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NSU-Prozess: Zschäpe wollte sich offenbar schon 1999 stellen

Offenbar wollte die mutmaßliche Rechtsterroristin Beate Zschäpe sich bereits im Jahr 1999 den Behörden stellen. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wären hingegen gern ins Ausland geflohen.

Beate Zschäpe (M.) im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer (r.)

Beate Zschäpe (M.) im Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in München neben ihren Anwälten Anja Sturm und Wolfgang Heer (r.)

Die Rechtsterroristen des untergetauchten NSU-Trios standen nach Erkenntnis des Thüringer Verfassungsschutzes 1999 kurz davor, sich voneinander zu trennen. Das sagte ein V-Mann-Führer am Dienstag als Zeuge im Münchner NSU-Prozess. Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wären gern ins Ausland geflohen, Beate Zschäpe "wollte sich lieber stellen", erklärte der Geheimdienstler.

Zu dieser Zeit lebte das Trio seit einem Jahr im Untergrund. Die rassistisch motivierte Mordserie des NSU hatte noch nicht begonnen. Der "Nationalsozialistische Untergrund" soll von 2000 bis 2007 zehn Morde verübt haben. Zschäpe ist Hauptangeklagte im NSU-Prozess.

Der V-Mann, den der Verfassungsschützer führte, war Tino Brandt, der Anführer der Thüringer Neonazi-Szene. Brandt habe berichtet, wie er selbst Kontakt zu dem damals in Niedersachsen lebenden Neonazi Thorsten Heise aufgenommen habe. Brandt habe Heise gefragt, ob der seine Kontakte nutzen könne, um das Trio in Südafrika zu verstecken. Der habe das auch grundsätzlich zugesagt.

Zschäpe wollte nicht nach Südafrika

Zschäpe habe jedoch nicht nach Südafrika mitgehen wollen, sagte der V-Mann-Führer weiter. Es habe keinen Haftbefehl gegen sie gegeben. "Sie hätte ja jederzeit nach Jena oder ins Elternhaus kommen können". Seine Quelle habe ihm berichtet, dass es schon Kontakte zu einem Anwalt gegeben habe, der sie habe vertreten sollen. Ungeklärt blieb, warum Zschäpe dennoch mit Mundlos und Böhnhardt im Untergrund weiterlebte.

Heise lebt mittlerweile in Thüringen. Er ist stellvertretender NPD-Landesvorsitzender und für die rechtsextreme Partei Kreisverordneter im Eichsfeld. Auf Anfrage sagte er, Brandt habe ihn damals "nur allgemein" befragt und nicht mitgeteilt, dass es um "drei Terroristen" gegangen sei, "die mal untertauchen müssen". Ob es dabei "um Urlaub oder Arbeit oder Tapetenwechsel ging", wisse er nicht mehr.

"Jobben" bedeutet Banküberfälle

Dem Verfassungsschützer zufolge wusste die Behörde, dass das Trio von sächsischen Neonazis aus der Organisation "Blood & Honour" unterstützt wurde. Der V-Mann habe ihm mehrere Namen genannt. Bei einer Veranstaltung habe einer der Sachsen angeboten, Geld für das Trio zu spenden. Er habe zur Antwort bekommen, dass das nicht mehr nötig sei, weil die drei jetzt "jobben" würden. Er habe geglaubt, Zschäpe und ihre beiden Komplizen würden "ohne Papiere arbeiten", sagte der V-Mann-Führer. Auf Banküberfälle sei er nicht gekommen. Er wisse erst neuerdings, dass "Jobben" im Szene-Jargon exakt das bedeute.

Als misslich schilderte der Zeuge die Zusammenarbeit mit anderen Geheimdiensten. Von den zahlreichen Spitzeln, die an das Bundesamt in Köln und andere Landesämter berichteten, habe er nichts gewusst: "Jeder hat für sich gewurschtelt."

mka/DPA / DPA