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Enthüllungen im stern: Eine abgrundtiefe Affäre - Sebastian Edathy und die SPD

Edathy nennt exklusiv im stern seinen Informanten und reißt die Koalition damit in eine neue Krise. In der SPD ist man beunruhigt. Will er aufklären - oder Rache?

Im stern gab Edathy seinen Informanten preis. Michael Hartmann soll ihn vor den Ermittlungen gegen ihn gewarnt haben.

Im stern gab Edathy seinen Informanten preis. Michael Hartmann soll ihn vor den Ermittlungen gegen ihn gewarnt haben.

In der Nacht zum Sonntag veröffentlicht Sebastian Edathy auf seiner Facebook-Seite ein Gedicht. Es stammt aus der Feder des großen, später von schwerer Krankheit gezeichneten Lyrikers Friedrich Hölderlin (1770-1843). "Vom Abgrund nemlich...", lautet der Titel. "Sehr schönes Gedicht", schreibt Edathy mit einem Smiley dazu.

Der frühere SPD-Bundestagsabgeordnete hat in den vergangenen Monaten selbst in den Abgrund geschaut. Selbst verschuldet, sagen viele mit Blick auf die Anklage wegen des Verdachts auf den Besitz von Kinderpornos. Seit er Anfang Februar sein Mandat niederlegte, ist der 45-Jährige zu einem Phantom geworden, das nun die Koalition wieder heimsucht.

Die bürgerliche Existenz in Trümmern, schweift Edathy durch Europa. Zunächst Skandinavien, dann das Mittelmeer, jetzt Nordafrika. Man kann in seinem Verweis auf das Gedicht von Hölderlin durchaus etwas hineinlesen. Hölderlin galt später als gespaltene Persönlichkeit, der einen großen Teil seines Lebens abgeschieden von der Außenwelt im Tübinger "Hölderlin-Turm" verbrachte. Er stand außerhalb - so wie Edathy heute. Auch scheint sich Edathy, fern der niedersächsischen Heimat, von der romantisierenden Deutschland-Sehnsucht Hölderlins angesprochen zu fühlen.

An diesem Donnerstag will der 45-Jährige nach Berlin zurückkehren. Dort stieg er zum Jungstar der Sozialdemokraten auf. Machte sich als Vorsitzender des Bundestags-Ausschusses zu den rechtsextremen Morden der NSU-Bande einen Namen.

CSU-Innenminister Friedrich trat zurück

Dann tut sich jener Abgrund auf, in den auch die Karriere des einstigen CSU-Innenministers Hans-Peter Friedrich gerissen wurde. Er erzählte der SPD-Spitze im Oktober 2013 (da wurde noch an der "GroKo" geschmiedet) von möglichen Ermittlungen gegen Edathy, der nach Überzeugung der Staatsanwälte Bilder oder Filme nackter Jungs über einen Bundestagsserver herunterlud, was dieser bestreitet.

Seitdem bewegt eine Frage den Berliner Politikbetrieb: Wer wusste was wann von wem - und wer warnte Edathy, dass ihm das BKA mit Material aus Kanada auf der Spur ist? Monatelang müht sich der Edathy-Ausschuss ab, nur ein vager Hinweis aus einem Telefongespräch Edathys kommt dabei heraus. Bis zu diesem Wochenende.

Hartmann ans Messer geliefert

Da nennt Edathy erstmals via "Stern" einen Namen: Michael Hartmann. Auch SPD-Innenexperte. Auch angeschlagen, seit er im Sommer mit Crystal Meth erwischt wurde. Hartmann ist ein alter Kumpel von Edathy, obwohl das Verhältnis nie spannungsfrei war. Warum liefert der ihn jetzt ans Messer?

Am Sonntagnachmittag wehrt sich Hartmann. Alles falsch, was Edathy in die Welt gesetzt habe. Der habe ihm im November 2013 beim Leipziger SPD-Parteitag gestanden, aus den Medien vom Auffliegen des Kinderporno-Anbieters in Kanada erfahren zu haben. Auf der Kundenliste, die dann beim BKA landete, stand Edathys Name.

Der ist wohl am Boden zerstört. "Nicht nur mir war aufgefallen, dass es ihm schlecht ging", sagt Hartmann jetzt. Er habe sich Edathy verpflichtet gefühlt. Auch über die mögliche Strafbarkeit sprechen beide. "Auf angebliche Informationen des damaligen BKA-Präsidenten Ziercke griff ich dabei nicht zurück", erklärt Hartmann.

SPD-Fraktion wittert "Schmutzkampagne"

In der SPD-Fraktion wittern sie eine "Schmutzkampagne", die Edathy anzetteln wolle. Was passiert, wenn dieser am Donnerstag vor der Presse - wo er nicht unter Eid steht - prominente Genossen mit reinzieht? In der Union warten viele, die den Friedrich-Verlust nicht verwinden können, nur darauf, dass SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann in der Affäre noch einmal ins Schwimmen geraten könnte.

Bei Facebook hat Edathy in den letzten Monaten eher zynisch und verbittert die eigene Affäre kommentiert. Man kann den Eindruck gewinnen, dass er versucht, sich zuallererst als Opfer zu sehen. Vorverurteilt, auch von den eigenen Leuten.

So schildert er am 7. Dezember einen Anruf bei einer großen Kreditkartenfirma. Seine Karte geht plötzlich nicht mehr. Er hört, dass sein Konto gelöscht wurde. "Ich bin seit 20 Jahren Kunde bei Ihnen", erwidert Edathy. Er habe noch nicht mal eine Kündigung bekommen. "Das war ein Fehler, das stimmt. Aber Sie können gerne einen neuen Antrag stellen", sagt die Stimme am anderen Ende der Leitung.

Ein Wort echten Bedauerns ist von Edathy bisher nicht bekannt. Die "Stern"-Reporter, die sich mehrfach mit ihm treffen, wollen bei der Glaubwürdigkeit auf Nummer sicher gehen. Sie fordern, dass er seine Behauptungen an Eides Statt untermauert. Edathy tut es. Aber liefert er irgendwann harte Beweise - oder ist es das verzweifelte Ringen um die Deutungsmacht, die Edathy längst verloren hat?

Tim Braune, DPA / DPA