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Fragen und Antworten

Coronavirus: Terminchaos, Zuständigkeiten: Darum können Bundesligaspiele nicht einfach abgesagt werden

Bundesligaspiele mit Tausenden Zuschauern in Zeiten des neuartigen Coronavirus'? Ein Unding, meinen nicht nur Mediziner. Warum die Spiele nicht längst untersagt wurden und was Absagen für die Liga bedeuten würden.

Bundesliga: BVB gegen Schalke wird wohl zum Geisterspiel

Ein Blick von außen ist manchmal erhellend. Mit großem Interesse wurde am Wochenende der Bundesligaklassiker zwischen Gladbach und dem BVB auch in der Schweiz verfolgt. Das ist nicht weiter verwunderlich, ist doch nahezu die halbe Schweizer "Nati" bei den beiden Clubs unter Vertrag, zudem hat der BVB in Lucien Favre einen Schweizer Trainer, der auch die Gladbacher schon gecoacht hat. Doch abseits des sportlichen Interesses trieb die Schweizer eine ganz andere Frage um: Wie kann es sein, dass nur rund zehn Kilometer entfernt vom Corona-Hotspot in Deutschland, dem Kreis Heinsberg, ein Bundesligaspiel mit 54.000 Zuschauern stattfinden kann? In der Schweiz sind längst alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern untersagt – und trotzdem lässt sich das Virus kaum aufhalten. Der Kommentator des Schweizer Boulevardblattes "Blick" schlussfolgerte daher sogar: "Um Deutschland muss man in diesen Momenten Angst haben."

Tatsächlich geht man in anderen Ländern rigoroser vor. In der Schweiz ruht derzeit der Spielbetrieb, Frankreich hat ebenfalls alle Veranstaltungen ab 1000 Personen untersagt und die Polizeipräfektur Paris erklärte das Champions-League-Spiel zwischen Paris St. Germain und Borussia Dortmund am kommenden Mittwoch zum Geisterspiel. Vor leeren Tribünen laufen bereits die Partien der Serie A in Italien, dem am stärksten von der Pandemie betroffenen europäischen Land.

Gesundheitsminister rät dringend zu Absagen

Dass dies hierzulande nicht so einfach angeordnet werden kann, liegt an den föderalen Strukturen. Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) kann nur dringend anraten, Veranstaltungen mit über 1000 Personen abzusagen, die Entscheidung aber liegt letztlich bei den örtlichen Gesundheitsämtern oder beim Veranstalter – das sind in der Bundesliga die Vereine, nicht etwa die Dachorganisation DFL. Und so findet anders als in Paris die Champions-League-Partie in Leipzig vor Publikum statt. Dagegen wächst der Druck, zumindest in dem vom Coronavirus besonders betroffenen Bundesland NRW die Ligaspiele als Geisterspiele auszutragen. Borussia Mönchengladbach etwa teilte am Montag mit, bis auf weiteres alle Trainingseinheiten unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu absolvieren. Ist da noch vorstellbar, das Derby gegen den 1.FC Köln am Mittwoch vor Zuschauern auszutragen? DFL-Geschäftsführer Christian Seifert bezeichnete gegenüber der "Bild"-Zeitung Spiele mit Publikum am kommenden Wochenende als "nicht realistisch".

Warum sollen Sport-Großveranstaltungen vorerst nicht mehr stattfinden?

Für Minister Spahn ist es das oberste Ziel, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen. "Denn je langsamer sich das Virus verbreitet, desto besser kann unser Gesundheitssystem damit umgehen", sagte er. Auch der Chef des Weltärztebundes, Frank Ulrich Montgomery, schloss sich Spahns Empfehlung an und sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland: "Man kann nicht Fußballspiele mit 35.000 und mehr Besuchern stattfinden lassen, als wäre nichts geschehen." 

Wie reagiert der Sport auf die Empfehlung des Gesundheitsministers?

Geschäftsführer Christian Seifert von der Deutschen Fußball Liga bat darum, einen "angemessenen Weg zu finden zwischen berechtigter Vorsorge und übertriebener Vorsicht". Das DFL-Präsidium werde sich beraten und die Clubs der Bundesliga und 2. Liga kurzfristig zu einer Krisensitzung einladen. Einen Alleingang einzelner Clubs dürfte es daher nicht geben. So erwartet Handball-Bundesligist SC DHfK Leipzig eine ligaweite Lösung. Leipzigs Trainer André Haber sprach sich gegen Spiele vor leeren Rängen aus. "Handball ist ein Sport, der von Nähe lebt", sagte er. Im Zweifel sollte man die Spiele lieber verschieben und mit Zuschauern nachholen.

Welche Maßnahmen haben die Clubs und Dachorganisationen bereits ergriffen?

Die Stars des FC Bayern München sollen auf Empfehlung der medizinischen Abteilung des Clubs wie viele andere deutsche Sportprofis bis auf Weiteres keine Autogramme mehr schreiben und auch nicht für Fotos oder Selfies mit den Fans zur Verfügung stehen. RB Leipzig verhängte Reisestopps für Spieler, Scouts und weitere Mitarbeiter. Ligen und Vereine empfahlen den Sportlern, auf den Handschlag vor und nach Spielen zu verzichten. In manchen Arenen wurden Fans zusätzliche Desinfektionsmittel angeboten. Borussia Mönchengladbach bat Fans aus dem besonders vom Virus betroffenen Kreis Heinsberg, nicht zum Topspiel gegen Borussia Dortmund zu kommen. 550 Ticketinhaber machten vom Angebot der Kaufpreis-Erstattung Gebrauch.

Wer darf Spiele mit großen Zuschauerzahlen verbieten?

Im Falle einer Gefährdung von Spielern und Zuschauern können nur die lokalen Gesundheitsbehörden eine solche Entscheidung treffen, weil dabei neben Aspekten der Infektionsvorbeugung auch solche des gesamten öffentlichen Lebens zu berücksichtigen sind. Die Dachorganisationen des Sports sind nicht berechtigt, eine Partie abzusagen, weil sie nicht als Veranstalter fungieren. "Wir werden die möglichen Risiken beachten, aber nicht gleich in Panik verfallen und das öffentliche Leben außer Kraft setzen", sagte Manager Kaweh Niroomand von den Berlin Volleys, der auch Sprecher der Proficlubs der Hauptstadt ist.  

Gibt es noch andere Möglichkeiten außer Verschiebungen oder Geisterspiele?

Handball-Bundesligist Eulen Ludwigshafen muss nach Aussage von Trainer Ben Matschke wegen des Coronavirus vor dem ausverkauften Heimspiel gegen den THW Kiel die Personalien aller Zuschauer erfassen. Das Gesundheitsamt habe entsprechende Restriktionen für das Spiel am Donnerstag erlassen. "Bevor die Zuschauer die Halle betreten, müssen wir über jeden Bescheid wissen", sagte Matschke. Eine solche Maßnahme dürfte für die meisten Vereine nur schwer zu bewältigen sein – und könnte auch Datenschützer auf den Plan rufen.

Eine Frau mit kurzen, braunen Haaren steht vor einem Fenster und füllt ein Formular aus

Wie kurzfristig können Behörden oder Veranstalter eingreifen?

Das kann bis zur Öffnung der Stadion- oder Hallentore wenige Stunden vor dem Anpfiff geschehen, wie die jüngsten Beispiele gezeigt haben. Sowohl das Fußball-Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem 1. FC Köln am 9. Februar als auch die Europa-League-Partie von Eintracht Frankfurt bei RB Salzburg am 28. Februar wurden wegen Sturmwarnungen jeweils am geplanten Spieltag abgesagt.  

Was würden Absagen und Verlegungen mit Blick auf die Spielpläne bedeuten?

Es würde ein Terminchaos drohen, denn Ausweichtermine sind in der Schlussphase einer Saison rar. Im Fußball würde es besonders eng werden, wenn Vereine beteiligt wären, die noch im DFB-Pokal und den Europapokal-Wettbewerben mitmischen. Das sind Bayern München in der Champions League und Bayer Leverkusen sowie Eintracht Frankfurt in der Europa League. Die DFL hat bereits betont, die Saison wie geplant bis Mitte Mai zu Ende bringen zu wollen – nicht zuletzt, weil am 12. Juni die europaweit ausgetragene EM beginnt, sofern sie nicht ebenfalls wegen des Coronavirus' abgesagt oder verschoben wird. Aber auch im Eishockey, wo in dieser Woche die Playoffs beginnen, und in den anderen großen Ballsportarten sind die Spielpläne dicht gedrängt.

Falls es Geisterspiele gibt – wer darf dabei sein?

Zuerst: Auch ein Spiel ohne Zuschauer kann nur von den lokalen Gesundheitsbehörden angeordnet werden. Eine solche Entscheidung würde den gastgebenden Verein praktisch das Heimrecht kosten und diesen zugleich um Einnahmen aus dem Ticketverkauf bringen. Sollte es dazu kommen, würden neben den beteiligten Mannschaften noch Betreuer, Ballkinder, Arena-Personal und Journalisten dabei sein.   

Wer entschädigt die Fans?

Solche Forderungen müssten sich an die betroffenen Vereine als Veranstalter der Spiele richten. So hat sich Borussia Dortmund gegen mögliche Spielabsagen mit einer Ausfallversicherung abgesichert – und dürfte damit im Profifußball nicht allein sein.

Quelle: Nachrichtenagentur DPA, "Blick", Deutsche Fußball-Liga, Polizeipräfektur Paris, Borussia Mönchengladbach

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