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Zwischenruf: Das Erbe der Deutschen

Ein Geschichtsarchiv des deutschen Volkes sollte das vergangene Jahrhundert festhalten - in den Erinnerungen von Zeitzeugen. Nach Steven Spielbergs Modell. Aus stern Nr. 31/2006

Geschichte lebt durch Menschen, ihre Erinnerungen und Erzählungen. Der ehemalige Regierungssprecher Uwe-Karsten Heye hat seine Familiengeschichte in einem Buch festgehalten ("Vom Glück nur ein Schatten"), bevor sie in Vergessenheit geraten konnte. Der Vater war als Soldat im Zweiten Weltkrieg desertiert, dann in ein Strafbataillon an der Ostfront gepresst worden und, so glaubte seine Frau, Heyes Mutter, gefallen. Doch er hatte überlebt, suchte seine Familie nach dem Krieg und fand die Namen auf der Passagierliste des in der Ostsee versenkten Flüchtlingsschiffs "Wilhelm Gustloff", glaubte sie also umgekehrt tot. Erst 1963, fast zwei Jahrzehnte später, findet sich die zerbrochene Familie durch Zufall wieder, eine unvergessliche Begegnung. Heye ist Journalist, Buchautor, Profi also - er kann dieses Sandkorn der deutschen Geschichte vor Verwehung bewahren. Auch andere Autoren geben auf diese Weise ihre Familiengeschichte weiter: unlängst etwa Wibke Bruhns, demnächst Friedrich Christian Delius. Wer keine Feder oder Stimme hat, dessen Erinnerungen versinken indes - unrettbar. Verloren für die Geschichtsschreibung, für die Nachgeborenen.

In Deutschland könnte in diesen Jahren so viel an persönlich erfahrener Geschichte gerettet werden wie noch nie zuvor. Es leben sogar noch Menschen, die Kindheitserinnerungen an die Jahre des Ersten Weltkriegs haben - oder sich an Erzählungen und Schicksale von Verwandten erinnern. Zur selben Zeit, miteinander, nebeneinander leben Generationen, die das Ende des Kaiserreichs und die Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg, Flucht und Vertreibung, Kriegsende und deutsche Teilung, Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik, kapitalistische Restauration und sozialistisches Experiment, Kalten Krieg und friedliche Revolution, Fall der Mauer und Wiedervereinigung erlebt haben. Herrscher und Beherrschte, Ausbeuter und Ausgebeutete, Treiber und Getriebene, Opfer und Täter, Revolutionäre und Büttel, Helden und Versager, Idealisten und Verirrte - oder einfach nur Mitgerissene, Ausgelieferte, Fortgespülte. In den Geschichtsbüchern sind alle Perioden analysiert, gewogen und vermessen. Doch solche Geschichtsvermittlung bleibt, bei allem didaktischen Aufwand, abstrakt und distanziert. Zeitzeugen faszinieren. Sie tragen Geschichte in ihren Schicksalen.

Diese Erfahrungen können konserviert werden. Der amerikanische Filmregisseur Steven Spielberg hat dafür ein Beispiel gegeben. Als sein Werk "Schindlers Liste" - die Geschichte eines deutschen Kleinunternehmers, der im Zweiten Weltkrieg Juden in seinen Fabrikhallen beschäftigte und damit vor der Ermordung durch die Nazis rettete - zum Welterfolg geworden war, gründete er 1994 die Shoah Foundation, um die Erinnerungen von Juden aufzuzeichnen, die den Massenmord überlebt hatten. Mehr als 50 000 Interviews wurden in dem Video-Archiv der Stiftung zusammengetragen, digitalisiert und geordnet, nach Stichworten abrufbar. In 56 Ländern und 32 Sprachen wurden die Botschaften aufgezeichnet. Ein einzigartiges, ewig lebendiges Geschichtsarchiv, das den wissenschaftlich vielfach erforschten Holocaust erst menschlich erfahrbar macht. Eine Brücke über alle Generationen hinweg.

Nach diesem Modell kann ein Geschichtsarchiv des deutschen Volkes entstehen. Eine Stiftung, die Erinnerungen von Zeitzeugen, nach Epochen klassifiziert, in Interviewform aufzeichnet und via Internet für Museen, Schulen und Universitäten abrufbar hält. Weltweit übrigens. Die Technik des digitalen Zeitalters bietet dafür die Chance - bei überschaubarer Organisation und zu vertretbaren Kosten. Die Taubheit der Deutschen, die klamme Befangenheit ihrer jüngeren Geschichte gegenüber ist längst gewichen. Die jungen Generationen wenden sich ihr mit Neugier und Engagement zu. Und viele Ältere suchen Gehör. Das Deutsche Geschichtsarchiv gehört in die Hauptstadt, nach Berlin, wo es eine einzigartige Geschichtslandschaft vollenden würde. Es könnte übrigens das umstrittene Zentrum für Vertreibung überflüssig machen, da es die Berichte von Vertriebenen einbetten würde in den Fluss deutscher Geschichte, verknüpft mit Ursachen und Wirkungen. Damit wäre die Erinnerung an die Vertreibung befreit vom Verdacht aggressiver, revanchistischer Absichten gegen die östlichen Nachbarn.

Wer wagt die Initiative, wer trägt die Verantwortung, wer mobilisiert das Geld? Vielleicht ein Netzwerk vorhandener Stiftungen, die sich zusammenschließen und den wissenschaftlich-technischen Apparat schaffen - offen für Sponsoren, Universitäten und Institute. Seinen Platz könnte dieses Geschichtsarchiv des deutschen Volkes im historischen Stadtschloss finden, das anstelle des Palastes der Republik mitten in Berlin neu entstehen soll. Es wäre Sinnstiftung für eine leere Kulisse.

Hans-Ulrich Jörges / print