Nie ist die islamische Welt fortschrittlicher gewesen als im Mittelalter. Und immer sind es die Muslime aus Persien, die für die Blüte von Architektur, Dichtkunst und Medizin sorgen. Selbst wenn ein brutaler Eroberer wie Dschingis Khan ihre Heimat besetzt, gelingt es den Iranern, die Barbaren bald zu zivilisieren. Von Steffen Gassel

Alljährliches Aschura-Fest: Ein junger Iraner, Hemd und Gesicht mit roter Farbe besudelt, spielt in einer Szene zum Gedenken an die Schlacht von Kerbela, in der 680 der Imam Hussein getötet wurde© Raheb Homavandi/REUTERS
Die persische Prinzessin muss gespürt haben, dass sie nicht viel weiter kommen würde. In rasendem Galopp hat der weiße Hengst sie gen Osten getragen, quer durch das untergegangene Reich ihres toten Vaters, des letzten Schahs aus dem stolzen Herrscherhaus der Sassaniden. Fort aus der Ebene des Zweistromlandes hat sie die wilde Flucht geführt, durch die Berge Kurdistans, bis auf das iranische Hochplateau vor die Tore der alten Königsstadt Ray, die Häscher des Kalifen immer hart auf ihren Fersen. Doch hier, im Angesic ht der Berge, ist die Flucht von Bibi Schahr Banu zu Ende. Jeden Moment wird der Prinzessin das gleiche Schicksal widerfahren wie ihrem Ehemann Hussain, dem Enkel des Propheten, und seinen aufrechten Gefährten. Die sind gerade dahingemetzelt worden bei Kerbela am Ufer des Euphrat, weil sie Mohammeds neue Religion verteidigt haben. "Nimm Dhul Dschana und rette dich", hatte Hussain seine Gattin im Tode angefleht. Doch deren Pferd kann nicht mehr, Schaum steht ihm vor den Nüstern, und aus den Wunden, die Pfeile in seine zitternden Flanken geschlagen haben, rinnt das Blut.
Da wendet die Prinzessin sich an den neuen Gott, für den ihr Mann gefallen ist. Doch statt der Formel, mit der die fremden Araber ihn um Hilfe anrufen, kommen ihr in all der Not nur Worte ihrer persischen Muttersprache über die Lippen: Statt "Ya Allah! - Oh Allah!" schreit sie "Ya Kuh! - Oh Berg". Da öffnet sich eine Spalte in der Felswand, und der Berg nimmt Pferd und Reiterin auf und schließt sich wieder hinter ihnen. An einer Ritze im Fels, in der ein Stück ihres Schleiers hängen geblieben ist, verliert sich ihre Spur.
Eine sassanidische Prinzessin als Ehefrau des schiitischen Imams Hussain? Eine Flucht zu Pferd ohne Stopp vom Euphrat bis kurz vor Teheran? Seit Jahrhunderten streiten muslimische Gelehrte über diese Geschichte - klingt sie doch allzu wundersam, um wahr zu sein.
Zehntausende fromme Iraner stört das nicht. Bis heute pilgern sie jedes Jahr zum Schrein der Bibi Schahr Banu am Ort ihrer sagenumwobenen Rettung, am südlichen Stadtrand von Teheran. Ein kleines Heiligtum aus Lehmziegeln schmiegt sich dort an den rauen Fels. Die Menschen kommen, um die Hilfe der Geretteten zu erbitten. Und sie betrauern mit großer Inbrunst die Toten von Kerbela. "Es fällt schwer, länger im Inneren des Schreins zu verweilen", schreibt eine westliche Besucherin. "So sehr klingen einem die Ohren vom Jammern und Klagen der schwarz verhüllten Frauen."
Für die Pilger ist der Schrein ein Ort, an dem Geschichte lebendig wird: die der stolzen Nation Iran, Erbin des Großreichs der Sassaniden, der ersten Supermacht der Welt. Und die der erhabenen Religion des Islam, Gottes letztgültiger Offenbarung an die Menschheit durch den Propheten Mohammed.
Der ist zum Zeitpunkt der sagenumwobenen Flucht der Bibi Schahr Banu im Jahr 680 christlicher Zeitrechnung schon seit 48 Jahren tot. Doch sein Erbe hat eben erst begonnen, den Lauf der Welt zu verändern. Noch zu Lebzeiten hat der Prophet fast alle Stämme der arabischen Halbinsel unter der neuen Religion vereint. Nur acht Jahre sind vergangen zwischen der Hidschra, der Vertreibung des ungeliebten Predigers aus seiner Heimatstadt Mekka ins benachbarte Medina im Jahr 622, und seiner siegreichen Rückkehr, dem ersten Triumph des Islam.
In den folgenden Jahrzehnten dehnen die Nachfolger des Propheten, die Kalifen, die Grenzen des jungen islamischen Reichs in rasanten Eroberungszügen aus. 637, fünf Jahre nach Mohammeds Tod, schlägt eine muslimische Streitmacht die Armee des letzten Sassaniden-Schahs, des mythischen Vaters der Bibi Schahr Banu. Vier Jahre später folgt die zweite Niederlage der Perser nahe der heutigen Stadt Hamadan. Der Schah flieht gen Osten, wo er Schutz bei ehemaligen Vasallen sucht - und wird 651 von seinen Untertanen unter nicht näher überlieferten Umständen in einer Mühle ermordet. Drei Jahre später sind die muslimischen Heere bis an die äußersten Grenzen im Osten vorgedrungen, 707 nehmen sie Balch ein, den letzten Außenposten des alten persischen Reichs. Von nun an und für die nächsten 800 Jahre bestimmen fremde Herrscher die Geschicke des Iran.
Der schnelle Erfolg der arabischen Eroberer hat viele Gründe: Zum einen fällt ihnen mit dem Sassaniden-Reich ein geschwächter Staat zu, der nach jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit dem römischen Reich viel von seiner Macht eingebüßt hat. Hinzu kommt, dass der Siegeszug des Islam meist ohne Massenmord, Zwangsbekehrungen oder Enteignungen geschieht. Die neuen Herren aus Arabien sind zufrieden, wenn sie in den eroberten Gebieten Militärstützpunkte einrichten und von nicht muslimischen Untertanen eine Kopfsteuer eintreiben können. Die Spitzen der Provinzverwaltungen werden mit Arabern besetzt. Für die meisten Menschen behält das Leben seinen gewohnten Gang. An die 300 Jahre vergehen, bis sich eine Mehrheit zur "Religion der Araber" bekennt.
Dabei sind viele der zentralen Gedanken der islamischen Offenbarung den Einwohnern von "Iransamin", wie das Gebiet des alten Reichs auch genannt wird, bereits recht geläufig. Himmel und Hölle, ein Jüngstes Gericht, der Glaube an einen einzigen Schöpfergott: Die Iraner kennen all das schon seit gut eineinhalb Jahrtausenden aus ihrer alten Religion, dem Zarathustra-Glauben.
Trotz aller Erfolge lassen die Konflikte unter den Muslimen nicht lange auf sich warten. Schon unmittelbar nach Mohammeds Tod gibt es Streit um seine rechtmäßige Nachfolge. Eine Gruppe ist der Ansicht, der Prophet habe seinen Cousin und Schwiegersohn Ali zum Nachfolger bestimmt. Doch eine Mehrheit ist dagegen. Sie wählt nacheinander drei Männer zu Kalifen, die zum Adel des Prophetenstammes gehörten. Als der Letzte von ihnen 656 durch revoltierende Truppen ermordet wird, kommt Ali doch noch an die Macht.
Trotzdem findet die muslimische Gemeinde weiterhin keine Ruhe. Auch Ali, der vierte Kalif, stirbt schon fünf Jahre später durch den Dolch. Nun reißt der mächtige Clan der Umayyaden die Macht an sich: Sie verlegen nun die Hauptstadt des Reichs ins syrische Damaskus und herrschen von dort über das islamische Weltreich.
Damit wollen sich die Schiiten, die Anhänger Alis, nicht abfinden. Als der Kalif in Damaskus stirbt, sieht der Sohn Alis, Hussain, seine Chance. Mit einer kleinen Zahl Getreuer zieht er nach Kufa, einer Garnisonsstadt, von deren Bewohnern er sich Unterstützung verspricht. Doch die lassen Hussein im Stich. So sind seine Truppen der zehnfach mächtigeren Armee aus Damaskus ausgeliefert. Im Oktober 680 kommt es bei Kerbela im heutigen Irak zur verhängnisvollen Schlacht, an deren Ende die sagenhafte Flucht der Bibi Schahr Banu steht.
Für die islamische Gemeinde gleicht die Niederlage der Schiiten einem Erdbeben. Sie reißt zwischen den Muslimen Gräben auf, die bis heute nicht geschlossen sind - und die den Iran Jahrhunderte später vom großen Rest der islamischen Welt trennen werden. Fürs Erste jedoch haben die iranischen Muslime andere Sorgen: Im Reich der Umayyaden fühlen sie sich als Muslime zweiter Klasse: Obwohl zum rechten Glauben übergetreten, waren sie rechtlich und sozial benachteiligt. Besonders in der ostiranischen Provinz gärt es. Dort schart in den späten 40er Jahren des achten Jahrhunderts ein persischer Konvertit namens Abu Muslim Gleichgesinnte um sich und schlägt die Armeen der Umayyaden in den Jahren 749 und 750 nahe Kufa vernichtend. Anschließend ruft er dort Abu al-Abbas, aus der Familie des Propheten, zum neuen Kalifen aus. Der ist zwar Araber, doch Abu Muslim verspricht sich von ihm mehr Gleichberechtigung für die Iraner. Er täuscht sich: Abu al-Abbas, der Begründer der Dynastie der Abbasiden stirbt, und sein Nachfolger lässt Abu Muslim 755 umbringen, aus Angst, der Perser könnte zu mächtig werden.
Doch der Versuch, die aufstrebenden Muslime iranischer Herkunft kurzzuhalten, ist vergebens: Auch wenn mit den Abbasiden die Araber weitere 500 Jahre das Kalifenamt besetzt halten werden, sind es vor allem die iranischen Muslime, die diese Ära zum Goldenen Zeitalter des Islam machen. Und schon bald muss ein Nachfolger von Abu al-Abbas eingestehen: "Die Perser haben uns Araber in 1000 Jahren Herrschaft nicht einen Tag lang gebraucht; wir hingegen sind erst seit 200 Jahren an der Macht und kommen nicht eine Stunde ohne sie aus."
Das neue Reich ist in vieler Hinsicht eine Kopie des untergegangenen Perserstaates der Antike. Schon die Lage der neuen Hauptstadt ist programmatisch: Sie bekommt den persischen Namen Bagdad, "die von Gott Gegebene", und entsteht ab 762 nur 35 Kilometer von den Ruinen der alten persischen Königsstadt Ktesiphon entfernt. Iranische Architekten prägen das Bild der neuen Metropole. Iranische Beamten bilden das Rückgrat des neuen Staats: Sie teilen die Verwaltung in einzelne Ministerien auf, Diwane genannt; sie führen das Amt des Wesirs ein, einer Art Premierminister. Sie bauen ein Postsystem auf, das binnen kurzer Zeit Nachrichten von den westlichen Provinzen auf der Iberischen Halbinsel bis nach Bagdad und von dort bis an den Indus trägt; auch das alte System lokaler Steuereintreiber übernehmen die Abbasiden.
Auch in ihrem Selbstverständnis als Herrscher stehen die Kalifen von Bagdad den alten Persern näher als ihren Vorgängern in Damaskus: Sie sehen sich als "Schatten Gottes auf Erden" - eine reichlich unislamische Vorstellung, in der sie womöglich die Blüte der Hauptstadt bestärkt. Bis zum Anfang des neunten Jahrhunderts wächst Bagdad zur größten Metropole außerhalb Chinas mit etwa 400.000 Einwohnern. Handel und Landwirtschaft gedeihen und bescheren dem Hof ein stattliches Einkommen.
Einen guten Teil dieses Reichtums setzen die Kalifen zur Förderung der Wissenschaft ein. Ein Großteil der Gelehrten kommen aus dem Iran. Sie treiben die Kodifizierung des islamischen Rechts voran und verfassen die erste Grammatik der arabischen Sprache. Sie stellen auch die meisten Übersetzer der neu gegründeten Bibliothek von Bagdad. Dort werden in den kommenden drei Jahrhunderten die Texte von Aristoteles, Plato, Galen und anderen Denkern der Antike ins Arabische übersetzt. So entsteht ein Kanon des Wissens in Philosophie, Mathematik, Medizin, Geschichte und Literatur, der später über Spanien und Sizilien den Weg nach Europa findet und dort zur Keimzelle einer Renaissance der Wissenschaften wird.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 28/2009