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Konstituierende Sitzung des Bundestages: Knuddel Deinen Abgeordneten!

Heinz Riesenhuber besingt die Liebe, Peer Steinbrück übt sich in Zurückhaltung, ARD und ZDF sind angesäuert und Westerwelle flirtet mit den Linken. Was für ein Tag im politischen Berlin.

Die Highlights von Johannes Schneider

Schloss Bellevue, 15.30 Uhr. Unglaublich, wie schnell die Gesichter in Vergessenheit geraten. Und dann: Das ist doch … ach ja, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt. Arbeitsminister Olaf Scholz. Finanzminister Peer Steinbrück. Und der Mann mit der leuchtend roten Krawatte - das muss Frank-Walter Steinmeier sein, Außenminister und Vizekanzler. Jedenfalls noch für ein paar Minuten. "Es ist Zeit, Abschied zu nehmen", sagt Bundespräsident Horst Köhler in seinem Amtssitz, dem Schloss Bellevue. Er dankt dem Kabinett der Großen Koalition, es habe professionell zusammengearbeitet - eine Formulierung, die sich auch als Restschimpfe verstehen lässt - und in der Krise entschlossen gehandelt. Dann teilt er die Entlassungsurkunden aus.

Einzeln treten die Kanzlerin und die Minister hervor. Köhler drückt ihnen die Hand, spricht ein paar Worte. Die Vertreter der Union tragen festliche Gesichter - sie wissen, es geht weiter. Die anderen reißen sich zusammen. Peer Steinbrück steht beim abschließenden Gruppenbild in der zweiten Reihe, hinter seinem designierten Nachfolger Wolfgang Schäuble. Nie wieder Große Koalition, das dachten und schrieben so viele im Wahlkampf. Was wird in vier Jahren zu lesen sein? Geschichte wird gemacht. Ein Teil davon ist um 16 Uhr nur noch auf Fotos zu sehen. Die Große Koalition. Der offizielle Abschied war kurz.

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Bundestag, 15 Uhr Eigentlich habe er ja ganz andere Themen in den Mittelpunkt stellen wollen, sagt Bundestagspräsident Norbert Lammert im Anschluss an die konstituierende Sitzung des Bundestages. Zum Beispiel die Entfremdung von Demokratie und Bürgern, das mangelnde Selbstbewusstsein des Parlaments oder das problematische Auslagern der Ausarbeitung von Gesetzen an externe Kanzleien. Hat er in seiner Ansprache auch gemacht. Aber hängen bleibt etwas ganz anderes.

Am Vorabend - so stellt Lammert es dar - habe er noch impulsiv ein paar Zeilen ins Manuskript gekritzelt: eine geharnischte Beschwerde an ARD und ZDF. Sie würden lieber "Alisa - Folge deinem Herzen" und "Bianca - Wege zum Glück" über die Bildschirme flimmern lassen als die Sitzung zu übertragen. "Da die Programmdirektionen so frei sind, solche Entscheidungen zu treffen, werde ich immer wieder so frei sein, genau diese Entscheidung zu kritisieren", sagte Lammert. Das nehmen ihm die öffentlich-rechtlichen Journalisten, die wie üblich in Scharen anwesend sind, übel. Sehr, sehr übel. Zumal Phoenix, der Dokumentationskanal von ARD und ZDF, die Sitzung sehr wohl überträgt. Aber Lammert will ins Hauptprogramm. Und bleibt dabei.

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Bundestag, 13.30 Uhr Das Bundestagspräsidium wird gewählt. Die Besetzung ist vorher zwischen den Parteien ausgekungelt, es gibt keine echte Wahl, sondern allenfalls die Möglichkeit, mehr oder weniger intensiv zuzustimmen. Es geht also um so etwas wie die Beliebtheits-Charts. Lammert, CDU, geht mit 84,6 Prozent glatt durch, wenn auch mit einem kleinen Dämpfer, 2005 hatte er noch 93,1 Prozent bekommen. Auch Katrin Göring-Eckardt (Grüne), Petra Pau (Linke), Gerda Hasselfeldt (CSU) und Hermann Otto Solms (FDP) fahren gute Ergebnisse ein.

Das schlechteste bekommt Wolfgang Thierse, SPD. Liegt es einfach nur an seiner Partei, die derzeit für alle Sünden dieser Welt bestraft zu werden scheint? Nein. Rauschebart Thierse gilt als moralinsaurer, bisweilen überheblicher Prediger aus dem Osten. Er ist auch in seiner eigenen Fraktion nicht sonderlich beliebt. Sichtlich angeschlagen nimmt Thierse die Wahl an - ohne einen Dank auszusprechen. Während Lammert danach seine kontroverse Rede erläutert, schleicht ein einsamer Thierse an den Garderoben vorbei Richtung Ausgang.

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Bundestag, 11 Uhr Hammer! Die kreischbunte Fliege! Das wild ins Gesicht gekämmte Haar! Die theatralische Gestik! Heinz Riesenhuber, 73, ist derzeit der älteste Parlamentarier, der Alterspräsident. Deshalb darf er die Sitzung an diesem Tag eröffnen. Und der Mann, der mal Forschungsminister unter Helmut Kohl war und jetzt nur noch dafür bekannt ist, sein Mandat durch eine rekordverdächtige Anzahl Nebenjobs aufzulockern, liefert eine Performance, die die "Netzeitung" zutreffend als "launig, streckenweise bizarr" bezeichnet.

Wie war das doch gleich mit dem demografischen Wandel? "Das Problem liegt darin, dass wir zu wenig Kinder gezeugt haben", sagt Riesenhuber. Und wie war das mit dem Waldsterben? "Wer redet heute noch von Waldsterben?", fragt Riesenhuber. Als Renate Künast von den Grünen laut "Wir!" ruft, brennen bei Riesenhuber alle rethorischen Sicherungen durch. Wenn er heute am Main spazieren gehe, seien die Bäume wunderbar grün. "Und die Fische vermehren sich. Das heißt, sie sind glücklich." Aha. Und dann fordert Riesenhuber, den die Fische offenbar auf seltsame Gedanken gebracht haben, noch mehr Nähe zwischen Volksvertreter und Volk. "Wann haben Sie ihren Abgeordneten zum letzten Mal geknuddelt?" fragt er im "Hohen Haus". Ein Satz mit Kultpotential. Norbert Lammert hingegen dankt seinem Parteifreund für seine Rede. Er habe sie "mit Witz und der ihm eigenen Eleganz" gemeistert.

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Bundestag, 11.45 Uhr Von den Tribünen aus gesehen wirkt der Bundestag in den Sitzungspausen wie eine Pinguinkolonie: 600 Individuen in ähnlicher Aufmachung watscheln wild durcheinander, finden in Gruppen zusammen, lösen sich wieder. Jürgen Trittin streift erstaunlich einsam durch die eigene Fraktion. Ursula von der Leyen und der designierte Gesundheitsminister Philipp Rösler, FDP, plaudern im Bundesratsgestühl - Rösler, der kein Abgeordnetenmandat hat, durfte nicht bei der Fraktion Platz nehmen. Franz Müntefering trifft Wolfgang Schäuble, Ulla Schmidt Annette Schavan, später sagen sich Frank-Walter Steinmeier und Angela Merkel Guten Tag. Ein bisschen schwarz-rote Sozialisierung gab es eben doch.

Die größten - auch ideologischen - Wegstrecken legt am Morgen aber Guido Westerwelle zurück: Unterhält sich nach der Wahl zum Bundestagspräsidenten zehn Minuten angeregt mit Frank-Walter Steinmeier, ehe er weiterzieht und mit den Linken Gregor Gysi und Gesine Lötzsch flirtet. Noch nie war ich so gut und teuer wie heute, signalisiert Westerwelles Gang durch die Gemeinde. Und zwischendrin, immer wieder, lange, lange Gespräche mit der Allmächtigen, Kanzlerin Angela Merkel. Bei einem besonders ausgedehnten Plausch unter der Presse- und Besuchertribüne, dringen, wenn auch schwer verständlich, Worte nach oben: "Marder", "Nachbar" und "Eigentumswohnung". Scheinbar reden da zwei Privatleute über Haus und Grund. Doch die Kameras sehen zwei Verschwörer in der politischen Arena. So funktioniert geschickte Selbstvermarktung.

Mitarbeit: Lutz Kinkel