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Von Berlin nach München Chaos, eine Drohung und Angst vor Corona: Eine Fahrt mit dem ICE während des Lokführerstreiks

Von Berlin nach München: Chaos, eine Drohung und Angst vor Corona: Eine Fahrt mit dem ICE während des Lokführerstreiks
Sehen Sie im Video: Streik lähmt Bahnverkehr in ganz Deutschland.




Rund Dreiviertel der Fernverkehrszüge fallen, wie hier in München, seit dem frühen Mittwochmorgen bundesweit aus. Viele Urlauber sind mitten in der Ferienzeit betroffen, aber auch Pendler auf dem Weg zur Arbeit, da die Deutschen Bahn S-Bahnen und Nahverkehrszüge betreibt. "Ich muss dringend nach Ampfing ins Altenheim, weil ich da arbeite und jetzt ist, es hat gehießen gestern, um 6.06 die Bahn fährt. Und fährt doch nicht." "Ja, wir müssen nach Hause fahren mit dem Fahrrad nach Friesland. Und das ist ein bisschen weit. Jetzt wissen wir nicht wie wir nach Hause kommen sollen." "Ich muss nach Berlin und mein Zug ist storniert. Ich muss jetzt den früheren nehmen. Ich bin auch nicht ganz sicher, ohne Sitzplatzreservierung mal sehen, ein bisschen Risiko." Die Bahn versuche zwischen den Metropolen zumindest einen Zwei-Stunden-Takt und im Regionalverkehr ein Grundangebot sicherzustellen, sagte Bahnsprecher Achim Stauß am Mittwochmorgen. "Wir bitten Fahrgäste im Fernverkehr, die ihre Reise verschieben können, tatsächlich die Flexibilität der Zugtickets zu nutzen. Wer ein Ticket für den heutigen Mittwoch hat oder für Donnerstag für Freitag, der kann diese Fahrkarte auch noch in der kommenden Woche flexibel nutzen. Und selbstverständlich sind die Spar- und Super-Sparpreis-Tickets von der Zug-Bindung befreit." Der laufende Streik im Personen- und Güterverkehr ist bis Freitagfrüh angesetzt. In der kommenden Woche soll über weitere Streiks entschieden werden, sagte GDL-Chef Claus Weselsky. An den Verhandlungstisch werde die GDL erst dann zurückkehren, wenn die Bahn ein verbessertes Angebot mache.
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Fast der gesamte Zugverkehr in Deutschland steht still. Fast. Unser Autor musste dennoch von Berlin nach München reisen. Hier berichtet er von seinen Erlebnissen.

Mein Taxifahrer warnt mich. "Sie wissen, dass die Züge heute nicht funktionieren?", fragt Nurullah, als ich ihn bitte, mich zum Berliner Hauptbahnhof zu bringen. Ich nicke. "Wird schon klappen", entgegne ich. Und schiebe ein verzagtes "hoffentlich" hinterher. "Wenn nicht, gibt es Taxis", sagt er. Ich werde hellhörig. "Was kostet denn eine Fahrt nach München?", erkundige ich mich. "Zwei Euro pro Kilometer. Wir sind in sechs Stunden da."

Ich lehne Nurullahs Angebot dankend ab. 1200 Euro für die Rückreise sind mir dann doch ein wenig zu ambitioniert. Zumal die Lufthansa online einige Restplätze für 400 Euro anbietet und Mietwagen noch verfügbar sind. Doch für den Moment beschließe ich, an meinem Plan festzuhalten. Ich fahre Bahn. Am Tag des Lokführerstreiks.

Von 11.30 und 15.30 Uhr fallen fünf von sechs Direktverbindungen ersatzlos aus. Und ich hatte mehr Glück als Verstand: Ich hatte ausgerechnet vor Wochen den einen Zug gebucht, der planmäßig fährt. Sitzplatzreservierung inklusive.

Um 12.30 Uhr soll der Zug abfahren. Eine halbe Stunde vorher drängeln sich hunderte Menschen schon am Gleis, laufen hektisch von vorne nach hinten, weil der Zug – natürlich – in umgekehrter Wagenreihung verkehrt. Als der ICE, aus Hamburg kommend, einfährt, ist klar, dass nun folgt, was folgen musste: Chaos. Reisende erspähen freie Sitzplätze, rennen zu den Türen. Vor mir stolpert ein älterer Herr, als ihn ein anderer mit seinem Fahrrad anrempelt. Ich finde meinen Platz, der auch tatsächlich noch frei ist, setze mich und bin erst einmal heilfroh, heute noch irgendwann wieder zu Hause anzukommen.

"So können und werden wir nicht losfahren"

An eine Abfahrt ist allerdings noch lange nicht zu denken. Es meldet sich die leitende Bahnführerin per Mikrofon zu Wort: "So wie die Situation im Zug aktuell ist, können und werden wir nicht losfahren. Ich wiederhole: Wir werden nicht losfahren. Flucht- und Rettungswege müssen freigehalten werden." Als sie in den Raum wirft, sich doch zu überlegen, ob man "nicht noch ein wenig in Berlin bleiben könne", bricht Gelächter im Abteil aus.

Eine junge Frau, die im Gang steht und ganz genau weiß, dass sie, wenn's doof läuft, gleich aus dem Zug geworfen werden wird, sieht einen letzten freien Platz, der erst ab Leipzig reserviert ist. "Na gut", sagt sie. "Dann bin ich im schlimmsten Fall schon einmal ein Stück weitergekommen, wenn ich da aussteigen muss." 

Acht Minuten später bewegt sich der Zug immer noch nicht. "Der Zug ist sehr, sehr voll", sagt die Zugführerin. "Bitte stellen Sie sich im Reißverschlussverfahren auf, einer links, einer rechts, damit wir Flucht- und Rettungswege schaffen können." Weitere sieben Minuten vergehen bis zur nächsten Durchsage: "Ich appelliere jetzt noch einmal. Gäste ohne Sitzplatzreservierung: Steigen Sie bitte JETZT aus. Hier steht auch noch ein Rollstuhlfahrer mit Reservierung auf dem Gleis, der auch sehr gerne mitmöchte." Die Stimme der Zugführerin wird energischer, die Freundlichkeit weicht Bestimmtheit. "So ein Schwachsinn", sagt ein älterer Herr hinter mir. "Der nächste Zug kommt in fünf Stunden, da hast du doch die gleiche Scheiße wieder." Eine andere Frau mischt sich ein: "Da steht plötzlich in der App, dass um 14.30 Uhr noch was kommt. Das ist bestimmt ein Fake, damit die Menschen hier aussteigen." Sie lacht.

Die Stimmung ist irgendwo zwischen trotzig und tapfer, zwischen den Fahrgästen geht's bemerkenswert freundlich zu. Unterm Strich sitzen dann doch alle im selben Boot – auch wenn sich die Masse teilt zwischen denen, die dank Reservierung wissen, dass sie irgendwann an ihrem Ziel ankommen werden. Und jenen, die Angst haben, irgendwo zu stranden.

Rund 200 Menschen stehen noch am Gleis, als der Zug losfährt

Mit fünfzehnminütiger Verspätung rollt der Zug los. Ich zähle rund 200 Menschen, die noch am Gleis stehen, die Rolltreppe, die zurück nach oben ans Tageslicht führt, ist voll. Ein älterer Mann zeigt unserem ICE den Mittelfinger.

Die Stimme am Mikrofon bleibt dagegen freundlich: "Wir gehen davon aus, dass in Berlin-Südkreuz noch einmal sehr viele Menschen einsteigen werden, auch dort wird es eine weitere Verspätung geben. Bitte nutzen Sie die Zeit, um Tetris zu spielen mit Ihrem Gepäck, reihen Sie sich ein, bleiben Sie geduldig." Denn in der Tat wird am Südkreuz das Chaos noch größer. Auch hier stiegen Menschen ein, die einen Platz ab Berlin reserviert hatten. Sie vertreiben Reisende, die sich gerade eingerichtet hatten. 

Neben mir sitzt eine Frau im Sommerkleid fast schon meditierend auf ihrem Koffer, hat die Augen geschlossen und harrt mit Seelenruhe auf ihrem Riesengepäck aus. Lange bewahrt sie ihre Ruhe aber nicht. Ein Mann verlässt fluchtartig den Waggon, nachdem seine Begleitung von außen wie wild gegen die Scheibe gehämmert hatte. Sie fuchtelt mit den Armen, macht eine Autofahr-Geste, strahlt über beide Backen. "Und die nimmt uns wirklich beide mit?", ruft der Mann in sein Smartphone, während er aus der Tür hechtet.

Ein Platz mehr für einen anderen. "Wir haben 825 Sitzplätze in der zweiten Klasse, sollten eigentlich mit 1600 Menschen fahren dürfen, aber wir übernehmen die Verantwortung hierfür nicht. Wir werden die Gäste nun alle abweisen", sagt die Zugführerin. Weshalb im Zug langsam die Stimmung kippt. An jeder Tür versuchen Menschen, sich noch reinzuquetschen. "Ich werde den Teufel tun, mich hier wegzubewegen", sagt eine Frau, die eine Lücke auf dem Boden ergattert hat. "Die Lokführer sind auch nicht solidarisch. Warum soll ich mich jetzt bewegen? Am Ende bin ich noch der Depp und fliege raus." 

Zwei Stunden später, in Leipzig, spielt sich genau die gleiche Show ab. Wieder fährt der Zug nicht los, ehe Menschen aussteigen. Immerhin hat die Bahn zwei Busse organisiert, die von Leipzig nach Nürnberg fahren sollen. Doch um mich herum bewegt sich niemand. Wer drin ist, will auch weiterkommen. Vielleicht wäre es eine gute Idee gewesen, die Fahrkarten bzw. Reservierungen schon vor dem Einstieg, am Gleis, zu checken. Stattdessen droht nun, nach dem Personalwechsel, ein Bahnmitarbeiter, die Fahrt "endgültig und komplett hier abzubrechen", falls nicht Menschen aussteigen. Diese Drohung sitzt. "Ich muss sie eindringlich bitten, den Zug zu verlassen." Mittlerweile ist aufgefallen, dass ein alternativer ICE in Richtung Erfurt in zehn Minuten abfährt – plötzlich kommt Bewegung in die Masse.

Als ich aufstehe, wird mir bewusst, wie groß das Chaos tatsächlich ist

Inzwischen hat mein Körper die doofe Idee, zur Toilette zu müssen. Hätte ich mir den Kaffee doch lieber gespart. Spätestens jetzt wird mir bewusst, wie chaotisch die Situation ist.

Ich quetsche mich an 30, 40 Menschen vorbei – und das in der ersten Klasse, die ich eigentlich gebucht hatte, um ein wenig mehr Abstand zu anderen Reisenden halten zu können. Ich gehe einmal durchs Bordrestaurant, weil ich mir einen Eindruck von der zweiten Klasse verschaffen möchte. Mein Versuch endet an der ersten Tür. Hier ist kein Durchkommen. Auf gar keinen Fall. Auf dem Rückweg begegne ich einer Bahnangestellten. Sie will ihren Namen nicht online lesen. "Sie können sich ja denken, dass ich jede Verbesserung für Bahnangestellte gut finden würde", sagt sie. "Aber das ist doch hier auch alles wieder nur Politik. Und wir sind heute mit den ganzen Passagieren die Idioten, die es ausbaden müssen. Für mich streikt heute niemand." Was nicht heißt, dass sie den Streik nicht gut finden würde. "Nur die Kurzfristigkeit ist doch Mist. Das ist provoziertes Chaos auf den Rücken von allen, die innerhalb von ein, zwei Tagen nicht umplanen können oder schon unterwegs sind." Sie zuckt mit den Schultern. "Ich muss weiter", sagt sie – und ruft mir noch zu: "Ich war noch nie so froh wie heute, dass ich geimpft bin."

Abstandhalten? Definitiv unmöglich!

Stimmt. Corona. Jetzt fällt mir auf, dass ich noch nie so viel Maskendisziplin in Deutschland erlebt habe wie in diesem Zug. Ich zähle einmal nach. Neun Menschen stehen, sitzen oder knien im Radius von 1,50 Meter um mich. Neun. Wo normalerweise niemand sein dürfte. Willkommen in der Corona-Hölle.

Die Frau neben mir blickt auf meinen Bildschirm, liest ein wenig zu neugierig meinen Text. "Schreiben Sie rein, dass das in Zeiten von Corona ein Skandal ist, was hier heute passiert. Wenn ein Infizierter in unserem Waggon sitzt – das will ich mir gar nicht vorstellen", sagt sie plötzlich.

Noch sitze ich im Zug. Und werde München in einigen Stunden mit ein wenig Verspätung erreichen. Ich drücke mir selbst die Daumen, dass die Befürchtung meiner Nebensitzerin nicht wahr wird. Ein Superspreader-Event in der Bahn. Das wäre in der Tat das schlechteste Zeichen, das ein Lokführerstreik setzen kann.

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