Condoleezza Rice, Präsident Bush loyal ergeben, wird als zweite Frau US-Außenministerin - eine PR-Maßnahme der besonderen Art. Sie soll die Vision von der Demokratisierung der Welt propagieren. Was sie selbst denkt, ist sie schuldig geblieben. Von Katja Gloger, Washington

Condoleezza Rice zählt zu den engsten Vertrauten von US-Präsident George W. Bush.© Paul J. Richards/AFP
Sie ist die Stimme ihres Herrn, die ultimative Vertraute. Und was man sonst noch über sie weiß, die mächtigste Frau in Washington? Dass sie jeden Morgen um fünf Uhr aufsteht, um in ihrem Washingtoner Appartement im Watergate-Komplex aufs Laufband zu springen und diszipliniert ihr tägliches Fitnessprogramm zu absolvieren. Dass sie um sieben Uhr morgens am Schreibtisch sitzt und die Welt durchdekliniert, stets im eleganten Kostüm mit perfektem Sitz, noch nicht mal eine Sitzfalte zu lässt sie zu, dazu Lippenstift Yves Saint Laurent Nr. 10, die Haare stramm glatt gekämmt, immer noch die Musterschülerin, die zwei Klassen übersprang und schon mit 15 Jahren an die Uni ging. Dass die Pianospielerin alleine lebt und nie verheiratet war und ihre karge Freizeit an Sonntagen damit verbringt, mit einem privaten Kammerorchester zu üben, am liebsten Sonaten von Brahms.
Man weiß auch, dass die designierte Außenministerin der USA eine Leidenschaft für Football pflegt und durchaus Charisma hat. Seit ihrer Kindheit geübt durch zahllose Auftritte als Pianistin, die zum ersten Mal mit drei Jahren am Klavier saß, trainiert als Eiskunstläuferin. "Sie hat es", sagt Michael McFaul, einst Kollege an der Stanford-Universität. "Wenn sie einen Raum betritt, verändert sich etwas. Das habe ich sonst nur bei Bill Clinton erlebt." Und der wichtige Polit-Philosoph Francis Fukuyama ahnte schon vor Jahren: "Eines Tages werden wir alle für sie arbeiten."
Vor allem aber weiß man, dass Condoleezza Rice eine Freundin des Bush-Clans ist, dem Präsidenten-Ehepaar persönlich eng verbunden und loyal ergeben, man verbringt viele Wochenenden gemeinsam. Auf seiner Privatranch in Texas bewohnt sie ein kleines Gästehaus mit Familienanschluss, der Präsident ist wie ein väterlicher Freund. Gerne reden sie an solchen Wochenenden über Football und Baseball, gucken fern, trainieren im Fitness-Raum oder legen Puzzles. Sie beten gemeinsam und falls George W. Bush es wünscht, erklärt ihm "Condi" die Konflikte dieser Welt in klaren, einfachen Worten. Meist spielt dabei die göttliche Mission Amerikas eine wichtige Rolle. Doch was sie selbst wirklich denkt, welche Überzeugungen sie wirklich vertritt, dass ist sie bislang schuldig geblieben.
Auch an diesem Dienstag wird die Kleidung perfekt sitzen, das Lächeln gekonnt, ihr Auftreten voller Selbstvertrauen, wenn sie vor dem einflussreichen außenpolitischen Komitee des US-Senats antritt, um angehört zu werden über ihre Überzeugungen und ihre Bilanz als Nationale Sicherheitsberaterin. Sie wird sich ein paar kritische Fragen gefallen lassen müssen über die Vorgeschichte des 11. September und ihre Rolle beim Marsch in den Irak-Krieg. Sie wird sich auch ein paar unangenehme Fragen anhören müssen über die Arbeit der "Irak-Stabilisierungsgruppe", der sie persönlich vorsteht. Auch diese Anhörungen wird sie mit kühlem Charme absolvieren. Und dann wird Condoleezza Rice als 66. Ministerin und zweite Frau die fahle Betonburg des US-Außenministeriums in der C-Street übernehmen. Dann wird sich zeigen: Ist Dr. Condoleezza Rice mehr als die Stimme ihres Herrn?
Sicher ist: sie wird die mächtigste Außenministerin seit Jahrzehnten, denn sie hat den direkten Draht zum Chef. Ihr moderater Vorgänger Colin Powell war zwar beliebt in der Welt. Er hatte auch ein paar Standpunkte. Jeder wusste von seinen Krächen mit den Falken im Kriegskabinett, vor allem mit Vizepräsident Richard Cheney und Pentagon-Chef Donald Rumsfeld. Doch jeder wusste auch, dass der Präsident seinem Außenminister nicht wirklich zuhörte.
Condoleezza Rice hingegen soll des Präsidenten diplomatische Wunderwaffe werden, eine PR-Maßnahme der ganz besonderen Art. Sie soll Bushs Vision von der Demokratisierung der Welt nach US-Muster propagieren. Sie werde die Diplomatie zu neuen Höhen führen, heißt es bedeutungsvoll aus dem Weißen Haus. Hatte doch George Bush selbst in den vergangenen Tagen freimütig sein "language problem" eingeräumt: manchmal sei er in seiner Sprache wohl etwas zu "unverblümt" gewesen. Condoleezza Rice solle der Welt "unsere Motive und unsere Absichten erläutern", so Bush, "denn ganz sicher müssen wir besser erklären, was Amerika wirklich ausmacht.
Die diplomatische Blitzoffensive führt Bush im Februar auf seine erste Auslandsreise nach Europa. In Brüssel die Nato, in Bratislava der russische Präsident Putin, dazwischen ein paar symbolträchtige Stunden mit dem Kanzler in Mainz. "Wir haben schon vor Monaten die Initiative zu diesem Besuch ergriffen und angefragt", sagt ein hochrangiger Diplomat im US-Außenministerium zu stern.de, "wir wollen zeigen, dass uns Deutschland als strategischer Partner wichtig ist. Und wir wissen, dass wir dem Kanzler damit durchaus einen Gefallen tun."