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Flüchtlingskrise in Europa: Warum die Balkanländer die Verantwortung weiterschieben

Die EU will in der Flüchtlingskrise eine bessere Kooperation und Absprache der Balkanländer untereinander. Sie sollen 100.000 Menschen zeitweise aufnehmen. Bereit ist dafür kaum jemand. Das hat verschiedene Gründe.

Über die Balkan-Länder kommen weiter hunderttausende Flüchtlinge nach Mitteleuropa.

Über die Balkan-Länder kommen weiter hunderttausende Flüchtlinge nach Mitteleuropa.

Nach chaotischen Wochen mit gegenseitigen Schuldzuweisungen hat jetzt die EU die Federführung in der Flüchtlingskrise auf dem Balkan übernommen. Der Andrang der vielen Tausend Menschen soll in geordnetere Bahnen gelenkt werden, lautet das wichtigste Ziel. Gleichzeitig wird die Senkung der Flüchtlingszahlen angestrebt. Dafür sollen 100.000 Menschen vorübergehend auf dem Balkan Zuflucht finden - die Hälfte davon in Griechenland, die andere Hälfte in den übrigen Staaten. Einzelheiten sind offen.

Noch in Brüssel diktierte der kroatische Regierungschef Zoran Milanovic den Journalisten seines Landes in die Blöcke: Kroatien wird solange die Flüchtlinge an die Grenze zu Slowenien schaffen, wie die Zahl der aus Serbien nachrückenden Menschen nicht deutlich kleiner wird. Bisher hatte der Politiker immer den eisernen Grundsatz wiederholt: Sein Land könne nicht in nennenswerter Zahl Flüchtlinge aufnehmen - abgesehen von den 1600 im Zuge der EU-weit beschlossenen Verteilung von 160.000 Menschen, die nicht richtig vom Fleck kommt.

Parlamentswahlen in Kroatien stehen bevor

In Kroatien gibt es in zwei Wochen Parlamentswahlen, und niemand dürfte sich trauen, dem Volk die Nachricht zu servieren, es müsse jetzt mit vielen Tausend Flüchtlingen leben. Kroatien ist längst nicht so weltoffen, wie man das für ein Touristenland erwarten könnte.

Auch der Nachbar Serbien mit seiner latenten Fremdenangst ist vorsichtig: Sein Land werde niemals eine "Pufferzone" werden, wiederholt Regierungschef Aleksandar Vucic immer wieder. Sein Sozialminister Aleksandar Vulin wird noch deutlicher: Serbien sei doch kein "Konzentrationslager", in dem Menschen gegen ihren Willen festgehalten würden.

Innenpolitischer Streit in Mazedonien

Weiter südlich in Mazedonien scheint wegen des schweren innenpolitischen Streits niemand Zeit und Lust zu haben, sich ernsthaft mit dem Thema Flüchtlinge zu beschäftigen. Daher wurde auch Staatspräsident Djordje Ivanov zum Krisentreffen nach Brüssel geschickt. Der hat nur repräsentative Aufgaben und in der operativen Politik nichts zu sagen.

Mazedonien, Serbien und Kroatien waren bisher stolz auf ihre logistische Leistung, Zehntausende durch ihre Länder in Richtung Österreich und Deutschland zu bringen. "Denn hier will doch niemand bleiben", so heißt es aus der kroatischen Regierung immer wieder zur Rechtfertigung ihrer "Transportpolitik". In der Regel hält sich bisher kein Flüchtling länger als 48 Stunden in diesen drei Ländern auf.

"Die wollen doch alle nach Deutschland"

Auch in Griechenland, wo nach dem EU-Plan 50.000 Flüchtlinge unterkommen sollen, sind sich Medien und Politiker sicher, dass der Flüchtlingstreck weitergehen wird. "Wie wollen wir die denn aufhalten, die wollen doch alle nach Deutschland", formuliert ein Offizier der Küstenwache von der Insel Chios die allgemeine Überzeugung. Der für Migration zuständige Vizeminister Ioannis Mouzalas hat eine klare Rechnung aufgemacht, er sagt: Die verlangten Kapazitäten könnten nur dann geschaffen werden, wenn das dafür nötige Geld aus Brüssel kommt.

Thomas Brey/DPA