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Wahlkampf: Vogel springt für Althaus ein

Zwölf Tage nach seinem Skiunfall ist Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus noch nicht vernehmungsfähig. Er leidet unter Gedächtnislücken. In Thüringen beginnt derweil die Diskussion um die politischen Folgen des Unglücks. Für den Wahlkampf hat die CDU schon Ersatz gefunden.

Von Sebastian Christ und Hans Peter Schütz

Nachrichten von Dieter Althaus' Krankenbett drehen sich in diesen Tagen eher um die kleinen Dinge des Lebens. Heute zum Beispiel: Herr Althaus könne schon wieder allein aus dem Bett steigen, teilte ein Arzt mit. Sogar auf einem Heimtrainer habe er schon gesessen. Sein Heilungsprozess macht langsam Fortschritte. Doch immer noch leidet er unter einem unfallbedingten "Durchgangssyndrom", das zeitlich und örtlich begrenzte Gedächtnisverluste zur Folge hat. Thüringens Ministerpräsident kann sich nicht an den Unfall erinnern. Vernehmungsfähig ist er "bis auf Weiteres" nicht, wie es heute im Universitätsklinikum Jena hieß, wo Althaus seit Freitag behandelt wird. Klartext: Wann Althaus zum Unfallhergang Stellung nehmen kann, ist ungewiss. Und zu seinem Unglück wird die Schwere seiner Verletzung langsam zum Politikum - obwohl nur Althaus' Familie und die Ärzte wissen, wie groß die Behandlungsfortschritte wirklich sind.

Diskret, aber intensiv wird mittlerweile die Frage in der politischen Szene Thüringens diskutiert, wie weit der Skiunfall von Althaus zum Wahlkampfthema wird. Bislang lässt die thüringische CDU nicht erkennen, dass sie nicht an ihrem Spitzenkandidaten für die Landtagswahl am 30. August festhält. Der CDU-Fraktionschef im Landtag, Mike Mohring, geht davon aus, dass der Unfall von der Konkurrenz nicht politisch thematisiert wird. "Das wäre unanständig." Vom SPD-Spitzenkandidaten Christoph Matschie befürchtet die CDU nicht, dass er sich traut, Althaus auf dieser Basis zu attackieren. Er hat sich öffentlich bisher nur mit Beileidsbekundungen für die getötete Frau und Gesundungswünschen für Althaus geäußert.

Die Linkspartei hat sich immerhin schon indirekt des Themas angenommen. Ihr Spitzenkandidat Bodo Ramelow sagt: "Mein Thema ist eine total abgewirtschaftete Landesregierung, eine Landespolitik, die voll auf die Person Dieter Althaus zugeschnitten ist. Das hat mit dem Unfall nichts zu tun und diese Kritik werde ich mir wegen des Unfalls auch nicht verkneifen." Der Unfall werde für ihn kein Wahlkampfthema werden. Aber zugleich fügte Ramelow die Bemerkung an, es gebe „einige rätselhafte Umstände“ des Skiunfalls. Dies aufzuklären müsse jedoch durch die zuständigen Behörden geschehen. Eindeutig ist, dass die Linkspartei davon ausgeht, dass Althaus noch schwer an den psychischen Folgen des Unfalls zu tragen haben dürfte.

Althaus kaum ersetzbar

An dieser Stelle könnte es durchaus ein Einfallstor für politische Attacken geben, zumindest dann, wenn die CDU die persönliche Betroffenheit des Ministerpräsidenten in ihrem Wahlkampf aktiv einsetzen sollte. Intern wird durchaus die Frage diskutiert, ob sich damit nicht die Sympathiewerte von Althaus verbessern lassen könnten.

Das größte Problem der thüringischen CDU besteht allerdings darin, dass sie bei einem Ausfall von Althaus keinen vorzeigbaren Ersatzkandidaten aufbieten könnte. Das wird auch mit Blick auf seine Stellvertreterin Birgit Diezel betont, die derzeit mehr Öffentlichkeit bekommt als jemals zuvor.

Von einer ganz schnellen Rückkehr ins politische Geschäft geht man in Erfurt nicht mehr aus. Am Wochenende könnte die Staatsanwaltschaft ihm erste Fragen zu den Geschehnissen auf der österreichischen Skipiste stellen, hieß es bisher. Man müsse dann aber mit mindestens vier Wochen rechnen, bis über einen möglichen Prozess wegen fahrlässiger Tötung in Österreich und den eventuellen Schadenersatz für die Hinterbliebenen der getöteten Frau entschieden sei. Unterm Strich wird die juristische Aufarbeitung des Unfalls wohl nicht vor Ostern abgeschlossen sein.

Bis jetzt gibt es zudem noch keine Anfrage auf Amtshilfe von den ermittelnden österreichischen Polizeibehörden. "Wir haben nichts auf dem Tisch", sagte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Mühlhausen, Dirk Germerodt. Die Staatsanwaltschaft im österreichischen Leoben werde wahrscheinlich erst das Gutachten zum Unfallhergang sowie den Genesungsprozess des Ministerpräsidenten abwarten. Die Österreicher könnten Althaus dann auch selbst vernehmen. Möglich sei auch, dass die Staatsanwaltschaft Leoben das gesamte Verfahren an Thüringen abgebe.

Thüringens CDU zieht ihren Joker

Völlig ungewiss ist darüber hinaus, wie Althaus den Vorgang innerlich selbst bewältigt, wie er die moralische Schuldfrage beantwortet und mit ihr umgehen kann. Medizinische Experten halten einen Zeitraum von mindestens einem Jahr für durchaus normal, um solche Erlebnisse zu verarbeiten.

Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen setzt die thüringische CDU jetzt ihren Alt-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel als Ersatz-Wahlhelfer ein. Er wird jeden Wahlkreis besuchen, um den Genesungsprozess von Althaus überbrücken zu helfen. Vogel, von 1992 bis 2003 Ministerpräsident des Landes, geniest immer noch hohes Ansehen. Mit ihm als Spitzenkandidat hatte die CDU mit 51 Prozent ein Ergebnis erreicht, von dem sein Nachfolger Althaus nur träumen kann.

Dass der heute 76-Jährige wieder aktiv in die Politik zurückkehrt, gilt allerdings als ausgeschlossen. In der Bildzeitung bezeichnete er diese Gedankenspiele als "Unsinn". Dennoch sei er bereit, sich im Wahlkampf stärker zu engagieren. "Ich stehe wie im Dezember schon angeboten als Ehrenvorsitzender der CDU Thüringens für Wahlkampfauftritte zur Verfügung. Und wenn es nötig wird, gilt das auch über das bislang geplante Maß hinaus, jetzt erst recht", so Vogel.

Von:

Sebastian Christ und Hans Peter Schütz