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Prozess in Düsseldorf: Sven Lau: Der Missionar und der Krieg

Im Prozess gegen Sven Lau wird am heutigen Mittwoch das Urteil erwartet.  Zum ersten Mal stand in Deutschland ein salafistischer Prediger vor Gericht, weil er Terroristen unterstützt haben soll.

Von Barbara Opitz

Sven Lau

Seit neun Monaten sitzt der bundesweit bekannte Islamist Sven Lau in Untersuchungshaft

Dieser Text erschien zuerst im September 2016 im stern. Wir bieten ihn heute, vor dem Urteil gegen Sven Lau, noch einmal zum Hintergrund an.

Sven Lau sitzt in einem "Subway"-Imbiss an der Bundesstraße 7 in Wuppertal, im Niemandsland zwischen den Stadtteilen Barmen und Elberfeld. 70er-Jahre-Architektur, Media Markt, Huk-Versicherung; der einzige Ort, an dem man sich ungestört unterhalten könne, sagt Lau. Es ist der 8. Oktober 2014. Der salafistische Prediger hat gerade den vorläufigen Höhepunkt seiner Bekanntheit erreicht. Im September ist er mit zehn seiner "Brüder im Glauben" durch die Innenstadt von Wuppertal gezogen. In orangefarbenen Westen mit der Aufschrift "Shariah-Police" sprachen sie junge Muslime an, verteilten Flyer. Und waren am nächsten Tag in ganz Deutschland ein Thema. 40.000 Likes bekam Lau auf seiner Facebook-Seite, alle großen Medien berichteten.

Sogar Angela Merkel habe sich geäußert, sagt Lau, "hamdulillah" , Allah sei Dank. Der Prediger ist blass, sein Haar ordentlich gescheitelt, der lange Bart für einen Deutschen dicht. Ohne ihn sähe er aus wie ein zu groß geratener Junge, nicht wie ein Mann von fast 34 Jahren. Dass man die Westen schnell verboten habe, sei "kein Problem", sagt er. Sie brauchten sie nicht mehr, "wir werden jetzt auch so erkannt". Noch am selben Abend will er wieder losziehen mit seinen Leuten. Sie hätten die Aktion jetzt umbenannt in "Wir vermissen dich", würden "mehr so über die barmherzige Schiene" kommen und die jungen Muslime an den Islam "erinnern".

Radikale für die Religion, ja. Terror? Niemals.

Ob er und seine Anhänger Radikale seien? Lau beißt in sein vegetarisches Baguette, eine Mahlzeit, die sein Glaube erlaubt, "halal". Er spricht leise, unaufgeregt, ganz anders als bei seinen Predigten. Ja, Radikale seien sie, sagt er, "von mir aus", aber nur, was die Religion angehe. Schließlich sei der Islam das Beste, was einem passieren könne. Missionierung, "Da'wa", ja. Aber Terror? Niemals.

Das ist knapp zwei Jahre her. Seit acht Monaten sitzt Lau in Untersuchungshaft, jetzt muss er sich vor dem Oberlandesgericht in Düsseldorf verantworten. Der Vorwurf: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung im Ausland. Es ist das erste Mal, dass ein führender Prediger in Deutschland vor Gericht steht, weil er die Dschihadistenszene direkt unterstützt haben soll.

Sven Lau saß schon Anfang 2014 für drei Monate in Untersuchungshaft, die Staatsanwaltschaft musste ihre Anklage fallen lassen. Nun aber hat sich der Verdacht erhärtet: Lau soll zwei junge Männer für den Kampf in Syrien rekrutiert und zudem Geld und Nachtsichtgeräte beschafft haben. Es gibt ein Foto, auf dem der Deutsche mit fünf anderen jungen Männern in Syrien auf einem Panzer posiert, eine Kalaschnikow über der Schulter.

Die Sicherheitsauflagen für den Prozess umfassen mehr als zehn Seiten. Bis zum Sitzungsbeginn ist Lau in einer Verwahrzelle untergebracht und wird während der Verhandlung von mindestens zwei Beamten bewacht. Das Verfahren soll viele Monate dauern. Monate, in denen es auch darum geht, wofür dieser Mann steht, der nach Pierre Vogel als die Nummer zwei unter den deutschen Salafisten-Predigern gilt.

In Mönchengladbach fand Sven Lau zum Islam

"Rumms" habe es gemacht, sagt Lau über die Zeit, in der er den Islam für sich entdeckte. Die Geschichte ist schön, und er erzählt sie gern - vor allem jenen, die noch nicht zu seiner Religion gefunden haben. Lau sagt, er sei damals 18 gewesen und Azubi zum Industriemechaniker in Mönchengladbach. Der Chef ein Choleriker. Einer, der sich Auszubildende rauspickte und dann "so richtig abging". Lau selbst sei von einem Maschinenmeister eingearbeitet worden, einem Türken und Muslim. Der habe "diesen aufrechten Gang" gehabt. Manchmal habe er seinem Lehrling sogar einen Kaffee mitgebracht, "obwohl er über mir stand". Und wenn Lau einen Fehler machte, habe der Meister gesagt: "Dann habe ich es dir nicht gut genug erklärt." Das sei er nicht gewohnt gewesen, sagt Lau. "Es hieß immer, du bist zu nichts zu gebrauchen." Er habe den Meister irgendwann gefragt, warum er immer lächle, nie ungerecht werde. Und der habe geantwortet, dass das Leben auf der Erde nur eine Prüfung sei. "Ein schöner Gedanke war das", sagt Lau.

Vor der Begegnung mit dem Meister war er Klassenclown und Fußballnarr. Partys, Ausgehen, Mädchen, das habe ihm Spaß gemacht. Oft sei er ins "Oberbayern" gegangen, einen Mönchengladbacher "Prollschuppen". Am nächsten Tag der Kater, die Leere. "Ich hab mich gefragt, wo ist der Sinn? Arbeiten gehen, feiern, Kinder kriegen, alt werden, sterben. Das soll es gewesen sein?" Sven Lau konvertierte in der Moschee, in der auch sein Maschinenmeister betete. Ein junger Mann war auf der Suche nach einer Mission fündig geworden und nahm die Sache des Propheten ernster als viele, die mit ihr groß geworden waren.

Schnell - manch einer der älteren Glaubensbrüder fand, übereifrig - holte er auf, was ihm nicht in die Wiege gelegt war. Er heiratete, gründete eine Familie, nannte sich von nun an Abu Adam und wurde nach seiner Ausbildung Brandmeister bei der Berufsfeuerwehr. Vor allem aber lernte er Suren auswendig, verschlang Bücher über den vermeintlich wahren Islam. Den Islam, der den Koran wörtlich nimmt, der vorschreibt, zu leben wie der Prophet Mohammed im siebten Jahrhundert. Bald wussten Lau und ein paar andere junge Männer in der Mönchengladbacher Moschee alles besser, wussten, dass die alten Muslime, die Vermufften, Verschlafenen, den Islam nicht richtig lebten. Es gab Streit. Lau und die anderen wurden aus der Moschee geworfen. Sie gründeten eine eigene, in einer alten Kfz-Werkstatt. Das war 2006.

Er hat den Islam vorbildlich  gelebt

Religion kann Sinn stiften, Orientierung geben, das Leben einfach machen. Die Welt, in die Lau eintauchte, hatte klare Regeln: Alles, was Allah vorgibt, ist richtig. Keine Drogen, keine Hollywoodfilme, keine Treffen mit Frauen, keine Selbstbefriedigung, keine Musik. Die Scharia ist Gottes Gesetz. Bei Lau gehören auch Steinigungen dazu. Die Frage ist nicht, ob etwas für gut oder schlecht befunden wird. Allah hat die Gesetze so herabgesandt. Infragestellen ist niemals angebracht. Die das bezweifeln sind Abtrünnige, Heuchler, Feinde. Wer aber den rechten Weg geht, erfährt die Wärme der Gemeinschaft der Muslime, der Umma. Er steht auf der richtigen Seite; gehört dazu.

Seinen Anhängern galt Lau als einer, der den Islam vorbildlich lebt. Der besonders viele Suren zitieren kann, der besonders aggressiv missioniert und klare Worte findet. "Ein Kafir (Ungläubiger) ist ein Höllenbewohner", rief er in einer Predigt zum Thema "Islam ist keine Demokratie". Und noch ein wenig lauter: "Handabhacken ist Religion, wird immer bestehen, inschallah." Jahre später sagte er im Wuppertaler "Subway": "Wären wir nur liebe Prediger, die ein bisschen 'rumbeten' würden, hätte uns keiner auf dem Schirm. Radikalität zieht nun mal an."

2011 dann der Bruch. Sven Lau war zu einem Star in der Salafistenszene avanciert, galt als eine Art kleiner Bruder von Pierre Vogel, dem ruppigen rotbärtigen Prediger aus dem Rheinland. Zahlreiche junge Männer waren auf Kundgebungen von Vogel und Lau konvertiert. Hatten auf der Bühne das Glaubensbekenntnis gesprochen. Die Hinterhofmoschee in Mönchengladbach war zu einem deutschlandweit bekannten Treffpunkt von Salafisten geworden. Ab und zu beteten sie in größeren Gruppen mitten in der Innenstadt. Aber als Lau, Vogel und andere auch noch eine Islamschule eröffnen wollten, gab es in Mönchengladbach Proteste. Die Moschee musste geschlossen werden. Und während die meisten anderen Salafisten in der Stadt blieben, ging Sven Lau auf Reisen. Es begann die Phase seines Lebens, die ab dieser Woche die Richter des Düsseldorfer Oberlandesgerichts beschäftigt.

Helfen, aber nicht selbst kämpfen

Bis dahin galt Lau als ein Mann der Da'wa, der radikalen Missionierung, als geistiger Brandstifter. Er hatte die Scharia propagiert. Zur Umkehr aufgerufen. Nun begab er sich in eine Gegend der Welt, die sich im Umbruch befand. Es war die Zeit des arabischen Frühlings, in Syrien hatte der Bürgerkrieg begonnen. Für radikale Muslime, die mehr als Da'wa wollten, entstand ein neues Ziel. 2012 und 2013 war Lau mehrere Male in Ägypten. Zeitweise soll er in Alexandria an einem "Easy Language Center", einer streng religiösen Sprachschule, gearbeitet haben. Ein Journalist fragte ihn in Ägypten, ob er die Glaubensbrüder verstehe, die in den Dschihad ziehen. Lau antwortete dem "Spiegel"-Mann, dass er nicht für den Kampf aus gebildet sei. Er habe aber das Bedürfnis zu helfen, schicke Geld und Medikamente.

Lau folgten einige Glaubensbruder aus Mönchengladbach. Einer von ihnen war Konrad Schmitz, genannt Konny. Ein Konvertit, einer von Laus Anhängern, die den "wahren Islam" in Deutschland nicht immer richtig durchgehalten hatten, so wie Lau. Konny, ein Kiffer. Sowohl Lau als auch Schmitz lernten in Ägypten neue "Brüder" kennen. Viele von ihnen Europäer, Strenggläubige, die dort Arabisch studieren wollten. Doch die salafistischen Konvertitencliquen waren selbst unter dem Muslimbruder Mohammed Mursi nicht gern gesehen. Es hieß, in den Sprachschulen werde radikalisiert. Im Frühsommer 2013 erteilte Ägypten Lau ein Einreiseverbot. Er blieb erst einmal in Deutschland, engagierte sich aber über die Grenzen hinaus. Mit einem Verein namens "Helfen in Not" schaffte er Kleidung, Windeln und Milchpulver nach Syrien. Und gemeinsam mit Pierre Vogel organisierte er für den Sommer eine Pilgerfahrt nach Mekka, eine Umra, "für die Muslime in Deutschland".

Konny Schmitz muss schon früher aus Ägypten ausgereist sein. Er ging nicht nach Deutschland, sondern nach Syrien, in den Kampf. Aus Konny Schmitz wurde Abu Muhammad al-Almani, Gotteskrieger und Leiter einer deutschen Einheit bei einer Gruppe namens "Dschaisch al-Muhadschirin wal-Ansar", kurz Jamwa. Sie stand unter dem Befehl von Abu Umar al-Schischani, einem rotbärtigen "Tschetschenen", der eigentlich aus Georgien stammt und später als äußerst brutaler IS-Führer bekannt wurde.

Terror-Experte

Hat er auch junge Männer rekrutiert?

Im Oktober 2013 soll das Foto entstanden sein, das Lau auf einem Panzer zeigt, in Syrien, Haritan, nahe Aleppo. Er habe Konny Schmitz "nur besucht", gibt er an. Bei diesem Besuch aber sollen auch 250 Euro an Jamwa übergeben worden sein. Und die Nachtsichtgeräte sollen dann auch gleich bei ihm in Auftrag gegeben worden sein, die Lau - zurück in Deutschland - im Wert von 1440 Euro bestellen  - und über die Grenze bringen sollte. Entweder mit Hilfe eines Hilfskonvois der Organisation "Helfen in Not" – oder im eigenen Gepäck, wird ihm vorgeworfen.

Noch weitaus schwerwiegender dürfte der Vorwurf sein, zwei Männer für "Konny", und damit für Jamwa, rekrutiert zu haben - und zwar während der Mekka-Reise, die er Anfang August zusammen mit Vogel für "Labaik-Travel" organisiert hatte. Eine "Spezial-Ramadan-Umra mit Pierre Vogel" und eine "Profi Umra mit Sven Lau" waren im Internet angeboten worden. Zu den jungen Männern, die sich darauf einließen, gehörte Ismail I. Die Bundesanwaltschaft geht davon aus, dass Sven Lau I. auf der Reise entscheidend beeinflusst hat. Direkt nach der Pilgerfahrt müssen I. und Lau wieder Kontakt gehabt haben. Es gibt Chats, SMS. Sogar ein Abschiedsfest für Ismail I. soll Lau mitveranstaltet haben. Der Stuttgarter ging von Mönchengladbach aus über das anatolische Gaziantep nach Syrien, nur kurz nach der Umra, noch im August. 100 Euro soll Lau I. zugesteckt haben, "nicht für dich, für die Sache".

Der zweite Mann, den Lau laut Bundesanwaltschaft in Mekka rekrutiert hat, ist Zouneir L. aus Mönchengladbach. Zouneir L. folgte I. im September nach Syrien. Irgendjemand muss ihm, ebenso wie I., eine "Empfehlung" mitgegeben haben, eine Bestätigung, dass man ihn in der Szene kannte. Und irgendjemand muss beiden auch die Telefonnummer des berühmten IS-Grenzmanns Abu Mohammed gegeben haben, der in fast jedem deutschen IS-Prozess als Schleuser auftaucht. Bei Sven Laus Besuch im Herbst in Haritan sollte er Zouneir L. schon wieder mit nach Deutschland nehmen. L. hatte wohl nicht in die Kämpfertruppe gepasst. Es gibt zu diesen Vorwürfen Zeugenaussagen und Chats - wohl auch die zwischen Konny Schmitz und Lau.

Salafisten werben bei Facebook mit blutverschmierten Babys

Lau verlegte seine Aktivitäten in Deutschland nach Wuppertal. Das war im Sommer 2014, als er gerade aus der U-Haft kam. Die Glaubensbrüder hatten ihn jubelnd in Empfang genommen. Wieder eine Moschee in einem schäbigen Hinterhof mit Räumen im Obergeschoss. Sie wurde zur Anlaufstelle für Salafisten im Düsseldorfer Raum. Von hier aus zogen sie schon bald als "Shariah Police" durch die Innenstädte. Die Salafisten machten weiter Da'wa. Warben für ihre Sache bei Twitter, Youtube, Facebook. Posteten Bilder von blutverschmierten Babys, die vom Assad-Regime umgebracht worden waren. Aber auch Fotos von Wasserfällen und Berggipfeln - "das kann kein Zufall sein, Allah hat diese Pracht erschaffen".

Viele Anhänger, aber auch Politiker und Experten warfen Lau und Vogel vor, sich nicht klar zum IS zu positionieren. Erst nach den Pariser Anschlägen im November 2015 brach Vogel das Schweigen. In einem Video verurteilte er den Terror, sprach von Amokläufern des IS. Lau kam bald darauf in U-Haft, aber auch die Administratoren seiner Facebook-Seite nennen den IS inzwischen den "Idiotischen Staat".

Nun wird es darum gehen, wie viel Unterstützung für den Dschihad man einem Mann beweisen kann, der beharrlich behauptet hat, ausschließlich Da'wa zu machen. Es wird auch um diffizile zeitliche Einordnungen gehen. Etwa darum, ob Jamwa im Oktober 2013 schon dem IS zugeordnet werden kann. Außer Frage steht, dass Sven Lau mit seinen Videos und Predigten dazu beigetragen hat, junge Männer zu Terroristen zu machen. Einer von ihnen heißt Konny Schmitz. Er kämpft bis heute unter dem Namen Abu Muhammad al-Almani in Syrien.