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Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern: Sellering hat die Wahl

Er ist der überzeugteste Ossi, der je im Westen geboren wurde - auch daher hat Erwin Sellering gute Chancen, Ministerpräsident in McPomm zu bleiben. CDU, Linke und Grüne dienen sich bereits an.

Von Lutz Kinkel

Das Wort "Unrechtsstaat" bringt er nicht über die Lippen. Zwar habe es in der DDR Willkür und Unrecht gegeben, sagte Erwin Sellering der "Süddeutschen Zeitung". Aber: "Diejenigen, die auf diesem Begriff beharren, wollen ganz häufig einen Stempel darauf drücken, als hätte es nichts Positives in diesen Leben gegeben." Das hört sein Wahlvolk in Mecklenburg-Vorpommern gerne. Ministerpräsident Sellering gilt als "Ossi-Versteher" erster Güteklasse, obgleich er im Ruhrgebiet geboren wurde und erst 1994 ins Land zog. Auch weil ihm die kulturelle Assimilation - manche sagen: Anbiederung - so gut gelang, hat er nun beste Chancen, die Landtagswahl für sich zu entscheiden. Der Jurist Sellering tritt gerne freundlich und zurückhaltend auf, die Abteilung Attacke überlässt er seiner Sozialministerin Manuela Schwesig, die zugleich stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD ist.

Diese Aufgabenteilung funktioniert gut, in den Umfragen liegt die SPD in Mecklenburg-Vorpommern mit 35 bis 37 Prozent weit vorne, die CDU bei 27 bis 28 Prozent, die Linkspartei, die sich jüngst eine blamable Mauer-Debatte lieferte, bei 16 bis 17 Prozent. Sowohl Linke als auch CDU haben sich der SPD bereits als Koalitionspartner angedient, Sellering wird voraussichtlich wählen können, mit wem er regieren möchte - und er hält sich genüßlich alle Optionen offen.

FDP im Abseits

Spannend wird das Abschneiden der kleineren Parteien. Die FDP steht aufgrund interner Querelen und dem katastrophalen Image der Bundespartei im Abseits. Holten die Liberalen 2006 noch 9,6 Prozent, so werden sie derzeit auf gerade noch 4 Prozent taxiert. Ihr Exit in die außerparlamentarische Opposition würde als weiterer Beleg für den scheinbar unaufhaltsamen Niedergang der FDP gewertet werden. Die NPD, derzeit im Parlament, kommt in den Umfragen auf 4,5 Prozent - allerdings steht dieser Wert unter dem Vorbehalt, dass sich viele Sympathisanten nicht offen zu den Rechtsextremen bekennen. Mecklenburg Vorpommern ist in einigen Winkeln erschreckend braun.

Die Grünen, in Ostdeutschland traditionell eher schwach, profitieren vom guten Bundestrend ihrer Partei. Sie könnten mit 8 oder 9 Prozent erstmals den Sprung ins Schweriner Schloss schaffen. Die Grünen wären dann in allen 16 Landesparlamenten vertreten - ein historisches Ereignis für die Partei. Mecklenburg-Vorpommerns Spitzenkandidat Jürgen Suhr träumt bereits von einer rot-grünen Koalition - was, an den Umfragewerten gemessen, jedoch ein Traum bleiben dürfte.

Land ohne Kinder

Weil alle Parteien, mit Ausnahme von FDP und NPD, geradezu danach lechzen, unter Sellerings Fittiche zu schlüpfen, konnte der Ministerpräsident einen völlig ungestörten Wahlkampf führen und jeden, der nicht sofort flüchtete, mit einer roten Rose und freundlichen Worten eindecken. Sellerings offizieller Kontrahent, Lorenz Caffier (CDU), fiel allein durch den spleenigen und viel verspotteten Slogan C wie Zukunft auf; im TV-Duell mit dem Ministerpräsidenten blieb er kreuzbrav. Sellering nannte Caffier gönnerhaft "mein Innenminister", was Caffier ja auch tatsächlich ist - und gerne bleiben möchte.

Aus der Spannungslosigkeit zu schließen, dass es in Mecklenburg-Vorpommern keine Probleme gäbe, wäre grundfalsch. Das Land, von der Fläche her größer als Hessen, ist strukturschwach, hängt am Tropf des Länderfinanzausgleichs und leidet massiv unter dem demografischen Wandel. Junge Menschen, die dort aufwachsen, wandern häufig in den Westen ab, weil in Mecklenburg-Vorpommern die geringsten Löhne im gesamten Bundesgebiet gezahlt werden. Die wichtigsten Branchen sind Tourismus und Landwirtschaft - aber für "blühende Landschaften" im wirtschaftlichen Sinn reicht es nicht. Im Gegenteil: Mangels Bevölkerung kann in manchen Landstrichen die öffentliche Infrastruktur - Kitas, Schulen, Zugverbindungen - kaum noch aufrecht erhalten werden. Höchste Prioriät für den kommenden Ministerpräsident hat also die Frage, wie er das Land für Familien attraktiver machen kann.

Merkel on Tour

Eher in die Abteilung Randaspekte fällt, dass Mecklenburg-Vorpommern die politische Heimat der Kanzlerin ist, Angela Merkel hat dort ihren Wahlkreis. Deshalb trat sie, trotz Euro-Krise, verhältnismäßig häufig im Wahlkampf auf. Eindringlich warnte sie vor einer möglichen rot-roten Landesregierung - die indes wenig wahrscheinlich ist, weil die Wähler allen Umfragen zufolge eine Fortsetzung der Großen Koalition in Schwerin bevorzugen. Die Abschlusskundgebung der Landes-CDU am Samstag sagte Merkel ab, weil ihr Vater am Freitag verstorben war.