ein Stück Dreck." Am Tag der Hochzeit floh sie zu Papatya; zwei Jahre später versteckt sie sich noch immer vor ihrem Vater.

Wo die Toleranz aufhört, beginnt schnell die Unmenschlichkeit

Immerhin hat sie eine deutsche Aufenthaltsberechtigung. Malträtierte "Importbräute" aus dem Ausland müssen dagegen zwei Jahre in ihrem Ehemartyrium ausharren, bevor sie ein Bleiberecht bekommen. Da eine Rückkehr zu ihrer Familie meist nicht infrage kommt, bleibt ihnen nichts anderes übrig. Wo die Toleranz aufhört, beginnt in Deutschland schnell die Unmenschlichkeit.

Stefanie Rosenkranz/Mitarbeit: Sabine Fiedler, Gesine Kulcke, Rainer Nübel

print