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Rekonstruktion: Wie die Angriffe in Amberg ausgenutzt werden, um von der Auto-Attacke in Bottrop abzulenken

Vier Asylsuchende haben in Amberg auf Menschen eingeprügelt. Besonders im rechten Spektrum wird der Vorfall genutzt, um von der offenbar rassistisch motivierten Auto-Attacke eines Deutschen in Bottrop abzulenken - oder sie gar zu rechtfertigen.

Wie die Angriffe in Amberg ausgenutzt werden, um von der Auto-Attacke in Bottrop abzulenken

"Ich bin genauso entsetzt wie viele andere Amberger, die diese Nachricht heute gelesen haben", schreibt Oberbürgermeister Michael Cerny am 30. Dezember in einem Facebook-Beitrag

Vier junge Männer aus Afghanistan und dem Iran sollen den Behörden zufolge am Samstagabend in der oberpfälzischen Stadt zwölf Passanten attackiert und verletzt haben - anscheinend wahllos. Die Asylsuchenden im Alter von 17 bis 19 Jahren sitzen inzwischen in verschiedenen Gefängnissen in Untersuchungshaft, vor allem wegen des Vorwurfs der gefährlichen Körperverletzung. 

"Wir brauchen solche Gewalt in Amberg nicht und wollen sie bei uns nicht sehen", so Cerny. Aber er schreibt auch: "Es darf natürlich nicht verallgemeinert werden, in der Gänze haben diese Idioten aber auch den friedlichen und engagierten Asylbewerbern einen Bärendienst erwiesen." 

Von Amberg nach Bottrop und wieder zurück

Das (oftmals rechte) Entsetzen in der Kommentarspalte des Beitrags ist groß. Über die Tat, aber auch über die Worte von Michael Cerny. "Es reicht! Die Zahl der Probleme ist bei den eingewanderten Kulturkreisen ungewöhnlich hoch!", schreibt ein Nutzer. "Schade, dass es nie Leute wie Sie trifft, Herr Cerny. Es wäre mir eine Ehre gewesen, Sie von den selben drei verprügelt am Boden zu sehen", ein anderer. Ein weiterer Nutzer fragt: "Vielleicht müssen wir mal den Herrn Cerny richtig durchlatten?" 

Bislang wurde das Facebook-Posting von Michael Cerny knapp 500 Mal kommentiert und 75 Mal geteilt. Das war vielleicht zu erwarten. Aber "auch sehr grenzwertig", wie Cerny später in einem Interview sagt.

Was nicht unbedingt erwarten werden muss, weil kein Zusammenhang besteht, ist, dass die Vorfälle in Amberg nun mit denen aus Bottrop in Verbindung gebracht werden. Dort ist ein 50-Jähriger Deutscher in der Silvesternacht mehrfach in Menschenansammlungen gefahren. Sein mutmaßliches Motiv: Rassismus. Er hat acht Menschen verletzt, allesamt mit ausländischen Wurzeln.

Wie die Angriffe in Amberg ausgenutzt werden, um von der Auto-Attacke in Bottrop abzulenken

"Wo sind die wiederholten Berichte über Amberg??"

In den Kommentarspalten zu Medienberichten über den Vorfall, auch des stern, sind seitdem solche Sätze zu lesen: "Wo sind die wiederholten Berichte über Amberg?? (...) Was ist mit der Prügeltour der Ausländer in Amberg, warum liest man davon nur kurz???", fragt ein Nutzer. "Klare Absicht in Amberg, wird totgeschwiegen.", meint auch ein anderer Nutzer. Obwohl über die Vorfälle in Amberg ausführlich berichtet wird. 

Viele dieser Kommentatoren weisen Gemeinsamkeiten auf: Sie haben wenig bis keine Freunde, haben ihre Profile teilweise seit Jahren nicht aktualisiert - oder sie versehen rechte Blogs und rechtsextreme Seiten mit "Gefällt mir"-Angaben und teilen diese in ihrer Timeline. Als würden sie nur auf den Plan treten, um rechtes Gedankengut zu verbreiten. Oder von diesem, wie offenbar bei der Amokfahrt von Bottrop, abzulenken.

Einer von ihnen ist ein "Rechtsfluencer", wie "BuzzFeed" ihn nennt. Der "Patriot & Blogger", wie er sich selbst auf seiner Webseite beschreibt, macht oft übertriebene Postings zu Ausländerkriminaltität. Auch zu Amberg hat er ein langes Facebook-Posting verfasst. Dieser Beitrag wurde mittlerweile knapp 7100 Mal geteilt und über 2000 Mal kommentiert.

Zu der offenbar rassistisch motivierten Amokfahrt in Bottrop schreibt der "Rechtsfluencer": nichts.

Hochladen, kommentieren und teilen für die vermeintliche Deutungshoheit

Natürlich sind nicht alle Kommentare zu den Vorfällen in Amberg und Bottrop per se rechtsextrem. Viele weisen darauf hin, dass die Tat in Amberg in jeder Stadt passieren könnte und das "nicht unbedingt Ausländer sein" müssen. Eine Antwort - etwa: "irrelevant. Zumindest in diesem Fall." - folgt allerdings prompt.

Auch bei Youtube versuchen zahlreiche Nutzer, offenbar vorwiegend aus dem rechten Lager, die Deutungshoheit zu gewinnen. Wer "Amberg" in die Suchmaske eingibt, bekommt überwiegend Videotitel ausgespuckt, die in eine Kerbe schlagen: "Amberg - Vor Flüchtlingen flüchten!" oder "Hetzjagd auf deutsche in Amberg".

Wer hingegen "Bottrop" sucht, findet Videotitel wie diese: "Bottrop Amokfahrt Medien belügen und Verarschen uns! Beweis! (Teilen)" oder "Bottrop und Essen - Innenminister Herbert Reul verhöhnt Deutsche".

Die rechten Trolle im Netz sind laut und zahlreich - so zumindest der Eindruck, wenn Beiträge tausendfach geteilt und kommentiert werden. Haften bleiben soll dabei offenbar, dass eine angebliche Mehrheit diese Überzeugungen teilt. Wie gezielt dabei vorgegangen wird, zeigt etwa die rechtsradikale Troll-Armee "Reconquista Germanica", die gezielt Hass-Attacken auf einzelne Personen und Internetseiten organisiert hat.

All das, in Summe, führt offenbar auch zu Kommentaren, wie diesen: "Der wollte den Spieß mal umdrehen", schreibt ein Nutzer auf Facebook. Gemeint ist der Amokfahrer von Bottrop, der acht Menschen verletzt hat, allesamt mit ausländischen Wurzeln.