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Schlag 12, der Mittagskommentar aus Berlin: Tsipras steht das Wasser bis zum Hals

Mit lautem Getöse fordert die griechische Regierung hunderte Milliarden Reparationszahlungen von Deutschland. Ob gerechtfertigt oder nicht - es zeigt die politische Not, in der Syriza bereits steckt.

Von Lutz Kinkel

Hoffen auf den Goldregen: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras

Hoffen auf den Goldregen: Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras

Das sind Zahlen! Nicht fünf, nicht sieben, nicht zehn, sondern bis zu 332 Milliarden Euro Reparationszahlungen soll Deutschland an Griechenland zahlen. Für Morde und Verwüstungen während des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Mit diesen Mitteln würden sich die griechischen Schulden auf einen Schlag begleichen lassen. Und ein hübsches Sümmchen für ein Konjunkturprogramm wäre auch noch drin. Was für eine Aussicht! Ministerpräsident Alexis Tsipras hätte die kommenden drei Wahlen schon jetzt gewonnen.

Die deutsche Regierung jedoch blockt jede Forderung nach Reparationszahlungen rigoros ab. Das Kapitel sei juristisch und politisch abgeschlossen, sagt der Regierungssprecher. Aus dem Finanzministerium verlautet, man verhandele nicht und werde das auch in Zukunft nicht tun. Zur Begründung verweist die Regierung auf mehrere internationale Abkommen, von der Londoner Schuldenkonferenz 1953 bis zum Zwei-Plus-Vier-Vertrag 1990. Aber: Auch deutsche Historiker und Experten sagen, bei der Auslegung der Dokumente gäbe es Interpretationsspielraum. Völlig abwegig sei die griechische Position weder juristisch noch moralisch. Eindeutig ist nur das Interesse der Regierung Merkel, keinen Millimeter nachzugeben. Weil andernfalls weitere Staaten Ansprüche stellen könnten. Hitlers Wahn und der Deutschen Grausamkeit wüteten bekanntlich in ganz Europa und noch darüber hinaus.

Kanalisierte Aggressionen

Über Reparationen reden - und sie notfalls einklagen zu wollen, ist mithin das gute Recht der Griechen. Auch wenn das hier vielen nicht passt, vom Kanzleramt bis zu den Stammtischen. Das Thema allerdings jetzt so hochzujazzen, wie es die Regierung Tsipras tut, ist politischer Wahnsinn. Damit weckt sie in der griechischen Bevölkerung die völlig unrealistische Hoffnung auf eine Art Goldregen, der alsbald über das Land zieht und alle Finanzlöcher füllt. Zugleich verschärft sie die emotionale Frontstellung zu Deutschland. Das mag die Regierung Tsipras kurzfristig innenpolitisch entlasten, weil es Aggressionen kanalisiert und die bequeme These stärkt, die aktuelle griechische Misere sei allein das Resultat unmoralischer Handlungen Dritter.

Aber: Dieser emotionale Effekt wird sich schnell verbrauchen. Um die Forderungen auf Reparationszahlungen durchzusetzen, müsste die Regierung Tsipras vor dem Internationalen Gerichtshof klagen. Das Verfahren würde eine gefühlte Ewigkeit dauern, ein Erfolg wäre den Griechen alles andere als sicher. Und die Drohung, dann eben ersatzweise die Besitztümer der deutschen Regierung in Griechenland zu pfänden, ist geradezu lächerlich. Nur mal angenommen, die griechischen Behörden würden das Goethe-Institut in Athen konfiszieren - was würde es helfen? Und anders herum: wie viel würde es schaden?

Angst vor der Entzauberung

Nein, das Gebrüll der Regierung Tsipras zeigt vor allem deren Angst. Angst vor der eigenen Entzauberung. Dass es schon nach wenigen Wochen Amtszeit so kommt, ist bedauerlich.