Er gilt als Stimme der Armen und Schreck der Mächtigen: Jean Ziegler. Seit Jahrzehnten prangert der UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung die Arroganz des Reichtums an und kämpft gegen das Leid in der Welt. stern.de hat den 73-Jährigen in seinem Haus bei Genf besucht. Von Marco Lauer

Jean Ziegler ist UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung© Kathrin Harms
Der Verräter wohnt idyllisch. Am Ende der Welt, wenn sie Schweiz hieße. Ein winziges Weindorf zwanzig Autominuten von Genf entfernt und eine halbe von Frankreich. Drei Straßen, dreihundert Bewohner und einer davon er: Jean Ziegler. Stimme der Armen, ihre Sirene, Schreck der Mächtigen, Freund der Medien. Ziegler, den man liebt in der Schweiz und auf der Welt. Oder hasst. Vaterlandsverräter, Dreckschleuder, Lügner. Eine Schande für die Schweiz. Das zeihen ihn seine Gegner - Schweizer Politiker aus dem konservativen Lager, Banker oder die Vorstände jener Weltkonzerne, die er unablässig der rücksichtslosen Profitgier bezichtigt.
Jean Ziegler, im dreiundsiebzigsten Jahr seines rast- und ruhelosen Lebens, ist seit September 2000 UNO-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung. Kofi Annan rief ihn an damals, fragte, ob er das neu geschaffene Amt übernehmen wolle. Er, Ziegler, sei ihm dafür empfohlen worden.
Ziegler, Professor der Soziologie, promovierter Jurist, viersprachig, sehr belesen, stupendes Gedächtnis, persönlich bekannt mit Sartre, Simone de Beauvoir, Che Guevara, sagte zu. Und fand darin seither seine endgültige Bestimmung - Zeugnis ablegen vom Leid der dritten Welt. Das tat er bis dahin schon vierzig Jahre, nun aber tut er es in offiziellem Auftrag.
17 Uhr. Das dritte Haus links. Kein Name an der Klingel, die man drückt. Im ersten Stock öffnet sich eine Fenstertür, Zieglers Frau. Die Gardine vor ihr tanzt in der lauen Brise. "Bonjour! Er kommt gleich. Ich mache Ihnen auf."
Neben dem Eingang ein gerahmtes Wort: "Liberté - Freiheit!" Ziegler kommt die Treppe herab. Weißes Hemd, drei Knöpfe geöffnet, weite Leinenhose. Er begrüßt mit eingecremter Hand und weichem Schweizer Dialekt. "Entschuldigen Sie, ich habe noch eine Dusche genommen. Gehen Sie doch schon ins Wohnzimmer. Ich müsste nur rasch noch etwas erledigen, hä. Darf ich das?" Wischt mit der Hand durch die Luft: "Sie machen bitte, was Sie wollen." Jene, die ihn mögen - viele - sagen, er sei von großer menschlicher Wärme. Einer, der schnell Vertrauen schenkt. Nähe auf- und Distanz abbaut. Auch ein Charmeur, dessen Wirkung auf Frauen erheblich sei und der diese Wirkung nicht immer ungenutzt ließe.
Ziegler kommt nicht. Ein alter Eichentisch in der Mitte des Raumes. Art-deco-Möbel, dezent arrangiert. Seine Frau ist Innenarchitektin. Bücherregale, in denen Stendhal steht, Rousseau, Moliere und - Ziegler, seine Autobiographie. An der Wand, auf Schränken, überall: Bilder. Von seinem Sohn aus erster Ehe, von Zieglers Enkeln, seinen Eltern, der Schwester. Ziegler kommt wieder. Blauer Anzug, blauweiß gestreiftes Hemd, zugeknöpft, eine gewaltige Hornbrille auf der Nase. Er fragt: "Na, isch das guat für die Prässe?" Holt Rotwein, französischen. Stößt an und haucht: "Das Leben ist kurz - und schön." Dann stellt er das Glas ab, 17.50 Uhr: "Also, wollen wir das Interview machen? Ich habe ja leider wenig Zeit."
Die Welt und mehr noch ihre Schrecknisse drängen ihn. Bücher schreiben, Reden halten, Hoffnung machen, von morgens um sechs bis abends um zehn. Heute Genf, morgen New York, übermorgen Brasilien und nächste Woche Afrika. Ziegler ist Lichtgestalt der Globalisierungskritiker. Symbol auch, das man nutzt. Zuletzt redete er als Ehrengast auf der Gegenveranstaltung zum G-8-Gipfel in Heiligendamm. Das Publikum lauschte, als ob er eine Messe hielte. Ziegler muss alles tun, alles geben. Anders kann er nicht. "Ich bin schwer milieugeschädigt. Calvinistisch erzogen, verstehen Sie? Ora et labora. Jeden Tag arbeiten und seine Pflicht tun."
Die Pflicht, das ist der Kampf. Und was seinen Kampf angeht gegen das Leid in der Welt, den Hunger, die ungerechte Verteilung zwischen Nord und Süd, der Schweiz und dem Rest der Welt, zwischen Schwarz und Weiß, was diesen Kampf angeht, da hält er es mit Brecht. Ein Bild von jenem hängt in Zieglers Arbeitszimmer. Es zeigt ihn mit einem Buch in der Hand. "Bewaffnet" steht darunter.
Ziegler ist es auch. Sechzehn Bücher klaren Gehalts verfasste er in den letzten 30 Jahren. Schoss gegen die Auswüchse der Globalisierung, die Arroganz der Macht und des Reichtums. Gegen das eigene Land, die Schweiz, wo Ziegler letztere beiden vereinigt sieht. Sein aktuelles Werk: "Das Imperium der Schande - eine unbestechliche Bestandsaufnahme der ungerechten Weltordnung."
Das fünfte Buch, 1976 mit Mut und Wut niedergeschrieben, machte ihn erstmals bekannt. "Die Schweiz, über jeden Verdacht erhaben" wurde ein Bestseller in Millionenauflage. Darin wagte Ziegler im Land der Verschonten auszusprechen, was noch keiner zuvor wagte. Dass auch die Schweiz Dreck am Stecken habe. Leichen im Keller. Ziegler schreibt: "Die vielen hundert Millionen Dollar, die alljährlich aus den Ländern der dritten Welt abfließen und die, in Schweizer Franken umgetauscht, in den Ali-Baba-Höhlen unter der Zürcher Bahnhofstraße lagern, sind das Blut der Armen und der Opfer von Kriminellen."
Die Schweiz in Aufruhr. "Landesverrat" schrien in Bern die Politiker. "Verleumdung" die Banker in Zürich. Ein Jahr später erschütterte der bis dahin größte Bankenskandal das Land. In Lugano an der italienischen Grenze wurden Mafiagelder in großem Stil gewaschen.
All das Geld, noch heute fließt es in die Schweiz statt satt zu machen in den Herkunftsländern der Dritten Welt. Und die Schweiz ist ja nichts weiter als ein riesiger Banktresor für Kriminelle. Sagt Ziegler, würgt zwischen den Fingern einen Kugelschreiber, fragt: "Darf ich noch was sagen?" Und spricht. "Das Massaker an Millionen Menschen durch den Hunger ist und bleibt der größte Skandal zu Beginn des dritten Jahrtausends. Letztes Jahr sind 36 Millionen Menschen an Hunger gestorben. 36 Millionen! Verstehst Du?" Ziegler springt, wenn er eine wichtige Botschaft hat, ins Du. Das macht er mit jedem so. Nimmt damit sein Gegenüber ein für die Sache.