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Jürgen Rüttgers: Der Pfefferminz-Prinz

Seit der Kommunalwahl in Nordrhein-Westfalen weiß der CDU-Kandidat Jürgen Rüttgers, dass er um das Amt des Ministerpräsidenten wirklich kämpfen muss - und damit um sein politisches Überleben.

Er liebt diesen Satzanfang: "Die Wahrheit ist ..." Die Wahrheit ist, dass die Roten die Kassen plündern. Die Wahrheit ist, dass Windräder die Landschaft verschandeln. Die Wahrheit ist, dass mit ihm als Ministerpräsident künftig vor Schulen kein Rauschgift verkauft werden darf. In Diskussionen mit politischen Gegnern wandelt er seinen Satzliebling manchmal ab. Dann sagt er: "Das ist nur die halbe Wahrheit, die ganze Wahrheit ist ..." Und dann kommt sie, seine Wahrheit - "die" Wahrheit, wie er sie nennt.

Die Wahrheit

der Kommunalwahlen in Nordrhein-Westfalen ist: Die CDU hat im Vergleich zu 1999 sieben Prozent verloren. Die Wahrheit ist auch, dass das verdammt schmerzlich ist. Dass die CDU im Trend weiter verliert. Dass die Landtagswahl im kommenden Mai noch lange nicht zu ihren Gunsten entschieden ist. Das ist die eine Wahrheit. Doch die Wahrheit von CDU-Spitzenkandidat Jürgen Rüttgers am Wahlabend klang anders. Nur Sekunden nach der ersten Hochrechnung sprang er vor die Kameras, badete noch ein wenig im Applaus der Fans und sagte schließlich grinsend: "Die Trendwende von Herrn Müntefering ist zusammengebrochen. Das heißt, im Mai ist Schluss mit SPD-Ministerpräsident Peer Steinbrück." Grinsen kann sehr siegessicher wirken. Oder auch ein bisschen kirre. Verluste? Na wenn schon, immer noch mehr als Rot-Grün, die CDU liegt vorn, so sieht es doch aus, die CDU hat die Wahl gewonnen und wird im Mai dasselbe tun. Beschwörungsformeln.

Es gibt viele Worte, die den psychischen Zustand beschreiben, in dem sich Jürgen Rüttgers für die nächsten acht Monate befinden wird: an den Nägeln kauen, um den Schlaf gebracht, Muffensausen; so viele Worte, die diesen Albtraum aus Druck und Verheißung, aus Angst und Sehnsucht beschreiben. In den kommenden Monaten geht es für ihn um das politische Überleben. Fährt er auf ins Paradies der Macht, in diesen grell gleißenden Himmel der CDU-Gottheiten? Oder steigt er ab in die verschwefelte Verdammnis der ewigen Versager? Wenn er es endlich schafft, am 22. Mai im bevölkerungsreichsten Bundesland den Genossen die Regierungsmacht zu entreißen, gelangt Jürgen Rüttgers als neuer Ministerpräsident und Chef des mitgliederstärksten Landesverbands in die Riege der wichtigsten und mächtigsten Herrscher der Union - wichtiger als der Niedersachse Christian Wulff und der Hesse Roland Koch, ebenso wichtig wie der Bayer Edmund Stoiber, fast so mächtig wie die Vorsitzende Angela Merkel. Er wäre wieder ein richtiger "Jemand". Doch nach dem vergangenen Sonntag ist die Gewissheit der zurückliegenden Monate zur Wahrscheinlichkeit geschrumpft - keine geringe, doch ohne Garantie.

Am letzten Kampftag

vor der Wahl saß Jürgen Rüttgers im Fond der grauen Audi-Limousine und fuhr nach Remscheid zum letzten seiner öffentlichen Stadtspaziergänge. Er sprach leise. Nachdenklich. Überlegt. Vor allem leise. "Es ist keine Landtagswahl und auch keine Bundestagswahl. Es ist eine Kommunalwahl, und so muss man sie auch einschätzen", sagte er. Er wusste schon zu diesem Zeitpunkt, dass man die Wahl vor allem bundes- und landespolitisch interpretieren würde. Er wusste, dass Verluste Angela Merkel und dem verwirrten Zustand der Union angelastet würden. Er wusste, dass die CDU auf jeden Fall einige Prozentpunkte verlieren und man mit hochgezogenen Augenbrauen nach seinen Chancen im Mai fragen würde. Vier oder fünf Prozentpunkte minus - ein Ergebnis, über das er sich noch irgendwie freuen könnte. Sechs weniger - kein Problem dazu zu stehen. Sieben weg - schon problematisch. "Ich bin sicher, dass es bei der CDU lachende Gesichter und bei der SPD lange Gesichter geben wird. Die Wahrheit ist, dass die SPD die strukturelle Mehrheit in diesem Land verloren hat", sagte Jürgen Rüttgers im Fond. Es klang nicht sicher. Es klang nach Stoßgebet. Es klang nach seiner Wahrheit.

Wenn Jürgen Rüttgers heute in den Talkshows sitzt und sich nervös die Hände knetet, wenn er verkniffen durch die Brille ohne Rand in die Runde schaut, wenn er sich öffentlich von Bundesumweltminister Jürgen Trittin auslachen lassen und anhören muss, er spiele doch ohnehin keine Rolle in Berlin, er, der Oppositionsbänkler aus Düsseldorf, dann wird das Ausmaß des psychischen Drucks verständlich. Er kann, er will, er muss es diesmal einfach schaffen. Dafür staut er sich tagein, tagaus im grauen Audi durch das Land. Dafür stapft er in gemächlichen Prozessionen lokaler Parteifreunde durch Nieselregen und Fußgängerzonen von Städten wie Remscheid und Bergisch Gladbach. Lobt den neuen Brunnen. Lauscht den freundlichen Ansprachen. Steht am Mikrofon und intoniert seinen Satzanfang: "Die Wahrheit ist ..." Die Wahrheit ist, dass die Roten lügen. Die Wahrheit ist, dass die Roten die Steuern erhöhen. Die Wahrheit ist, dass die Roten das Land zugrunde richten.

Bei Einsätzen wie diesen Stadtspaziergängen fällt es schwer zu glauben, dass dieser Mann schon einmal ganz oben war, weit weg von der Provinz. "Zukunftsminister" wurde er damals genannt, war zuständig für Technologie und Forschung im Kabinett von Helmut Kohl. Ja, er hatte sie schon einmal in der Hand, diese Insignien der Macht. Ja, er war früher hoch geachtet und bedeutender als die damalige Umweltministerin Merkel. Nein, er konnte damals nichts dafür, dass die Bundestagswahl verloren ging. Und auch für die Niederlage bei der Landtagswahl im Jahr 2000 lag die Schuld wahrlich nicht nur bei ihm. Er war doch schon verdammt nah dran, auf Millimeter herangerückt an den Thron. Doch dann kam die Spendenaffäre der Partei. Die Stimmung kippte in der ganzen Republik, und er, der Taktierer, konnte sich nicht dazu durchringen, mit dem beliebten Spendenonkel Helmut Kohl brachial zu brechen. Er, der Verzweifelte, verfiel auf die Idee, mit dumpfen "Kinder statt Inder"-Parolen die Wähler zu becircen - vergebens, verloren, versagt. "Das Trauma von Jürgen" nennen die Menschen noch heute diese Niederlage.

Es waren auch Geschichten wie dieser Kinder-Inder-Wahnsinn, die Jürgen Rüttgers den Ruf einbrachten, er sei ein Populist ohne Rückgrat, ein Wackler, ein Feigling, ein unsicherer Kantonist. Auch. Im vergangenen Sommer aber zementierte er diesen Ruf, als er sich mit Merkel-Widersacher Stoiber heimlich auf einen Kompromiss in Sachen Sozialausgleich bei der heftig umstrittenen Gesundheitsprämie einigte. Das Lieblingsprojekt der Vorsitzenden in den Klauen zweier egotrippender Provinzler? Die Vorsitzende witterte Verrat, Rüttgers tauchte unter in Südfrankreich und doch plötzlich wieder auf, um publikumswirksam eine "Generalrevision" des von der CDU mitgetragenen Hartz-IV-Pakets zu fordern. Auch für diesen Kamikaze-Angriff erntete Rüttgers nichts als Zorn und Verachtung vom Konrad-Adenauer-Haus.

Welches Süppchen kochte

sich dieser Typ aus Pulheim bitte da?, fragten sich die Merkelianer. Von brüllend lauten Telefonaten mit der Zentrale wurde gemunkelt. Auch vom Vorwurf des feigen Opportunismus. Und von der sehr ernst gemeinten Frage, wie stark sich Angie im Ernstfall wohl auf diesen Umfall-August verlassen könne. Seit den Vorkommnissen im Sommer wird das einstige Merkelschätzchen mit großem Argwohn angeschaut.

Die jüngsten Derwisch-Einlagen des Jürgen Rüttgers riechen verdammt stark nach dem Hünen im Staubmantel - Michael Spreng, ehemaliger Schleifer des steifen Kanzlerkandidaten Stoiber, Medienprofi, Medizinmann für Politiker, denen etwas fehlt. Etwas wie Charisma. Etwas wie Wärme. Ab Oktober wird dieser Wunderheiler Spreng ein Büro in den Düsseldorfer Unionsfluren beziehen. Doch schon in den vergangenen Monaten hat er seine Magie darauf verwendet, aus dem in sich gekehrten, blassen, leisen Herrn Rüttgers den sympathischen, selbstsicheren, kompetenten Ministerpräsidenten in spe zu formen.

Man muss kein Magier sein

, um zu analysieren, was Jürgen Rüttgers kann. Der 53-Jährige steht im Ruf, ein ausgezeichneter Analytiker zu sein. Er durchschaue Strukturen und könne die Zeichen der Zeit nicht nur deuten, sondern daraus brillante Schlussfolgerungen ziehen, sagen seine Fans. Er höre immer aufmerksam zu und vereine zerstrittene Kollegen freundlich, aber bestimmt. Als 1980 ein neuer Vorsitzender für das Präsidium der Jungen Union in NRW gesucht wurde, kam es zu bösartigen Grabenkämpfen zwischen Rheinländern und Westfalen. Schließlich einigte man sich auf den ruhigen Rüttgers - so blass, so nett, der tue keinem was zuleide. Und so übernahm der Jurist den Vorsitz und führte auf seine nette, blasse Art die Widersacher wieder zusammen - eine kleine Anekdote darüber, was der Jürgen draufhat. Und darüber, was ihm fehlt - Ausstrahlung.

Noch ist Jürgen Rüttgers schwer vorstellbar als geliebter Landesvater von Format. Noch haftet ihm die hellbeige Farbe des Versicherungsvertreters an. Man weiß, dass Pfefferminze eine seiner Leidenschaften sind. Man weiß, dass er drei junge Söhne hat und seine Frau Angelika und dass er Plastikuhren sammelt und jeden Tag eine andere trägt. Doch all diese Details ergeben noch keinen Verkaufsschlager. Deshalb konzentriert sich Meister Spreng derzeit ganz und gar auf den Mangel an privater Ausstrahlung.

In den vergangenen Monaten

verschickte das Rüttgers-Team Einladungen zur Veranstaltungsreihe "Jürgen Rüttgers - ganz persönlich". In der Karte war zu lesen: "Heute wende ich mich ganz persönlich an Sie und bitte Sie, mein Gast zu sein. In entspannter Atmosphäre möchte ich mit Ihnen sprechen - von Mensch zu Mensch. Bitte kommen Sie, ich freue mich auf Sie ganz persönlich." Und als das ZDF anfragte, ob er bei der Reihe ""Drei Tage Leben" - Willkommen in der Wirklichkeit" auftreten wolle, sagte er begeistert zu und mimte die Ersatzmutti für fünf Kinder und deren Mischlingsrüden Fuchur. Der nette Papa Rüttgers in Aktion. Ganz menschlich. Ganz privat. Ein bisschen verzweifelt. Weil er weiß, dass bisher nur eine Minderheit in ihm die Alternative zu Rot-Grün sieht. Weil er weiß, dass an Rhein und Ruhr nur 30 Prozent der Wähler glauben, die CDU werde es besser machen. Weil er weiß, dass auch in seiner eigenen Partei längst nicht alle an ihn glauben.

Als vergangene Woche ein Unionsprominenter in Berlin zu Jürgen Rüttgers befragt wurde, machte er nur eine Geste - winkelte den Arm zum Muskel-Arnie, ließ ihn schlaff nach unten sacken und stieß ein lautes "pfffft" aus. Viel Gespreize, nichts als Luft. Viel Gepose, nichts als peinlich. Die Rüttgerschen Alleingänge im Sommer - nicht mehr als Profilierung auf Kosten der Partei. Der habe doch in Wirklichkeit nur die Wahlkampf-Hosen voll! Und jetzt mit diesem Hokuspokus-Spreng sei doch klar, warum er und Stoiber dieses Tandem bildeten.

Schließlich bringt diese Allianz beiden Politikern den misstrauischen Respekt von Tante Merkel. Sie weiß, dass Jürgen Rüttgers die NRW-Wahl gewinnen muss - als Signal für die Bundestagswahl 2006. Sie weiß aber auch, dass der Mann aus Düsseldorf ihr durchaus gefährlich werden kann, weil er zurzeit nur eines sieht: Wenn die Bundesvorsitzende nicht allmählich den Laden in den Griff bekommt, wenn das Gekeife zwischen CDU und CSU so weitergeht, wenn die Wähler das CDU-Reformprogramm als unsozial und kalt empfinden - dann wird ihm im Mai die letzte Messe gelesen. Das ist die Wahrheit. Das will er verhindern. Mit aller Kraft.

Am letzten Kampftag

vor der Wahl stand Jürgen Rüttgers am Rednerpult in Oberhausen und griff in die Tasten der Gefühle. Die Lokalgrößen des Landes hatten sich zur Abschlussveranstaltung getroffen, die Band hatte Hits des Sommers 2002 geröhrt, Generalsekretär Laurenz Meyer hatte den patriotischen Einheizer gegeben, und nun stand der Pfefferminz-Prinz am Pult und ritt auf den Wogen der Hoffnung. "Die Wahrheit ist ...", rief er, und dann sprudelten sie, die Sehnsüchte, die Hoffnungen, die Wünsche, die er so gern "die" Wahrheit nennt - und wenn die Wahrheit anders ist, umso schlimmer für die Wahrheit.

Franziska Reich / print