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Griechenland-Krise Börsen fürchten Flächenbrand in Europa


Griechenlands Krise führt zu einem Börsen-Beben. Die Anleihen sind Ramsch, Hilfen von IWF und EU müssen dringend fließen - und der nächste Bedürftige könnte bald vor der Tür stehen.

Angesichts einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit Griechenlands auf Ramsch-Status erhöht sich der Druck auf die Bundesregierung, schnell über mögliche Milliardenhilfen zu entscheiden. Sie will heute das weitere Vorgehen abstimmen. Auch der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, sowie der Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB), Jean-Claude Trichet, sind zu Gesprächen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble in Berlin.

Die Kreditkosten für Griechenland steigen derweil weiter. Die Risikoprämie für zehnjährige Staatsanleihen aus Athen kletterte auf den Rekordstand von 7,7 Prozentpunkten Differenz zu den Zinsen auf zehnjährige deutsche Bundesanleihen. Damit muss Griechenland mehr als 10 Prozent Zinsen anbieten, um noch Geld geliehen zu bekommen. Das ist mehr als das Dreifache dessen, was Deutschland für seine Staatsanleihen aufwenden muss.

Auch die Börsen in Europa stehen unter Druck. Der Dax lag am Vormittag mit rund einem Prozent im Minus, nachdem er schon am Dienstag stark verloren hatte. Griechenlands Krise und auch die ähnlichen Probleme Portugals belasten aber nicht nur die europäischen Börsen, sondern drücken auch die Märkte in Asien ins Minus. Experten warnen vor einer Kettenreaktion. Der Markt sei besorgt, dass sich die Finanzkrise auf weitere Euro-Staaten ausweite, sagten Händler. Investoren fürchteten, dass die drohende Staatspleite Griechenlands die gesamte europäische Wirtschaft in Mitleidenschaft ziehe. Der Nikkei-Index der Börse in Tokio brach um 2,5 Prozent ab.

Auch Portugal herabgestuft

Schon am Dienstag waren die Finanzmärkte in Aufruhr geraten, nachdem das Rating für griechische Staatsanleihen von Agentur Standard & Poor's auf das Ramsch- oder "Junk"-Niveau "BB+" gesenkt wurde. Zusätzliche Besorgnis löste die Nachricht aus, dass auch das Euro-Land Portugal, das ebenfalls mit einem großen Defizit zu kämpfen hat, erneut herabgestuft wurde. Der Euro stand zunächst unter starkem Druck, erholte sich aber im frühen europäischen Handel und kostet derzeit etwa 1,3185 US-Dollar.

Die Euro-Länder wollen - wenn Griechenland strenge Auflagen erfüllt - 2010 bis zu 30 Milliarden Euro Kredite geben - davon soll Deutschland 8,4 Milliarden Euro übernehmen. Der IWF soll bis zu 15 Milliarden beisteuern. Athen braucht bis spätestens 19. Mai an die neun Milliarden Euro, um Anleihen zu bedienen.

Sinn: Griechen werden Schulden nie zurückzahlen

Der Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Ulrich Blum, sieht in der Einstufung der Kreditwürdigkeit Athens eine Vorentscheidung für eine mögliche Zahlungsfähigkeit. "Die Märkte sind offenbar zur Entscheidung gekommen, dass Griechenland anhand schlechter Fundamentaldaten die Schulden nicht mehr aus eigener Kraft zurück zahlen kann" sagte Blum dem MDR. "Die Gläubiger müssen erkennen, dass die ganzen Ausleihungen von fast 200 Milliarden Euro nicht mehr einbringbar sind", sagte der Ökonom und kam zu dem Fazit: "Der Stab über Griechenland ist damit eigentlich gebrochen."

So rechnet sein Kollege Hans-Werner Sinn vom Ifo-Institut auch nicht mit einer Rückzahlung möglicher deutscher Hilfsgelder durch Griechenland. Die Regierung in Athen werde letztlich nicht in der Lage sein, einen harten Sparkurs zu fahren, sagte Sinn ebenfalls im MDR - und goss damit Öl ins Feuer der politischen Diskussion in Berlin. Nach einigen Jahren werde sich herausstellen, "dass sie es nicht stemmen können". Auf politischem Wege werde mit den Stimmengewichten der Griechen und anderer problematischer Länder schließlich ein Schuldenerlass von Deutschland verlangt werden. Auch Standard & Poor's erwartet nicht, dass die Griechen einen rigiden Sparkurs einschlagen werden. Das war der Grund für die Herabstufung.

Deutsche Gläubigerbanken sollen Beitrag leisten

Alleine deutsche Banken haben mehr als 30 Milliarden Euro an Griechenland ausgeliehen. "Davon werden sie nicht viel wiedersehen", sagte Ökonom Blum. "Es gibt eine Bank, Hypo Real Estate, die dabei sehr gut mitgemischt hat. Wenn die wieder 10 Milliarden Euro benötigt, dann ist es der Bundeshaushalt, aus dem das gezahlt wird." Negative Folgen für den Euro erwartet Blum insgesamt dennoch nicht. Aber es bestehe - auch mit Blick auf Portugal die Gefahr eines Lawineneffektes.

Doch wer soll die Rettung schultern? In Deutschland wird gefordert, dass auch Gläubigerbanken ihren Beitrag zur Rettung leisten. "Angela Merkel muss die Vorstände aller Banken, die am griechischen Desaster Geld verdient haben, zum Rapport ins Kanzleramt vorladen", sagte Grünen-Fraktionschefin Renate Künast dem "Hamburger Abendblatt". Es könne nicht sein, dass die Banken weiter zocken und sich an Griechenlands Notlage eine goldene Nase verdienen, sagte Künast.

Selbst Politiker von Parteien, die der Branche nahestehen, wollen die Banken zur Kasse bitten. "Diejenigen, die hohe Zinsen für Griechenland-Anleihen kassiert haben, sollten sich auch an den Kosten einer Rettungsaktion beteiligen", sagte Volker Wissing (FDP), Vorsitzender des Finanzausschusses im Bundestag, der "Frankfurter Rundschau". Wenn als Ultima Ratio eine Hilfe für Griechenland unvermeidlich sei, könne es nicht darum gehen, "Spekulanten zu belohnen". Ähnlich äußerte sich der finanzpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Leo Dautzenberg. "Wir müssen die Möglichkeit prüfen, die Gläubiger Griechenlands heranzuziehen." Das würde aber zu einer skurrilen Situation führen: Größte Gläubigerbank in Deutschland ist offenbar die HRE. Und die könnte sich an den Rettungskosten nur beteiligen, wenn der Staat ihr weiteres Geld gibt.


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