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Minderheiten in China "Sie wollen uns zerstören" – Frauen in Chinas Provinz Xinjiang berichten über Zwangsterilisation

Uigurische Frauen bei der Demonstration im vergangenen Jahr in Chinas Provinz Xinjiang
Uigurische Frauen bei der Demonstration im vergangenen Jahr in Chinas Provinz Xinjiang
© dpa
Auch mit Gewalt versucht Peking offenbar systematisch, die Geburtenraten der muslimischen Minderheiten in Xinjiang abzusenken. Ehemalige Lagerinsassen berichten dem stern von Zwangssterilisationen und Langzeitverhütung gegen ihren Willen.

Vier Monate nach der Geburt ihres dritten Kindes bekam Gulnar Omirzakh einen Brief der Gesundheitsbehörde: Sie müsse ins Krankenhaus kommen, hieß es darin. Dort setzten die Ärzte ihr eine Spirale ein. „Gefragt hat mich niemand“, sagt Gulnar. Ihr kam nicht einmal in den Sinn, sich gegen den Eingriff zu wehren - so normal erschien er ihr. Sie hatte bereits drei Kinder und war froh, dass sie wegen des jüngsten keine Probleme mit den Behörden bekam. „Ich habe meinen Sohn im Krankenhaus auf die Welt gebracht!“, sagt sie. „Ich konnte ihn offiziell anmelden!“ 

Probleme bekam Gulnar, eine Bäuerin aus Xinjiang, erst 2018, zwei Jahre nach der Geburt. Polizisten klopften an ihre Tür und überreichten ihr eine Zahlungsaufforderung über 17.400 Yuan, umgerechnet mehr als 2300 Euro: eine Strafzahlung für das dritte Kind. Dieses sei illegal, erklärten sie nun. Könne sie nicht zahlen, müsse sie ins Lager, sagten die Polizisten.

Mit Mühe handelte Gulnar eine Woche Zahlungsfrist aus, geradeso bekam sie die Summe zusammen. „Das war sehr schwer“, erinnert sie sich. „Ich musste alle Verwandten um Hilfe bitten.“ Sie nahm außerdem einen Kredit auf, verkaufte, was immer sie entbehren konnte.

Gulnar und ihr Mann hätten etwa zehn Monate arbeiten müssen, um die Summe als Bauern zu verdienen. Doch das war gar nicht mehr möglich: Gulnars Mann war bereits im Lager, sie selbst ohne Einkünfte. „Ich hatte damals Schwierigkeiten, meine Kinder zu ernähren“, erzählt sie. 

Mehr als eine Million Menschen in Umerziehungslagern 

Gulnar ist eine ethnische Kasachin, aufgewachsen jedoch in Xinjiang in China, der Region der muslimischen Minderheiten. Seit Jahren versuchen die chinesischen Behörden dort, Uiguren, Kasachen und andere Ethnien mit Gewalt an die chinesische Kultur anzupassen: Mehr als eine Million Menschen sind in sogenannten Umerziehungslagern inhaftiert. Die Menschen sollen ihre Sprache und ihre Kultur vergessen, an China und seine angebliche Überlegenheit glauben lernen. Von einem „kulturellen Genozid“ spricht der deutsche China-Experte Adrian Zenz.

Nach neuen Erkenntnissen soll Peking auch die demographische Entwicklung der Region steuern: Von 2015 bis 2018 fiel die Geburtenrate in Xinjiang um 24 Prozent, in einzelnen Distrikten sogar um 84 Prozent. Allein im vergangenen Jahr nahm sie in Xinjiang um 24 Prozent ab, verglichen mit dem landesweiten Schnitt von nur 4,2 Prozent.

Dies sei das Ergebnis einer systematischen Strategie, heißt es in einem Report des Forschers Zenz, der Ende Juni erschien. Millionen gebe der Staat für Maßnahmen zur Geburtenkontrolle in dem unterdrückten Gebiet aus. Dazu gehörten Zwangssterilisationen und der Einsatz von Langzeitverhütungsmitteln wie Spiralen, die Frauen nicht ohne Hilfe entfernen können. Zenz zitiert aus Dokumenten zweier Distrikte in Xinjiang, die 2019 Finanzmittel für Tausende Sterilisationen bereitstellen – demnach sollten 14 bis 34 Prozent aller Frauen im Alter von 18 bis 49 Jahren in diesen Verwaltungsbezirken sterilisiert werden. 

Bei Gulnar löste die Spirale nach einigen Monaten eine Entzündung und Schmerzen aus, aber das war nur eines von unzähligen Problemen in ihrem Alltag in Xinjiang. Ihr Mann erkrankte im Lager an Tuberkulose und musste behandelt werden – für die Kosten im Krankenhaus musste Gulnar aufkommen, die mittellose Bäuerin. Wieder halfen Verwandte aus. Als der Mann später entlassen und der Hausarrest aufgehoben wurde, durfte die Familie mit ihren drei Kindern endlich nach Kasachstan ausreisen.

„Heute haben die Menschen in Xinjiang Angst, ein Kind zu bekommen“, sagt Gulnar. Sie erzählt von einer Frau aus ihrem Dorf, die angeblich noch kurz vor der Geburt zu einer Abtreibung gezwungen wurde, weil sie bereits zwei Kinder hatte. „Sie wollen uns zerstören“, glaubt Gulnar.

Dabei genossen die Minderheiten in Xinjiang während der chinesischen Ein-Kind-Politik sogar Privilegien: Stadtbewohnern waren damals zwei, Dorfbewohnern drei Kindern erlaubt. Seit Peking zum 1. Januar 2020 offiziell die Ein-Kind-Politik abgeschafft hat, sind Han-Chinesen auf dem Papier gleichberechtigt. Die neue Politik benachteiligt die Menschen in Xinjiang nicht nur, sie unterdrückt sie: Nach Berichten von Zeugen riskieren Uiguren, Kasachen und andere muslimische Minderheiten keine Strafzahlungen, sondern Lagerhaft, wenn sie mehr Kinder auf die Welt bringen. 

Dina Nurdybay, 29, konnte im Lager beobachten, wie sich die Behörden den Frauen gegenüber verhielten: „Es ging immer wieder um Geburtenkontrolle und Familienplanung“, sagt sie. Die junge Frau arbeitete als Unternehmerin in Xinjiang: Ihr Schneiderei-Betrieb mit 30 Mitarbeiterinnen stellte traditionelle kasachische Festkleidung her. Nie hätte sie geglaubt, dass auch ihr Lagerhaft drohen könne. Als sie im Oktober 2017 vor Beginn eines Parteitages festgenommen wurde, konnte sie es selbst nicht fassen. Es dauerte, bis sie den Grund verstand: „Ich hatte meine Eltern besucht, die damals bereits in Kasachstan lebten.“ Das muslimische Nachbarland Chinas gilt als den Behörden als besonders gefährlich.

Im Lager wurden verheiratete und unverheiratete Frauen getrennt, berichtet Dina. Wer verheiratet war, musste sich einem Schwangerschaftstest unterziehen. Was mit den schwangeren Frauen geschah, weiß sie nicht.

Die Unternehmerin Dina Nurdybay, 29, konnte im Lager beobachten, wie uigurische Frauen drangsaliert wurden, immer wieder sei es auch um das Thema Geburtenplanung und Kinder gegangen
Die Unternehmerin Dina Nurdybay, 29, konnte im Lager beobachten, wie uigurische Frauen drangsaliert wurden, immer wieder sei es auch um das Thema Geburtenplanung und Kinder gegangen
© Privat

Dina begegnete zwei Frauen, denen die Behörden vorwarfen, zu viele Kinder zu haben. Das sei „schamlos“ und zeige, wie ungebildet sie seien. Auch deren Ehemänner waren im Lager. Die Kinder lebten in dieser Zeit in einem Waisenheim. Eine der Frauen hatte ein acht Monate altes Baby und wusste nun nicht, wo es war. 

In einem der Lagergebäude, einer ehemaligen Schule, beobachtete Dina Kinder ohne Eltern. Die jüngsten waren etwa eineinhalb Jahre, die ältesten etwa 13 Jahre alt. „Sie wurden in dem Heim erzogen, solange die Eltern im Lager waren“, glaubt Dina.

Inzwischen lebt auch die junge Frau in Kasachstan, sie ist verheiratet und hat einen kleinen Sohn. An die Zeit im Lager erinnert sie sich voller Schrecken: „Wir lebten in ständiger Angst.“

Die Uigurin Tursynaj Sijadun, verheiratet mit einem Kasachen, hat inzwischen alle Hoffnung auf ein Kind verloren. Die Krankenschwester wurde in Xinjiang behandelt, um endlich schwanger werden zu können. Dann musste auch sie ins Lager. „Bis heute habe ich keine Ahnung, warum.“

Doch schon lange hatte sie beobachtet, wie sich die Städte und Dörfer in Xinjiang veränderten. Märkte und Straßen blieben leer. „Alle hatten Angst“, sagt sie. „Niemand war mehr glücklich.“ Wie Waisenkinder kamen ihr die Bewohner vor: Verzweifelt taten sie das, was von ihnen verlangt wurde, sogar mit dem befohlenen Lächeln.

Im Lager ertrug sie ein Jahr lang Demütigung und Angst, Propaganda-Stunden, die Chinas Überlegenheit priesen. „China wird bald die Welt regieren“, hieß es im Unterricht. Seine Wirtschaft werde die amerikanische überholen, Kasachstan bald ein Teil Chinas sein.

Auch um Geburtenkontrolle ging es im Unterricht: Die Frauen mussten sich Filme ansehen, in denen Familien ihre vielen Kinder nicht ernähren konnten. „Früher konnten Familien Geld bezahlen, um mehrere Kinder zu haben zu können“, sagt Tursynaj. „Das geht jetzt nicht mehr. In Xinjiang gibt es dafür jetzt Gefängnisstrafen.“ In Gefangenschaft begegnete sie einer Mutter von fünf Kindern – auch der Mann war im Lager.

Tursynaj erfährt, dass verheirateten Frauen im Lager Spiralen eingesetzt wurden. Einige wollten das nicht, erzählt die Uigurin. Aber die Aufseher drohten: Wer sich wehrte, der kam in das „Darkroom“. Tursynaj kannte das auch: Zweimal war sie in diesem Raum ohne Licht, bekam zwei Tage lang kein Essen.

„Wir dürfen nicht schweigen“

Ihre Kinderwunschbehandlung hat Tursynaj auch in Freiheit nicht wieder aufgenommen. Aufseher schlugen ihr im Lager in den Unterleib, sie bekam außerdem mehrere Injektionen. Warum und wogegen, das weiß sie nicht. „Es ist im Lager nicht üblich, Fragen zu stellen“, sagt sie. Seither bleibt ihre Regel aus.

Auch die Uigurin lebt inzwischen in Kasachstan, doch in Sicherheit fühlt sie sich nicht. Trotz der Ehe mit einem Kasachen verwehrte Kasachstan der ehemaligen Lagerinsassin bislang die Staatsbürgerschaft. Eigentlich müsste sie deshalb nach China zurückreisen, die Frist läuft bald ab.

Das Interview mit dem stern, geführt per WhatsApp, wollte Tursynaj eigentlich erst anonym geben: Spricht sie öffentlich, bekommen ihre Verwandten in China Probleme. Sie hat den Kontakt zu ihnen inzwischen abgebrochen, um sie nicht in Schwierigkeiten zu bringen.

Während des Gesprächs überlegt sie es sich jedoch anders. „Wir dürfen nicht schweigen“, sagt sie. „Nur das hilft unserem Volk.“

Wenn Sie helfen wollen: Mit ihrer Spende unterstützt der stern Organisationen, die sich um betroffene Familien in Kasachstan kümmern: Stiftung stern, Stichwort: Lageropfer China, IBAN DE90 2007 0000 0469 9500 01


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