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Zschäpe im NSU-Prozess Vielleicht hätten wir ihr geglaubt, aber ...

Beate Zschäpe hätte mit ihrer Erklärung zur Aufklärung beitragen und sich ehrlich entschuldigen können. Stattdessen entschied sie sich für eine krude Selbstverteidigung. Sie wird ihr nicht helfen.
Von Felix Hutt, München

An jedem der 248 Verhandlungstage im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht in München wiederholte die Hauptangeklagte Beate Zschäpe, 40, ein Ritual: Sie drehte, nachdem sie den Saal betreten hatte, den Fotografen und Kamerateams den Rücken zu. Die Öffentlichkeit - und damit auch die Angehörigen der Opfer - konnte ihr nicht ins Gesicht sehen. Sie hielt dabei die Arme vor der Brust verschränkt wie ein bockiges Kind, das nicht einsehen mag, dass es Mist gebaut hat. Diese Pose strahlte eine Ignoranz aus, die wehtat. 

Heute, am 249. Prozesstag, sollte alles anders wirken. "Die Reuige" könnte der Titel der Inszenierung lauten, die so plump dargeboten wurde, dass es auch wieder wehtat. Um 9.43 Uhr betritt Zschäpe den Sitzungssaal. Sie wendet sich nicht ab, lässt sich zum ersten Mal von vorne fotografieren. Ich stelle mich, soll die Botschaft wohl lauten.

Eine schwierige Kindheit und die falschen Freunde

Wochenlang hatte Zschäpe mit ihren neuen Verteidigern Mathias Grasel und Hermann Borchert an ihrer Erklärung gearbeitet, die Grasel um 9.52 Uhr vorzulesen beginnt. Während der nächsten 87 Minuten sitzt Zschäpe wie eine Büßerin im Beichtstuhl auf der Anklagebank. Blick nach unten auf ihre gefalteten Hände. Erst zum Ende nimmt sie die 53-seitige Ausführung in die Hand und liest mit, was ihr Anwalt vorträgt. Die Erklärung ist in der Ich-Form verfasst. Warum sie Zschäpe nicht selber vorliest, wird nicht erläutert. Die Schrift trägt nichts zur Aufklärung der Morde und Raubüberfälle bei, sondern soll vor allem darstellen, dass Zschäpe in keine der Taten involviert war. Sie beginnt mit Zschäpes Kindheit und Jugend. Ihren Vater, einen Rumänen, kannte sie nie. Ihre Mutter hatte verschiedene Männer; auch der Alkohol trug bald dazu bei, dass man nicht gut miteinander klarkam. Sie wuchs vor allem bei ihren Großeltern in Jena auf. Lernte erst Uwe Mundlos, später Uwe Böhnhardt kennen. Beide schon in jungen Jahren stramm rechts. Man grölte Lieder, trug Springerstiefel und Bomberjacke und beging Diebstähle.

Zschäpe macht 1991 ihren Hauptschulabschluss. Will Gärtnerin werden, bekommt das aber nicht hin. Der erste Teil ihrer Erklärung mutet an wie vieles, was man über Terroristen nach Anschlägen liest: aufgewachsen in schwierigen sozialen Milieus driften die vermeintlich Perspektivlosen in die Kriminalität ab. Die Umstände, so schwingt es mit, haben eine Mitschuld an den Entwicklungen. Nur ist dies weder eine Erklärung noch ein Entschuldigung für das, was folgen sollte.

Tote können sich nicht wehren

Zschäpe hat erst eine Beziehung mit Mundlos, dann mit Böhnhardt, der Liebe ihres Lebens. Sie bieten ihr die Familie, die sie nicht hat. Sie driften in die rechte Kriminalität ab. Seit Januar 1998 leben sie zu dritt im Untergrund. Wie genau ihr Verhältnis zu den beiden ausgesehen hat, beantwortet Zschäpe in ihrer Erklärung nicht. Mit Böhnhardt, den sie bis zum Schluss liebte, habe sie immer Fernsehen geguckt, gibt sie an, während Mundlos meist in seinem Zimmer vor dem Computer saß, wo er auch die Paulchen-Panther-Videos herstellte, die sie nach dem Selbstmord der beiden im November 2011 versendete - von denen sie natürlich auch nichts wusste. Sie betont ihre Nähe zu Böhnhardt, will aber gleichzeitig von seinen Taten nichts mitbekommen haben.

Zschäpe distanziert sich von den zehn Morden, von denen sie jeweils erst hinterher erfahren haben will. "Fassungslos" und "entsetzt" will sie gewesen sein, als sie von den Morden erfahren habe, oft eine "unendliche Leere" gespürt haben. Anfangs hätten die beiden ihr noch versprochen, aufzuhören. Irgendwann habe sie sich damit abgefunden, ihr Leben mit zwei Männern zu teilen, die lieb zu ihren zwei Katzen waren, aber mit "Gefühlskälte" mordeten. Die Taktik von Zschäpe und ihren beiden neuen Verteidigern ist schlicht: Tote können sich nicht wehren. Mundlos und Böhnhardt werden in der Erklärung mit allem belastet, was den NSU ausmachte: Überfälle, Morde, Anschläge. Zschäpe, die sogar bestreitet, überhaupt ein Mitglied des NSU gewesen zu sein, will zu Hause auf ihre Männer gewartet haben. Sie stellt sich als naives Hausfräulein da, das Computerspiele spielte, joggen ging und die Pistolen ihrer Jungs wegräumte, wenn die einmal wieder in der Wohnung herum lagen.

Wie aufrichtig ist eine Entschuldigung aus dem Mund eines Vertreters?

Aber ihr Entsetzen über die Überfälle und Morde reichte offensichtlich nicht, um sich zu stellen. Die Aussicht auf eine lange Haftstrafe und die Androhung von Mundlos und Böhnhardt, sich eher umzubringen als verhaften zu lassen, hielten sie davon ab, zur Polizei zu gehen, äußert Zschäpe. Heißt im Umkehrschluss: Zschäpe nahm lieber in kauf, dass das Morden weiterging, als zwei Mörder anzuzeigen. Am Schluss ihrer Erklärung übernimmt Zschäpe die "moralische Schuld" für die Taten und entschuldigt sich "aufrichtig" bei den Angehörigen der Opfer. Aber wie aufrichtig ist eine Entschuldigung, die von einem anderen vorgelesen werden muss? Wie ernst ist sie gemeint, wenn ein paar Sätze weiter erklärt wird, wer Nachfragen stellen darf und in welcher Form (schriftlich)? Die Reaktionen der Nebenkläger sind eindeutig: Sie wollen Zschäpes Entschuldigung nicht.

Über Beate Zschäpe werden zwei Urteile gesprochen werden. Ein juristisches vom Oberlandesgericht München. Und eines von den Angehörigen der Opfer und der Öffentlichkeit. Für letzteres hätte Beate Zschäpe heute Wiedergutmachung betreiben können. Ein klein wenig zumindest. Sie hätte uns ansehen und die wahre Geschichte erzählen können. Sie hätte uns mit ihren eigenen Worten sagen können, dass es ihr leid tut. Vielleicht hätten wir ihr geglaubt


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