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TV-Kritik

"Anne Will": Realpolitik schlägt Humanität – ein Abend der Ausflüchte

Ein ernüchterndes Fazit bei "Anne Will": Die Türkei, die USA und Europa sind am Ende alle voneinander abhängig. Auf der Strecke bleibt die Zivilbevölkerung.

Von Andrea Zschocher

Gäste bei "Anne Will"

Zu Gast bei "Anne Will" (Mitte): CDU-Mann Norbert Röttgen, Linken-Politikerin Sevim Dağdelen, Ben Hodges, ehemaliger Kommandeur der US-Armee in Europa,  

Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Studios in Teheran, Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz (v.l.)


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Bei "Anne Will" gab es einen kleinen Einblick in die Welt der Politik. Denn am Ende, da zählen vielleicht die realpolitischen Interessen und die Suche nach Verbündeten mehr als humanitäre Hilfe. Natürlich müsse man den Kurden in der Region Hilfe zukommen lassen, aber wenn man das "traurige Schicksal der Kurden", so mal außer Acht lässt, dann muss es Europa vor allem darum gehen, strategisch zu operieren. Um eben nicht, wie Will es formulierte, zuzuschauen, wie der türkische Präsident Syrien weiter bombardiert. "Erdoğans Siegeszug – schaut Europa weiter hilflos zu?", war die Fragestellung des Abends. Eine Antwort darauf gab es nicht. Nur viele Ausflüchte, wer denn warum woran Schuld sei.

Zu Gast bei "Anne Will" waren:

  • Sevim Dağdelen (Die Linke), Stellvertretende Fraktionsvorsitzende im Bundestag
  • Natalie Amiri, Leiterin des ARD-Studios in Teheran
  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag
  • Ben Hodges, Generalleutnant a.D., ehemaliger Kommandeur der US-Armee in Europa
  • Wolfgang Ischinger, Vorsitzender der Münchner Sicherheitskonferenz
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Dass die Forderungen, die die USA an die Türkei stellen, "politisch, moralisch und völkerrechtlich einen Tiefpunkt" darstellen, wie Norbert Röttgen erklärte, darüber herrschte unter den Gästen Einigkeit. Er echauffierte sich darüber, dass das türkische Narrativ der "Operation Friedensquelle" übernommen wurde, dass die USA mit ihrem Papier der Türkei die Legitimation für die Angriffe auf die Kurden gleich frei Haus mitlieferten. Das sei falsch. Allerdings sei da ein "Zipfelchen Hoffnung", wie der Politiker mehrfach betonte. Aber, von Will später darauf angesprochen, wie es in der Region im worst case weitergehen könnte, gab Röttgen nur zu Protokoll, dass die Moderatorin mal nicht so fatalistisch sein möge. Sonst würde sich das alles ja nicht lohnen, irgendwo sei noch Hoffnung für politische Maßnahmen. Denn die Türkei ist nach wie vor ein wichtiger strategischer Partner für Europa, mit dem größten Militäraufgebot in der Region und ja, natürlich auch, weil das Land so viele Geflüchtete aufgenommen hätte. Erdogans Drohung, die Geflüchteten nicht länger zu beherbergen, sollte Europa nicht fürchten. Deutschland sei nicht erpressbar und müsse auch weiterhin kritisieren, wenn die Türkei Menschenrechtsverletzungen begeht. "Wir müssen", mahnte Röttgen, "zu unseren Interessen stehen und abstrafen, was völkerrechtlich schwierig ist."

Weitere Themenpunkte:

  • Deutschland ist der weltweit wichtigste Partner der USA, so Ben Hodges. Es war seiner Meinung nach ein Fehler, dass der Vizepräsident der USA allein mit Erdogan gesprochen hat und nicht gemeinsam mit Alliierten das Gespräch suchte.
  • Die USA stehen nicht hinter der Entscheidung ihres Präsidenten.
  • Deutschland war zu lange untätig, Ischinger glaubt, dass "wir mit dem Massenmörder [Assad] leben müssen".
  • Russland möchte dauerhaft nicht als Vermittler zwischen Assad und Erdogan auftreten, glaubt der Vorsitzende der Münchner Sicherheitskonferenz.

Die humanitäre Hilfe, die müsse jetzt in die Region geschickt werden. Aber davon abgesehen stünden strategische Entscheidungen im Vordergrund. Denn die Türkei ist ein Nato-Partner, der nicht ausgeschlossen werden kann. Ein Abend, der mehr Fragen aufwirft, als Antworten zu liefern oder auch nur Perspektiven aufzuzeigen.