
Offiziell spielt Gorbatschow die Katastrophe weiter herunter. Das Sowjet-Fernsehen berichtet über die Frühjahrsaussaat und die Herstellung von Mänteln, erst gegen Ende von der "Havarie" eines Reaktors in der Ukraine: "Die Strahlungslage in Pripjat und Umgebung hat sich stabilisiert."
Auch der 1. Mai wird zelebriert wie immer. Selbst in Kiew, gerade mal 90 Kilometer vom Kraftwerk entfernt, feiern die Bewohner bei strahlendem Sonnenschein die Paraden zum "Tag der Arbeit". Später erfahren sie über die Deutsche Welle, dass der Wind gedreht hat - in Richtung Kiew. Chaos in der Stadt. Zehntausende stürmen die Bahnhöfe und Flughäfen. Erst als der Strom der Flüchtenden auch nach Tagen nicht versiegt, entschließen sich die Behörden zur systematischen Evakuierung: Kinder werden in Ferienlager geschickt, die Schulen bleiben geschlossen.
Freitag, 2. Mai 1986. Das Wetter in Deutschland: viel Sonne, im Süden Temperaturen über 20 Grad. Leichter Wind aus östlichen Richtungen. Die Wolke erreicht die Bundesrepublik.
Schon in der Nacht schnellen die Strahlenwerte in Süddeutschland nach oben, später auch im Norden und Westen. Ein Land im Griff der Strahlenpanik. Der Wetterdienst in Offenbach zählt allein an einem Tag 1200 Anrufe verängstigter Bürger. Zwei fragen nach dem Wetter, der Rest nach Strahlung und Wind. An der deutsch-deutschen Grenze überprüfen Zöllner mit Geigerzählern die Laster aus Polen. Spielplätze verwaisen, Gemüse vergammelt in den Auslagen, Jodtabletten sind ausverkauft, Experten versuchen in Sondersendungen, die Fragen panischer Bürger zu beantworten. Darf die Wäsche zum Trocknen nach draußen? Muss die Hauskatze abgeduscht werden? Andere reagieren dickfellig: "Ich esse mein Gemüse", verrät ein Hamburger der "Bild"-Zeitung, "das Atom koch ich ab."
Die Bundesregierung rät Eltern von Kleinkindern, von Frischmilch auf Milchpulver umzustellen. Zugleich wird beschwichtigt: "Eine akute Gefahr für die Gesundheit besteht nicht", so der Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, Erich Oberhausen.
Als am 6. Mai Regen die Wolke auswäscht, steigen die Strahlenwerte auch am Boden dramatisch an. Sportstunden werden in die Halle verlegt und Schwimmbäder zum Saisonstart erst gar nicht eröffnet. Im Saarland empfiehlt die Jägervereinigung ihren Mitgliedern, "zum jetzigen Zeitpunkt nur das abschussnotwendige Rehwild zu erlegen und gegebenenfalls etwa drei bis vier Wochen tiefgekühlt zu lagern" - radiologisch gesehen Unsinn. Die Stadtratsfraktion der Münchner Grünen fordert: Man solle kostenlos Busse bereitstellen, um alle Kleinkinder der Stadt nach Portugal zu evakuieren. Der Gewinn der Fußballmeisterschaft durch die Bayern ist längst vergessen.
Am selben Tag erstickt in Tschernobyl das atomare Feuer. Der Nachschub für die Wolke erlischt. Graphit und Uran haben sich mit Sand, Bor und Blei zu einer radioaktiven Lava verbunden, die nun langsam abkühlt, aber noch immer tödlich strahlt. Und die Schmelze droht sich durchs Betonfundament ins Grundwasser zu fressen. Hektisch schafft der Krisenstab Bergarbeiter aus dem Donezbecken heran. Mit Hacke und Spaten sollen sie einen 160 Meter langen Tunnel bis unter den geschmolzenen Reaktorkern treiben, um dort einen kühlbaren Betonblock zu installieren. Als der Stollen nach mehreren Wochen einsatzbereit ist, wird er nicht mehr benötigt. Die Kernschmelze ist erstarrt. Die Arbeiten am Betonsarg um den Reaktor beginnen.
Übernommen aus ...
Ausgabe 17/2006