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E-Scooter Selbstversuch – mit dem E-Scooter durch Paris

20.000 Scooter warten in Paris auf einen Kunden.
20.000 Scooter warten in Paris auf einen Kunden.
© Getty Images
Elektrische Tretroller dürfen auch durch deutsche Städte rasen. Eine Revolution – oder Blödsinn? Der Besuch in Paris gibt Aufschluss.

Ein kurzes Abstoßen mit dem linken Fuß, ein wenig Druck mit dem rechten Daumen auf den kleinen grünen Hebel am Lenker, und "Flash" saust los. Zügig beschleunigt der Leihroller auf 25 km/h, der Wind rauscht – Freiheit! Die Seine! Paris! Wunderbar! Der glatte Belag des frisch geteerten Radwegs fliegt wenige Zentimeter unter meinen Füßen hindurch. "So fühlt sich moderne Mobilität im 21. Jahrhundert an", denke ich. Links quälen sich Autos im Stop-and-go, rechts trotten Fußgänger mühsam ihrer Wege, und dazwischen brause ich mit meinem E-Scooter. Ich überhole flott einen Radfahrer und muss grinsen. Diese erste Fahrt macht glücklich!

Paris, London, Tel Aviv, San Francisco – seit dem vergangenen Jahr erobern Elektroroller die Städte der Welt. Die batteriegetriebenen Minifahrzeuge sind das Trendgerät der Saison. Sie sind handlich, sie sind neu, sie sind tragbar und bieten so überraschend viel Bewegungsfreiheit in den verstopften Metropolen.

Fußgänger mit Motor

Mit einem E-Roller wird man zu einem Fußgänger mit Motor: Man rollt los, stoppt am Bahnhof, klappt das Gefährt schnell zusammen und steigt in die U-Bahn. Man trägt es über Treppen oder Bordsteine, man lädt es an der nächsten Steckdose, und auf gerader Strecke ist man so schnell am Ziel wie mit dem Fahrrad – auch über mehrere Kilometer. Also schlicht: ein Traum?

Nun ja. Meine Begeisterung endet in Paris recht schnell und sehr abrupt: Eine gelbe Absperrbake versperrt vor mir den Radweg. Baustelle. Ich muss auf die Straße ausweichen und mich in den Verkehr einfädeln. Nur – wie mache ich das den Autofahrern klar? Leider ist es vollkommen undenkbar, während der Fahrt die Hand vom Lenker zu nehmen, um ein Zeichen zu geben. Schon beim Gedanken daran gerate ich ins Schlingern: Die Räder haben einen Durchmesser von gerade einmal 20 Zentimetern, die fast senkrecht stehende Lenkstange macht das ganze Ding hypernervös, und inzwischen ist der wunderbar glatte Asphalt einem Holperbelag gewichen. Nun fällt es sogar schwer, sich auch nur umzugucken. Gullys, Schlaglöcher, unebene Kanaldeckel – ich muss den Blick fest auf die Fahrbahn gerichtet halten. Schon eine wenige Zentimeter tiefe Kuhle kann zum Abflug führen.

Angst im Verkehr

Das Gefühl des überlegenen Brausens weicht der Angst. Ich bin eingekeilt, nur wenige Zentimeter neben einem Taxi und hinter einem Müllwagen, mitten in der Blechlawine. Bloß weg. Ich biege schnell rechts auf eine Brücke über den Fluss. Aber die ist mit Blaubasalt gepflastert, und das Gerüttel der schmalen Hartgummireifen schlägt mir fast den Lenker aus der Hand. Mit einem waghalsigen Sprung auf den Bordstein rette ich mich vor dem von hinten herandröhnenden Bus. Den Roller reiße ich mit einem kräftigen Ruck hinter mir her, sein Gewicht überrascht mich, so schwer!, er knallt mir vors Schienbein.

Ist das nun die Mobil-Avantgarde?!

In Paris sind die Tretroller seit vergangenem Sommer auf den Straßen, und die Regierenden erwägen schon schärfere Gesetze wegen der vielen Beschwerden, während in Deutschland die "Elektrokleinstfahrzeuge" nun überhaupt erst ankommen werden. Am 15. Juni soll eine Verordnung in Kraft treten. "Wir wollen neue Wege moderner, umweltfreundlicher und sauberer Mobilität in unseren Städten", hat Verkehrsminister Andreas Scheuer staatsmännisch verkündet. "Die Mikromobilität hat ein enormes Zukunftspotenzial."

An die batteriegetriebenen Kleinstfahrzeuge knüpfen sich hohe Erwartungen. Sie sollen die Städte vom Verkehr entlasten, sie sauberer, grüner, schöner, leiser machen. Aber – können die E-Roller diese Verheißungen einlösen?

Bisher gab es die E-Roller zwar auch schon in Elektroläden, Baumärkten und im Internet zu kaufen, aber sie waren eigentlich nur für den Betrieb auf dem eigenen Grundstück gedacht. Mit der nun in Kraft tretenden Verordnung werden E-Roller zum regulären Verkehrsmittel: Man muss mindestens 14 Jahre alt sein und braucht weder einen speziellen Führerschein noch einen Helm. Die Geräte dürfen hierzulande bis zu 20 km/h schnell fahren und sollen vor allem auf Radwegen zum Einsatz kommen. Die Idee, sie mit verringerter Geschwindigkeit auf Fußwegen zuzulassen, wurde nach schlechten Erfahrungen aus Paris fallen gelassen. Die Unfälle dort waren zu zahlreich und zu schwer.

Auch in Frankreich wird der Helm bisher bloß empfohlen, obwohl manche Roller sogar beängstigende 30 km/h schaffen. Paris will das Tempo jedoch nun reduzieren. Auch empfindliche Strafen fürs falsche Parken werden diskutiert. Leihroller wie der "Flash" stehen an jeder Ecke rum. Fast ein Dutzend Anbieter offerieren die Mietscooter per App. Finanzstarke internationale Start-ups kämpfen um die Gunst der Kunden und fluten den Markt. Voi kommt aus Schweden, Lime, Bird und Uber aus den USA, Wind und Flash aus Berlin. Sogar Ex-Sprinter Usain Bolt bietet unter seinem Namen gelbe E-Roller auf den Pariser Straßen an.

Kurze Lebensdauer

In farblich geordneten Fünfergruppen stehen sie morgens entlang der großen Straßen und an Sehenswürdigkeiten. Jede Nacht werden sie von freiberuflichen Dienstleistern eingesammelt, aufgeladen und ab sieben Uhr morgens wieder bereitgestellt. Um die fünf Euro pro Stück bekommen die Helfer für den Service, durchaus ein guter Verdienst, weshalb sie sich Abend für Abend regelrecht auf die Jagd nach den Rollern machen.

Der Verschleiß an den Geräten ist hoch. Teilweise halten die nach Branchenschätzung für 200 bis 300 US-Dollar aus China gekauften Fahrzeuge keine drei Monate im Dauereinsatz durch. Gebrochene Rahmen, ausgeschlagene Lenkstangen und blockierende Gashebel (sehr unangenehm!) sind offenbar so häufig, dass manche Verleiher sie als vorformulierte Beschwerdepunkte in ihrer App schon hinterlegt haben.

Etwa 40 000 Roller sollen bis zum Jahresende allein in Paris für die Kunden bereitstehen. Doch offenbar sind das erheblich zu viele: An einem normalen Werktag, die Sonne scheint, stehen mittags entlang der Champs-Élysées viele der Fünfergruppen unangetastet herum. In den Apps der Anbieter zeigen all diese Roller100 Prozent Batteriekapazität. Nur ein paar Touristen sind mit den Leihmodellen unterwegs. Ein Boom? Nein.

Diese Zurückhaltung mag auch am hohen Preis liegen: Von den meisten Anbietern wird ein Euro pro Miete pauschal verlangt, plus etwa 15 Cent pro Minute. Eineinhalb Kilometer in der Stadt kosten so gut drei Euro – mehr als ein Metro-Ticket.

Ähnliche Preise muss man auch in Deutschland erwarten, wenn die internationalen Anbieter ihre Roller von Flensburg bis München übers Land verteilen. Das Berliner Start-up Flash (demnächst: Circ) sucht für 45 deutsche Städte gerade City Manager. Doch wann genau es losgehen kann, entscheidet das Kraftfahrtbundesamt: Denn sobald die neue lektrokleinstfahrzeuge-Verordnung in Kraft tritt, muss dort für jedes E-Roller-Modell eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE) beantragt werden. Ohne sie darf kein Scooter auf öffentliche Straßen.

Rund zwei Wochen veranschlagt die Behörde für die Erteilung der ersten ABEs. Erst Anfang Juli dürften also Roller – ob als Leihfahrzeug oder zum Kaufen – legal auf hiesige Straßen kommen. Sie alle brauchen außerdem eine Haftpflichtversicherungsplakette, die inzwischen fast alle Versicherer als Pauschaltarif zwischen 20 und 90 Euro jährlich (je nach Alter des Fahrers) anbieten.

Bisher gibt es in Deutschland nur zwei per Übergangsregel zugelassene Roller-Modelle zu kaufen. Sie sind allerdings ziemlich teuer: um die 2000 Euro. Geräte für etwa 700 Euro sind erst in Vorbereitung. Wichtig beim Kauf: Die Roller bekommen nur ABE und Versicherungsschutz, wenn sie zwei unabhängige Bremsen, Licht und Klingel haben und nicht schneller als 20 km/h fahren. "Nachrüsten kann man ältere Roller nicht" , sagt Janik Lipke, der schon Hunderte seiner Moovi E-Scooter ohne ABE verkauft hat. "Wir werden unseren Kunden deswegen eine alt gegen neu Aktion anbieten und den nicht zugelassenen Roller in Zahlung nehmen."

Niemand muss beim Kauf hektisch werden: Zwar bieten große Einzelhandelsketten wie Media-Markt und Lidl momentan schon Roller für 200 bis 300 Euro an. Doch wer genauer in die Produktbeschreibungen blickt, findet irgendwo den verräterischen Hinweis "StVO: nein". Das bedeutet: keine ABE. Es wird damit niemals ein legaler Betrieb der Fahrzeuge in Deutschland möglich sein. Ein Anlass zur Vorsicht ist übrigens oft die angegebene Höchstgeschwindigkeit: Liegt sie jenseits von 20 km/h, sollte man nur zugreifen, wenn das eigene Grundstück wirklich groß ist und über gut befestigte Wege verfügt.

Der Text erschien am 13.06.2019 im gedruckten stern.

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