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AUSLAND: Die Aufsteiger von nebenan

Nur 60 Kilometer von Berlin entfernt liegt ein großes, unbekanntes Land. Bald soll Polen zur EU gehören. Ein modernes, lebenslustiges Volk wird Europa bereichern. Auf seiner politischen Sommerreise schaut sich auch der Kanzler bei unseren flutgeplagten Nachbarn um. Aus stern Nr. 34/2001.

Aus dem tiefen weißen Sand taucht ein Mann auf. Seine Haut ist sonnenver brannt, sein Mund ausgedörrt. Er trägt eine kurze Adidas-Hose, eine Militärmütze und über dem T-Shirt einen Feldstecher. Als hätte sich Crocodile Dundee in den Film »Lawrence von Arabien« verirrt. Und was will er nur mit seinem Mountainbike in dieser polnischen Wüste? »Ich habe irren Durst«, sagt er, »ich bin über 50 Kilometer gefahren. Immer am Strand entlang. Ich wollte durch die Dünen zurück, aber hier kommt man ja nirgends durch.«

»Ihr seid meine Retter«, sagt er, denn wir wissen, wo ein Kiosk ist. »Ich heiße Waldemar«, stellt er sich vor. »Glaubt nicht, dass das ein deutscher Name ist, in Polen heißen viele so.«

Waldemar Bagrowski, 45 Jahre alt, Maschinenbauingenieur. »Trinken wir auf Glück«, sagt er, stürzt in der versteckt liegenden Kneipe ein Piwo nach dem anderen hinunter. »Zurzeit turne ich wie ein Blöder in der Ukraine herum, installiere neue Melk- und Joghurt-Maschinen. Ja, ich muss mich sputen, denn bald kommt ihr aus der EU und schnappt meiner Firma das Ukraine-Geschäft weg.«

Waldemar macht sich Sorgen. Um seinen Monatsverdienst von 1600 Zloty (zirka 850 Mark) und seine Nebenjobs, mit denen er seine Familie über die Runden bringt. Heute liegt die Arbeitslosenquote in Polen bei 16 Prozent, in Waldemars Heimatstadt Olsztyn ist sie noch höher: »20 Prozent. Ach, Kinder, wie soll das alles gut gehen?«, sagt Waldemar. Doch nichts an diesem Abend scheint seine gute Laune trüben zu können.

Zweifel wachsen

Voraussichtlich schon im nächsten Jahr wird besiegelt, dass die 39 Millionen Polen EU-Bürger werden. Und merkwürdig - ausgerechnet in jüngster Zeit sind die Zweifel gewachsen. Am Anfang, 1989, nach der Befreiung vom Kommunismus, war die Euphorie riesig. Polen war Teil des Abendlands, Polen stellte den Papst, Polen liebte die Freiheit - was also sollte der Heimkehr nach Europa noch entgegenstehen?

Ein halsbrecherischer Kapitalismus bescherte dem Land strammes Wachstum, im Schnitt gut sechs Prozent pro Jahr. US-Ökonom Jeffrey Sachs bescheinigte Polen »die erfolgreichste Reform der Neuzeit«, 1999 wurde es in die Nato aufgenommen. Doch dann war der Nachholbedarf an Schokolade, Sofas und Autos gestillt. Das Wachstum ging um 50 Prozent zurück. Die Zahl der an der Armutsgrenze lebenden Polen stieg auf 5,5 Millionen. Und die Lust auf Europa sank. Einst waren 80 Prozent für den Beitritt, nun ist es noch die Hälfte.

»Die Regale sind voll bis zur Decke, doch selbst die Sonderangebote können sich nur wenige leisten«, sagt Waldemar, leert noch einen Becher Bier und rasselt die lange Liste von Supermärkten herunter, die in der 170 000-Einwohner-Stadt Olsztyn inzwischen aufgemacht haben: Obi, Praktiker, Adler, Real, Hit, Leclerc, Deichmann-Schuhe, Rossmann-Drogeriemarkt. Vorboten der EU.

Es ist schon fast dunkel, da erzählt er, wie seine Mutter, eine Eisenbahnerin, als Zwangsarbeiterin in Berlin interniert war. Und gibt uns gern seine Handy-Nummer. Lädt uns ein nach Olsztyn. Und erzählt zum Abschied noch einen Polen-Witz: »Immer mehr Polen leben nach dem Vier-Farben-Prinzip: blau sein, grün denken, rot wählen und schwarz arbeiten.«

Trinkfreudiges Volk

In der Tat sind viele Polen trinkfreudig. Sie sind auch grün im Sinne von ökologisch (ihre Bauern arbeiten noch nach alten Methoden, ohne Pestizide und Kunstdünger, und ihre Tomaten schmecken allemal besser als deutsche oder holländische). Rot werden die Polen im September wählen (laut Umfragen wird der Sozialdemokrat und einstige ZK-Sekretär Leszek Miller den konservativen Premier Jerzy Buzek ablösen). Und ohne Schwarzarbeit können die Nachkommen des Stamms der Polanen (Feldbewohner) nun mal nicht überleben.

In der Tat ist das Land farbig wie kaum ein anderes in Europa. Die Mode ist schrill, die Frauen verstecken ihre Schönheit nicht. Die Männer sind unbekümmert und unternehmungslustig. Schon unter den Apparatschiks war Polen als »lustigste Baracke im sozialistischen Lager« verschrien.

Vielvölkerstaat Polen

Wer im Sommer von Leba durch die Kaschubei in Richtung Danzig fährt, den erwartet nicht graue Eintönigkeit, sondern ein Rausch von blauen, roten und weißen Feldern voller Kornblumen, Klatschmohn und Kamille. Die Wiesen stehen hüfthoch in der weiten, leicht hügeligen und fast menschenleeren Landschaft. Nirgendwo industrielle Strohballen, ausgespuckt von fahrenden Agrarfabriken. In Polens Vielvölkerstaat mit Armeniern, Deutschen, Kaschuben, Litauern, Slowaken, Tschechen, Tataren, Ukrainern und Weißrussen ist noch viel erhalten vom Charme vergangener Zeiten. Da holpern Mopeds und Fahrräder übers Kopfsteinpflaster durch kilometerlange Chausseen - grüne Tunnel, überwölbt von mächtigen Kastanien, Linden oder Eichen.

So alt wie die Landschaft waren auch die Deiche an der Weichsel, die vor zwei Wochen unter der Last des Hochwassers brachen. Um vier Uhr morgens kam die Flut, und Bozena Nierobce konnte gerade noch Fernseher und Kühlschrank in den

ersten Stock retten, die Schweine auf den Balkon sperren und die Kuh auf den Deich führen. Dann stand sie bis zum Bauch in

der graubraunen Brühe. Das Wasser drückte die Fenster ein, der Strom war weg, die Vögel hörten auf zu singen. Bozenas Töchter hatten Angst. Tagelang konnten die Nierobces nur mit dem Boot das Haus verlassen. Im Vorbeipaddeln tauschten sie mit den Nachbarn Marmelade und Apfelsaft. Als das Wasser wieder sank, fing Bozena zum ersten Mal an zu weinen. Anrichte, Teppich, Sofa - alles war vollgesogen, stank nach fauligen Kartoffeln und dem, was aus der Toilette heraufgespült worden war.

Nun wartet die Familie auf den Versicherungsvertreter. Fast jedes Haus im Dorf Kepa Gostecka ist inzwischen versichert - gegen Feuer ganz bestimmt und vielleicht auch gegen den Wasserschaden. Wieder muss Bozena weinen.

Nicht nur im Ausland, auch in Polen wird überall zur Hilfe für die betroffene Region aufgerufen. Zum Glück verschonte die Flut die Hauptstadt. Die Warschauer spazierten zur Hochwasser führenden Weichsel und bestaunten das Naturschauspiel vom sicheren Ufer aus. Und an der Ostseeküste herrschte Ferienbetrieb wie immer, bei strahlendem Wetter.

Am späten Samstagabend sitzen Ala und Robert Florcza an einer langen Tafel, planen mit Star-Discjockeys, die kurz zuvor mit dem Flieger aus London eingetroffen sind, die Nacht. Das junge Paar führt in Sopot, Polens mondäner Sommermetropole

an der Ostseeküste, die Underground-Disco »Sphinx«. Nahe dem Eingang hängt ein dunkel-erotisches Bild, das Robert gemalt hat (Ala stand Modell). Für die Besucher des Clubs ist es zu einer Ikone neuer Libertinage in ihrem erzkatholischen Land geworden. Es zeigt eine schwarz verhüllte Nonne, die ihre Brüste entblößt. Robert hat lange in den USA gelebt und kehrte nach 1989 wie viele der zwölf Millionen Auslandspolen zurück, um der Heimat auf die Sprünge zu helfen. »Selbst wenn es derzeit etwas bergab geht«, sagt er, »sind wir immer noch sehr happy mit der Freiheit, die wir errungen haben.«

Walesa unbeliebt wie Gorbatschow

Begonnen hatte der Sieg nur wenige Kilometer von Sopot enfernt: auf der Lenin-Werft von Danzig. Ein Sieg, der untrennbar mit Lech Walesa, dem Streikführer der legendären Solidarnosc-Gewerkschaft, verbunden ist und Polen zum Vorreiter der Demokratisierung Osteuropas machte. Heute ist Walesa im eigenen Land ähnlich unpopulär wie Michail Gorbatschow in Russland. Die Danziger Werft ist nahezu bankrott. Elektrokarren rumpeln an abgewrackten Werkhallen vorbei. Doch aus den Industrieruinen entsteht eine neue »Hafencity«. Danziger Architekturstudenten haben Modelle für Geschäftszentren, Großkinos und Festivalmärkte erstellt - das ehrgeizigste Städtebauprojekt des Landes.

Sie hoffen auf ausländische Investitionen. Seit 1989 flossen 50 Milliarden Dollar nach Polen - so viel wie in kein anderes Land Osteuropas. Die Löhne in Polen sind um den Faktor 6,7 niedriger als bei uns. 7000 deutsche Unternehmen sind zwischen Danzig und Krakau aktiv.

Nur den äußersten Osten Polens erreicht der Kapitalfluss selten. Dort sieht man am Tag manchmal mehr Störche als Autos, Menschen und Kühe zusammen. In der KP-Zeit mussten sie sich um den Absatz ihrer Produkte keine Sorgen machen, jetzt bevorzugen Polens Supermärkte Massenware aus Holland. In der Not ziehen Frauen und Kinder an die Fernstraßen, wo fünf Pfund Erdbeeren umgerechnet gerade mal eine Mark bringen. Weit über die Hälfte der acht Millionen Bauern lebt an der Armutsgrenze - und bildet den harten Kern der EU-Gegner, der etwa 30 Prozent der Bevölkerung ausmacht. »Wenn wir in die EU müssen«, sagt ein Landwirt im idyllischen Seengebiet der Masuren, »wartet auf uns die Sklaverei.«

Bescheidener Wohlstand

Waldemar sieht das nicht so. In seiner Vier-Zimmer-Plattenbauwohnung in der Herderstraße in Olsztyn herrscht bescheidener Wohlstand. Tochter Karolina, 14, brütet über dem neuesten »Siedler«-Computerspiel und hat Britney-Spears-Poster an der Wand hängen. Sohn Jacek, 21, studiert Elektrotechnik in Danzig.

Es ist Sonntagnachmittag, Ehefrau Eva sitzt nicht mit am Kaffeetisch, weil sie arbeiten muss. Polens Freiheitsdrang war nach 1989 so vehement, dass die Geschäfte auch am Sonntag geöffnet wurden - die katholische Kirche stemmt sich bis heute vergebens dagegen. Eva ist seit zwei Jahren Detektivin bei Adler, einem deutschen Billig-Bekleider. »Manchmal kommen Frauen rein, die nichts drunter anhaben, sich einfach einen BH und Unterhosen anziehen und rauslaufen.«

EU-Kandidat Polen demonstriert, dass ihm der Kampf gegen das Verbrechen wichtig ist. Ein neues Zentralamt zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität wurde bereits ins Leben gerufen - nach dem Vorbild des deutschen BKA. In der Hauptstadt Warschau patrouilliert die Polizei hoch zu Ross - wie die Kollegen in New York. Polen möchte endlich seinen Ruf loswerden, ein Land der Autodiebe und des Schlendrians zu sein. Die viel belächelte »polnische Wirtschaft« dürfte nach wie vor die Ursache dafür sein, dass laut Umfragen die Hälfte aller Deutschen einen EU-Beitritt Polens strikt ablehnt; 23 Prozent sind unentschieden.

Größtes Schwarzhandelszentrum Osteuropas

Dass die Vorbehalte nicht ganz unbegründet sind, zeigt sich beim Gang über den Warschauer »Russenmarkt«. Kaufen kann man dort so ziemlich alles, was anderswo verboten oder wesentlich teurer ist: Kalaschnikows, Porno-Cassetten, Raubkopien der neuesten CDs, Geigerzähler sowie jede Menge Alkohol und Zigaretten. Bis zu 100 000 Menschen frequentieren das größte Schwarzhandelszentrum Osteuropas am Tag. »Damis«, die Betreiber-Firma, macht jährlich zwölf Milliarden Zloty Umsatz und ist damit, so das Warschauer Magazin »Wprost«, das drittgrößte Unternehmen Polens.

In Warschau indes dominiert seit etwa fünf Jahren eine neue Business-Elite, die dem alten Ostblock-Mief den Kampf angesagt hat und ausschließlich auf westliche Konzepte baut. Sie spricht Englisch und unterscheidet sich in ihren Lebensgewohnheiten

kaum von den Yuppies in Berlin, Stockholm oder Wien. Ihre Treffs heißen »Tribeca« oder »Scena«, sie shoppen bei Armani

oder Zara, trinken lieber Wein als Wodka und engagieren sich für bislang in Osteuropa wenig beachtete Belange, etwa die Umwelt. So gelang es der grünen Aktivistin Mira Meysztowicz vorigen September, 1,5 Millionen Freiwillige für ihre alljährliche »Macht Polen sauber«-Kampagne zu mobilisieren.

Polens einst öde Hauptstadt wird zur attraktiven Metropole, an der sich auch östliche Nachbarn wie Litauen oder die Ukraine orientieren. In der City entstehen moderne Hochhäuser, Freizeitparks und eine neue U-Bahn. In der »Burakowska« haben Insider in einer alten Kleiderfabrik moderne Lofts eingerichtet, in denen das Geschäft so richtig brummt. Im Parterre macht ein hübscher Blonder aus Heidelberg den Schönen von Film und Fernsehen die Haare, eine Treppe höher beschäftigt ein schwedischer Web-Designer 25 Leute. Auf der nächsten Etage sitzt die Redaktion des Szene-Blatts »Aktivist«, das seinen Lesern Progammhinweise per SMS anbietet. »Wir leben hier wie im Champagnerglas«, sagt Esko Kilpinen, der finnische Herausgeber, der vor fünf Jahren an die Weichsel kam, »es blubbert zurzeit überall.«

Moderne Welt

60 Prozent der Polen sind unter 40 Jahre alt. Sie leben in einer modernen Welt mit 16 TV-Programmen. Vier Millionen haben Internet, sieben Millionen ein Handy. Diese junge, selbstbewusste Generation fühlt sich längst Europa zugehörig und kann nicht

verstehen, warum auch Kanzler Schröder eine Fristenlösung vorschwebt, derzufolge sie erst sieben Jahre nach einer Mitgliedschaft in der EU arbeiten dürfen. »Das ist nicht fair«, sagt Tomasz Matujewicz, Marketing-Mann bei einem E-Commerce-Dienstleister, Polen habe schließlich schon vor Jahren seine Märkte für EU-Firmen geöffnet.

»Wir wollen nicht Mitglied zweiter Klasse sein«, sagt der 26-Jährige, »sondern Partner.« Und das bald. Seit 1995 heiße es immer wieder: noch zwei Jahre. Matujewicz: »Wenn mir eine schöne Frau, die ich heiraten will, sagt, sie brauche noch zwei Jahre, dann ist das okay. Wenn sie dann eine weitere Bedenkzeit will, werde ich nicht nervös. Aber falls es danach noch mal zwei Jahre dauert, komme ich ins Grübeln.«

In Polen probt ein Flügel der katholischen Kirche den Widerstand gegen die EU. »Radio Maryja« nennen sich die Europa-Gegner. Ihr gleichnamiger bigotter Dudelfunk wird von einem Millionenpublikum - vor allem Bauern und armen Leuten - gehört. »Der Kommunismus wollte die Kirche zerschlagen, der Liberalismus ist schlimmer und schlauer«, polterte »Radio Mayja«-Anführer Pater Rydzyk am 8. Juli in Polens berühmtestem Wallfahrtsort Tschenstochau vor 150000 Getreuen, »er tötet nicht sofort, er tötet durch die Medien, durch Streit. Man muss klug sein, man muss nachdenken, weil einem sonst ,Big Brother? in den Kopf kommt, und das ist dasselbe wie BSE.«

Doch unter Polens Katholiken, die weit eifriger als sonstwo in Europa zum Gottesdienst strömen, gibt es genügend Gläubige, die nicht so verquer denken. Vor allem in Krakau. Tausende tanzten am Tag vor Pater Rydzyks Brandrede beim jüdischen Festival in Krakaus Kazimierz-Viertel bis spät in die Nacht - eine wunderbare Demonstration von Liberalismus im Herzen einer der schönsten und ältesten Metropolen Europas.

Tilman Müller / Fotos: Jordis Antonia Schlösser