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Kubakrise: Am Rande eines Atomkriegs

Die Streitkräfte von NATO und Warschauer Pakt waren in höchster Alarmbereitschaft, die Raketen standen abschussbereit in ihren Silos, und die Besatzungen der Langstreckenbomber warteten auf ihre Einsatzbefehle.

Sie kommen aus Marokko oder Algerien, Nigeria oder Senegal. Ihr Ziel: Europa. Oft haben sie eine jahrelange Odyssee hinter sich, doch der letzte Teil der Reise ist der gefährlichste: mit überladenen Booten bei Nacht durch die Meerenge


Nie geriet der Kalte Krieg heißer als im Oktober 1962. Nie bedrohten sich die Nuklearmächte USA und Sowjetunion direkter als über Kuba. Nie zitterte die Menschheit mehr vor einem Atomkrieg: 13 Tage am Abgrund.

Am 16. Oktober belegten Aufklärungsfotos dem amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy, daß die Sowjets auf Kuba, ihrem einzigen Vorposten in der westlichen Hemisphäre, Stellungen für Mittelstreckenraketen aufbauten. Ihre Atomsprengköpfe könnten Washington in Minuten erreichen. Noch bevor die 42 S-5-Raketen einsatzbereit waren, stellte Kennedy am 22. ein Ultimatum: vollständiger Abzug oder ein Krieg, in dem 'selbst die Früchte des Sieges nur Asche in unserem Mund wären'. Über die Karibikinsel verhängte er eine Seeblockade. Der Moskauer Parteichef Nikita Chruschtschow drohte mit einem 'weltweiten nuklearen Raketenkrieg', und sein kubanischer Schützling Fidel Castro drängte ihn sogar zu einem Präventivschlag, um einer angeblichen US-Invasion zuvorzukommen.

'Es war ein Gefühl', beschrieb Präsidenten-Bruder Robert Kennedy die Lage, 'als würde uns allen die Schlinge zugezogen, der gesamten Menschheit.' Seine geheimen Kontakte mit Sowjet-Diplomaten halfen indes, die Zeitbombe zu entschärfen. Russische Schiffe mit neuen Raketen drehten im Atlantik ab. Brisant blieb es trotzdem: Als am 27. Oktober ein U-2-Spionageflugzeug der USA von den Kubanern abgeschossen wurde, sahen selbst viele der Krisenmanager den Weltuntergang vor Augen. Doch U-2-Pilot Major Rudolf Anderson blieb das einzige Opfer der Kuba-Krise. Am nächsten Tag endete die Konfrontation: Chruschtschow lenkte ein. Die Atomraketen wurden vollständig abgebaut. Im Gegenzug versprach Kennedy, Castro in Ruhe zu lassen und 30 Jupiter-Atomraketen aus der Türkei abzuziehen.

Irrtümer und Fehleinschätzungen hatten die Welt in die gefährlichste Krise der Nachkriegszeit gestürzt: Chruschtschow erwartete 'früher oder später' eine US-Invasion Kubas und glaubte, er könne den 'schwachen' Kennedy ausbluffen. Der Präsident fürchtete, die Russen wollten Amerika mit ihren Atomraketen vor seiner Haustür schachmatt setzen und dann Berlin einkassieren. Dabei wollte keiner der beiden Staatsmänner Krieg, und hätte Chruschtschow nicht klein beigegeben, wäre Kennedy auch zu weiteren Konzessionen bereit gewesen.

Aber es gab in beiden Lagern genug Scharfmacher, die den Nuklearkrieg riskieren wollten. US-Luftwaffenchef Curtis LeMay warf Kennedy vor, er habe 'die größte Niederlage unserer Geschichte hingenommen'; Castro nannte Chruschtschow ein feiges 'Arschloch'; und auch die KremlCamarilla, die den Ukrainer zwei Jahre später stürzte, beschuldigte ihn des Defätismus über Kuba. Worauf der bullige Parteichef schrie: 'Soll das heißen, wir hätten einen Weltkrieg anfangen sollen?'

Erst Jahrzehnte später gaben die Russen zu, daß sie auch neun atomare Kurzstrecken-Raketen auf Kuba hatten. Sie sollten gegen die erwarteten Invasionstruppen eingesetzt werden. Wäre das geschehen, so Kennedys Verteidigungsminister Robert McNamara 1992, hätten die USA 'zu 99 Prozent' einen nuklearen Vergeltungsschlag gegen die UdSSR ausgelöst.

Beide Supermächte zogen Lehren aus der Beinahekatastrophe: Sie schufen einen 'heißen Draht', um bei künftigen Krisen ungewollte Zuspitzungen und gefährliche Mißverständnisse vermeiden zu können. Und sie gingen zaghaft erste Schritte auf dem Weg zur nuklearen Rüstungskontrolle. Kennedy wie Chruschtschow war klargeworden, daß die Atomwaffen-Strategien der gegenseitigen Vernichtung keinen Sinn machten. Wenige Monate vor seiner Ermordung 1963 sagte Kennedy zu Studenten, es dürfe nie wieder nur die Wahl geben zwischen 'einer schmählichen Niederlage und einem nuklearen Krieg'. So entlarvte die Kuba-Krise die Sucht nach atomarer Überlegenheit, wie Rüstungsexperte John Newhouse betont, als 'die Schimäre des Atomzeitalters'. Schimäre des Atomzeitalters'.