Zwischenruf Der Bote aus dem Kaiserreich


Fedor Radmann, engster Weggefährte Franz Beckenbauers, war der geheimnisvolle Emissär, der Edmund Stoiber zur Koalition mit Gerhard Schröder verlocken sollte. Aus stern Nr. 50/2006

Ja", sagt Franz Beckenbauer vorsichtig, "da war mal was." Und legt seine Stirn freundlich in Falten. Aber mehr will ihm nicht einfallen, als ich ihm auf die Sprünge zu helfen ver-suche und eingehender nach einer bizarren politischen Mission seines engsten Weggefährten frage. Nein, davon habe er damals nichts gewusst, schiebt der "Kaiser" nach. Und wird einsilbig, am Donnerstag vergangener Woche, am Rande der "Bambi"-Verleihung in Stuttgart. Und zwei Tage später, am Samstag, exakt mit Ablauf der Frist, die ich ihm gesetzt hatte, antwortet dann auch der Missionar selbst, der gerade in Olympia-Angelegenheiten im fernen Doha unterwegs ist, per E-Mail auf meine Fragen: "Ich habe nicht die Absicht, meine persönlichen langjährigen Kontakte und Gespräche mit dem früheren Bundeskanzler Gerhard Schröder, dem früheren Innenminister Otto Schily und dem Ministerpräsidenten Dr. Edmund Stoiber näher zu kommentieren. Ich habe im Zusammenhang mit der Organisation der Fußball-WM in Deutschland mit einer Reihe von verantwortlichen Politikern aus Bund, Ländern und Städten viele Gespräche geführt." Zu meinen Fragen aber werde er "keinen Beitrag leisten". Dafür bitte er um Verständnis. Immerhin: Das ist alles andere als ein Dementi.

Das wäre auch zu gewagt. Denn zwei exzellent informierte, hochrangige Gesprächspartner, die nichts miteinander zu tun haben, bestätigen mir: Der Mann, der nach der Bundestagswahl 2005 beim CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber in München vorsprach und ihm vorschlug, "als erster Mann der Union" in eine Große Koalition unter Führung Gerhard Schröders einzutreten - die CDU solle sich anstelle von Angela Merkel einen neuen Vorsitzenden wählen -, dieser geheimnisvolle Emissär aus Berlin war Fedor Radmann, 62, die wohl schillerndste und einflussreichste Figur der deutschen Sportdiplomatie. Jener Mann also, der Stoiber drei Tage nach der Wahl für einen Putsch gegen die spätere Kanzlerin zu gewinnen versuchte, aber in München auf Ablehnung stieß (siehe stern Nr. 47 "Geheim-Operation Stoiber" und Nr. 48 "Politische Spurensicherung"). Denn Angela Merkel saß nach ihrem katastrophal schlechten Wahlergebnis schon wieder fest im Sattel, am Tag vor der geheimen Mission war sie in der Hauptstadt demonstrativ zur Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU gewählt worden. Wichtige Ministerpräsidenten wie der Hesse Roland Koch stärkten ihr den Rücken, und die CDU wäre dem bayerischen Ministerpräsidenten bei einem unionsinternen Umsturzversuch gewiss nicht gefolgt. Ihm, der den Wahlkampf durch Angriffe auf die Ostdeutschen mit versiebt hatte, gewiss nicht - und zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr. Hinzu kam wohl: Der Sendbote aus dem Kaiserreich war einfach zu unpolitisch für eine so brisante Operation. Doch in der Münchner Staatskanzlei mag man dazu nicht Stellung nehmen - nicht ums Vertun. "Zu Namensspekulationen sage ich gar nichts", antwortet Martin Neumeyer, engster Vertrauter Stoibers, auf den Vorhalt, Radmann sei es gewesen. Ein Dementi, immerhin, ist auch das nicht.

Schon zu Beginn meiner Recherchen über den Putschplan, den Gerhard Schröder ebenso pauschal bestritt wie die Entsendung eines Emissärs zu Stoiber, war mir aus dem engsten Umfeld Stoibers bedeutet worden, der Sendbote stamme nicht aus der Politik, und er stehe auch in Verbindung zu dem Mann, über den Gerhard Schröder in einem Interview des Magazins "Cicero" sagt: "In der Politik glaube ich einen Freund gewonnen zu haben - durch die politische Arbeit -, das ist mein früherer Innenminister Otto Schily, zu dem ich eine Beziehung pflege, die intensiver ist als eine nur politische." Mit anderen Worten: Schröder und Schily waren und sind so eng miteinander, dass es enger kaum geht.

Und Radmann passt exakt in die Schnittfläche zwischen Schröder, Schily und Stoiber. Der Fußball, genauer gesagt: der "Kaiser", brachte sie zusammen. Der Mann mit dem robusten Selbstbewusstsein, den silbernen Haaren und ebensolchem Bärtchen, der Elefanten auf der Krawatte so liebt wie Wagner-Opern, Träger des Bayerischen Verdienstordens, ist "Beckenbauers verlängerter Arm, sein Kopf, sein Aktenkoffer", urteilte das Magazin "Park Avenue". Die "Welt" schrieb über ihn: "Radmann entstammt der Wiege der Wertewelt von Gefallen und Gegengefallen, von Kungelei mit maximalem Profit." Und der Berliner "Tagesspiegel" kommentierte: "Er ist der Mann hinter dem Allgegenwärtigen. Er ist selten öffentlich zu sehen, aber in den diskreten Runden von Sport und Politik sitzt er mit am Tisch, anschließend vor dem Kamin."

Radmann war Koordinator des DFB-Bewerbungskomitees für die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, er begleitete Beckenbauer auf dessen weltweiter Werbetour für die WM, er war dabei, als Deutschland im Juli 2000 in Zürich den Zuschlag erhielt und Gerhard Schröder neben Claudia Schiffer daumendrückend auf dem Podium stand, er war es, den der "Kaiser" sofort nach dem Züricher Sieg umarmte, er stellte sich danach neben Beckenbauer und Fifa-Präsident Joseph Blatter strahlend den Fotografen. Und Otto Schily, als Sportminister in Zürich natürlich dabei, gratulierte beglückt: "Das ist der verdiente Lohn für die großartige Arbeit von Franz Beckenbauer und Fedor Radmann." Als der "Kaiser" während der WM omnipräsent per Hubschrauber von Stadion zu Stadion schwebte, war stets mit an Bord: Fedor Radmann.

Heute tourt er um die Welt, um die Winterspiele 2014 nach Salzburg zu holen. Als Olympia-Botschafter hat er wen gewonnen? Richtig: Franz Beckenbauer, seinen Trauzeugen. Doch der gebürtige Berchtesgadener, der seinem Krawattenmuster symbolische Bedeutung gibt: "Ich bin der Elefant, der die Schneisen schlägt durchs Dickicht", während ihn Beckenbauer "meinen Bullen aus Berchtesgaden" nennt, hatte sich zwischendurch auch mal bedrohlich im eigenen Netzwerk von Gefallen und Gegengefallen verfangen - getreu seinem doppeldeutigen Ruf: "Pate der WM". Als Mitorganisator der Olympischen Spiele in München 1972, Kurdirektor von Berchtesgaden, Präsident des Organisationskomitees der Eishockey-WM 1993 und Marketing-Mann des Sportartikelkonzerns Adidas hatte er sich in eine so zentrale Position als Verbindungsmann zwischen Sport, Politik und Kommerz emporgearbeitet, dass ihm vor drei Jahren wegen Verdachts der Vetternwirtschaft fast die Rote Karte gezeigt worden wäre. Radmann musste teils ruhende Beraterverträge mit der Kirch-Gruppe, der die Fernsehrechte an der Fußball-WM gehörten, und dem WM-Sponsor Adidas offenlegen. Zudem wurden WM-Aufträge für Firmen bekannt, die Verbindungen zu Radmann hatten.

Die "Spinne im Netz" ("Welt am Sonntag") verlor die Position als Vizepräsident des Organisationskomitees der Fußball-WM und war fortan nur noch Kunst- und Kulturbeauftragter der Weltmeisterschaft, außerdem Berater des OK-Präsidiums. Mit Büro in München. Dass er nicht stürzte, hatte er auch Otto Schily zu verdanken, mit dem er schon im Juni 2002 neben Franz Beckenbauer eine WM-Pressekonferenz in Yokohama gegeben hatte und der ihm im September 2004 im Münchner Olympiastadion zum Geburtstag gratulierte. Denn Schily saß im Aufsichtsrat des Organisationskomitees und hielt schützend die Hand über ihn: "Herr Radmann hat große Verdienste, dass die WM-Bewerbung ein Erfolg war. Deswegen bedauere ich sehr, dass man versucht, ihn in ein schiefes Licht zu bringen. Alles, was wir an Geschäftsbeziehungen offengelegt bekamen, hat keinerlei negativen Einfluss auf die Gestaltung der Fußball-Weltmeisterschaft." Also saß Radmann - neben Beckenbauer - auch weiter im Kuratorium der PR-Initiative "Deutschland, Land der Ideen", Schily in deren Beirat. So ähnlich, wie Franz Beckenbauer als Präsident dem Fußballklub Bayern München vorsteht, während Edmund Stoiber dem Verwaltungsbeirat des Bundesligisten angehört.

Nach der Bundestagswahl 2005 erinnerte sich offenbar jemand in Berlin dieser Schaltkreise der Macht - und beschloss, sie miteinander zu verbinden. Getreu der Wertewelt von Gefallen und Gegengefallen. Radmann, der in Schönau am Königssee lebt, wurde mit politischem Auftrag zu Edmund Stoiber, seinem Landesvater, geschickt. Otto Schily freilich will damit rein gar nichts zu tun haben, ganz so wie Gerhard Schröder. Als der Ex-Innenminister am 22. November in Berlin den Politikaward für sein Lebenswerk verliehen bekam, saß ich in der ersten Reihe neben ihm und sprach ihn an: Ich hätte gehört, er kenne den Emissär, der solle aus seinem Umfeld kommen. Schily wusste sofort, wovon die Rede war, dementierte - und regte sich mächtig auf über solche Unterstellungen. Ein höchst vertrauenswürdiger Mann, der mit Radmann über dessen Mission gesprochen hat, berichtete mir indessen, Schily habe Radmann damals gesagt, er könne unter Edmund Stoiber dienen, niemals aber unter Angela Merkel. Doch das kann ja wohl nicht stimmen. Schließlich hat Schily dementiert. Oder?

Hans-Ulrich Jörges print

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