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Irak: Dutzende Tote bei Gefechten mit Isis-Kämpfern

Die islamistische Terrorgruppe Isis will Bagdad angreifen, das irakische Militär versucht, dies mit einer Front vor der Stadt zu verhindern. Bei Gefechten sollen 50 Menschen getötet worden sein.

Nach dem Vormarsch der Terrorgruppe Isis im Irak holt die Armee zum Gegenschlag aus. Irakische Streitkräfte eroberten nach Medienberichten die von Isis eingenommene Stadt Tikrit am Donnerstag zurück. Iraks Regierungschef Nuri al-Maliki ist derweil mit dem Versuch gescheitert, zur Bekämpfung des Dschihadisten-Aufstands den Ausnahmezustand ausrufen zu lassen. Zur angesetzten Parlamentssitzung zur Abstimmung über die Maßnahme erschienen einem hohen Regierungsmitglied zufolge nur 128 von 325 Abgeordneten. Damit sei das notwendige Quorum nicht erreicht worden, sagte ein weiterer Offizieller. Die Sitzung sei abgebrochen worden.

Rund 60 Kilometer nördlich von Bagdad sind bei Gefechten zwischen Islamisten und der irakischen Armee Dutzende Menschen ums Leben gekommen. Die Nachrichtenseite "Al-Sumaria News" berichtete, bei dem Zusammenstoß in Bakuba in der Provinz Diyala seien am Donnerstag 50 Menschen getötet worden. Die Isis-Kämpfer zogen sich im Anschluss zurück, wurde ein Sicherheitschef zitiert.

Ministerpräsident Nuri al-Maliki bat die US-Regierung um Luftunterstützung mit Drohnen, wie US-Beamte dem Fernsehsender NBC News bestätigten. Beim Sender CNN hieß es, die USA schätzten die Lage als äußerst akut ein und überlegten, welche Hilfe geleistet werden könne. Drohneneinsätze lehnte Washington bisher laut "New York Times" ab.

Aber die USA versprachen "im Kampf gegen die Bedrohung zusätzliche Hilfe", wie Außenamtssprecherin Jen Psaki mitteilte. Wie diese Hilfe aussehen soll, sagte sie nicht.

"In Bagdad eine Rechnung begleichen"

Das staatliche irakische Fernsehen und die Nachrichtenseite "Al-Sumaria News" meldeten unter Berufung auf die Polizei, Tikrit sei "nach gewalttätigen Auseinandersetzungen" wieder unter Kontrolle der Armee. Ein Zusammenschluss von Armee- und Polizeikräften habe bereits über 60 Fahrzeuge von Isis zerstört. Auch "tausende Stammeskämpfer" seien mobilisiert, die Streitkräfte zu unterstützen. Gemeinsam werde eine Front im 60 Kilometer nördlich von Bagdad gelegenen Bakuba errichtet.

Die Isis selbst behauptete, bereits ins 130 Kilometer von Bagdad entfernten Samara eingedrungen zu sein. Die Angaben ließen sich zunächst nicht verifizieren.

Die kurdische Armee hat die Kontrolle in der nordirakischen Stadt Kirkuk übernommen. Die Peschmerga genannten Streitkräfte seien seit Donnerstag in der multiethnischen Stadt, nachdem irakische Streitkräfte geflohen seien, berichtete die kurdische Nachrichtenseite Rudaw. Man könne nicht riskieren, dass die in Kirkuk lebenden Kurden in die Hände von Isis-Kämpfern fallen, wurde ein kurdischer Armeesprecher zitiert.

In einem Youtube-Video rief Isis-Sprecher Abu Mohammed al-Adnani die Kämpfer auf, weiter bis nach Bagdad vorzudringen, wo "es eine Rechnung zu begleichen" gebe. Gemeint ist ein Angriff auf die Regierung des schiitischen Ministerpräsidenten Al-Maliki. Auch die schiitischen Städte Nadschaf und Kerbela werde Isis attackieren, sagte Al-Adnani und rief zum Durchhalten auf. "Gebt nicht einen Meter befreites Land zurück - außer mit euren toten Körpern." Im Netz kursierten Fotos, die irakisches Militärgerät mit der schwarzen Flagge der Isis zeigten.

Türkei verhandelt über entführte Landsleute

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warf Isis Bombenanschläge in Wohngebieten, Massenexekutionen, Folter, Diskriminierung von Frauen und die Zerstörung kirchlichen Eigentums vor. Einige dieser Taten kämen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gleich, teilte die Organisation mit. "Die Aussicht, dass Isis Grausamkeiten wiederholen könnte, die sie in anderen Teilen des Iraks begangen hat, und die gleichen intoleranten und schändlichen Regeln wie in Syrien aufstellen könnte, ist höchst beunruhigend", sagte der für den Nahen Osten zuständige Vizedirektor Nadim Houry. An die irakische Regierung appellierte er, beim Kampf gegen Isis alles zu unternehmen, um Zivilisten zu schützen.

Die Isis-Kämpfer hatten am Dienstag zunächst die nordirakische Millionenmetropole Mossul nahezu kampflos eingenommen. Im Verlauf des Mittwochs drangen die Isis-Truppen bis Samara vor, rund 130 Kilometer nördlich von Bagdad. Unterwegs wurden die Regionen Ninive, Anbar und Salah ad-Din erobert.

Die türkische Regierung verhandelt nach eigenen Angaben über die Freilassung von 80 Staatsbürgern aus der Gewalt von Islamisten im Irak. Regierungsvertreter erklärten, sie könnten Medienberichte nicht bestätigen, denen zufolge die Geiseln bereits freigelassen wurden: "Die Verhandlungen gehen weiter." Der Vorsitzende des türkischen Speditionsverbandes, Cetin Nuhoglu, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die 31 Fernfahrer unter den Festgenommenen seien wieder frei. Allerdings könnten sie wegen der Sicherheitslage in Mossul die Region nicht verlassen.

500.000 Menschen flohen vor den Extremisten

Das Auswärtige Amt forderte Deutsche zur sofortigen Ausreise aus diesen Provinzen auf. Nach dessen Erkenntnissen halten sich im Irak derzeit mehr als tausend Bundesbürger auf. Eine Sprecherin sprach von einer "niedrigen zweistelligen Zahl". Darunter sind auch Iraker mit doppelter Staatsbürgerschaft. Deutsche Touristen gibt es im Irak kaum.

In Mossul flohen binnen weniger Stunden rund 500.000 Menschen vor den Extremisten. Nach Berichten des kurdischen Fernsehens erbeuteten die Isis-Kämpfer in Mossul 500 Milliarden irakische Dinar (318 Millionen Euro) in der Zentralbank. Sollten sich die Meldungen bestätigen, würde dies Isis zur reichsten Terrororganisation vor Al-Kaida machen. Experten schätzen das Vermögen von Al-Kaida auf 50 bis 280 Millionen Euro.

Die Isis ist eine der radikalsten islamistischen Gruppen im Nahen Osten. Als "Islamischer Staat im Irak und Syrien" kämpft die Gruppe für einen sunnitischen Großstaat zwischen dem Mittelmeer und dem Iran.

mka/DPA/Reuters / DPA / Reuters