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Fußball: Dörfer im Weltfußball

Fußball ist ein Metropolensport. Nur logisch, denn je größer die Stadt, desto mehr Zuschauereinnahmen und desto mehr Talente zur Auswahl. Warum schaffen es dann aber immer wieder Dorf- und Kleinstadtclubs, mit den Großstädten mitzuhalten? Wir stellen ein paar Beispiele vor.

Da Fußball ein Sport ist, der sich in Europa historisch gesehen vor allem über seine Popularität in der Arbeiterklasse ausgebreitet hat, stammen die meisten erfolgreichen Proficlubs des Kontinents aus großen Metropolen. Aber nicht alle. Aus irgendeinem Grund gibt es immer mal wieder Ausnahmen: Dorfclubs, die es schaffen, nationale Meistertitel zu erringen oder sogar international für Furore zu sorgen.

Wismut Aue ist das in Deutschland bekannteste Beispiel: ein viermaliger DDR-Meister aus einem Ort, dessen Einwohner sechsmal ins Leipziger Zentralstadion gepasst hätten. Aber auch in anderen europäischen Ländern gibt es erfolgreiche Teams aus der Provinz, von denen wir Ihnen einige näher vorstellen wollen.

Was ist unsere Definition eines Provinzclubs? Wir suchen nach Clubs aus Kleinstädten oder Dörfern in Ländern, deren Fußballkultur gemeinhin in Großstädten lebt. Als Kleinstadt zählen wir tendenziell Orte mit weniger als 50.000 Bewohnern.

KSK Beveren

Der KSK Beveren, westlich von Antwerpen in einer 46.000 Einwohner zählenden Gemeinde beheimatet, wurde zweimal Belgischer Meister in einer Liga, die ansonsten zwar von Dorfclubs nur so wimmelte, deren Titel aber meist nach Brüssel, Lüttich, Antwerpen oder Brügge vergeben wurden.

Mit Keeper Jean-Marie Pfaff, bevor er zum FC Bayern wechselte, holte SKB 1978 den belgischen Pokal und 1979 den Meistertitel. In dieser fulminanten Saison schlug der kleine Club zudem im Viertelfinale des Europapokals der Pokalsieger Inter und scheiterte erst im Halbfinale am FC Barcelona. Hans Krankls Tor in der 87. Minute des Rückspiels war erst die Entscheidung gegen die Flamen, die zuvor nach dem 0:1 aus dem Hinspiel noch alle Chancen auf die Verlängerung gehabt hatten.

Beveren war nun ein echter Spitzenclub, der 1980 erneut das Pokalfinale erreichte, es 1983 gewann und 1984, pünktlich zum 50-jährigen Geburtstag des Clubs, den zweiten Meistertitel holte. Zur Feier des Jubiläums verlieh König Baudouin dem Verein den Titel "Koninklijke", seitdem hieß der Club KSK Beveren, der Königliche Sportclub.

In den 2000er Jahren ging Beveren eine dubiose Kooperation mit Arsenal ein, die den Austausch zahlreicher junger Spieler, vor allem aus der Elfenbeinküste (darunter Yaya Touré), aber auch ein mysteriöses zinsloses Millionendarlehen beinhaltete, das von der UEFA untersucht wurde. Eine Strafe gab es nicht, aber die Finanzen trockneten dennoch mehr und mehr aus. In der Saison 2004/05 durfte man noch einmal im UEFA Cup spielen, als unterlegener Pokalfinalist gegen den Champions League-Teilnehmer Club Brugge, aber in einer Gruppe mit dem VfB Stuttgart schied Beveren punktlos aus.

2008 stieg der KSK zum dritten Mal nach der Goldenen Ära in die zweite Liga ab. Diesmal gab es aber keinen direkten Wiederaufstieg. Vielmehr lag Beveren finanziell am Boden. Obwohl bei der Aktion "KSKB olé" mehr als eine halbe Million Euro an Spenden gesammelt wurden, gab der Club im Winter 2009/10 seine Lizenz ab und fusionierte kurz darauf mit dem Nachbarclub Red Star Waasland. Als "Waasland-Beveren" spielt dieser neue Club weiter in der zweiten Liga.

Viele Fans wollten sich damit aber nicht abfinden und gründeten den neuen Club Yellow Blue Beveren, der in der untersten Amateurklasse begonnen hat und an die Tradition des KSKB anknüpfen soll.

Erzgebirge Aue

Zugegeben: Früher hieß Wismut Aue "Wismut Karl-Marx-Stadt". Die Heimspiele wurden jedoch trotzdem in der 17.000-Einwohnerkleinstadt Aue im Erzgebirge ausgetragen. Aue liegt Luftlinie nur etwa 20 Kilometer von der Großstadt Zwickau entfernt, ist aber kein Vorort, sondern eine eigenständige Kreisstadt, die früher vom Uranbergbau lebte.

Das "Schalke des Ostens" wurde in den 1950er Jahren viermal DDR-Meister und erreichte in der Saison 1958/59 das Viertelfinale im Europapokal der Landesmeister, wo der BSC Young Boys aus Bern erst im Entscheidungsspiel den Einzug der Violetten ins Halbfinale verhinderte. Kein Team in der Geschichte der Oberliga bestritt mehr Punktspiele als Wismut, das nach der Wende Anfang der 1990er Jahre in "FC Erzgebirge" umbenannt wurde - was die Fans jedoch großenteils nicht akzeptierten.

Ausgerechnet kurz vor der Vereinigung von BRD und DDR war der Club zuvor in die Zweitklassigkeit abgestürzt und musste seine Zeit im gesamtdeutschen Ligensystem so in der drittklassigen Oberliga beginnen. Inzwischen sind die Auer ein fester Bestandteil der zweiten Liga geworden, und das in der bis heute drittkleinsten Stadt, die je in der 2. Bundesliga aufspielte.

Unterhaching, Baunatal, Sinsheim, Eppingen und Burghausen sind größer, aber Bürstadt in Südhessen, Heimat des ruhmreichen VfR, ist mit 15.000 Einwohnern noch kleiner, und dem Fass den unbehausten Boden aus schlägt der FSV Salmrohr aus der 2.000-Einwohner-Gemeinde Salmtal in Rheinland-Pfalz.

K Lierse SK

Der Koninklijke Lierse Sportkring aus der 33.000-Einwohner-Kleinstadt Lier bei Antwerpen ist nicht untypisch für die Fußballandschaft in einem Land, deren Meister KRC Genk mit seinen 60.000 Einwohnern schon zu den Großstädtern zählt. Auch der KV Mechelen, Nachbarclub von LSK, der 1988 unter Aad de Mos den Europapokal der Pokalsieger gewann, stammt aus einer Stadt von 80.000 Bewohnern. Dagegen zählt Westerlo, Heimat des KVC, 23.000 Einwohner, Lokeren knapp über 20.000 und St. Truiden 39.000.

Historisch gesehen zählen die Gelbschwarzen wie Beveren zu den erfolgreichsten Dorfclubs Belgiens. Vier Meistertitel und zwei Pokalsiege stehen in der eindrucksvollen Clubvita, deren größte Stunde aber nicht durch einen Titelgewinn, sondern durch ein gewonnenes Auswärtsspiel im UEFA Cup markiert wird. In der ersten Runde des neuen Wettbewerbs verlor Lierse im heimischen Lisperstadion mit 0:2 gegen den Messepokalsieger und englischen Vizemeister Leeds United. So weit, so erwartbar. Schließlich hatte Lierse in seiner Geschichte bis zu diesem Zeitpunkt erst sechs Europapokalspiele bestritten und lediglich gegen APOEL Nikosia gewinnen können.

Das Rückspiel an der Elland Road aber soll dazu geführt haben, dass jahrelang eine Tafel im Spielertunnel des Stadions hing: "Always remember Lierse!". Das lässt sich nicht verifizieren, sicher aber ist, dass Leeds das Spiel vor 18.000 eigenen Fans mit 0:4 verlor. Eine halbe Reserveelf der siegessicheren Engländer lag kurz nach der Halbzeit schon mit 0:3 zurück. Der 17-jährige schottische Torhüter John Shaw, der sein erstes Spiel für Leeds bestritt, wurde dann erst, nach mehreren schweren Fehlern ausgewechselt. Aber es war zu spät, und Lierses Konter erhöhten am Ende sogar auf 0:4.

In der nächsten Runde verlor der KLSK mit 1:4 in Trondheim, kam aber erneut durch ein großes 3:0-Comeback im Rückspiel weiter. Auch im Achtelfinale drehten die Flamen ein 0:1 aus dem Hinspiel mit einem 4:0-Heimsieg über die PSV Eindhoven. Erst Gianni Riveras AC Milan war im Viertelfinale zu stark.

Der Club, der Belgiens Rekordnationalspieler Jan Ceulemans aus der berühmten eigenen Jugendabteilung hervorbrachte, holte seinen letzten Meistertitel überraschend 1997 unter Trainer Eric Gerets. 14 Spieler aus dem Meisterkader stammten aus der eigenen Jugend. Gerets verließ den Club jedoch im Sommer nach dem Titel. Unter seinem Nachfolger Jos Daerden zog Lierse in die Gruppenphase der Champions League ein - nicht, ohne in der Qualifikation ein spätes Eigentor zu brauchen, um sich gegen Anorthosis Famagusta durchzusetzen. In der Gruppenphase war die Mannschaft um die späteren Bundesligaspieler Ralph Hasenhüttl, Nico van Kerckhoven und Thomas Zdebel dann aber chancenlos und holte nur einen Punkt aus sechs Spielen.

2007 wurde Lierse SK, inzwischen in die zweite Liga abgestiegen, von einer ägyptischen Investorengruppe gekauft, denen auch der Club Wadi Degla gehört. Wadi Degla spielt nun in den gleichen Farben wie Lierse und hat auch ein sehr ähnliches Wappen. Beide Clubs haben derweil ein Kooperationsabkommen mit Arsenal geschlossen - wie einst der KSK Beveren. Die Gunners planen hier offensichtlich, einen neuen Ausbildungsverein aufzubauen.

Valkeakosken Haka

Südöstlich von Tampere, in der südwestlichen Ecke der finnischen Seenplatte und 150 Kilometer nördlich von Helsinki liegt die Kleinstadt Valkeakoski. Sie hat 20.000 Einwohner und verdankt ihre Existenz der Papierindustrie, die an den Stromschnellen zwischen zwei Seen angesiedelt ist. Von der Existenz des Ortes wissen außerhalb Finnlands nicht viele Menschen, steht er doch im Schatten der nahen und zehnmal so großen Industriestadt Tampere.

Dabei ist hier einer der erfolgreichsten Fußballclubs Finnlands beheimatet, der FC Haka. Mit neun Meistertiteln und 12 Pokalsiegen muss sich der Provinzverein nur hinter dem Rekordmeister HJK aus Helsinki verstecken. 60 Jahre verbrachte Haka in der ersten finnischen Liga, seit der Gründung der Veikkausliiga vor rund 30 Jahren spielte der Club nur eine einzige Saison in der zweitklassigen Ykkönen.

International unternahmen die Schwarz-Weißen zwar zahlreiche Anläufe in den Europapokalen, waren allerdings nur in einer von 24 Saisons zu Weihnachten noch im Wettbewerb. Das war 1983/84, als erst im Viertelfinale des Pokalsiegerwettbewerbs Juventus Haka besiegte. Gemeinerweise konnte der Club allerdings sein Heimspiel nicht in Finnland bestreiten, weil Anfang März noch der Winter in Skandinavien herrschte. In Strasbourg verlor Haka mit 0:1.

Das Stadion Tehtaan kenttä passt perfekt zu einem so kleinen Einzugsgebiet und fasst keine 4.000 Fans. Aber das hat die Leute in Valkeakoski seit der Eröffnung des Grounds 1934 nicht weiter gestört. Ihr Team hatte in der gerade abgelaufenen Saison mit 1.300 Zuschauern den zweitniedrigsten Schnitt der Veikkausliiga. Nur MyPa-47 hatte noch weniger Fans - eigentlich auch ein Club für unser Thema, aber der Ort Anjalankoski, in dem der Finnische Meister von 2005 beheimatet ist, zählt inzwischen zur größeren Stadt Kouvola.

FC La Chaux-de-Fonds

La Chaux-de-Fonds kennen Sie nicht? Die Stadt im Schweizer Kanton Neuchâtel hat gut 35.000 Einwohner, liegt im Juragebirge nahe der französischen Grenze und ist ein Zentrum der Uhrenindustrie. Zu den großen Clubs der Schweiz wird der FCC nicht gezählt. Das sind der Grasshopper-Club aus Zürich, dessen Lokalrivale FCZ, der FC Basel, die Berner Young Boys und Servette FC aus Genf, vielleicht noch Lausanne-Sport. Alles Großstadtclubs.

Dass La Chaux-de-Fonds heutzutage nichts mehr gilt, liegt daran, dass der Club vor zwei Jahren aus der zweitklassigen Challenge League zwangsabsteigen musste und inzwischen in der fünften Liga regional vor sich hin kickt. In der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg bis in die 1960er Jahre hinein war das aber noch ganz anders. Drei Meisterschaften und sechs Schweizer Pokalsiege feierte man im Watch Valley, wie die Gegend zwischen Basel und Genf genannt wird.

Heutzutage ist im Stadion Charrière wenig von dieser ruhmreichen Geschichte zu spüren, wenn 250 Zuschauer sich zu einem Spiel der Neuenburger Kantonsliga einfinden. 1964 waren es noch 40mal so viele, als der französische Meister AS Saint-Étienne aus dem Europapokal der Landesmeister geworfen wurde, bevor Eusébios Benfica im Achtelfinale zu stark für die Uhrmacher war.

Kilmarnock

Südwestlich von Glasgow gelegen, war die Stadt Kilmarnock in Schottland, kurz gerne "Killie" genannt, lange ein Zentrum der Textil- und Schwerindustrie. Die Fabriken gingen in den letzten Jahrzehnten größtenteils pleite. Zu allem Überfluss wurde in diesem Jahr auch noch die Fabrik von Johnnie Walker geschlossen, dem Whisky, der aus der Stadt stammt und hier fast 200 Jahre lang abgefüllt wurde.

Nur eine Institution ist den 40.000 Bürgern von Kilmarnock noch geblieben: der Kilmarnock FC, praktischerweise ebenfalls "Killie" gerufen. Der KFC ist der älteste Proficlub Schottlands und besteht seit 1869. Als einziger Club außerhalb der vier Großstädte Glasgow, Edinburgh, Dundee und Aberdeen konnte Killie in den letzten 70 Jahren den Schottischen Meistertitel erringen. Das war 1965. Im anschließenden Europacup der Landesmeister scheiterte Kilmarnock an Real Madrid.

Besser lief es ein Jahr später im Messepokal, in dem erst im Halbfinale gegen Leeds United das Aus kam. Nach zwischenzeitlichem Abstieg ist Kilmarnock seit 1993 wieder durchgängig erstklassig und gewann 1997 zum dritten Mal den Schottischen Pokal. Vor zwei Jahren gelang der Klassenerhalt erst am letzten Spieltag, aber in der aktuellen Saison sieht es nach einem Mittelfeldplatz aus. Im Stadion Rugby Park, das seit mehr als 110 Jahren Heimstatt des Clubs ist, besuchen im Schnitt immerhin knapp 7.000 Fans die Spiele in der Scottish Premier League.

Damit ist natürlich nur ein Anfang gemacht. In der nächsten Folge unserer Kleinstadtserie werden wir uns nach Südeuropa orientieren.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

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