16. Oktober 2012, 19:35 Uhr

"Operation Konfetti"

Staatssekretär Fritsche hat sich als Aufklärer der NSU-Morde geriert. Aber welche Rolle spielte er bei der Aktenvernichtung wirklich? Am Donnerstag wird er im Untersuchungsausschuss verhört.

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Welche Rolle spielte Staatssekretär Klaus-Dieter Fritsche bei der Aktenvernichtung in der NSU-Affäre wirklich?©

Die Macht im Dunkeln genügt ihm, ihr Gewand braucht er nicht, die Kameras, Scheinwerfer. Er ist ambitiös, nicht eitel. Der deutsche Beamte Klaus-Dieter Fritsche steht mit Vorliebe im Hintergrund, ein Leben lang. Als Staatssekretär zieht er heute im Bundesministerium des Inneren (BMI) die Fäden.

Bis Ende 2009 war er Geheimdienstkoordinator im Kanzleramt, von 1996 bis 2005 Vizepräsident im Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV). Verlässlich, pflichttreu. Und immer verschanzt hinter einem Ersten. Niemals wirklich verantwortlich.

Fritsche trägt randlose Brille und grauen Anzug, wenn er im Büro Nummer 11.017 oben im Ministerium Gäste empfängt. Am nüchternen Konferenztisch, acht Sessel, gibt er nach Bedarf den Jovialen, den Leitenden, den Flüsterer. Zum Drohen knacken Fingerknöchel. Hinter einer Zimmerpalme stapeln sich Aktenmappen auf dem Schreibtisch, daneben steht ein Flatscreen mit Dienstmails - Einsichten in die Geheimnisse dieses Staates zu haben bedeutet Wissen, Einfluss, Macht.

Zäsur in der Geschichte der Inlandsgeheimdienste

Seit Anfang November 2011 ist das Versagen der Sicherheitsbehörden im Kampf gegen den Rechtsextremismus offenkundig. Eine rechte Terrorzelle aus Thüringen hat 13 Jahre lang im Untergrund agiert, unterstützt von einem Netz Gesinnungsgenossen. Die Rechtsterroristen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nannten sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU). Sie überfielen Banken, verübten Bombenanschläge auf Ausländer, richteten acht Türken, einen Griechen und eine deutsche Polizistin mit Kopfschüssen hin. Polizei und Verfassungsschutz mit einem Heer von V-Leuten haben all dies nicht erkannt.

Totales Versagen - und eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Inlandsgeheimdienste. Der Präsident des BfV und die Chefs der Verfassungsschutzbehörden in Thüringen und in Sachsen verloren ihre Ämter. Statt aufzuklären, wurden beim Verfassungsschutz heimlich Akten über V-Leute und die gewaltbereite Neonaziszene geschreddert. Manche gar auf Anweisung aus dem Bundesinnenministerium. Untersuchungsausschüsse beschäftigen sich mit der Frage nach Verantwortlichen. Als oberster Aufklärer des Schredderskandals fungiert, diskret im Hintergrund, Innenstaatssekretär Klaus-Dieter Fritsche.

Ein Mann, der dabei war, als das Versagen seinen Anfang nahm. Einer, der als Fachmann die Terroristen und ihr Umfeld völlig falsch einschätzte. Ein Mann im Schatten, nach dessen persönlicher Verantwortung bisher niemand fragt. Seit dieser Woche tagt der Untersuchungsausschuss des Bundestages wieder. In Kürze dürfte es auch um die geheime Schredderaktion gehen. Dann soll Fritsche als Zeuge vernommen werden. Gespräche, Aktenvermerke und E-Mail-Protokolle, die dem stern vorliegen, werfen die Frage nach der Rolle von Fritsche auf.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 38/2012

 
 
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