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Karneval in Demmin Wie Angela Merkel einmal fast lachte


Politischer Aschermittwoch - nicht in Bayern, sondern in Demmin, Mecklenburg-Vorpommern. Mit unserer Weltkanzlerin und Bier in Plastikbechern. Puh. Eine sehr spezielle Herausforderung.
Von Jens König, Demmin

Angie kommt. Angela Merkel. Die Kanzlerin. Unsere Weltkanzlerin. Die Friedensretterin. Rotes Jackett, schwarze Hose, breites Lächeln. Hunderte von Händen strecken sich ihr entgegen. Fotoapparate werden gezückt. Die Leute rufen ihr zu. Sie teilt die Menschenmasse wie Moses einst das Meer, drei Bodyguards vorne weg. Sie strebt Richtung Bühne, zum Kanzlertisch, setzt sich, lässt sich ein Lübzer Pils servieren, nippt kurz am Glas und zückt ihr Handy. Eine SMS von Putin? Geht's schon wieder um die Schlacht von Debalzewo? Merkel liest. Und liest. Und liest.

Oben auf der Bühne reimt sich ein Mann mit Zylinder und Fliege durchs Vorprogramm. Es ist Werner Kuhn, Europaabgeordneter der CDU. Er macht auf Wilhelm Busch, allerdings ein Busch für Fischköppe. Der Sprachwitz ist, nun ja, nicht auf den ersten Blick zu erkennen. "Die Angie ist die wicht'ge Frau der Welt, bei der mancher Mann die Klappe hält. berühmt ist ihre harte Disziplin, da wirft sogar der Putin hin."

Willkommen beim politischen Aschermittwoch in - tja, hier geht das Problem schon los. In Demmin. Meck-Pomm. 11.000 Einwohner. 18 Prozent Arbeitslosigkeit. In der Kleinstadt gibt's wenig zu lachen. Wahrscheinlich versuchen sie es deswegen mit Karneval. Es ist bereits der 20. politische Aschermittwoch im Norden. Begonnen hat es 1996, um die Ecke in Stavenhagen. Angela Merkel war damals Chefin der Landes-CDU und Bundesumweltministerin, eine junge Frau mit verschmitztem Lächeln und buntem Tuch um den Hals. Sie hat die Veranstaltung mit aus der Taufe gehoben, sie wollte auch sowas haben wie die CSU in Passau, eine Mordsgaudi mit Bier, Brezn und einem derben politischen Schlagabtausch. So eine Art norddeutsches Franz-Josef-Strauß-Ding. Was für sich genommen ja schon ein Ding der Unmöglichkeit ist.

Angela sehen... und sterben?

So wirkt das hier in Demmin auch alles. Das Bierzelt ist eine blecherne Tennishalle. Es gibt Bier in kleinen Plastikbechern, Sauerkraut und Wiener Würstchen. Nicht mal richtiger Schweißgeruch hängt in der Luft. 1.500 Leute drängeln sich auf langen Bänken. Sie gucken wie die Zuschauer in der Florian-Silbereisen-Show. Spaß ist für sie harte Arbeit. Kann nicht jeder. Sie wollen nur eines: ihre Angie sehen. Die Betonung liegt auf sehen. Auf ihre Rede wartet hier in Wahrheit niemand.

Als Angela Merkel 1990 einen Wahlkreis für den sicheren Einzug in den Bundestag suchte, wurde sie hier oben in Vorpommern fündig. Siebenmal hat sie den Wahlkreis inzwischen gewonnen. Seit 25 Jahren gilt sie als eine von hier. Dabei kommt sie aus Templin, Brandenburg. Wobei, Brandenburger und Mecklenburger haben ja eines gemeinsam: Sie verlieren nicht viele Worte. Und wenn doch mal ein paar, dann passen sie garantiert in eine Rede von Angela Merkel, so knochentrocken sind sie.

Apropos Merkel-Rede. Sie wird als Höhepunkt dieses Aschermittwochs angepriesen. (Was es in Demmin so für Höhepunkte gibt...) Um 17.51 Uhr erklimmt die Kanzlerin die Bühne. Ihre Rede hat sie in einer schwarzen Mappe versteckt. Das ist kein gutes Zeichen. Solche Mappen hat sie auch im Bundestag immer dabei.

Ein Tusch auf die Politik!

Merkel steigt gleich mit einem Kracher ein, wie es sich für so ein norddeutsch-bayerisches Spektakel gehört. "Ich soll fragen, ob Hermann Riesebeck in der Halle ist." Allgemeine Verwunderung. Riesebeck? Alle hätten mit Obama oder Putin gerechnet, aber nicht mit Riesebeck.

"Ist krank", ruft einer von den Bänken hoch.

"Ist krank?", fragt Merkel.

"Ja", ruft es zurück.

"Er hat heute nämlich Geburtstag", sagt Merkel. "Ich soll ihm herzliche Glückwünsche übermitteln."

Hinterher werden sie alle wieder sagen, wie normal die Kanzlerin doch geblieben sei. Denkt an Hermann Riesebeck. Doch bis dahin unterhält Angela Merkel den Saal 30 Minuten lang mit einer Aneinanderreihung von Merkel-Allgemeinplätzen aus ihren Allgemeinplatz-Regierungserklärungen. Genug davon hat sie in zehn Jahren Kanzlerschaft ja gehalten.

"Seit die CDU an der Regierung ist, haben wir wieder einen ausgeglichenen Haushalt. Das ist Politik für die Kinder, das ist Politik für die Enkel, das ist Politik für die Zukunft." Tusch der Barther Blasmusik-Kapelle.

"Leistung muss sich auch in der Schule wieder lohnen, weil sich Leistung auch im Leben lohnt." Tusch.

"Wir haben große Aufgaben für die Zukunft." Tusch. Tusch. Tusch.

Die liest das doch ab

Um 18.21 Uhr ist es vorbei. Gott sei Dank. Freundlicher Applaus. Gelacht hat niemand während der Rede, kein einziges Mal, kein einziges Bier ist umgekippt, alles noch an seinem Platz. Wenn Franz Josef Strauß noch nicht tot wäre, dann würde es ihm nach diesem Abend gar nicht gut gehen.

Gemeinsam singen zum Abschluss alle das Mecklenburg-Lied. Und dann das Pommernlied. Die Kanzlerin singt auch mit.

"Bist ja doch das eine auf der ganzen Welt bist ja mein, ich deine, treu dir zugesellt kannst ja doch von allen, die ich je gesehn mir allein gefallen, Pommerland, so schön!"

Vor Merkel auf dem Tisch liegt ein Blatt mit den Textzeilen der Lieder. Man kann auch als Weltkanzlerin nicht alles wissen.

P.S. Einmal hat Angela Merkel an diesem Abend aber doch ein wenig gelacht, es sah jedenfalls so aus. Weil es nämlich doch einen Witz gab, einen einzigen nur, aber immerhin. Der Mann mit Zylinder und Fliege, der Möchtegern-Wilhelm-Busch, hat ihn erzählt. Er ging so: "Angie kommt nach Hause. Fragt ihr Mann: Was hast du denn heute gekocht? Sagt sie: nichts. Er daraufhin: Gestern gab doch auch schon nichts. Angie: Ich habe für zwei Tage vorgekocht."

Nicht, dass der Putin davon hört.


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