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367 Tage in türkischer Haft: Deniz Yücel: So kam es zur Haftentlassung des "Welt"-Journalisten - das Protokoll

Deniz Yücel blieben zwischen Entlassung und Abreise nur wenige Stunden: Kurzer Abstecher in die Istanbuler Wohnung, Katze mitnehmen. Zwischenstopp in Berlin, dann: ab in die Flitterwochen. Das Protokoll Yücels letzter Stunden in Haft - und der ersten in Freiheit.

Deniz Yücel und seine Frau Dilek nach Yücels Freilassung aus dem Gefängnis

Deniz Yücel und seine Frau Dilek nach Yücels Freilassung aus dem Gefängnis

DPA

Bevor der "Welt"-Korrespondent am 16. Februar aus einem türkischen Hochsicherheitsgefängnis entlassen wurde, verhandelten Berlin und Ankara monatelang seine Freilassung. Doch die eigentliche Entlassung kam auch für Top-Diplomaten überraschend. Wie genau sich seine Haftentlassung gestaltete und wo Yücel seinen ersten Tag in Freiheit verbrachte, zeigt das Protokoll der Tage vor der Freilassung.

14. Februar: Überraschende Bewegung im Fall

Der deutsche Generalkonsul Georg Birgelen ist am 9. Februar in den Urlaub geflogen, mit seiner Ehefrau Sibylle Birgelen fährt er Ski in Lech am Vorarlberg. Kein deutscher Diplomat ist so eng befasst mit dem Fall Yücel, Birgelen hat den Journalisten acht Mal in Silivri besucht. Den nächsten Besuch hatten die türkischen Behörden bereits vor Birgelens Urlaub genehmigt, und zwar für den 20. Februar, nach seiner Rückkehr nach Istanbul.

Doch am vergangenen Mittwoch - Yücel sitzt an diesem 14. Februar genau ein Jahr in Haft - schreibt das Büro von Bundesaußenminister Sigmar Gabriel Birgelen im Urlaub an: Es gibt Bewegung im Fall Deniz Yücel, der Generalkonsul solle sich auf dem schnellsten Weg nach Istanbul begeben. Birgelen bricht den Urlaub ab. Er fährt über Nacht mit dem Auto nach Berlin, wo er am Donnerstagmorgen eine Sondermaschine besteigen soll, die die "Welt" für den Fall von Yücels gechartert hatte. 

Der Abflug der Sondermaschine verzögert sich, man wartet auf Bewegung beim Gericht in . Birgelen steigt in ein Linienflugzeug, um schneller in Istanbul zu sein. Nach seiner Landung fährt der übernächtigte Diplomat direkt ins Gefängnis in Silivri.

15. Februar: Yücels Freunde reisen nach Istanbul

Am Donnerstag ist der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim bei Kanzlerin Angela Merkel in Berlin. Bereits am Mittwoch erklärt er in einem ARD-Interview überraschend zum Fall Yücel: "Ich hoffe, dass er in kurzer Zeit freigelassen wird. Ich bin der Meinung, dass es in kurzer Zeit eine Entwicklung geben wird." Auch Gabriel äußert sich auf seiner Balkan-Reise zuversichtlich. Es ist also tatsächlich etwas in Bewegung.Vor Generalkonsul Birgelen haben bereits sein Stellvertreter, Yücels Ehefrau und der Anwalt des Journalisten mit dem Noch-Gefangenen gesprochen. Auch ein Kollege der "Welt" und Angehörige des Freundeskreises #FreeDeniz sind nach Istanbul gereist - und hoffen nun darauf, dass Yücel freikommt.

Yücel ist als jemand bekannt, der sich nicht beugen lässt - und der seinen eigenen Kopf hat. Er will sich nicht sagen lassen, dass er nach einer Freilassung sofort ausreisen muss. "Wenn ich hier einmal raus bin, lasse ich mir nicht vorschreiben, welche Schritte ich zu machen habe", wird er zitiert. Die offenkundige Gefahr, sollte Yücel in der bleiben: Er könnte erneut festgenommen werden, wie es in anderen Fällen bereits vorgekommen ist.

16. Februar: Strafgericht ordnet Yücels Freilassung an

Am späten Freitagvormittag ordnet das 32. Istanbuler Strafgericht an, Yücel freizulassen - dasselbe Gericht hat zuvor die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft angenommen, es wird also zu einem Verfahren kommen. Das Gericht, so sagen mit dem Fall vertraute Personen, habe argumentiert, die bei dem Verfahren zu erwartende Haftstrafe könnte mit der Untersuchungshaft abgegolten sein. Die türkische Seite wird danach betonen, die Freilassung sei nach rein rechtsstaatlichen Maßstäben erfolgt, es habe keine politische Einflussnahme gegeben.

Um 11.30 Uhr bestätigt das Auswärtige Amt, dass Yücel freigelassen werden soll. Kurze Zeit später sagt Gabriel am Rande der Sicherheitskonferenz in München, dass er nach seinem Informationsstand dann auch ausreisen darf. Es bleibt aber ein Rest Skepsis: "Das werden wir am Ende erst wissen, wenn er tatsächlich auf freiem Fuß ist", sagt der Bundesaußenminister.

In der Kantine in Silivri wartet unterdessen die Delegation, die Yücel abholen will, nervös auf dessen Haftentlassung. Wenige Stunden nach dem Gerichtsbeschluss ist Yücel dann tatsächlich frei. Sein Anwalt Veysel Ok twittert ein Foto, auf dem der Journalist seine Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel umarmt. Yücel hat seiner Ausreise mit seiner Ehefrau und seinen Freunden zugestimmt. Er will aber erst noch kurz in seine Wohnung im Istanbuler Stadtteil Besiktas. Die Eskorte aus türkischen Zivilpolizisten, die den gepanzerten Dienstwagen Birgelens begleiten wird, ist einverstanden.

Der erste Weg in Freiheit führt in die Istanbuler Wohnung

Der rund 90 Kilometer lange Weg zur Wohnung führt vorbei am Atatürk-Flughafen, wo schon das gecharterte Flugzeug wartet, in die Innenstadt der Millionenmetropole. Vor der Wohnung bekommen Fotografen Yücel und seine Frau Ehefrau Dilek Mayatürk-Yücel vor die Linse, später werden Bilder veröffentlicht werden, die den Journalisten zeigen: In seinem geliebten Istanbul, in Freiheit! In der Wohnung kocht Dilek Kaffee für die Anwesenden, die euphorisch sind: Nach 367 Tagen hinter Gittern ist Yücel frei! Yücel telefoniert mit seinem kranken Vater im hessischen Flörsheim.

Der Journalist zeichnet in der Wohnung außerdem eine Videobotschaft auf, in der er sagt, noch am 13. Februar sei bei einem Haftprüfungstermin entschieden worden, er müsse im Gefängnis bleiben. Dieser Bescheid sei ihm ausgerechnet am Tag seiner Haftentlassung ausgehändigt worden. "Ich weiß immer noch nicht, warum ich vor einem Jahr verhaftet wurde, genauer: Warum ich vor einem Jahr als Geisel genommen wurde", sagt Yücel. "Und ich weiß auch nicht, warum ich heute freigelassen wurde." Es bleibe "ein bitterer Nachgeschmack".

Generalkonsul Birgelen wird inzwischen immer unruhiger. Vereinbart ist ein Abflug noch am Freitag. Die Piloten der Chartermaschine müssen Ruhezeiten einhalten, sie müssen also bald abfliegen. Der Diplomat drängt zum Aufbruch. Die Katze wird eingepackt, die Deniz und Dilek einst zugelaufen ist. Vor der Abfahrt ist Yücel eines noch wichtig: Er weiß, dass Sibylle Birgelen, die ihr Ehemann wegen Yücel in Berlin zurücklassen musste, am Tag darauf Geburtstag hat. Er schreibt noch schnell eine Notiz, in der er ihr herzlich gratuliert.


Kurzer Zwischenstopp in Deutschland

Um 19.30 Uhr soll Yücel am Atatürk-Flughafen sein. Um 18.50 Uhr setzt sich der Konvoi in Bewegung - zur Stoßzeit ist das zeitlich eng, erst recht bei diesem Wetter: Es regnet, und es ist neblig. Noch auf der Fahrt wird diskutiert, wohin es gehen soll. Deniz und Dilek haben im Gefängnis geheiratet, sie wollen mit nahestehenden Menschen die Flitterwochen nachholen - außerhalb Deutschlands, wo Yücel nicht unerkannt auf die Straße gehen könnte.

Die türkische Seite geht aber davon aus, dass Yücel nach der Ausreise nach Deutschland fliegt. Man entscheidet sich also für eine Zwischenlandung in Berlin. Dort kann der Diplomat aussteigen, den das Auswärtige Amt nach Istanbul geschickt hatte. Ihn erwartet das Blitzlichtgewitter der vielen Kameras, die am militärischen Teil Tegels auf Yücel warten.

Deniz Yücel: Aus der Haft in die Flitterwochen

Yücel, seine Ehefrau und die mitreisenden Freunde verlassen den Flughafen nicht, sondern steigen direkt in ein anderes Flugzeug um - und reisen nach Süden in die Sonne. Am Samstag twittert Yücel ein Foto: "Ich bin nicht in Deutschland. Aber ich bin unter Freunden."

Ebenfalls am Samstag dankt "Welt"-Chefredakteur Ulf Poschardt allen Unterstützern im Fall Yücel, er erwähnt nicht nur Gabriel, sondern auch das "Bodenpersonal" des Auswärtigen Amtes. "Allen voran Generalkonsul Georg Birgelen, der in diesen langen, mitunter düsteren Monaten ein verlässlicher Partner, Pragmatiker und für Deniz eine große Stütze war." Birgelen ist da wieder in Deutschland. Am Samstag feiert er in Berlin den Geburtstag seiner Ehefrau.

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