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Der Fall Althaus: Zurück um jeden Preis

Er hat eine Frau auf der Skipiste zu Tode gefahren, wurde dafür verurteilt und ist selbst noch vom Unfall gezeichnet. Trotzdem will Thüringens Ministerpräsident Dieter Althaus wieder mit aller Macht in die Politik. Ein Wagnis.

Von Tilman Gerwien

Die Schmieder-Kliniken liegen an einem Hang oberhalb von Allensbach. Die meisten Patienten haben von ihren Zimmern einen schönen Blick auf den Bodensee und die Insel Reichenau, bei gutem Wetter schimmern am Horizont die Schneeberge der Appenzeller Alpen. Nähert man sich dem Klinikgelände, ob über die Zufahrtsstraße oder den kurvenreichen Waldweg, fallen die Schilder auf, die Foto- und Filmaufnahmen "ausdrücklich untersagen". Hier werden Hirnerkrankungen behandelt - akut nach Unfällen aufgetretene Schädigungen, aber auch Multiple Sklerose, Parkinson und Demenz. Das Motto der Klinikleitung lautet: "Nie aufgeben!"

Das gilt vor allem für den prominenten Patienten, der seit acht Wochen in einer 21 Quadratmeter großen Wohneinheit im dritten Stock lebt: Dieter Althaus will nicht aufgeben, kann nicht aufgeben. Der Ministerpräsident von Thüringen kämpft hier einen doppelten Kampf, es ist der vielleicht wichtigste Kampf seines Lebens - der um seine Gesundung und um seine Rückkehr in die Politik.

Gebannt verfolgen die Medien jedes noch so knappe ärztliche Bulletin. Umsorgt von seiner Ehefrau Katharina, die in der Klinik nicht von seiner Seite weicht, macht Althaus offenbar zügig Fortschritte. "Mein Mann hat sich sehr stabilisiert, vor allem in den letzten ein, zwei Wochen", berichtet Katharina Althaus im Interview mit dem stern (Seite 38). Er lese auch wieder, zum Beispiel das Buch "Aufbau Ost" von Claudia Rusch. Und es drängt ihn wieder nach draußen. "Wir joggen jeden Tag, circa vier Kilometer", sagt seine Frau. "Das macht er mit großer Freude."

Der tödliche Fehler

Aber gegenüber im Wald lauern die Fotografen mit ihren Teleobjektiven. Hartnäckigen Reportern wird auch schon mal Hausverbot erteilt. All das erinnert daran, dass es sich hier nicht um einen Patienten wie jeden anderen handelt.

Eine ganze Nation sitzt seit Wochen mit am Krankenbett des Rekonvaleszenten. Es war nur ein Moment der Unachtsamkeit, als sich der Ministerpräsident am sonnigen Neujahrstag beim Skilaufen in den Bergen Österreichs dazu entschied, in die falsche Piste abzubiegen, als er ein Stück bergan fuhr und mit hohem Tempo mit der 41-jährigen Beata Christandl zusammenprallte.

Es war nur ein Moment, aber in dieser einen Sekunde hat sich Dieter Althaus aus seinem Leben herausgerissen, so wie er es kannte. Längst hat sich dieser eine Moment zur Causa Althaus ausgewachsen, zum politisch-menschlichen Drama mit unheimlichen, zum Teil auch tragischen Zügen - und mit ungewissem Ausgang.

Das Drama: Ein erfolgreicher CDU-Politiker nimmt einer Frau das Leben. Er erleidet ein schweres Schädel-Hirn-Trauma, er ist so geschwächt, dass er anfangs Mühe hat, eine Tageszeitung durchzulesen. Sein Vater besucht ihn am Krankenbett - und stirbt am Tag danach. Trotz alldem versucht der Politiker, sich in sein altes Leben zurückzukämpfen. Doch er wird für immer mit der Schuld leben müssen, durch Leichtsinn einem einjährigen Jungen die Mutter genommen zu haben. Ein Gericht verurteilt ihn wegen fahrlässiger Tötung zu einer Geldstrafe von 33 300 Euro und zu 5000 Euro Schadensersatz. Er gilt jetzt als vorbestraft.

Hohes Risiko

Kann so jemand in ein paar Monaten einfach seine Amtsgeschäfte wieder aufnehmen, weiterregieren, die Karriere fortsetzen - als sei nichts gewesen? Ist das nicht eine obszöne Vorstellung?

Aber der Politiker Dieter Althaus will jetzt nicht einfach alles von sich werfen. Er will nicht, und er kann nicht. Er wird gebraucht, daheim in Thüringen sind im August Landtagswahlen, die CDU fürchtet um ihre Macht. "Ich trete an", lässt er mitteilen - hinein in immer drängender werdende Fragen und rechtzeitig vor dem Parteitag an diesem Wochenende, auf dem die Thüringer CDU ihn in Abwesenheit auf Platz eins ihrer Wahlliste setzen will. "Ich bin bereit, weitere fünf Jahre Verantwortung für den schönen und erfolgreichen Freistaat Thüringen zu übernehmen." Das abgezirkelte Statement des fernen Patienten klingt wie eine Stimme aus dem Off, sorgt aber in Erfurt für Erleichterung: "Wir haben 60 Tage ohne Nachricht von unserem Chef hinter uns."

Althaus geht ein hohes Risiko - er pokert vom Krankenbett aus auf die eigene Gesundung, und es ist gut möglich, dass es am Ende ein Wettlauf mit der Zeit wird. Er spekuliert aber auch auf das Verständnis und die moralische Nachsicht der Menschen: Es war doch nur ein Skiunfall, der jedem passieren kann, sagen sie in der Thüringer CDU. Das sieht die Bundes- CDU genauso.

Auf dem Weg der Genesung

Die behandelnden Ärzte sind zuversichtlich. "Konzentration und Reaktionsfähigkeit werden langsam, aber kontinu ierlich besser, sein Langzeitgedächtnis ist ausgezeichnet", sagt der ärztliche Leiter der Neurorehabilitation an der Schmieder-Klinik, Professor Joachim Liepert. Es sei "vorstellbar", dass Althaus bis zur Sommerpause wieder politisch tätig werden könne. Die "politische Tätigkeit" schließe aber keinen Zwölf-Stunden-Tag ein. Liepert denkt an eine Rückkehr mit "Zwischenetappen": Zwei Reden am Tag werde Althaus vom Sommer an halten können. Der Patient telefoniert jetzt wieder, auch mehrmals täglich, mit politischen Freunden aus Partei und Regierung.

Meldungen, er könne schon gleich nach Ostern wieder politisch aktiv werden, weist die Staatskanzlei jedoch zurück. "Alle stehen unter einem enormen Druck - die Ärzte, die Politiker, er selbst doch auch", sagt ein Freund, der Althaus vor Wochen besucht hat. Dem Freund kam der daniederliegende Ministerpräsident vor "wie ein Marathonläufer, der sich beide Beine gebrochen hat. Er soll in ein paar Monaten wieder einen Marathon laufen - und den, bitte schön, auch noch gewinnen".

Für die Therapie haben die Mediziner einen festen Stundenplan zusammengestellt, der täglich Ergotherapie, Physiotherapie und neuropsychologische Therapie beinhaltet. Jeden Tag muss Althaus zahlreiche Übungen absolvieren: Er sitzt dann zum Beispiel vor einem Computer und soll Zugverbindungen recherchieren. Intensiv wird auch die "geteilte Aufmerksamkeit" trainiert: Per Computeranimation fährt Althaus eine Straße entlang. Kommt ein Auto von rechts, muss er bremsen. Irgendwann darf er nur noch dann bremsen, wenn das Auto erscheint und zugleich ein bestimmtes Signal ertönt.

Die Ärzte zweifeln

Für Fachleute ist es besonders schwierig, die Langzeitfolgen eines Schädel-Hirn-Traumas abzuschätzen. "Genau lässt sich der Verlauf erst zwei Jahre nach dem Unfall beurteilen", sagt Walter Haupt, Professor für Neurologie an der Uni-Klinik Köln. Nach einer ersten Phase der Besserung könnten sich die Hirnleistungen in den Folgejahren auch wieder verschlechtern. Kleinere Studien zeigen, dass bei etwa einem Viertel der Verletzten die geistigen Funktionen auch ein bis zweieinhalb Jahre nach dem Unfall noch weiter abnehmen. Die Betroffenen können Informationen schlechter verarbeiten oder sich nur ein paar Stunden am Tag konzentrieren. Sie lernen oder erinnern sich schlechter oder haben Probleme beim Sprechen und Sehen. Auch die Persönlichkeit kann sich verändern - die Hirnverletzten sind leichter reizbar, apathisch oder depressiv.

Von Menschen mit einem mittelschweren oder schweren Schädel-Hirn-Trauma arbeitet ein Jahr nach dem Unfall nur jeder dritte. Eine aktuelle Studie zeigt, dass Ärzte erst fünf Monate nach einem Unfall genauer vorhersagen können, ob ein Erkrankter seine Arbeit wieder aufnehmen kann. Niels Birbaumer, Neurologe und Psychologe an der Universität Tübingen, hält es für "unwahrscheinlich", dass Althaus in die Politik zurückkehren kann. Das wäre ein "seltener Fall". Die positiven Einschätzungen aus Allensbach seien "mit großer Vorsicht" zu genießen: "Prognosen auf Monate sind nicht seriös." Es gebe nach einem Schädel-Hirn-Trauma auch Aussicht auf vollkommene Genesung. Aber: "Niemand ist nach einem Unfall derselbe wie vorher. Außer, er ist ein Psychopath."

Wie wird Dieter Althaus zurückkehren? "Er ist wieder der Alte", sagt Ehefrau Katharina. "Er will zu 100 Prozent in sein Amt zurück." Die beiden sehen das so, wollen es so sehen, müssen es wohl auch. Der 50 Jahre alte Althaus gehörte zur Spezies jener Hochleistungspolitiker, die ihre Taschenkärtchen mit den Terminen für ihre 16-Stunden-Tage wie kleine Trophäen mit sich führen. Kaum ein Tag verging, an dem Angela Merkels wichtigster Unionspolitiker im Osten nicht irgendwo in den Nachrichten auftauchte. Von sich selbst hat er Bilder produziert, die einen omnipotenten, allseitig belastbaren Politiker zeigen, der ständig irgendwie in Aktion zu sein scheint: Althaus mit Boxhandschuhen, Althaus auf dem Hometrainer, Althaus auf einem Mountainbike, Althaus beim Marathonlauf. Althaus auf Skiern.

Krank sein ist tabu

Politik und Krankheit - das passt so gar nicht zusammen, das geht irgendwie nicht. Willy Brandt ließ sich mit einer "Erkältung" entschuldigen, wenn er einen seiner häufig auftretenden depressiven Anfälle hatte. Der Macher Helmut Schmidt kollabierte mehrmals, blieb aber nach außen stets der Macher. Helmut Kohl schleppte sich, prostatakrank, mit einem Blasenkatheter zum CDU-Parteitag. Und Sozialdemokrat Peter Struck ließ noch Wochen nach seinem Schlaganfall die Version vom "Schwächeanfall" kursieren.

Kranke Politiker ziehen um sich eine vielfach beschwiegene und bewisperte Tabuzone, und auch im Fall Althaus mangelt es nicht an seltsamen Gesten, an Verklemmtheiten und Verdruckstheiten, die dem Ganzen eine gespenstische Aura geben. Er ist aus gesundheitlichen Gründen nicht vernehmungsfähig, aber nur 48 Stunden nach dem Gerichtsurteil erfolgt die Comeback-Ankündigung. Er verlangt Vertrauen in seinen Genesungsprozess, aber er zeigt sich der Öffentlichkeit nicht - sondern ist über Wochen der große Abwesende vom Bodensee. Gefühle von Pietät und Anteilnahme umgeben ihn wie einen Kordon der Unantastbarkeit. Althaus, so scheint es, muss in der Öffentlichkeit als gerade so gesund dargestellt werden, dass die Hoffnung auf seine volle Wiederverwendbarkeit nicht stirbt - aber auch als so krank, dass sein womöglich noch Monate dauerndes Fernbleiben vom Amt erklärbar wird.

Fragt man die Thüringer Landtagspräsidentin Dagmar Schipanski nach den hervorstechenden Eigenschaften des Dieter Althaus, dann zählt sie auf: "Ehrgeiz, Machtbewusstsein, Belastbarkeit". Für sie war er stets ein Vollblutpolitiker, "keiner, den man zum Jagen tragen muss". Jetzt aber kommt womöglich ein Gezeichneter zurück in die Politik. Von der ersten Sekunde an wird er unter schärfster Beobachtung stehen: Jede Miene, jede Geste, jede Handbewegung, jeder Versprecher - alles wird peinlich genau analysiert werden. Die Ansprüche sind hoch, der Mann, der sich zurzeit in der Klinik durch seine Übungen am Computer quält, soll in ein paar Monaten ein angriffslustiger, schlagfertiger Wahlkämpfer sein. "Es wird einen Tag geben, wo er wieder voll da sein muss", sagt der große alte Mann der Thüringer CDU, der ehemalige Ministerpräsident Bernhard Vogel. "Das ist der Tag, an dem er vor 10.000 Leuten auf dem Domplatz zu Erfurt sprechen muss."

Zwiespältige Gefühle

Keiner weiß, wie das Publikum dann reagieren wird. 59 Prozent befürworten in einer Forsa-Umfrage für den stern seine Rückkehr in die Politik. Aber: Kann sich so einer dann auch zerbrechlich zeigen? Gibt es Mitgefühl? Oder macht sich Befremden breit angesichts eines Mannes, der nicht loslassen kann und nicht loslassen darf? In einer anderen Umfrage sehen 65 Prozent für Althaus nun schlechtere Chancen bei der Landtagswahl.

Dieter Althaus hat keine Steuern hinterzogen, er hat keine Kinder sexuell missbraucht - er ist nur auf der Skipiste falsch abgebogen, gegen die Regeln des internationalen Skiverbandes FIS, die ohnehin kaum jemand kennt. Er war kein Pisten-Rowdy und nach allem, was man weiß, auch nicht alkoholisiert. Aber durch sein Verhalten ist ein Mensch zu Tode gekommen, und deswegen begleiten zwiespältige Gefühle den Fall. Es kann jedem passieren - aber darf es auch einem Ministerpräsidenten des Freistaates Thüringen passieren? Jeder, der auch nur eine kleine Beamtenlaufbahn anstrebt, bekäme wegen einer Vorstrafe wohl Schwierigkeiten. Aber der oberste Dienstherr kann mit einer Vorstrafe wegen fahrlässiger Tötung weiterregieren? Kann man sich vorstellen, dass der Landesvater demnächst wieder Reden hält, in denen es auch um Moral und richtiges Verhalten geht, zum Beispiel auf einem Forum für Verkehrssicherheit?

Nicht immer räumen Politiker ihren Stuhl, wenn ihnen eine Straftat zur Last gelegt wird. Einige verlieren ihr Amt, andere setzen ihre Karriere fort. Der SPD-Politiker Reinhard Klimmt stolperte über eine Finanzaffäre beim 1. FC Saarbrücken, ein Gericht verurteilte ihn wegen Beihilfe zur Untreue im November 2000 zu einer Geldstrafe - Klimmt trat als Verkehrsminister zurück. Die Laufbahn als Wirtschaftsminister endete für Otto Graf Lambsdorff durch die Flick-Spendenaffäre, 1987 wurde er zu einer Geldstrafe wegen Beihilfe zur Steuerhinterziehung verurteilt - ließ sich aber im Jahr darauf zum FDP-Vorsitzenden wählen. CSU-Generalsekretär Otto Wiesheu wurde 1985 nach einem Verkehrsunfall unter Alkoholeinfluss wegen fahrlässiger Tötung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr verurteilt - er legte zwar das Parteiamt nieder, aber 1990 wurde er Staatssekretär für Wissenschaft und Kunst, 1993 sogar bayerischer Wirtschaftsminister.

Althaus in der "Einwirkungsphase"

Wie wird Dieter Althaus mit seiner Schuld umgehen, kann es sein, dass er daran zerbricht? "Es wird nichts mehr so sein, wie es vorher war", sagt der Therapeut Christian Lüdke, der sich auf die Behandlung von Traumata spezialisiert hat und schon Tsunami-Überlebende und Opfer des Anschlags auf das World Trade Center betreute. Nach der "akuten Schockphase", in der "in einem Schutzmechanismus die Festplatte mit den schlimmsten Bildern oft gelöscht wird", befinde sich Althaus nun in der "Einwirkungsphase", in der er das Geschehene an sich heranlassen müsse. Erst drei Monate nach dem Unglück entscheide sich jedoch, ob ein Mensch in eine "Erholungsphase" eintreten könne - oder zur "Chronifizierung" neige: In diesem Fall drohe eine dauerhafte "posttraumatische Belastungsstörung", in der es oft zu massiven Schlaf- oder Essstörungen und Wortfindungsproblemen kommen könne.

Lüdke stellt aber eine positive Prognose: Althaus verfüge über ein stabiles privates Umfeld, seine tiefe Verwurzelung im christlichen Glauben gebe zusätzlichen Halt. Als öffentliche Figur könne er sich Bestätigung holen. Das Politiker-Dasein sei jedoch nicht ohne Risiko: "Ein Scheiterungserlebnis, etwa bei der bevorstehenden Landtagswahl, kann die seelische Heilung auch wieder zurückwerfen."

Weil Althaus auch jetzt als Patient eine öffentliche Figur ist, tobt längst eine stille, mediale Schlacht um den richtigen Eindruck. Deprimierende Fotos, geschossen in der Konstanzer Fußgängerzone, zeigen einen gebeugten Mann mit schleppendem Gang. Auf der Begräbnisfeier für seinen verstorbenen Vater herrscht absolutes Fotografierverbot - Teilnehmer schildern einen Mann, leicht gebeugt, einen schwarzen Hut so tief ins Gesicht gezogen, dass nicht viel mehr als die Mundwinkel zu erkennen sind. Am Tag danach werden neue Bilder am Grab des Vaters aufgenommen, auf denen er aufrecht, gesammelt und gefestigt erscheint - eine nachgeholte Inszenierung mit Einverständnis des Betroffenen? Ist der Mann überhaupt noch Herr seiner selbst - oder handeln längst andere in seinem Namen?

Seine Erklärungen wirken kalt

Irgendjemand führt jedenfalls Regie, und er tut es wie ein Politiker: strategisch geschickt und kühl. Das zeigt schon der Gerichtsprozess, dem Althaus sich unterziehen musste - ein klug eingefädelter Schnelldurchgang vor einem österreichischen Gericht, in Abwesenheit des Angeklagten und ohne Publikum. Auch die private Wiedergutmachung soll jetzt so reibungslos wie möglich über die Bühne gehen: Althaus drohen Schadensersatzforderungen in Millionenhöhe, seine Anwälte haben Großzügigkeit zugesagt und drücken aufs Tempo.

Zwiespältige Gefühle auch hier: In einer großen Geste der Versöhnung eilte die Ehefrau Katharina Althaus zur Trauerfeier für die Verstorbene und umarmte den Witwer. Aber von der langsam wieder einsetzenden Arbeitsfähigkeit des Dieter Althaus erfährt die Öffentlichkeit mehr als von möglichen moralischen Skrupeln. Die öffentlichen Erklärungen wirken seltsam kalt: Sie erfüllen das Mindestmaß, mehr nicht. Hatte er überhaupt schon Zeit, sich die Frage zu stellen, was das heißt: Regieren mit der Schuld?

Gleichzeitig wird in Erfurt weiter Politik gemacht, so gut es eben geht: Opel-Krise, Konjunkturpaket II, Verschuldungsverbot. Keiner hat sich auch nur bei der geringsten Illoyalität ertappen lassen. Er habe mit Althaus telefoniert und einen "uneingeschränkt guten Eindruck", berichtet Fraktionschef Mike Mohring. "Es gibt keine Fristen für eine Rückkehr. Niemand hat ein Interesse daran, ihn abzusägen." Finanzministerin Birgit Diezel erzählt: "Im Kabinett teilen wir die Termine des Ministerpräsidenten untereinander auf. Wenn ich mich profilieren wollte, würde ich doch alles selbst machen." Das Undenkbare - dass Althaus doch nicht antreten kann - wird in CDU-Kreisen nur geflüstert: "Unser Plan B heißt Birgit. Birgit Diezel."

Treue Mitarbeiter

Doch das große Eckzimmer von Dieter Althaus in der barocken Staatskanzlei, die mitten im Gassengewirr der Erfurter Altstadt liegt - es bleibt leer, und niemand drängt so richtig hinein. Thüringen, die Regierung, die CDU, das war seit seinem Amtsantritt 2003 allein Althaus. Beobachter sagen, er habe in den vergangenen Jahren treue, aber vor allem auch schwache Mitarbeiter um sich versammelt. Die können jetzt nur hoffen, dass der "Dieter" zurückkommt und endlich wieder die große Politik für sie macht.

Gerold Wucherpfennig, der Bauminister, ist einer der engsten Freunde von Althaus. Die beiden kennen sich seit Wendezeiten, sie spielen in derselben Fußballmannschaft. Wucherpfennig stand wenige Tage nach dem Unfall am Krankenbett, er hat den Anblick bis heute nicht vergessen: Der Patient schlief, Schläuche und Kabel hielten ihn am Leben. Plötzlich wachte Althaus auf und flüsterte Wucherpfennig zu: "Großer, komm her, lass dich drücken." Dann schlief er wieder ein. "Wir wollen einfach daran glauben, dass er zurückkommt", sagt Wucherpfennig. "Ich glaube nicht, dass er an seiner Schuld zerbricht. Dieter hat mich noch nie enttäuscht."

Die Treue wirkt rührend, aber vielleicht sind die Treuesten gerade die Gefährlichsten für Althaus. Weil sie ihn mit ihrer Fürsorge, die so aufopferungsvoll daherkommt, die aber auch von eigenen Interessen getrieben ist, fast erdrücken. Sie wollen ihn zurückhaben, ihren Dieter, um fast jeden Preis. Auch ihr eigenes Schicksal hängt an dem kranken Mann vom Bodensee.

"Politik muss menschlich sein"

Man weiß nicht, wie die nächsten Monate verlaufen. Aber das unbedingte Festhalten an Althaus, der nicht weichen kann und nicht weichen darf, es kann auch als Lehrstück in die Geschichte eingehen - als eines der großen Lehrstücke über die Unerbittlichkeit von Politik.

Heiligenstadt, vielleicht muss man nach Heiligenstadt fahren, um zu verstehen, was es mit dem Fall Althaus wirklich auf sich hat. Die Stadt liegt mitten im Eichsfeld, "wo felsenfester Glaube die Blicke hebt vom Staube", wie es im "Eichsfeldlied" heißt. Eine erzkatholische Diaspora im protestantischen thüringischen Meer. Aufgeräumte Fachwerkidylle, Kopfsteinpflaster, drei mächtige gotische Kirchen, jede Menge Barock, an den Straßenecken stehen Marienstatuen - das ist die Heimat des tiefgläubigen Katholiken Dieter Althaus.

Willibald Böck, "Willi, der Hammer", wie er hier genannt wird, ein ehemaliger Innenminister und Urgestein der Thüringer CDU, wohnt im benachbarten Bernterode. "Ruhe, Gelassenheit und Gottvertrauen" prägen seit alten Zeiten die Menschen hier, erzählt Böck. "Unterm Krummstab des Bischofs ist es noch niemandem schlecht ergangen." Zweifel will er nicht an sich heranlassen. "Ich würde ihm auf jeden Fall raten: Mach weiter! Das ist eine Sache, die nicht nur mit ihm zu tun hat, es geht auch um etwas anderes: Dienst am Land! Schließlich kann man das Land doch nicht einfach so den Roten überlassen."

In Erfurt sitzt Mike Mohring, der Fraktionschef, auf der Couch in seinem Büro und beteuert: "Wir haben ein christliches Menschenbild. Politik muss menschlich sein. Ein Politiker darf auch mal Schwächen zeigen."

Aber dann sagt er auch: "Manchmal ist Politik brutal."

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