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26. März 2010, 16:40 Uhr

Gerhard Schröders wilde Touren

Guido Westerwelle, FDP, nimmt seine Buddys mit auf Reisen? Naja. Gerhard Schröder, SPD, war auch gerne in illustrer Begleitung. stern-Autorin Ulrike Posche über Skatbrüder, edle Rotweine und einen Ausraster bei der WM.

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Hol mal ein Bier: Altkanzler Gerhard Schröder, diesmal in Blasheim bei Lübbecke© Oliver Krato/DPA

Klaus Kocks könnte rein optisch durchaus als Double des Volksschauspielers Willy Millowitsch durchgehen. Die Haare wild gelockt, die Kostüme bunt gestreift. Kocks macht gern Theater.

Doch statt auf der Bühne des Kölner Millowitsch-Theaters den Etappenhasen zu spielen, sitzt der einstige Vorstandsmann und Sprecher des Autobauers Volkswagen lieber in Berliner Talkshows. Als Kommunikationsberater, PR-Stratege, Welt-Erklärer. Am Sonntag bei Anne Will war es wieder mal so weit. Das Thema - Westerwelles Buddy-Reisen. Und der Herr Kocks sagte Sätze, so klar und rein wie ein Herrengedeck:

"Wenn das bei der FDP falsch war, dann gilt das auch für die Sauftouren von Gerhard Schröder. Dann gilt das auch für Helmut Kohl." Sauftouren? Schröder? Kohl?

Cocgnac in Chicago

Schön der Reihe nach: Als Gerhard Schröder Anfang der 90er Jahre Ministerpräsident von Niedersachsen wird, macht er eine Reise in die USA, und nimmt Jürgen Großmann mit. Der ist der schwergewichtige Chef der Stahlhütte "Georgsmarienhütte" in dem gleichnamigen Ort in Niedersachsen. San Francisco, Seattle, Chicago, Detroit und als Krönung - New York. Großmann kann prima englisch, Schröder nur a little. Großmann kennt sich aus, er lebt gern und genießt. Er zeigt Schröder die Art des gepflegten Reisens und des kultivierten Trinkens. Teure Weine in San Francisco, teurere Cognacs in Chicago. Das Leben ist schön. Wenn Großmann erscheint, bekommen die Barkeeper glänzende Augen. Und Schröder staunt über Tropfen, die 1000 Dollar kosten, oder mehr. So etwas hatte er bis dahin nicht gekannt. 1998 wird er dann Kanzler.

Von nun an ist Jürgen Großmann, heute Chef der RWE, häufig mit von der Partie, wenn Schröder auf Tour geht. Es kommt nämlich allen zupass, dass der so charismatisch wie kundige Großmann auf einem eigenen Gut in Australien Rotweine herstellt. Dass er zu den Ausflügen gern Magnum-Flaschen mitbringt, die sie beim Skat auf den langen Flügen gemeinsam verkümmeln. "Sie", das sind neben den Herren der Wirtschaftsdelegation, die "Sondergäste Kultur und Wissenschaften" des Bundeskanzlers. Der Lyriker und Mehrfach-Preisträger Durs Grünbein ist dabei, und der Schriftsteller Moritz Rinke zum Beispiel. Der Maler-Geck Markus Lüpertz und später auch der Filmproduzent Hanno Huth, um nur einmal ein paar Namen zu nennen.

Rotlicht in Buenos Aires

Auf einem Staatsbesuch durch Südamerika im Jahr 2002 - ähnlich dem, den Guido Westerwelle soeben absolviert hat - war neben Grünbein, Lüpertz, Großmann und Huth auch zeitweise Jürgen Klinsmann mit dabei. Lüpertz, Huth und Großmann bilden bis heute die berühmte Schröder'sche Skattruppe. Gerade in Südamerika verstärkten sie zudem den Tross auf belebende Weise.

Beispielsweise wusste Markus Lüpertz schon beim Frühstück von tollen Rotlichtvierteln in Buenos Aires zu berichten, die er am Vorabend besucht haben wollte, während wir langweiligen Journalistinnen längst schliefen. Lüpertz trug Gehröcke und Gehstöcke. Er dekorierte sich mit Totenkopf-Ringen, groß wie Boccia-Kugeln. Der Malerfürst trug aparte Chemisettchen anstelle von Krawatten. Als er einmal in einem mexikanischen Museum den Anschluss an die Truppe verloren hatte, brach er sich durch den Cordon aus Diplomaten und Offiziellen mit dem Kampfruf: "Lassen Sie mich durch, ich gehöre dazu!"

Aussetzer bei der WM

Ob Lüpertz dazu gehörte, weil Schröder ihm weitere Anregungen fürs Ausschmücken seines Kanzleramtes hatte bieten wollen? Wir wissen es nicht. Im Nationalpalast von Mexiko-City jedenfalls hatte der Maler Diego Rivera vor 50 Jahren die Wände größtflächig mit Fresken verzieren dürfen. Diese "Murales" hatten Lüpertz fasziniert. Doch hatte er bereits vorschnell monochrome Streifen ins Kanzleramt gemalt. In Preußischblau und Löwensenf. Man kann nicht alles haben. Ob Grünbein je ein Gedicht über Schröder schrieb? Oder über Brasilia? Eher nicht.

Beim Check-in auf dem Regierungsflieger-Airport haben wir jedenfalls das Trio Lüpertz, Huth und Großmann im selben Jahr noch einmal wiedergetroffen. Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 2002 in Tokio. Deutschland gegen Brasilien. Kahn gegen Ronaldo. Lüpertz war sehr ungehalten, als er nach der Landung erfuhr, dass er nicht im VIP-Block des Stadions von Yokohama sitzen würde wie sein Freund, der Kanzler, sondern irgendwo auf den Rängen. So ungehalten war der Malermeister, dass Jürgen Großmann und Hanno Huth ihn nur mit Mühe und Bier besänftigen konnten. Es stand nämlich für Momente zu befürchten, dass Lüpertz den Attaché der Botschaft unangespitzt in den Rasen rammen würde.

Kanzlers Trip-Kulturen

Westerwelles Buddy-Reisen, VW-Kocks und WM-Schröder. Eins muss man sagen: Verglichen mit der eher maskulinen Trip-Kultur ihres Vorgängers muss der Stil der Bundeskanzlerin heute wohl eher als "homogen" angesprochen werden. Sie kann nämlich nicht Skat spielen. Und sie trinkt lieber Weißwein.

 
 
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