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Rätselraten um Airbus 321: Warum für Putin der Absturz kein Terroranschlag sein darf

Kurz nach dem Absturz des russischen Passagierjets in Ägypten beeilte sich Moskau, ein Attentat auszuschließen. Denn das würde einen Schatten auf Putins "sauberen Krieg" in Syrien werfen und ihn selbst in Gefahr bringen.

Von Ellen Ivits

Wrackteile auf der Sinai-Halbinsel: Bei der Flugzeugkatastrophe brach der russische Ferienflieger schon in der Luft auseinander

Wrackteile auf der Sinai-Halbinsel: Bei der Flugzeugkatastrophe brach der russische Ferienflieger schon in der Luft auseinander. Moskau schloss einen Terroranschlag schnell aus. Zu schnell?

Um 6.51 Uhr hob am Samstagmorgen ein russischer Ferienflieger im ägyptischen Badeort Scharm el Scheich ab. Nur 23 Minuten nach dem Start verschwand die Maschine, ein Airbus 321, vom Radar. Wenig später stand fest: Das Flugzeug stürzte über der Sinai-Halbinsel ab. Alle 224 Insassen starben, die Trümmer wurden auf einer Fläche von 20 Quadratkilometern verstreut. Die Ursachen des Crashs liegen völlig im Dunkeln: technischer Defekt, Terroranschlag oder ein erneuter Suizid eines Piloten? Nichts kann ausgeschlossen werden, denn es gab weder einen Notruf noch eine Fehlermeldung oder eine Warnung.

Doch schon wenige Stunden nach dem Absturz beteuerten sowohl Russland als auch Ägypten einstimmig: Es war kein Terroranschlag. Der Absturz könne nur durch einen technischen Defekt verursacht worden sein. Und das, obwohl ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in einem Bekennerschreiben versichert hatte, die Maschine zum Absturz gebracht zu haben. Experten und Regierungsangehörige Russlands und Ägyptens taten dies schnell als unwahrscheinlich ab. Bevor die Bergungsarbeiten überhaupt begonnen hatten, stand somit für beide Regierungen die Ursache bereits fest. Ägyptische Vertreter behaupteten sogar, es habe einen Notruf und Meldungen über technische Störungen gegeben. Was sich jedoch als falsch erwies.


Putins sauberer Krieg in Gefahr

Warum aber schlossen die beiden Länder so schnell einen Terroranschlag aus? In Wahrheit käme ein Anschlag keinem von beiden gelegen. Für Russland würde ein solches Attentat durch den IS einen Schatten auf Putins Krieg in Syrien werfen. Bislang verkaufte der Kreml-Chef den Einsatz der russischen Armee gegen den IS an der Seite des syrischen Machthabers Baschar al Assad als sauberen Krieg ohne eigene Verluste. Der Einsatz ist in der russischen Öffentlichkeit hoch umstritten und auch in der Bevölkerung unbeliebt. Für viele ist er ein fremder Konflikt, für den niemand bereit ist, Opfer zu bringen.

Die Erinnerungen an den Afghanistan-Krieg von 1979 bis 1989 sind noch allzu lebendig: Die sowjetische Intervention kostete tausende Soldaten das Leben, ohne dass die Ausbreitung islamistischer Gruppierungen verhindert werden konnte - damals die offizielle Begründung für den Einsatz. Afghanistan wurde zu "Moskaus Vietnam". Nun fürchten viele erneut, in einen Konflikt verwickelt zu werden, der von den USA angezettelt wurde und auch von den USA gelöst werden sollte, so die verbreitete Meinung.

Es darf keinen Toten geben

Als vor wenigen Wochen ein russischer Soldat in Syrien ums Leben kam, beeilte sich Putins Regierung daher, die Umstände zu verschleiern. Ein Selbstmord wurde unterstellt. Doch die Eltern des Soldaten beteuerten, dass am Körper ihres Sohns nichts auf einen Selbstmord hindeuten würde, wie die liberale Zeitung "Kommersant" berichtete.

Ein Terroranschlag mit 224 Opfern, den der IS aus Rache für den russischen Einsatz in Syrien verübt hätte, wäre für Putin fatal. Damit würde nicht nur der Mythos des sauberen Krieges in sich zusammenbrechen. Putin müsste auch gegenüber seinem eigenen Volk eingestehen, dass er nicht in der Lage ist, einfache Urlauber vor den Dschihadisten zu beschützen.

Seltsame Zurückhaltung

Der Beliebtheitsgrad des Präsidenten ist aktuell so hoch wie noch nie zuvor. Mehr als 90 Prozent sind mit Putin zufrieden, wie jüngste Umfragen ergaben. Doch dies könnte sich schnell ändern, sollte sich ein Terroranschlag bestätigen.

In den Tagen nach dem Absturz zeigte sich Putin jedenfalls in der Öffentlichkeit seltsam zurückhaltend: keine Ansprache an die Nation, keine große Trauerrede. Es scheint so, als ob er gar nicht mit dem größten Unglück der russischen Luftfahrt in Verbindung gebracht werden möchte. Stillhalten und abwarten lautet wohl seine Devise.

Ägypten fürchtet um Touristen

Auch für Ägypten würde ein Terroranschlag einen erheblichen Image-Schaden bedeuten. Zum einen müsste die Regierung zugeben, Teile des Landes nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Ebenfalls geriete sie in Erklärungsnot, wie es sein kann, dass IS-Kämpfer an schwere Waffen wie Flugabwehrraketen kommen können und überhaupt in der Lage sind, vom ägyptischen Territorium aus Passagierflugzeuge abzuschießen. Selbst wenn man davon ausgeht, dass das Flugzeug nicht abgeschossen, sondern sabotiert oder von einer Bombe an Bord zerstört wurde, müsste Ägypten schwere Sicherheitslücken eingestehen. Für ein Land, das stark vom Tourismus abhängig ist, wäre eine solche Situation verhängnisvoll.

Ägypten muss insbesondere fürchten, russische Touristen zu verlieren. Im vergangenen Jahr besuchten etwa drei Millionen Russen das nordafrikanische Land, Reisebüros locken mit günstigen Pauschalangeboten und dem guten politischen Verhältnis zwischen Kairo und Moskau. Da westliche Touristen wegen mehrerer Terroranschläge und der autoritären Regierung Ägypten meiden, sind russische Gäste für die ägyptische Tourismusbranche von großer Bedeutung.