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Erdbebenkatastrophe in Japan: Angst vor einem Atomunfall

Fabriken explodieren, Häuser stürzen ein, Wassermassen reißen Menschen mit. Das schwerste Erdbeben in der Geschichte Japans und ein Tsunami richten schlimme Verwüstungen an. Das Ausmaß ist unabsehbar, es gibt viele Tote. Weltweit bereiten sich Länder jetzt auf einen Tsunami vor.

Das schlimmste Erdbeben in der Geschichte des Landes hat Japan erschüttert und einen verheerenden Tsunami ausgelöst. Der Erdstoß vom Freitag hatte die Stärke 8,9. Es gab zahlreichen Tote. Auch in einem Atomkraftwerk brach ein Brand aus. Nachbeben hielten die Menschen in Atem. Weltweit wurden nach Medienberichten in 20 Staaten Tsunamiwarnungen ausgelöst. Die Flutwelle sollte in den kommenden Stunden die Westküste der USA treffen. Auch die Pazifikküste Südamerikas und Russlands sind bedroht.

Das Epizentrum des Bebens gegen 14.45 Uhr Ortszeit (06.45 Uhr MEZ) lag 130 Kilometer östlich der Stadt Sendai und knapp 400 Kilometer nordöstlich der Hauptstadt Tokio. Experten vergleichen die Katastrophe auch mit dem schweren Tsunami in Südostasien von 2004.

Nach ersten Polizeiangaben kamen mindestens 32 Menschen ums Leben, befürchtet werden allerdings wesentlich mehr Tote. Mindestens 30 weitere Menschen würden noch vermisst, berichtete die Nachrichtenagentur Kyodo. In der Hauptstadt Tokio kamen laut dem Fernsehsender NHK zwei Menschen ums Leben, 45 wurden verletzt. Hinweise auf Opfer aus Deutschland gab es bisher nicht.

Auch die Angst vor einem Atomunfall geht um: In einem Turbinengebäude des Atomkraftwerks Onagawa in der Provinz Miyagi brach ein Feuer aus, meldete die Nachrichtenagentur Kyodo.

Das Fernsehen zeigte Bilder furchtbarer Verwüstungen in dem asiatischen Land. Japan ist die drittgrößten Volkswirtschaft der Welt, weshalb das Beben auch Auswirkungen auf die Aktienmärkte hatte. Erdbeben sind in dem Land keine Seltenheit, ein solch schweres Beben gab es nach Einschätzung von Erdbebenforschern aber bisher noch nicht.

Aus der Provinz Iwate waren bei dem Sender NHK Straßenzüge mit eingestürzten Häusern zu sehen. An der Küste trieben Flutwellen Trümmer und zerstörte Häuser vor sich her. In der Hauptstadt Tokio waren die Telefonnetze stundenlang überlastet, Menschen konnten ihre Angehörigen nicht erreichen. Auf den Straßen bildeten sich Kilometer lange Staus, an den Bahnhöfen strandeten massenweise Pendler. Viele Bürger trugen Helme aus Angst vor herabstürzenden Gegenständen.

Die gewaltige Flutwelle - mancherorts bis zu zehn Meter hoch - überspülte die Ostküste der Hauptinsel Honshu. Boote wurden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. Zahllose Bewohner der Küstenregionen und betroffenen Städte wurden verletzt und flüchteten vor dem Tsunami.

"Wir erwarten, dass viele Menschen getötet worden sind", sagte der Seismologe Kevin McCue von der Central Queensland University im australischen Canberra, wie die chinesische Nachrichtenagentur Xinhua berichtete.

In zahlreichen anderen Pazifik-Ländern rüsten sich die Menschen für die Tsunamiwelle und brachten sich in Sicherheit: Auf der US-Pazifikinsel Hawaii wurde eine Tsunami-Warnung ausgelöst. Dort könnte eine Flutwelle frühestens um 02.59 Uhr Ortszeit (13.59 Uhr MEZ) eintreffen, wie der US-Fernsehsender Khon TV berichtete.

Die Behörden an der Westküste der USA warnten die Bewohner vor einer Flutwelle, die in etwa sechs Stunden eintreffen könnte. In Neah Bay im US-Staat Washington wird die Welle um 7.18 Uhr Ortszeit (16.18 Uhr MEZ) erwartet. Allerdings sei die erste Welle nicht unbedingt die stärkste, erklärte das Tsunami-Warnzentrum für die Westküste und Alaska.

Auch auf Indonesien, den Philippinen und an der russischen Pazifikküste wurden Tsunami-Warnungen ausgerufen.

In Japan stand das Leben still: Die Dienste der Shinkansen-Schnellzüge in Japan wurden für den ganzen Freitag ausgesetzt, berichtete die Agentur Kyodo. Aus Kesennuma in der schwer betroffenen Präfektur Miyagi im Nordosten Japans wurde ein großes Feuer berichtet.

In Tokio, 400 Kilometer südwestlich des Epizentrums gelegen, brachen an zahlreichen Stellen im Stadtzentrum Brände aus. Für mehr als vier Millionen Haushalte brach die Stromversorgung zusammen, wie die Versorgungsgesellschaft mitteilte. Mehrere Flughafen in der Region wurden geschlossen und evakuiert. Auch die U-Bahn von Tokio wurde eingestellt.

Der Tsunami schwappte auch in die Stadt Natori in der nordostjapanischen Präfektur Tochigi. In Autos und Häusern seien Menschen weggeschwemmt worden, berichtete der Sender NHK. Die örtlichen Behörden seien nicht in der Lage, den Menschen zur Hilfe zu kommen. Die Katastrophe sei so schlimm, dass selbst örtliche Rettungsdienste zusammengebrochen seien.

Eine zehn Meter hohe Flutwelle traf die Küste rund um die Hafenstadt Sendai, wie Kyodo meldete. Der Hafen von Sendai wurde ebenso überflutet wie Fischerdörfer der Umgebung. In Aufnahmen aus Hubschraubern war zu sehen, wie die Flutwelle Schiffe, Lastwagen, Autos und Trümmer vor sich her in die Stadt Sendai schob. Flüsse traten durch das einströmende Meerwasser über die Ufer. Die Behörden riefen die Küstenbewohner auf, sich in höher gelegene Gebiete oder in obere Stockwerke zu begeben. Es drohten weitere Tsunamis. Auch könne es weitere starke Nachbeben geben.

Der Leiter des Goethe-Instituts in Tokio, Raimund Wördemann, sagte der Nachrichtenagentur dpa etwa eine Stunde nach dem ersten Erdstoß während eines Nachbebens: "Wir müssen hier erst einmal die Ruhe bewahren." Es gebe im Gebäude keinen absoluten sicheren Raum. "Es gibt nur eben die Aussage, das Gebäude selbst sei besonders sicher, so dass wir hier mit Helm auf dem Kopf und teilweise unter den Tischen kauernd im Moment noch ausharren."

Das Kabinett kam unter Leitung von Ministerpräsident Naoto Kan zu einer Krisensitzung zusammen. Das Verteidigungsministerium schickte acht Kampfflugzeugen los; Luftaufnahmen sollen einen ersten Überblick zu den Schäden ermöglichen. Kan sprach von "enormen Schäden".

Die Regierung richtete ein Krisenzentrum unter Führung von Kan ein. 900 Einsatzkräfte der Polizei wurden in den Nordosten von Honshu geschickt. Es werde alles getan, um die Schäden zu begrenzen, sagte der Ministerpräsident. Er sagte zunächst, es gebe bislang keine Probleme mit den japanischen Atomreaktoren. Fünf Reaktoren wurden automatisch abgeschaltet.

Auch aus anderen Orten wurden schwere Schäden gemeldet. In Chiba bei Tokio geriet eine Ölraffinerie in Brand. Nach einem Erdrutsch in der Präfektur Fukushima wurden Menschen vermisst.

Die Region war erst am Mittwoch von einem Erdbeben der Stärke 7,3 getroffen worden. Dieses Beben verlief allerdings glimpflich.

DPA / DPA