HOME

Drittes TV-Duell zwischen Romney und Obama: Zwei Welten prallen aufeinander

Drohnen, Libyen, Afghanistan: Am Abend debattieren Barack Obama und Mitt Romney über Außenpolitik. Obamas Bilanz ist stark. Romney weiß aber, wo er attackieren kann.

Von Nora Schmitt-Sausen, Boston

Einen Vorgeschmack auf das, was die Fernsehzuschauer heute Abend erwartet, gab es beim TV-Duell vergangene Woche. Bei keiner anderen Frage rasselten Obama und Romney so heftig aneinander wie bei der um den Tod von US-Botschafter Christopher Stevens in Libyen. Deshalb ist sicher: Auch heute wird der Republikaner Obama mit der Libyen-Krise konfrontieren. Allerdings muss er versuchen, seine Angriffe genauer zu platzieren. Im zweiten Duell vermasselte Romney seine Attacke und ließ die Chance ungenutzt, Obama in Erklärungsnot zu bringen. Seit Wochen setzt das Romney-Lager Obama massiv unter Druck. Die Tragödie in Bengasi ist zur Munition im Wahlkampf geworden.

Die Republikaner werfen Obama grundsätzlich eine zu zögerliche Haltung in der Außenpolitik vor. Beim Umgang mit dem Arabischen Frühling sei die Regierung Obama zu passiv und nicht konsequent aufgetreten. Auch bei dem Konflikt mit dem Iran und bei der Krise in Syrien habe Obama nicht die nötige Härte gezeigt. Dabei: "Unsere Freunde und unsere Verbündeten wollen nicht weniger amerikanische Führung, sondern mehr", hatte Romney seine Haltung unlängst bei einer außenpolitischen Grundsatzrede in einem Militärinstitut in Virginia kundgetan.

Romney: Denke á la Bush

Der 65-Jährige gibt sich in der Außenpolitik traditionell republikanisch. Während Obama den Schulterschluss mit anderen Nationen sucht und sich vom Großmachtdenken der Ära Bush verabschiedet hat, propagiert Romney Weltpolitik im alten Stil. Seiner Ansicht nach sollten die USA international das Maß aller Dinge sein. Obamas "fortlaufende Entschuldigungstour" der vergangenen vier Jahre hätte dagegen dazu geführt, dass die USA ihren globalen Führungsanspruch eingebüßt hätten. Romney spielt damit auf Reden Obamas an, in denen dieser von amerikanischer "Arroganz" gesprochen hatte oder sich deutlich von Entgleisungen von US-Soldaten distanzierte. Einsparungen im Militärhaushalt, wie sie Obama vorgeschlagen hat, lehnt Romney strikt ab. Dabei: Obama, der kaum ins Amt gewählt mit dem Friedensnobelpreis für seine "außergewöhnlichen Bemühungen für die Zusammenarbeit zwischen den Völkern" ausgezeichnet wurde, hat ein schärferes außenpolitisches Profil, als es viele erwartet haben. Selbst eingefleischte Sicherheitsexperten und erst recht die linke Parteibasis sind bis heute entgeistert darüber, mit welcher Härte Obama vorgeht. Vor allem beim Einsatz von unbemannten Drohnen im Grenzgebiet von Afghanistan und Pakistan zeigt sich der demokratische Präsident unbarmherzig. Der Einsatz der lautlosen Killermaschinen hat unter Obama ein Niveau erreicht, wie es bisher noch nicht dagewesen ist.

Obamas Trumpf: Tod bin Ladens

Beobachter sind sich einig, dass es Romney heute Abend schwer haben wird zu punkten. Er ist außenpolitisch zu unerfahren und hat bislang kaum eigene Strategien für seine globale Politik präsentiert. Obamas internationale Bilanz wird dagegen besser bewertet als seine nationale: Er hat Osama bin Laden niedergestreckt, den Krieg im Irak beendet und den Abzug der US-Soldaten aus Afghanistan eingeleitet. Ein großes Plus bei der kriegsmüden amerikanischen Bevölkerung. Sie gibt Obama in der Außenpolitik seit Monaten starke Bewertungen in den Umfragen.

Romney setzt bislang auf Rhetorik. Obamas Iran-Politik habe dazu geführt, dass Teheran heute eine größere Gefahr sei als jemals zuvor. Aktuelle Entwicklungen könnten diese oft wiederholte Behauptung entkräften: Die "New York Times" berichtete am Wochenende, dass der Iran erstmals seit 1979 zu Gesprächen über sein Atomprogramm bereit sei. Russland bezeichnete der Republikaner im Spätsommer als Amerikas "geopolitischen Feind Nummer eins". China wolle er noch "an Tag eins" seiner Präsidentschaft als "Währungsmanipulator" brandmarken.

Kandidaten auf Tuchfühlung

Traditionell spielt Außenpolitik im amerikanischen Wahlkampf nur eine untergeordnete Rolle. Für US-Wähler zählen andere Themen. In diesem Wahljahr mehr denn je. Die Konjunktur im eigenen Land ist das alles entscheidende Problem. Und so ist davon auszugehen, dass Obama und Romney nach Möglichkeiten suchen werden, um über innenpolitische Themen zu sprechen. Das müssen sie auch: Die Umfragen zeigen weiter ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Das Duell an der Lynn-Universität in Boca Raton, Florida, unterscheidet sich nicht nur inhaltlich von den beiden ersten Runden. Auch im Stil ist es wieder anders. Zu sechs Themenblöcken (Amerikas Rolle in der Welt, Afghanistan/Pakistan, Iran/Israel, Mittlerer Osten, Terrorismus, China) gibt es jeweils 15 Minuten Redezeit. Obama und Romney werden diesmal nebeneinander an einem Tisch sitzen. Beim ersten Duell standen sie an entfernten Podesten, beim zweiten liefen sie viel auf und ab. Heute begeben sie sich fast auf Tuchfühlung zueinander.

Obama hat Samthandschuhe abgelegt

Gespannt blicken die US-Wähler erneut auf die Interaktion zwischen den beiden Kontrahenten. Inzwischen ist es kein Geheimnis mehr, dass sich der Präsident und sein Herausforderer nicht leiden können. Vor allem Obama stand seine Abneigung gegen Romney beim zweiten Duell offen ins Gesicht geschrieben.

Überhaupt: Seit dem zweiten Duell hat Obama, dessen positive Ausstrahlung ein Markenzeichen ist, die Samthandschuhe abgelegt. In den finalen Tagen wird der Wahlkampf noch giftiger. Seit dem Wochenende fährt Obama eine neue, böse Attacke gegen Romney. Dieser leide an einer Krankheit mit Namen „Romnesie“, sagte Obama bei einem Auftritt im umkämpften Virginia. Eine Anspielung auf Amnesie (Gedächtnisstörung) und Romneys politische Positionswechsel der vergangenen Wochen.

Auch auf der anderen Seite sind die Gemüter in diesen letzten Wahlkampftagen erhitzt: Romneys ältester Sohn Tagg, 42, scherzte nach dem zweiten Duell in einer Radioshow, er wäre bei der Debatte gerne von seinem Sitz aufgesprungen und hätte Obama „einen Schlag verpasst“. Er hätte es nicht ertragen können, dass der Präsident seinen Vater mehrfach einen Lügner genannt habe.

Beim Thema Außenpolitik werden weder Romney noch Obama zu Scherzen aufgelegt sein. Doch eins ist sicher: Schenken werden sie sich in der Debatte heute Abend nichts.