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Pressestimmen

Gündogan und Özil mit Erdogan: "Demokratie muss auch Dummheit aushalten"

Das Foto der deutschen Fußball-Nationalspieler Ilkay Gündogan und Mesut Özil mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan sorgt weiter für Aufregung. So kommentiert die deutsche Presse.

Erdogan, Özil, Gündogan

Kurz vor der WM-Nominierung haben sich Mesut Özil und Ilkay Gündogan durch einen Auftritt mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan mächtig Ärger eingehandelt. Fotos der deutschen Fußball-Nationalspieler mit dem Politiker in einem Hotel in London sorgten am Montag für Wirbel. -Chef Reinhard Grindel reagierte mit harscher Kritik. Beide hätten sich für ein Wahlkampfmanöver "missbrauchen lassen". Teammanager Oliver Bierhoff äußerte Unverständnis und kündigte eine Aussprache mit dem Duo an. Auch weite Teile der deutschen Presse verurteilten die Aktion, die "Schwäbische Zeitung" hingegen spricht davon, dass Demokratie "auch Dummheit aushalten" müsse.

"Schwäbische Zeitung": "Nationalspieler sind keine Staatsbedienstete in kurzen Hosen. Sie müssen weder einen Diensteid leisten noch kann man ihnen vorschreiben, welche Politiker sie unterstützen dürfen - oder eben nicht. Ob ein Spieler die Hymne mitsingt, entscheidet ebenso wenig darüber, ob er der Nationalmannschaft angehören darf, wie die Klugheit seiner öffentlichen Äußerungen. Der Auswahl des DFB gehören einfach die besten deutschen Spieler an - oder die, die Joachim Löw dafür hält. Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind Nationalspieler und sie sind deutsche und türkische Staatsbürger, so wie Miroslav Klose und Lukas Podolski beispielsweise auch Polen sind. Sie dürfen in zwei Ländern wählen, sie haben zwei Staatsoberhäupter. Da irrt der schwäbische Grüne Cem Özdemir, der es eigentlich besser wissen sollte. Die Forderung von Rechtsaußen, Özil und Gündogan aus der Nationalmannschaft auszuschließen, ist ebenso irrlichternd wie die politische Meinung der beiden Mittelfeldspieler. Der DFB und seine Nationalmannschaft stehen für ein buntes, offenes und demokratisches Deutschland. muss auch Dummheit aushalten. Und doch haben Özil und Gündogan sich selbst - und allen anderen eigentlich bestens integrierten Doppelstaatsbürgern in Deutschland - einen Bärendienst erwiesen mit ihrer maximal unsensiblen Wahlkampfhilfe für Erdogan. Am Tag vor der WM-Nominierung kocht nun eine Integrationsdebatte wieder hoch, die die Nationalmannschaft eigentlich seit Jahren als unnötig demaskiert."

"Rheinische Post": "Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind in Gelsenkirchen geboren und aufgewachsen. Die türkischstämmigen Fußballer haben ihre Laufbahn in Deutschland begonnen und sich bewusst für die deutsche Fußball-Nationalmannschaft entschieden. Das hat sportliche Gründe, aber auch eine wirtschaftliche Komponente. Mit dem Adler auf der Brust ist es einfacher, sich hierzulande vermarkten zu lassen. Man kann es als problematisch empfinden, dass Özil als deutscher Nationalspieler das Mitsingen der Hymne verweigert. Man muss von einem Mitglied der Nationalmannschaft erwarten, dass es sich zu seinem Heimatland bekennt. Und dann ist Frank-Walter Steinmeier Präsident - und nicht Recep Tayyip Erdogan. Es ist ein alarmierendes Signal für die Integrationsbemühungen des DFB, wenn zwei so prominente Akteure sich für Wahlkampfzwecke einspannen lassen. Heute nominiert Joachim Löw sein vorläufiges Aufgebot für die WM. Mit dabei sollten nur Spieler sein, die wissen, dass ihr Präsident in Berlin seinen Amtssitz hat - und nicht in Ankara."

"Westfalen-Blatt": "Bei dieser Unterstützung kann der türkische Präsident Erdogan gut und gerne auf den ihm untersagten Wahlkampf in Deutschland verzichten. Die für die deutsche Fußballnationalmannschaft spielenden und Ilkay Gündogan sind Idole für viele Türken und Deutsch-Türken, die hier leben - und die bei der anstehenden türkischen Parlamentswahl ihre Stimme abgeben dürfen. Den Adler auf der Brust tragen, aber bei 'Einigkeit und Recht und Freiheit' den Gesang verweigern - und jetzt auch noch das Bekenntnis zu Erdogan. Da kann der DFB noch froh sein, dass die türkischstämmigen Spieler 'ihrem' Präsidenten nur englische Vereinstrikots und nicht den DFB-Dress überreicht haben. Denn dann müsste man jetzt aufkommende Forderungen, Özil und Gündogan nicht mit zur WM nach Russland zu nehmen, ernsthaft in Betracht ziehen. DFB-Manager Oliver Bierhoff hat aus der Deutschen Nationalmannschaft 'Die Mannschaft' gemacht und vermarktet sie als postnationales Projekt erfolgreicher Integration. Özils und Gündogans Aktion beweist das Gegenteil."

"Stuttgarter Nachrichten": "Dem Fußball wird gerne vorgeworfen, er ducke sich weg, wenn es politisch wird. In diesem Falle haben Mesut Özil und Ilkay Gündogan das Gegenteil getan - und damit ein fatales Zeichen gesetzt. Ob sie nur aus reiner Dummheit gehandelt haben oder gar aus Kalkül, spielt keine entscheidende Rolle. Tatsache ist, dass sie nicht nur den Deutschen Fußball-Bund (DFB), der mit der Türkei um die Ausrichtung der EM 2024 konkurriert, völlig vor den Kopf gestoßen haben, sondern auch ihr Land, für das sie seit Jahren erfolgreich Fußball spielen und das es Erdogan aus gutem Grund verboten hat, vor den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni Wahlkampf zu machen. Als Beispiele gelungener Integration galten Özil und Gündogan bisher, als Aushängeschilder des deutschen Nationalteams. Folgt nun keine kompromisslose Kehrtwende des Duos, muss man sich allerdings fragen, ob sie wirklich in dem WM-Kader stehen sollten."

"Westdeutsche Zeitung": "Zwei türkischstämmige Fußball-Millionäre, die sich aufgrund der besseren Verdienstaussichten zu Beginn ihrer Karriere für die deutsche Staatsbürgerschaft entschieden haben, lassen sich im türkischen Auslandswahlkampf mit dem türkischen Diktator Erdogan fotografieren - da möchte man bloß noch fragen: Jungs, wer hat Euch denn vor die Schüssel getreten? Dass der DFB-Chef in Erahnung des aufziehenden Unmuts prophylaktisch grindelte, der Fußball und der DFB stünden für Werte, 'die von Herrn Erdogan nicht hinreichend beachtet werden', und der Integrationsarbeit des Verbands 'haben unsere beiden Spieler mit dieser Aktion sicher nicht geholfen', darf man als scheinheiligen Pflichtprotest zur Beruhigung der deutschen Fan-Seele abhaken. So lange es den Deutschen Fußball-Bund kein bisschen stört, dass WM-Gastgeber Wladimir Putin mindestens so wenig wie Erdogan die Werte des Fußballs und des DFB beachtet, sollte DFB-Präsident Reinhard Grindel nicht auf allzu höhe moralische Rösser klettern. Zu Russland und Putin fiel Grindel bislang lediglich ein, der DFB setze 'auf Dialog und nicht Boykott'. Was immer auch Mesut Özil und Ilkay Gündogan dazu bewogen haben mag, sich vor den Karren eines Diktators spannen zu lassen, der Deutsche in der Türkei als Justiz-Geiseln hält, Deutschland mit Spitzel-Imamen überflutet, unsere Gesellschaft spaltet sowie in der Türkei Demokratie und Menschenrechte mit Füßen tritt - sie stellen sich damit ins Abseits und gießen Öl ins Feuer der deutschen Dauer-Debatte um Integration und doppelte Staatsbürgerschaft. Und natürlich wirft es Fragen nach der Loyalität auf, wenn Gündogan ein Trikot mit dem Satz 'Für meinen Präsidenten, hochachtungsvoll' signiert. Es ist ganz einfach zu merken, Herr Gündogan: Ihr Präsident heißt Steinmeier, Ihre Kanzlerin Merkel und Ihre Verfassung Grundgesetz. Wenn Ihnen daran was nicht passt: Ziehen Sie unser Trikot nicht an."

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