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Fußball-Bundesliga: Die elf Freunde sind zurück

Die Hierarchien in der Fußball-Bundesliga sind aufgebrochen. Weil Mainz 05 und Co. mit klarem Konzept und großer Leidenschaft bestechen - im Gegensatz zu den Branchengrößen.

Von Frank Hellmann

Mit einem Dauergrinsen flanieren Marco Kurz und Stefan Kuntz durch die Katakomben im Bremer Weserstadion. Trainer und Vorstand des Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern platzen schier vor Stolz nach dem 2:1 in Bremen. Der Neuling, der den kleinsten Personaletat der Fußball-Bundesliga verwaltet, hat in der Hinrunde alle drei Champions-League-Teilnehmer - den FC Bayern, FC Schalke und eben Werder Bremen - geschlagen. Während Werders Sportchef Klaus Allofs mit blasser Miene nach Erklärungen für die Krise sucht, bahnt sich Kuntz einen Weg zum Kollegen und wünscht "Frohe Weihnachten." Der 1. FC Kaiserslautern wird sie ganz gewiss haben.

Und der gemeine Fußballfan auch, bietet die Tabelle doch "ein sehr ungewöhnliches Bild" (Allofs). Tabellenzweiter: Die rheinhessischen Überflieger des FSV Mainz, die mit einem Budget von gerade einmal 14,5 Millionen Euro fürs kickende Personal kalkulieren. Tabellenvierter: Die nach dem Tod von Robert Enke nun wieder geeinte Mannschaft von Hannover 96, die viele als ersten Absteiger auf der Rechnung hatten. Tabellensechster: Der unerwartet starke und stabile SC Freiburg, der seine Fußballer ähnlich niedrig entlohnt wie Mainz und der gemeinhin von den Experten wie Hannover als Abstiegskandidat gehandelt wurde. "Es ist eine verrückte Tabelle, die für das Produkt Bundesliga überragend ist", findet FCK-Boss Kuntz. "Ist doch cool, wenn der vermeintlich Letzte den Ersten schlagen kann. Ich finde es schön, dass Mainz und Freiburg diese Schlagzeilen machen."

"In der Rückrunde wird sich viel ändern"

In Hannover kann sich Klubchef Martin Kind vor den vielen Schulternklopfern kaum retten. "Wenn die Sonne scheint, hat man viele Freunde", sagt der Besitzer einer Hörgeräte-Firma, der das neue Ranking kaum vernünftig erklären kann, aber glaubt, dass sich in der Rückrunde vieles noch verändern wird, denn: "Es wird weiterhin einen deutlichen Zusammenhang zwischen Wirtschaftskraft und sportlichen Ergebnissen geben."

Demnach aber müsste der Rekordmeister ganz vorne liegen, der FC Bayern München hat in seiner jüngsten Bilanz gerade Personalkosten von summa summarum 164,9 Millionen Euro ausgewiesen; mehr als Mainz, Freiburg, Hannover, Nürnberg und Kaiserslautern zusammen ihren Profis überweisen. Und doch haben sich die Münchner mit dem sonntäglichen 5:3 in Stuttgart gerade einmal zur Jahreswende auf Platz fünf gerettet.

Also muss hinter dem Zwergenaufstand mehr stecken. Etwa eine kluge Nischenpolitik. So erklärt Michael Reschke, der für die Kaderplanung zuständige Manager bei Bayer Leverkusen, die Revolution an der Basis. Reschkes Kernaussage: "Kleinere Klubs können heutzutage mit drei, vier klugen Transfers oder Ausleihgeschäften den Abstand verringern. Und es sind mehr gut ausgebildete, junge deutsche Spieler als früher auf dem Markt , davon profitieren jetzt die kleinen Klubs." Reschke spricht voller Hochachtung von "pfiffigen Jungs", die als sich ideal ergänzendes Trainer-Manager-Gespann in Freiburg und Mainz, aber auch in Hannover oder Nürnberg am Werke seien. Hier geht man mittlerweile kreativer und konzeptioneller vor, um zumindest zeitweise den Klassenunterschied zu kaschieren.

Teamgeist ist ein wichtiger Faktor


Und dann ist da noch etwas, was diese Klubs von denen abhebt, die zwar viel Geld in ihren Kader stecken, aber auch zu viele Stars und Egoisten beschäftigen: der Teamgeist. Robin Dutt, Trainer des SC Freiburg sagt: "Würde es einen Tabellenplatz für den Zusammenhalt einer Mannschaft geben - wir würden ganz weit vorn landen." Dutt sieht seine Spieler nicht als Befehlsempfänger, sondern als eigenständige Persönlichkeiten, die ihre Meinung äußern sollen. Er fordert: "Sie sollen mitdenken, mitarbeiten am gemeinsamen System." Genauso geht Thomas Tuchel in Mainz vor, wo nicht nur Matchpläne entworfen, sondern Zusammenhalt und Respekt vorgelebt werden. Kaiserslauterns Vorstand Kuntz sieht diese "weichen Faktoren", die die Stimmung beeinflussen, als ganz wichtig an. Und: "Ein Profikader ist ein sensibles, feinfühliges Gebilde, und die Arbeit hintendran ist sehr wichtig geworden. Es hat eben Auswirkungen auf die Spieler, wenn es im Verein stimmt und eine klare Richtung vorgegeben wird."

Für diese These spricht die überragende Hinrunde beim Herbstmeister Borussia Dortmund: Für "nur" 34 Millionen an Gehaltskosten haben die Westfalen wieder ein titelverdächtiges Ensemble beisammen, dass nicht nur Woche für Woche überragende (läuferische) Leistungen bietet, sondern sich auch charakterlich bestens ergänzt. "Der Plan vor langer Zeit war, Kosten zu sparen und trotzdem die Qualität zu erhöhen", erklärt Trainer Jürgen Klopp, "jetzt haben wir neben Talent auch die richtige Mentalität." Seine Jungs würden sich "gegenseitig in der Spur halten - das ist überragend". Während in Dortmund, Mainz, Freiburg, Kaiserslautern oder Nürnberg vieles richtig gemacht wird, haben die festen Liga-Größen aus München, Gelsenkirchen, Hamburg, Wolfsburg oder Bremen oder auch Stuttgart viele Fehler in der Kaderzusammenstellung gemacht.

Bei den Großen fehlen Hunger und Leidenschaft


Mögen beim FC Bayern vorrangig die vielen WM-Fahrer und beim FC Schalke die späten Millionen-Transfers für manches Problem verantwortlich sein, so sind beim HSV, bei Werder oder beim VfL Wolfsburg mangelhafter Teamgeist und Identifikation mit dem Arbeitgeber offensichtlich. "Das ist eine Eigenschaft, die uns nicht auszeichnet", gibt Bremens Macher Allofs unumwunden zu, während Wolfsburgs Entscheider Dieter Hoeneß unverblümt einräumt, dass sich nach der Meisterschaft 2009 ein Phlegma eingeschlichen habe: "Es fehlen die letzten paar Prozent Hunger, Leidenschaft und Sieger-Mentalität. Bei der Leistungs-Dichte in der Bundesliga ist es so, dass Mentalität die Qualität schlägt." Da nützen auch Investitionen von fast 40 Millionen und ein Gehaltsrahmen von fast 60 Millionen Euro nichts mehr. Oder doch?

Bruchhagen glaubt nicht an Wende


Frankfurts Vorstandschef Heribert Bruchhagen ist einer, der nicht von seiner seit Jahren vertretenen These abrücken will, dass es sich bei der Liga um eine zementierte Gesellschaft handele. Er sehe keinen Trend, dass sich in der Bundesliga etwas geändert habe. "Wenn es halt jetzt so kommen sollte, dass ein paar Überraschungsteams mal vorne sind, dann werden die Großen dafür sorgen, dass es sich in Mainz, Frankfurt, Hannover, Freiburg oder wo auch immer wieder einpendelt. Dann holen die Großen halt die Spieler dort weg. Leverkusen hat jetzt schon André Schürrle für die neue Saison gekauft aus Mainz, Lewis Holtby kehrt zurück nach Schalke. Dann sehen wir mal, wie es da weitergeht."

Bruchhagen, früher DFL-Geschäftsführer und mit großem Insider-Wissen gesegnet, glaubt, dass Bayern, Schalke, Wolfsburg, Stuttgart, der HSV und Bremen am Saisonende alle vor Eintracht Frankfurt, derzeit Tabellensiebter, stehen werden. Sagt er zumindest. "In der Bundesliga sprechen die Etat der Klubs eine klare Sprache. Wer ist denn nachhaltig in die Spitzengruppe eingedrungen? Keiner." Dann wäre ja in der Rückrunde mal eine gute Gelegenheit, das Gegenteil zu beweisen.

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