Russlands Präsident Wladimir Putin begann als Reformer und mutierte zum autoritären Vorsteher eines korrupten Regimes. Ungeachtet des Treffens in Bratislawa mit US-Präsident Bush fröstelt es gewaltig zwischen Washington und Moskau. Von Katja Gloger, Bratislawa

Winken für die Fotografen: US-Präsident George W. Bush und Russlands Präsident Wladimir Putin beim Wirtschaftsgipfel in Santiago de Chile 2004© Ian Salas/DPA
Wladimir Wladimirowitsch Putin hat eine erstaunliche Eigenschaft: Er kann es wirklich jedem recht machen. Kommt daher, freundlich lächelnd und bescheiden, blässlich, eher jungenhafter Kumpel als machtvoller Präsident der Russischen Föderation, des größten Landes der Erde. Fast schüchtern scheint er, und er gibt jedem seiner Gesprächspartner das Gefühl, er versteht ihn, teilt seine Meinung, ist ganz für ihn da. Und schon manch einer hat sich nach einem Gespräch mit Wladimir Wladimirowitsch Putin verwundert gefragt, welche Meinung denn eigentlich der Präsident vertreten hat.
Man weiß zwar mittlerweile eine Menge über ihn, den ehemaligen Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB. Dass er sich einen Reitstall auf dem Gelände seiner Residenz in Nowo Ogarjowo bei Moskau errichten ließ. Dass er jeden Morgen auf einem seiner Vollblüter reitet, dann eine halbe Stunde allein in seinem Hallenbad schwimmt, regelmäßig Judo trainiert. Dass er noch nach Mitternacht Mitarbeiter antanzen, Minister ungerührt stundenlang warten lässt. Dass er fast immer zu spät kommt, langatmig und besserwisserisch über die Weltlage doziert. Doch er lässt niemanden wissen, wofür er wirklich steht.
Wladimir Wladimirowitsch Putin ist, wenn man so will, ein Mann für alle Gelegenheiten. Er weiß, was er seinen Gesprächspartnern schuldig ist. Er hört konzentriert zu, erinnert sich an jedes Detail. Jede Geste, jedes Wort, jedes Lächeln hat er im Griff. Stets stellt er sich ganz auf sein Gegenüber ein, überrascht mit berechnender Einfühlsamkeit. Dieser Mann ist jedem ein Spiegel.
Seinem Volk ist er ein Zar mit eigener Website ebenso wie ein autoritärer Apparatschik. Ein treuer sowjetischer Geheimdienstoffizier ebenso wie ein moderner Politmanager mit einem Faible für Romy Schneider. Der russische Schriftsteller Viktor Jerofeejew schrieb einmal: "Es gibt sogar eine spezielle Website zu Träumen von, mit und über Putin. Jeder ist bereit, Putin sein Herz auszuschütten und mit ihm ein offenes Gespräch von Mensch zu Mensch zu führen." Dies mag einer der Gründe dafür sein, dass ihn Bundeskanzler Schröder seinen "Freund" nennt. Putin ist einer der wenigen Staatschefs, die mit ihm auf Deutsch über Gott und die Welt plaudern können. Man besucht sich zu Hause, trinkt ein Bier; die Ehefrauen verstehen sich, zu Weihnachten bringt Wladimir handbemalte Christbaumkugeln mit und zu Gerhards Geburtstag einen Kosaken-Chor. Das rührt des Kanzlers Herz und ist gut für die strategische Partnerschaft zwischen beiden Ländern. Schließlich besitzt Russland eine Menge Erdgas - und das braucht man in Deutschland. Außerdem will Deutschland eine echte Führungsmacht in Europa sein. Da kann es durchaus als europäische Aufgabe interpretiert werden, gute Beziehungen zum Führer des russischen Riesenreiches zu pflegen.
Bislang durfte Putin auch George W. Bush als "Freund" bezeichnen. Vor knapp vier Jahren lud ihn Bush auf seine Ranch in Texas ein - eine Ehre, auf die Frankreichs Staatspräsident Chirac bis heute wartet. Vor seiner Reise übte Putin wochenlang Englisch im eigenen Sprachlabor. Man sprach auch über Religion. Damals schaute der tiefgläubige George W. Bush dem russischen Präsidenten tief in die Augen und sah, wie er später erklärte, "seine Seele." Diese Seelenverwandtschaft bezog sich bislang vor allem auf Gemeinsamkeiten im weltweiten Krieg gegen den Terror. Russland unterstützt die USA - und legitimiert den eigenen schmutzigen Krieg im Kaukasus. Außerdem bietet sich Russland als Öl- und Gaslieferant an.
Bislang durften US-Ölkonzerne von satten Geschäften im Zukunftsmarkt Russland träumen. Dafür sah man Putin sogar seinen taktischen Widerstand gegen den Irak-Krieg nach. Damals gab eine gewisse Condoleezza Rice die Devise aus: "Frankreich bestrafen, Deutschland ignorieren, Russland verzeihen." Das ändert sich gerade gehörig. Der US-Präsident ist auf seiner für ihn enorm wichtigen Europa-Reise, ein selbstbewusster, zupackender Chef-Propagandist in Sachen Freiheit. Er fordert, auch Europa soll Verantwortung für die Verbreitung demokratischer Werte übernehmen. Sein Freund Wladimir will da offenbar nicht mitspielen. Er ist nicht abonniert auf die idealistische "Agenda der Freiheit". Seit neuestem fröstelt es gewaltig zwischen den beiden Ländern. Die Töne werden schriller.
Mehr und mehr scheint es, als ob man in Washington eine Änderung der Russland-Politik erwäge. Gleich mehrmals ermahnte Bush seinen russischen Freund in den vergangen beiden Tagen - und das öffentlich. Er nutzte das Treffen der Nato-Mitglieder und seinen Besuch bei den EU-Staats- und Regierungschefs, um deutlich zu fordern: Russland müsse sein Bekenntnis zu Demokratie und Reform wiederholen: "Dazu gehören eine freie Presse und Rechtstaatlichkeit". Auch Europa müsse Russland dabei an Einlösung der versprochenen Reformen erinnern.
Schon vor vier Monaten, als sich die beiden auf einem Wirtschaftsgipfel in Chile trafen, bemerkten Beobachter, wie ablehnend Bush reagierte: hatte ihm Putin doch eine Polit-Vorlesung über die grundsätzlichen Schwierigkeiten russischer Reformpolitik gehalten.
Belehrungen, langatmige Erklärungen ohne konkrete Ergebnisse - Bush ist viel zu ungeduldig, daran Gefallen zu finden. Auch die konservative Lobby macht Front gegen Putin. Kurz vor Bushs Reise fanden Anhörungen über Russland im US-Senat statt: "Rückzug der Demokratie." Harte Kritik war da zu hören an Putins Politik gegenüber den Nachbarländern. Seine Unterstützung des ekelhaften weißrussischen Diktators Lukaschenko. Seine Versuche, die Lage in Georgien zu destabilisieren. Seine Politik gegenüber Yukos, dem einst mächtigsten russischen Ölkonzern, der zerschlagen wurde. Jetzt fordert auch der angesehene republikanische Senator John McCain, Russland aus der G-8-Gruppe der Industrienationen auszuschließen. Und selbst der demokratische Außenpolitiker Richard Holbrooke wünscht sich "ein Ende der Romanze."
Denn in Washington erkennt man gerade, wie schamlos Putin bislang von den Fehlern amerikanischer Außenpolitik profitiert hat: Die USA führten Krieg im Irak? Wunderbar - die Ölpreise steigen ins Unermessliche. Das macht Russlands Ölbarone und Staatskonzerne reich. Putin konnte nahezu alle Auslandschulden zurückzahlen. Und vor wenigen Wochen ließ er ausländische Investitionen in wichtige Ölprojekte einfach verbieten. Das war ein Schlag ins Gesicht für Bush und dessen Idee der Energie-Partnerschaft mit US-Ölkonzernen.