Kurt Beck Kann dieser Mann Kanzler werden?


Ja. Und seine Chancen sind gar nicht mal schlecht. Nach dem ersten Jahr als SPD-Chef kriegt Kurt Beck zwar heftig Kritik um die Ohren. Aber hinter den Kulissen verfolgt er unbeirrt sein großes Ziel: Er will nach der Wahl 2009 eine Ampel-Koalition schmieden.
Von Andreas Hoidn-Borchers

Um gleich mal ein Missverständnis auszuräumen: Kurt Beck ist kein Wiedergänger des unglückseligen Rudolf Scharping. Abends beim Wein kann er äußerst launig erzählen. Die Geschichte etwa, wie im Hotelbadezimmer das Licht nicht ging und er im Dustern taperte. "Beim Duschen musste ich mich an mich selbst herantasten." Guter Spruch. Oder er erwähnt, dass er nicht simsen kann. Wie er denn dann mit der Kanzlerin kommuniziere? "Es gibt die wunderbar altmodische Einrichtung des Telefonierens", antwortet er. "Da kann man sogar widersprechen." Und darin ist Beck sehr gut. Erwischt man ihn auf dem falschen Fuß, geht der "Buddha mit Sprengsatz", wie ihn die SPD-Linke Andrea Nahles charakterisiert, ab wie Schröders Katze. "Entschuldigung, das stimmt überhaupt nicht, da weiß ich, wovon ich rede. Das stimmt überhaupt nicht. Entschuldigung." Momentan geht der SPD-Chef ziemlich oft ab. Da tut er und macht, konferiert und erklärt, redet und reist - und was passiert? Er wird eingetunkt. Durch den Kakao gezogen. Ab- und niedergeschrieben. Ach, der Beck schon wieder. Kurt Scharping. Würde ja gern, kann aber nicht.

Über Ostern grübelte er wahrscheinlich darüber nach, wie schmal der Grat ist zwischen "Hosianna" und "Kreuziget ihn". Wieso er sagen kann, was er will - und offenbar missverstanden wird. Warum etwa der im Grunde vernünftige Vorschlag, auch mit "gemäßigten Taliban" über einen Frieden in Afghanistan zu verhandeln, so in der Luft zerpflückt wird. Nur eine Frage stellt er sich wohl nicht: Weshalb tust du dir das überhaupt an? Die Antwort ist für ihn seit Langem klar: Weil Kurt Beck, 58, aus dem Dörfchen Steinfeld in der Pfalz, 2009 Bundeskanzler werden will. Kanzler einer Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen. Darauf arbeitet er zielstrebig hin, auch wenn das nach außen nicht immer so deutlich zu erkennen ist. Er weiß, das ist seine einzige Chance. Die will er nutzen. Außerdem ahnte er, jedenfalls grob, worauf er sich einlässt. Sein Vater, der alte Maurer, hatte ihn gewarnt. Junge, hatte er Beck gesagt, als der den SPD-Vorsitz übernahm, "Junge, das ist eine große Baustelle".

Bevor er sich erst nach Afghanistan und danach in die Osterferien verabschiedete, hatte der Baustellenleiter Beck ein paar Hauptstadt-Journalisten in der Parteizentrale um sich geschart. Hinter ihm an der Wand hing eine Fotografie: Willy Brandt, der letzte große SPD-Vorsitzende, im Garten mit Mitterrand, hemdsärmelig im Stuhl sitzend und mit weit ausholenden Armen die Welt erklärend. Lebensgegerbt und ganz entspannt. Kurt Beck hängte das Jackett über die Stuhllehne und faltete die Hände vor sich auf dem Tisch. Er wollte auch locker wirken. Dann begann er zu sprechen, "ein paar Worte zum Stand der Sozialdemokratie in Deutschland". Die SPD, sagte er, fasse "wieder Tritt". Es sei eine "deutliche Stabilisierung spürbar", er sei "durchaus optimistisch, was die Wählerschaft angeht". Denn: "Es gibt Hinweise darauf, dass es ein großes Stimmenpotenzial für uns gibt." An jenem Freitag war die SPD mal wieder nach unten durchgereicht worden in einer Umfrage: minus fünf Prozent.

Beck ist die letzte Hoffnung der SPD

Ach, sagte Beck, fünf Prozent rauf, fünf Prozent runter. Das sagt doch nichts. Umfragen! Es mag ja Leute geben, die darauf reagieren... Aber er doch nicht. "Von jetzt auf nachher" war Beck vorigen April eingesprungen für den maladen Matthias Platzeck. In diesem Jahr hat er getan und gemacht, hat konferiert und geredet, erklärt und ist gereist. Geändert hat sich für die SPD dadurch nicht viel. Wenn es ihr gut geht, liegt sie in Umfragen bei 30 Prozent, aber es geht ihr selten gut. Sie macht eine Politik mit, die sie nicht mag, die die einst verbündeten Gewerkschaften auf radikalen Gegenkurs gehen lässt: Gesundheitsfonds, Mehrwertsteuer rauf, Unternehmensteuer runter, Rente mit 67, Tornados in Afghanistan... Sie regiert nicht gern in Berlin, aber das Mitregieren übertüncht gerade noch, dass sie in den meisten Bundesländern personell ausgezehrt ist und lethargisch bis wahlkampfunfähig. Es ist ein rechtes Elend. Bis zum vergangenen Frühjahr hatte die SPD wenigstens noch einen letzten Hoffnungsträger: Platzeck. Jetzt hat sie Kurt Beck. Er ist ihre letzte Hoffnung. Groß ist sie nicht mehr.

Man kann Denkwürdiges erleben, wenn man Sozialdemokraten in Berlin in diesen Tagen eine simple Frage stellt: Was macht Kurt Beck eigentlich gut? Das Regierungsmitglied guckt erst überrumpelt, bläst die Backen auf und macht: "Umpff." Der Abgeordnete schaut Löcher in die Kaffeehausluft und schaut und schaut und sagt dann: "Mmmhh." Pause. "Er kommt nicht mehr so oft in die Fraktion." Es soll ein Scherz sein. Der Mann aus dem SPD-Vorstand sagt: "Er hat ein Gefühl dafür, dass die Partei ernst genommen werden will." Ähem, ist das nicht selbstverständlich? "Bei seinen ganzen Vorgängern war das anders." Nur der jungenhafte Aufstreber antwortet wie aufgezogen: "Beck wäre ein guter Mann gewesen - vor 30 Jahren."

Er umkuschelt die Basis

Nein, das SPD-Establishment ist derzeit nicht wirklich glücklich mit seinem Anführer, der erkennbar in zwei Welten lebt. Die erste Welt besteht aus Rheinland-Pfalz, wo Beck jeden Rebstock mit Namen kennt, und der SPD-Basis, die er umkuscheln kann wie kein Zweiter ("Ihr habt das toll gemacht heut'!"). Darin bewegt er sich traumwandlerisch sicher. Die zweite Welt ist die um sich selbst rotierende Hauptstadt, der politisch-publizistische Komplex Berlin. Da tappt er zuweilen umher wie im dunklen, fremden Hotelbad.

Der Bauchmensch Beck versteift und verkopft dabei regelrecht. Er schwurbelt dann auf die Frage, wie er SPD-Politik beschreiben würde, etwas von "Mittelstandsoffenheit" und "Aufstiegsgesellschaft" und dass seine Partei "nicht in bemutternder, sondern den Menschen etwas zutrauender Art und Weise, aber auch sicherstellend, dass Menschen nicht am Wegesrand zurückgelassen werden" Politik mache. Uff. Oder er erhofft sich vom neuen SPD-Grundsatzprogramm eine "deutliche Verlebendigung der inhaltlichen Diskussion". Verlebendigung. Brrr. Das ist der Berlin-Beck. Der sich aufpumpt, denkt, große Worte machen zu müssen, und sich dabei häufig verbal verdrechselt. Den wahren Kurt kann man besichtigen, wenn die Kameras aus sind oder er sich auf vertrautem Geläuf befindet. Dann spricht er wunderbar unverfälscht. "Ich möchte keinen Staat, in dem keiner mehr Anstand hat. Wo jeder jeden bescheißen darf, das ist nicht meine Welt." Oder er warnt: "Wir müssen aufpassen, dass uns die Arbeitnehmer nicht nach links wegflitschen."

Er macht zu Hause in Rheinland-Pfalz auch eine ziemlich moderne Politik: Krippenplätze, Ganztagsschulen, Investivlohn. Fast 49 Prozent der Jungwählerinnen haben bei der vorigen Landtagswahl SPD gewählt. Es ist die Blaupause für Berlin. In Mainz kann und will er bis 2009 zeigen, was er draufhat, dass er alles andere als hinterwäldlerisch ist. Deshalb will er auch nicht ins Kabinett wechseln, seine Souveränität aufgeben und sich Angela Merkel unterordnen.

Beck gewinnt schon nachts die Deutungshoheit

Das Problem ist nur: Jenseits von Edenkoben kriegt keiner den wahren Kurt richtig mit. Da kennt man nur den Berlin-Beck. Den seltsamen Mann von der Mattscheibe, ein bisschen brummbärig und satyrhaft und nicht immer leicht zu verstehen. Nur noch 19 Prozent der Deutschen würden sich der aktuellen stern-RTL-Umfrage von Forsa zufolge bei einer Direktwahl für ihn als Kanzler entscheiden, aber 48 Prozent für Merkel. Selbst unter SPD-Anhängern wollen Beck nur 35 Prozent als Regierungschef haben. Gelegentlich könnte man sogar glauben, die Kanzlerin traue Beck weit mehr zu als seine eigenen Leute. Sie hat einen Heidenrespekt vor ihm, vor seiner in 13 Ministerpräsidentenjahren gewonnenen Härte und Routine - und vor seiner Schläue. Am Ende einer dieser langen Verhandlungsnächte im Kanzleramt fragte Angela Merkel ihn voriges Jahr: "Soll ich Ihnen einen Wagen rufen lassen - oder gehen Sie wieder zu Fuß?" Beck bedankte sich artig, grinste, stratzte los und traf auf seinem Weg jede Menge lungernde Reporter, denen er seine Sicht der Dinge in Kameras oder Mikrofone sprach. So hatte er schon nachts die Deutungshoheit gewonnen.

Politik im Spazierengehen. Das war die Zeit, als Union und SPD in den Umfragen fast gleichauf lagen; als die Genossen richtig stolz waren auf ihren neuen Boss und die Medien vom "Mitkanzler" ("Süddeutsche Zeitung") Beck schrieben. Irgendwie muss ihn seither sein Instinkt verlassen haben. Wo andere gezielt eine Bombe krachen lassen, lässt Beck einen Knallfrosch nach dem anderen platzen. Es macht puff, man schreckt ein bisschen auf - und das war es dann. Im vergeblichen Bemühen, medial mit der Kanzlerin mitzuhalten, hat Beck beinahe jedes Thema besetzt - und wieder verlassen. Unterschicht, Leistungsträger, Bonus für Arbeit... Geholfen hat es weder ihm noch der SPD.

Um den müden, ermatteten Mitgliedern wieder etwas Kampfesmut einzuhauchen, lässt Beck jetzt Unterschriften für Mindestlöhne sammeln - als wäre die SPD in der Opposition; den intern abgestimmten Aufruf für die Aktion hat dann Arbeitsminister Müntefering sicherheitshalber übers Wochenende auf seiner "Erika" neu geschrieben. Ansonsten hat Beck wenig anzubieten, um die Genossen auf Trab zu bringen oder wenigstens bei der Stange zu halten. Deshalb verbeißt er sich so ins Thema Frieden und erhebt es auf Parteikonferenzen gleich in den Rang eines vierten Grundwertes: "Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität - und Friedensliebe ist da hinzuzufügen." Das, immerhin, wärmt die depressivste Genossenseele, für einen Moment. Friedensmacht zu sein, das ist die allerletzte Gewissheit, die die SPD noch hat.

Merkel fürchtet Beck als Konkurrenten

Trotz aller Pannen und Peinlichkeiten fürchtet Merkel Beck als ernsthaften Konkurrenten um die Kanzlerschaft. Sie kann mindestens so gut rechnen wie er. Seit die Große Koalition regiert, lag die Union in Umfragen fast immer vor der SPD, aber es gab so gut wie nie eine schwarz-gelbe Mehrheit - dagegen hätten SPD, FDP und Grüne fast immer zusammen regieren können. Bleibt das bis zur Wahl so, hätte Beck zwei Optionen: Juniorpartner von Angela Merkel zu bleiben oder Kanzler einer Ampel-Koalition zu werden. Keine Frage, wie er sich entscheiden wird: "Kurt will Kanzler werden", sagt einer aus dem engsten SPD-Führungskreis. "Und dazu muss man auf eine Ampel hinarbeiten."

Genau das macht Beck. Er betreibt Entspannungspolitik in beide Richtungen. Umgarnt mal anderthalb Stunden den Grünen-Parteichef Bütikofer und geht dann mit dem FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle essen. Sein Kalkül ist einfach: Weder FDP noch Grüne wollen weiter in der Opposition schmoren; vor allem für Westerwelle ist es eine Frage des politischen Überlebens, dass die Freidemokraten 2009 nach dann elf Jahren endlich wieder mitregieren. Die beiden kleinen Parteien werden sich deshalb verbünden (müssen), um gemeinsam mit einer der Volksparteien paktieren zu können. Da eine JamaikaKoalition mit der Union aber wegen des Widerstands der CSU nahezu ausgeschlossen ist, bliebe ihnen nur ein Bündnis mit der Beck-SPD. Es wäre eine schwierige Koalition, aber inzwischen gilt sie in allen drei Parteien als möglich - dank Beck. Allein durch dessen Wahl an die SPD-Spitze, hat Fraktionschef Peter Struck erstaunt registriert, "hat sich das Verhältnis der FDP zu uns schlagartig verändert" - zum Positiven. Vor allem FDP-Vize Rainer Brüderle, mit dem Beck lange in Mainz regiert hat, gilt als Ampel-Mann. Und im Hintergrund wacht der Wende-erprobte FDP-Ehrenvorsitzende Hans-Dietrich Genscher darüber, dass sich seine Partei nicht wieder an die Union kettet, sondern hübsch offen bleibt für alle und alles.

Die Mundwinkel umspielte ein feines Lächeln

Kürzlich stellte Genscher in Berlin ein Buch der Brüder Hans-Jochen und Bernhard Vogel vor. Er räsonierte über die Große Koalition 1966, die Große Koalition heute und Europa, dann sagte der versierte Kryptiker: "Wenn es stimmt, dass sich die Probleme ihre Lösung suchen, können wir uns auch darüber verständigen, was die Probleme sind." Man konnte es als eine Art Koalitionsversprechen verstehen. Da saß Kurt Beck auf seinem Stuhl in der ersten Reihe, die Beine übereinandergeschlagen, den Kopf in die Höhe gereckt, und seine Mundwinkel umspielte ein feines Lächeln. Er hatte verstanden.

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