VG-Wort Pixel

Christopher Nehring Spionage-Experte zum Fall Skripal: Darum ist Rache auf keinen Fall das Motiv

Christopher Nehring: Spionage-Experte zum Fall Skripal: Darum ist Rache auf keinen Fall das Motiv
Sergej Skripal arbeitete jahrelang als Offizier für den russischen Militärgeheimdienst – und spionierte unterdessen für den britischen Auslandsgeheimdienst MI6. 2004 fliegt sein Doppelleben auf. Zwei Jahre später wird er in Russland wegen Hochverrats zu dreizehn Jahren Gefängnis verurteilt. 2010 kommt er bei einem Agentenaustausch mit den USA frei und lebt seitdem als britischer Staatsbürger in Großbritannien. Eine Chronik der Ungereimtheiten

4. März: Sergei Skripal und seine Tochter Julia werden bewusstlos auf einer Bank im südenglischen Salisbury gefunden. Mit Anzeichen einer Vergiftung werden sie in eine Klinik eingeliefert.

7. März: Die britische Polizei teilt mit, dass die Skripals mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden seien. Beide befinden sich in einem kritischen Zustand.

9. März: Der russische Außenminister Sergej Lawrow streitet jegliche Schuld Russlands ab.

12. März: Premierministerin Theresa May teilt mit, dass die Skripals von dem militärischen Nervengift Nowitschok vergiftet worden seien, das während des Kalten Kriegs in der Sowjetunion entwickelt worden sei. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass dieses Gift aus Russland kommt."

13. März: Lawrow bezeichnet die Vorwürfe einer Verantwortung Russlands für den Angriff als „Unsinn“.

14. März: May gibt bekannt, dass 23 russische Diplomaten Großbritannien innerhalb einer Woche verlassen müssen. Der russische Staat ist laut May vermutlich schuldig am versuchten Mord der Skripals.

17. März: Russland kontert und verweist ebenfalls 23 britische Diplomaten außer Landes.

22. März: Die EU stellt sich in einer gemeinsamen Erklärung hinter Großbritannien. EU-Ratspräsident Donald Tusk twittert: "Die EU stimmt mit der britischen Regierung überein, dass Russland höchst wahrscheinlich für die Attacke in Salisbury verantwortlich ist, und es keine andere plausible Erklärung gibt." Gleichzeitig erhält die Organisation OPCW die Erlaubnis, Blutproben der Skripals zu untersuchen.

26. März: Mehr als 20 westliche Staaten weisen insgesamt rund 130 russische Diplomaten aus - Unterstützung erhält Großbritannien unter anderem auch von den USA.

28. März: Die britische Polizei gibt bekannt, Spuren des Nervengiftes Nowitschok an der Haustür der Skripals gefunden zu haben.

29. März: Russland weist 60 US-Diplomaten aus und schließt das US-Konsulat in St. Petersburg.

31. März: Russland fordert den Abzug von mehr als 50 weiteren britischen Diplomaten.

1. April: Die Pressesprecherin des russischen Außenministeriums, unterstellt dem Westen laut einem Bericht der BBC, die Fußball-WM zu boykottieren: Maria Zakharova, Sprecherin russisches Außenministerium

2. April: Außenminister Sergej Lawrow nennt das Verhältnis zwischen dem Westen und Russland als so schlecht, wie lange nicht mehr. Die Anschuldigungen seien eine "verrückte und schreckliche Provokation".

3. April: Das britische Militärlabor gibt bekannt, dass es sich zwar um das Nervengift Nowitschok handelt, eine russische Herkunft des Nervengifts allerdings nicht eindeutig nachgewiesen werden kann. Großbritannien bleibt bei seinen Anschuldigungen gegenüber Russland.

04. April: Moskau kritisiert, dass die Ermittlungspraktiken der britischen Behörde und der OPCW zu intransparent seien und fordert eine neue, unabhängige Untersuchung mit russischer Beteiligung. Die britische Delegation bei der OPCW weist den Vorschlag als „pervers“ zurück und deklariert ihn als Ablenkungsmanöver. Der britische Außenminister Boris Johnson steht in der Kritik: In einem Interview mit der Deutschen Welle sagt er, dass es „keinen Zweifel“ an der Herkunft des Nervengiftes gebe. Ein Tweet seines Ministeriums, der aussagt, dass das Nervengift in Russland hergestellt worden sei, wird unterdessen gelöscht. Die russische Botschaft in London reagiert prompt und fragt: Warum sollte das britische Außenministerium den Tweet vom 22. März löschen?

05. März: Auch Deutschland hält an den Vorwürfen gegen Russland fest: Außenminister Heiko Maas sagt, dass die von Großbritannien vorgelegten Informationen so "eindeutig" auf eine russische Verantwortung für den Giftanschlag hinweisen, „dass wir keine andere plausible Erklärung haben". Julia Skripal äußerst sich erstmals seit dem Angriff öffentlich gegenüber der britischen Polizei, ihr gehe es langsam besser. Ihr Vater Sergej Skripal ist in einem stabilen aber nach wie vor kritischen Zustand. Einem Bericht der "Times of London" zufolge hat der britische Geheimdienst ein russisches Militär-Forschungslabor als Quelle des Giftes identifiziert. Die Zeitung beruft sich auf ein Treffen des britischen Geheimdienstes mit Verbündeten. Bei einer eigens einberufenen UN-Sicherheitsratssitzung beteurt der russische UN-Botschafter Alexander Jakowenko die Unschuld seines Landes: Russland habe das Nervengift Nowichok nie hergestellt oder besessen.

Die Frage bleibt offen: Ist Russland Täter oder Opfer?
Mehr
Warum sollte Sergej Skripal sterben? Das Attentat auf den früheren russischen Doppelagenten gibt weiter Rätsel auf. Der stern sprach mit dem Spionage-Forscher Christopher Nehring über mögliche Erklärungen für das scheinbar Unerklärliche.

Seit Wochen gibt der Nervengift-Anschlag auf den früheren russischen Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter Julia im britischen Salisbury Rätsel auf. Großbritannien hat Russland für das Attentat verantwortlich gemacht, ohne echte Beweise vorlegen zu können. Die Russen beteuern ihre Unschuld. Tatsächlich ist unklar, warum der russische Geheimdienst an einem schon verurteilten und ausgetauschten Ex-Agenten noch Rache üben sollte. Ein Gespräch mit dem Spionage-Experten Christopher Nehring über ein Attentat in der britischen Provinz, das eine diplomatische Krise ausgelöst hat.

Herr Dr. Nehring, der Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal erscheint rätselhaft. Warum sollte Russland einen schon verurteilten und ausgetauschten Ex-Agenten jetzt noch liquidieren - und einen Skandal erzeugen, wie wir ihn jetzt sehen? Sie sehen das Tatmotiv nicht in Skripals Vergangenheit, sondern in der Gegenwart. Was meinen Sie damit?

Ich glaube nicht, dass Skripals Doppelagententätigkeit das Motiv für den Mordversuch war. Aber was hat Skripal eigentlich in den letzten Jahren seit seinem Austausch gemacht? Hat er für die britischen Nachrichtendienste Aufgaben erfüllt? Stand er in Kontakt mit dem Milieu russischer Emigranten in England? Hier lassen sich deutlich mehr Ansatzpunkte für ein Motiv finden. 

Sie verweisen auf ein "Gentlemen’s Agreement" unter Geheimdiensten, das gegen eine Liquidierung von Skripal durch Russland spricht. Wie sieht das aus und könnte dieses Agreement nicht doch gebrochen worden sein?

Nun, es gibt einfach keinen Präzedenzfall dafür, dass ein ausgetauschter Agent anschließend noch umgebracht wird. Das ist schlichtweg nicht vorgekommen. Ebenso, dass seine Familie angegriffen wird. Schriftlich existiert so etwas natürlich nicht, das ist eine der ungeschriebenen Regeln in der Welt der Spionage, bislang haben sich die Beteiligten daran gehalten.

Stützt es ihre These, Skripal könnte für britische Geheimdienste oder private Intelligence-Firmen aktiv sein, dass er sich nach seiner Freilassung aus russischer Haft ausgerechnet in Salisbury niedergelassen hat? Ganz in der Nähe ist die Forschungsanlage Porton Down, in der das beim Attentat verwendete Nervengift Nowitschok untersucht wurde.

Dass es Skripal nach Salisbury verschlagen hat, ist natürlich ein seltsamer Zufall. Aber eine direkte Verbindung konnte bislang weder gefunden werden, noch liegt sie auf der Hand. Mit Forschung oder Chemie hatte Skripal nichts zu tun. Offiziell untersteht Porton Down auch dem Gesundheitsministerium. Zudem lebte Skripal dort unter seinem richtigen Namen, ganz offiziell, weshalb es nicht nach einer geheimen Verbindung aussieht. Und wie gesagt: Was Skripal in den letzten Jahren eigentlich gemacht hat, wissen wir nicht. Ich sehe aber hier den Schlüssel zum Attentatsmotiv.

Wie schätzen Sie Hinweise zu möglichen Verbindungen Skripals zu Christopher Steel ein, einem früheren Russlandexperten des britischen Auslandsgeheimdienstes MI6, der durch ein Dossier über Russlandverbindungen von US-Präsident Donald Trump zuletzt bekannt geworden ist. Liegt auch hier ein mögliches Motiv für das Attentat?

Diese Verbindung Skripals - nicht zu Steele persönlich, sondern zu einem ungenannten Mitarbeiter von Steeles privater Sicherheitsfirma Orbis Buisness Intelligence - tauchte vor einigen Wochen kurz in der Presse auf und verschwand dann wieder. Die Firma dementierte. Und auch, was Skripal mit dem Mitarbeiter gemacht oder besprochen haben soll, wurde nie genannt. Wenn die Verbindungen denn tatsächlich bestehen, dann ist es ein weiteres Indiz, dass Skripals Leben und Tätigkeit in den vergangenen Jahren viel stärker untersucht werden sollte. 

 

Immer wieder gibt es rätselhafte Todesfälle unter Exil-Russen in Großbritannien. Ordnet sich der Skripal-Fall in diesen Zusammenhang ein?

Naja, da er ja auch ein Russe mit vormaligen Verbindungen zu russischen Geheimdiensten ist, auf den ein Attentat verübt wurde - ja. Aber in welchen Zusammenhang? Das ist nicht klar, da wir in der Öffentlichkeit einfach nichts darüber wissen, was er in den letzten Jahren gemacht hat. Viele dieser mysteriösen Todesfälle weisen in den Kreis russischer Emigranten, die entweder eine Vergangenheit in den Geheimdiensten, als hohe Staatsfunktionäre oder der mächtigen und superreichen Elite haben.

Sie gehen davon aus, dass das Attentat auf Sergej Skripal misslungen ist. Woran machen Sie das fest?

Misslungen ist das Attentat aus zwei Gründen: zum einen haben die Skripals überlebt. Wer Nowitschok einsetzt, will töten. Darüber hinaus kann es nicht geplant gewesen sein, dass potenziell über 20 Zivilisten verletzt werden und ein derartiger Skandal entsteht. Es gab eine Zielperson, die den Anschlag überlebte und gleichzeitig kamen viele Unbeteiligte zu schaden, was einen riesigen Skandal auslöste. Natürlich ist das ein hochgradig misslungener Anschlag.

Könnten für das Attentat auch russische Kräfte verantwortlich sein, die Russlands Präsident Wladimir Putin schaden wollen? Gibt es Hinweise, die darauf deuten?

Möglich ist das natürlich, Hinweise gibt es keine. Der russische Geheimdienstexperte und Aktivist Andrei Soldatow spricht davon, dass Putin sich in einem Kampf gegen seine Eliten befindet, die er einst groß gemacht hat und dann zu mächtig wurden. Denkbar ist natürlich, dass jemand aus den Apparaten eigenmächtig handelte, oder dass über Querverbindungen zwischen organisierter Kriminalität und Geheimdiensten das Gift beschafft und eingesetzt wurde, ohne dass die Regierung davon wusste. Dann hätte die russische Regierung die Kontrolle total verloren. Ohne nähere Informationen bleibt das aber Spekulation. Die britische Regierung hat ja aber auch diese Möglichkeit explizit mit abgedeckt als sie sagte: "Russland steht hinter dem Attentat oder hat die Kontrolle über Nowitschok verloren." So oder so steht Russland als Staat in der Pflicht, seine Giftbestände gemäß international geltenden Vorschriften zu kontrollieren. Wenn Nowitschok aus Staatsbesitz in private, kriminelle Hände gelangt ist, dann ist das nichtsdestoweniger ein Skandal. Und der russische Staat stünde auch dann in der Pflicht zur Aufklärung.

Die Verwendung des Giftes Nowitschok lenkt den Verdacht Richtung Russland, da es sich um einen Stoff aus sowjetischer Zeit handelt. Wer hat Zugriff auf Nowitschok und kann es verwenden?

Nowitschok wurde nicht nur zu Sowjetzeiten produziert, sondern auch danach. Die Vernichtung unter OPCW-Aufsicht dauerte bis 2017. Genug Zeit also. Offiziell hatte nur das russische Militär und der russische Staat Zugriff darauf. Dass Nowitschok aber auch bei dem Mord an dem Banker Iwan Kiwelidi 1995 in Moskau verwendet wurde, zeigt aber auch, dass es schon in die "falschen Hände" gelangt ist. In diesem Fall in die Hände der organisierten Kriminalität mit hohen Wirtschaftsverbindungen und Interessen.

Russlands Außenminister Lawrow führt nun Ergebnisse eines Schweizer Labors ins Feld, wonach beim Skripal-Attentat der Giftstoff BZ eingesetzt worden sein soll; ein chemischer Kampfstoff, der eher in Nato-Arsenalen zu finden sei. Wie ist diese Wendung zu bewerten?

Es war nur eine Frage der Zeit, wann die russische Regierung eine alternative Substanz als Tatwaffe ins Spiel bringen würde. Das ist wohl die Kommunikationsstrategie: Sobald eine neue Information kommt, wird eine alternative Theorie aufgestellt und gegen Großbritannien oder die USA zurückgeworfen. Allerdings, wenn wir schon von Motiven sprechen: die Version des russischen Außenministeriums, dass die USA oder Großbritannien Skripal umbringen wollten, um es Russland anzulasten, halte ich ohne Beweise (welche nicht präsentiert wurden) für hochgradig paranoid und unsinnig. Genauso wenig wie Rache wegen seiner Doppelagententätigkeit das Motiv für das Attentat war, genauso wenig waren es diese "Propagandagründe". Auch das ist ohne Präzedenzfall: dass Staaten und Geheimdienste morden lassen, nur um es jemand anderen in die Schuhe zu schieben. Ich weiß nicht, ob da von den eigenen Gedankengängen auf die des "Feindes" geschlossen wird, aber selbst aus den schmutzigen Aktionen des Kalten Krieges ist nichts von einem Mord rein aus Propagandagründen bekannt.

Gibt es aus Ihrer Sicht ein plausibles Szenario, das die russische Behauptung stützt, der Anschlag auf Skripal sei vom britischen Geheimdienst verübt worden?

Nein, absolut nicht. Kein Ansatzpunkt, kein Motiv, kein Indiz, nichts. Selbst diese britische Regierung mordet nicht aus Propagandagründen oder um von innenpolitischen Problemen abzulenken.

Die Ermittlungen im Fall Skripal laufen, Einzelheiten werden öffentlich nicht bekannt. Was glauben Sie: Werden wir je erfahren, was in Salisbury wirklich passiert ist und was dahinter steckt?

Schwer zu sagen. Ein Abschlussbericht wird irgendwann öffentlich vorgestellt werden, alle Details sind in diesen Berichten selten zu finden. Und Verschwörungsfanatiker oder Kritiker werden die Ergebnisse immer anfechten und Details als Beleg für eine Verschwörung ansehen. Am Ende wird es eine offizielle Version geben und in 100 Jahren können Historiker dann vielleicht die Archive durchwühlen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker