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Uruguay 1930: Olympiasieger holt WM-Titel

Die erste Weltmeisterschaft vom 13. bis 30. Juli 1930 in Uruguay war ein Turnier mit Hindernissen, dessen sportlicher Wert von den großen europäischen Fußball-Nationen angezweifelt wurde.

26 Jahre nach seiner Gründung hatte der Weltverband Fifa die Idee eines Championats endlich umgesetzt, doch um den Austragungsort war ein handfester Streit entbrannt. Schon damals ging es um das liebe Geld. Die Europäer forderten für die lange Reise nach Südamerika 60.000 Mark sowie die Übernahme aller Kosten etwa für den Verdienstausfall der Spieler. England blieb aus einem anderen Grund fern. Im "Mutterland des Fußballs" hatte man sich dem Profifußball zugewandt, was ein Zerwürfnis mit der Fifa zur Folge hatte.

Die Fifa hatte das Turnier aus nachvollziehbaren Gründen nach Montevideo vergeben. Die "Urus" waren 1924 und 1928 Olympiasieger geworden. Außerdem standen am Rio de la Plata die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit bevor. In der "Schweiz Südamerikas" herrschte durch den florierenden Handel mit Weizen, Salpeter, Rindfleisch und Wolle ein hoher Lebensstandard. Nach dem Ende des 18- tägigen WM-Turniers mit 13 Mannschaften kassierte die Fifa erstmals ab: 12 719 Pesos Überschuss wurden erwirtschaftet.

Überfahrt für Europäer zu teuer

Auf dem "alten Kontinent" fürchtete man die kostspielige Schiffsreise über den Atlantik. Fifa-Präsident Jules Rimet tingelte durch Europa, um Interesse für das Turnier in Montevideo zu wecken; eine Qualifikation gab es nicht. Jugoslawien und Rumänien hatten sich bereits zur Teilnahme entschlossen. Die Rumänen reisten auf Befehl ihres Königs Carol, der ein großer Fußball-Fan war und die Spieler höchstpersönlich auswählte.

Ansonsten fand Rimet nur Gleichgesinnte daheim in Frankreich und in Belgien, Mannschaften zweiten Ranges, wie man in England, Ungarn, Österreich oder der Tschechoslowakei spottete. "Man wird nicht fehl gehen, dem unter dem Namen Weltmeisterschaft in Montevideo aufgezogenen Fußballturnier keine höhere Bedeutung zuzumessen", lästerte Eugen Seybold im deutschen Fachblatt "Fußball".

"Jahrhundertbau" überfüllt

Belgier, Franzosen und Rumänen hatten sich mit dem italienischen Dampfer "Conte Verde" in ihr zweiwöchiges Schiffsabenteuer gestürzt. Jugoslawien folgte mit der "Florida". Die Mannschaft bestand nur aus Serben, die Kroaten hatten nach dem Umzug des Nationalverbandes von Zagreb nach Belgrad die WM boykottiert. Dennoch schlugen sich die Jugoslawen hervorragend. Sie bezwangen Brasilien mit 2:1 und zogen als einziges europäisches Team ins Halbfinale ein, beim 1:6 gegen die Gastgeber jedoch den kürzeren.

Argentinien schickte das Überraschungs-Team aus den USA, das sechs gebürtige Engländer in seinen Reihen hatte, mit dem gleichen Resultat nach Hause. Das Traumfinale, die Neuauflage des Olympia-Endspiels von 1928 war perfekt, die Fährschiffe von Buenos Aires nach Montevideo binnen weniger Stunden ausverkauft. Was in Europa noch unbekannt war, zählte in Südamerika schon damals zum Fußball-Alltag: randalierende Fans. Vor dem neuen "Estadio Centenario" wurden Leibesvisitationen vorgenommen. Die als "Jahrhundertbau" geltende Arena war mit 90.000 Zuschauern überfüllt. Für Sicherheit sorgten Hundertschaften von Polizei und Militär sowie ein zweieinhalb Meter hoher Drahtzaun und ein Wassergraben zwischen Tribünen und Spielfeld.

Mit dem eigenen Ball zum Spiel

Das Spiel begann mit einem Problem, denn beide Mannschaften brachten ihren eigenen Ball mit. Der belgische Schiedsrichter John Langenus, der in Knickebockern, Schlips und Kragen seiner Arbeit nachging, ließ das Los entscheiden. Das Finale endete 4:2 für Uruguay, das als erste Mannschaft den "Worldcup", ein aus 1,8 Kilogramm Gold gefertigtes Abbild der Glücksgöttin Fortuna, in Empfang nehmen durfte. Trainer Alberto Suppici ging mit 31 Jahren und 240 Tagen als jüngster Weltmeister-Trainer in die Geschichte ein.

Star des ersten Fußball-Weltmeisters war Jose Leandro Andrade, ein schwarzer Außenläufer, der schon beim Olympiasieg 1928 einer der Leistungsträger war. Sein Neffe Victor Rodriguez Andrade trat später in seine Fußstapfen und holte 1950 zum zweiten Mal den WM-Titel für die "Celestes" genannte Nationalelf Uruguays.

Jose Leandro Andrade befand sich zu dieser Zeit schon auf dem Weg nach unten. Der gelernte Klavierstimmer war nach seiner Fußball- Karriere nach Paris gegangen, wo er sich am Montmartre als Sänger und Tänzer verdingte. Er war ein Lebemann, ein Frauenheld. Bettelarm kehrte er in seine Heimat zurück und starb mit gerade einmal 56 Jahren am 3. Oktober 1957 in einem Armenhaus in Montevideo.

Ganz anders sein großer Gegenspieler von 1930, Guillermo Stabile. Um den ersten WM-Torschützenkönig trauerte ganz Argentinien, als er 1966 zu Grabe getragen wurde. Er war viele Jahre Nationalcoach der "Gauchos", doch sein zweiter Auftritt auf der WM-Bühne endete kläglich. 1958 scheiterte Argentinien in den Gruppenspielen. Acht Tore in vier Spielen hatte Stabile 1930 erzielt, der historische erste WM-Treffer war jedoch einem Europäer gelungen. Der Franzose Lucien Laurent vom FC Sochaux eröffnete am 13. Juli beim 4:1 gegen Mexiko in der 19. Minute den Torreigen. Der damalige Peugeot-Arbeiter wurde später Präsident des FC Besancon und durfte 1998 als 92- Jähriger noch den WM-Triumph der "Grande Nation" im eigenen Land miterleben.

Ines Bellinger und Andreas Bellinger/DPA / DPA

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