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Beate Zschäpes Aussage: Die Unschuld aus der Frühlingsstraße

Beate Zschäpe stellt sich im NSU-Prozess als naive Mitläuferin dar, die allenfalls moralische Schuld trägt. Sie hat ihr Schweigen gebrochen - aber was hat sie eigentlich genau gesagt? Und wie glaubhaft ist ihre Aussage?

Von Kerstin Herrnkind

Beate Zschäpe mit ihren Anwälten Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasel

Beate Zschäpe zwischen ihren Anwälten Hermann Borchert (l.) und Mathias Grasel: Haltloses Mädchen, das nur bei Oma Trost findet?

Beate Zschäpe lässt ihren Verteidiger 53 Seiten vorlesen. Die komplette Aussage liegt dem stern vor. Tenor: Sie ist unschuldig, hat nichts gewusst. Sie ist da irgendwie reingeschlittert in die rechte Szene. Und dann saß sie in der Liebesfalle, kam einfach nicht mehr raus.

Die Aussage beginnt mit ihrer traurigen Kindheit. "Meinen Vater, der wohl Rumäne war, habe ich nie kennengelernt." Zschäpe betont gleich, dass ihr Vater Ausländer gewesen sei. Sie will damit zwischen den Zeilen sagen, dass sie schon allein deshalb nichts gegen Ausländer haben könne. Ihre Mutter heiratet, lässt sich scheiden, verliert ihren Job, fängt an zu trinken. Beate Zschäpe zeichnet von sich das Bild eines haltlosen Mädchens, das nur bei der Oma Trost findet.

"An meiner Liebe zu ihm änderte sich nichts"

Dann kommt die Wendezeit und mit ihr Uwe Mundlos. Sie verliebt sich. Er zieht zu ihr. "Wir hörten gemeinsam Lieder mit nationalsozialistischem Inhalt." An ihrem 19. Geburtstag stellt eine Freundin ihr Uwe Böhnhardt vor. Beate Zschäpe verliebt sich wieder. Sie ist noch mit Mundlos zusammen. Doch das Trio einigt sich. "Auch als ich von meiner Freundin erfuhr, dass er bereits vielfach straffällig geworden und auch schon im Gefängnis war, änderte sich an meiner Liebe zu ihm nichts." Mit Beginn dieser Freundschaft, so schildert es Beate Zschäpe über ihren Anwalt, "änderte sich mein Freundeskreis". So gerät Beate Zschäpe in die "Kameradschaft Jena". Aus Liebe, also. Sie lernt Tino Brandt kennen, einem der aktivsten Neonazis in Thüringen. "Zu diesem Zeitpunkt wussten wir natürlich nicht, dass er V-Mann des Verfassungsschutzes war", behauptet Zschäpe. Brandt habe Geld für Nazi-Aktionen zur Verfügung gestellt. Ein Punkt in ihrer Aussage, der glaubhaft klingt. Die Angeklagte belastet damit indirekt den Verfassungsschutz, der Brand jahrelang bezahlt hat.

Doch dann trennt sich Uwe Böhnhardt von ihr, weil sie zu sehr "klammert". Beate Zschäpe leidet, will ihren Uwe unbedingt zurück. Sie kommt auf die Idee, eine Garage anzumieten, die sie ihrem Liebsten als Lager für rechtes Propagandamaterial anbieten kann. Ihr Plan geht auf. "Das Anmieten der Garage war für mich ein voller Erfolg. Ich traf mich daraufhin wieder mit den Beiden." Dass Mundlos und Böhnhardt nicht nur Propagandamaterial, sondern auch TNT und Schwarzpulver in ihrer Garage verstecken, will Beate Zschäpe nicht gemerkt haben. "Dass in der Garage auch TNT gelagert wurde, wusste ich bis zu unserem Untertauchen am 26.1.1998 nicht." Als die Garage von der Polizei an diesem Tag durchsucht wird, taucht das Trio unter. "Ich dachte nicht daran, dass dieser Zustand viele Jahre andauern würde", lässt Zschäpe ihren Anwalt sagen.

Die Drei leben mal hier, mal dort, halten Kontakt zu Tino Brandt. Als nach einem Jahr das Geld aufgebraucht ist, kommen die beiden Uwes auf die Idee, "Geld mittels Raubüberfälle zu besorgen". Zschäpe gibt ihr Okay. "Ich war damit einverstanden, weil auch ich keine Möglichkeit sah, legal und ohne Gefahr der Verhaftung an Geld zu kommen." Eine Trennung sei für sie nicht infrage gekommen. Wegen der Sache mit der Garage fürchtet Beate Zschäpe ins Gefängnis zu müssen. "Die Angst vor dem Eingesperrt werden und meine Gefühle zu Uwe Böhnhardt hielten mich davon ab."

"Ich konnte nicht fassen, was die Beiden getan hatten"

Im September 2000 wird in Nürnberg der Blumenhändler Enver Simsek ermordet. "Es gab zwischen mir und Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt keinerlei Gespräche darüber, was an diesem Tag in Nürnberg passieren sollte. Ich wusste von nichts. Ich hatte keinerlei Vorbereitungshandlungen mitgekommen." Erst Mitte Dezember, in der Adventszeit, so lässt Beate Zschäpe es ihren Anwalt schildern, "merkte ich an den Blicken des Uwe Mundlos, dass etwas nicht stimmte". Sie habe ihn angesprochen. "Er berichtete mir, was rund drei Monate zuvor passiert war." Ihre Reaktion: "Ich war geschockt. Ich konnte nicht fassen, was die Beiden getan hatten. Ich bin daraufhin regelrecht ausgeflippt. Ich wusste nicht, wie ich auf diese unfassbare Tat reagieren sollte." Als sie den beiden Männern Vorwürfe gemacht habe, habe Mundlos ihr entgegengehalten, "dass eh alles verkackt sei".

Zschäpe will auch Böhnhardt zur Rede gestellt haben. "Auf meine Frage, warum sie einen Menschen getötet hatten, erhielt ich keine klare Antwort. Es wurden Argumente vorgetragen wie: Perspektivlosigkeit, Gefängnis und insgesamt bestehende Frustration. Es wurde mit keinem Wort erklärt, dass der Mord politisch motiviert gewesen sei." So simpel soll es gewesen sein: Zwei Männer, die auf der Flucht keine Perspektive für sich mehr sahen, fingen aus purer Langeweile an zu morden.

Beate Zschäpe will Mundlos und Böhnhardt sogar mal damit gedroht haben, sich alleine zu stellen. "Sie überraschten mich mit der Erklärung, dass sie sich in diesem Fall selbst töten wollten." Zschäpe schildert, wie sie in der Falle gesessen habe: "Ich stand vor einem für mich unlösbaren Problem: Sollte ich mich der Polizei stellen und die langjährige Haftstrafe in Kauf nehmen, so müsste ich wahrscheinlich den Tod der beiden einzigen Menschen, die mir neben meiner Oma lieb waren, auf mein Gewissen nehmen."

Trotz großer Liebe schildert Beate Zschäpe das Leben mit den beiden Uwes als trostlos. Die Männer ziehen los. Sie weiß angeblich nicht wohin und sitzt zuhause, spielt stundenlang am Computer oder mit den Katzen. Seitdem sie weiß, dass ihre Lebensgefährten Mörder sind, sei die "Stimmung eisig" gewesen. Und trotzdem schafft sie es nicht, sich zu trennen. Besonders glaubwürdig klingt das nicht.

"Es war eine unendliche Leere in mir"

Von dem Nagelbombenattentat in Köln und den weiteren Morden, will Beate Zschäpe immer erst im Nachhinein erfahren haben. "Rückblickend betrachte ich meine Reaktion so, dass ich resigniert hatte. Mir wurde bewusst, dass ich mit zwei Männern zusammen lebte, denen ein Menschenleben nichts wert war ... Meine Gefühle kann ich im Ganzen nur so beschreiben, dass ich mich einerseits von den Taten abgestoßen fühlte, mich nach wie vor zu Uwe Böhnhardt hingezogen fühlte, keine Chance für mich auf eine Rückkehr in das bürgerliche Leben sah und mich deshalb meinem Schicksal ergab, mit diesen beiden Männern weiter zu leben, trotz ihrer furchtbaren Taten. Ich musste feststellen: Die Beiden brauchten mich nicht, ich brauchte sie."

Beate Zschäpe tut also nichts. "Aus diesem emotionalen Dilemma fand ich keinen Ausweg und ließ die weiteren Geschehnisse auf mich zukommen." Fast beiläufig, so lässt es Zschäpe verlesen, hätten Mundlos und Böhnhardt ihr von weiteren Morden in Nürnberg, München, Dortmund und Kassel erzählt. "Sie brüsteten sich damit, dass sie vier weitere Ausländer umgelegt hätten." Was empfindet Beate Zschäpe? "Es war eine unendliche Leere in mir, anders kann ich es nicht beschreiben. Ich wusste nicht, wie es weitergehen würde. Ich konnte die weiteren Dinge nur noch geschehen lassen."

Am Ende will Zschäpe einfach den Mund gehalten haben. "Ich lebte weiterhin mit den Beiden zusammen und nahm ihre Taten kaum mehr zur Kenntnis – wahrscheinlich war auch nur deshalb ein Zusammenleben ohne tägliche Konflikte überhaupt möglich. Eine Trennung von ihnen erschien mir nicht möglich. Ich hatte mit den Morden nicht zu tun – aber das würde mir wohl niemand glauben."

Im April 2007 wurde in Heilbronn die Polizistin Michele Kiesewetter erschossen. Wieder will Zschäpe von der Tat überrascht worden sein. Als die beiden Männer ihr von der Tat erzählen, sei sie "regelrecht ausgeflippt, hysterisch und ihnen gegenüber sogar handgreiflich geworden, wobei ich versucht hatte sie zu schlagen." Sie will nach dem Motiv gefragt haben. "Ich erhielt die unfassbare Antwort, dass es ihnen nur um die Pistolen der zwei Polizisten ging. Sie seien mit ihren Pistolen wegen häufiger Ladehemmungen unzufrieden gewesen. Ich war nur noch fassungslos – eine weitere Beschreibung meiner Gefühle ist mir nicht möglich", lässt Zschäpe ihren Anwalt vorlesen.

Im November 2011 sterben Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos nach einem missglückten Banküberfall in Eisenach. Beate Zschäpe schildert, wie sie im Radio von den beiden Toten im Wohnmobil gehört habe. "In gewisser Weise war eine unglaubliche Leere in mir. Es war der Tag gekommen, vor dem ich mich immer gefürchtet hatte. Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos werden nicht mehr zurückkommen."

Beate Zschäpe begrüßt ihren Anwalt Anwalt Mathias Grasel im Gerichtssaal im Oberlandesgericht in München

Beate Zschäpe begrüßt ihren Anwalt Anwalt Mathias Grasel (r.). Im Hintergrund der Angeklagte Ralf Wohlleben.

Eine widersprüchliche Aussage. Beate Zschäpe hätte den Tod der Männer als Befreiung empfinden können. Doch sie erfüllt brav ihre letzten Wünsche, verschickt die Bekennervideos an Zeitungen und Fernsehsender und zündet das Haus in der Zwickauer Frühlingsstraße an. Menschen habe sie nicht gefährden wollen. Weder die fast 90-jährige Nachbarin noch die Handwerker, beteuert Zschäpe über ihren Anwalt. "Ich hatte nur einen Gedanken: Ich war alleine, ich hatte alles verloren, ich musste ihren letzten Willen erfüllen."

"Ich fühle mich moralisch schuldig"

Nie sei sie Mitglied der NSU gewesen, lässt Zschäpe weiter verlauten. "Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass ich ein Gründungsmitglied einer Vereinigung namens 'NSU' gewesen sein soll. Eine solche Gründung hat niemals stattgefunden. 'NSU' war einzig und allein die Idee des Uwe Mundlos. In den vielen Jahren des Zusammenlebens hatten wir niemals untereinander darüber gesprochen, dass wir drei Mitglieder einer nationalsozialistischen Untergrundbewegung seien." Merkwürdig. Als Zschäpe sich nach vier Tagen stellte, sagte sie: "Ich habe mich nicht gestellt, um auszusagen." Wenn sie so unschuldig war, wie sie behauptet, warum hat sie dann nicht gleich ausgepackt. Am Ende ihrer Aussage lässt Zschäpe ihren Anwalt sagen: "Ich fühle mich moralisch schuldig. Ich entschuldige mich aufrichtig bei allen Opfern und Angehörigen der Opfer der von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangenen Straftaten." Was Beate Zschäpe bezweckt, scheint klar: Sie will vermeiden, dass das Gericht eine besondere Schwere der Schuld feststellt.

Bei den Nebenklägern kommt ihre Aussage nicht gut an. "Sie hat versucht, ihre eigene Beteiligung zu bestreiten, allerdings blieben in der Einlassung wichtige Beweiserhebungen aus der Hauptverhandlung gänzlich unberücksichtigt, aus denen sich gewichtige Anhaltspunkte für eine Beteiligung von Frau Zschäpe im Sinne der Anklage ergeben", sagte die Hamburger Anwältin Doris Dierbach, die die Familie des in Kassel ermordeten Halit Yozgat vertritt (siehe Interview).