HOME

IS-Terror: Zehntausende Kurden fliehen - Obama mahnt

Noch können Luftschläge der USA und Frankreichs die Dschihadisten der Gruppe Islamischer Staat nicht aufhalten. 45.000 schutzsuchende Kurden fliehen vor der Terrormiliz aus Syrien in die Türkei.

Trotz der Luftschläge durch die USA und Frankreich gegen die Gruppe Islamischer Staat erobern die Dschihadisten weitere Gebiete in Syrien. Aus Furcht vor heranrückenden Kämpfern sind in nur einer Nacht zehntausende syrische Kurden in die Türkei geflohen. 45.000 Schutzsuchende seien an acht verschiedenen Übergängen über die Grenze gekommen, sagte der türkische Vizeregierungschef Numan Kurtulmus. Unterdessen wurden laut Ankara 49 türkische Staatsbürger aus monatelanger Geiselhaft der radikalsunnitischen IS-Milizionäre im Irak befreit.

Die Flüchtlingsbewegung aus dem überwiegend von Kurden besiedelten Nordosten Syriens ist die Folge einer IS-Offensive gegen die Stadt Ain al-Arab unweit der Grenze zur Türkei. Nach Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte hatten die IS-Kämpfer seit Donnerstag etwa 60 Dörfer rund um Ain al-Arab erobert und die kurdischen Kämpfer zurückgedrängt. Sie hätten bei ihrem Vormarsch Raketen, Granaten und Panzer eingesetzt, sagte der Anführer der Kurden-Truppen per Telefon aus dem Kampfgebiet. Bei den Gefechten, die am Samstag andauerten, seien mindestens 18 IS-Milizionäre getötet worden.

Die türkischen Behörden hatten sich zunächst geweigert, die syrischen Kurden ins Land zu lassen. Die Türkei sieht sich von der Vielzahl an Flüchtlingen im Land überfordert. Die türkische Regierung sprach nach der Grenzöffnung von einer "Ausnahme". Seit dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs vor dreieinhalb Jahren sind insgesamt fast 1,5 Millionen Menschen in die Türkei geflohen.

300 Kurden-Kämpfer rücken in Syrien ein

Die Kurden im Norden Syriens erhalten derweil Unterstützung von ausländischen Kämpfern. In der Nacht zum Samstag sollen mehr als 300 kurdische Kämpfer von der Türkei aus in das Nachbarland eingerückt sein. Zu welcher Kurden-Gruppe die Männer gehörten, sei unklar. Sie hätten sich den kurdischen Einheiten angeschlossen, die den IS-Vormarsch auf die Stadt Ain al-Arab stoppen wollen, die auch unter ihrem kurdischen Namen Kobani bekannt ist.

Der Angriff des IS auf die kurdischen Dörfer und ihre Belagerung von Kobani hat die kurdische Arbeiterpartei PKK in der Türkei veranlasst, ihre Anhänger zu den Waffen zu rufen, um gegen die IS zu kämpfen. Die PKK kämpfte jahrzehntelang für einen Kurdenstaat im Osten der Türkei und wird von der Europäischen Union (EU) als terroristische Vereinigung betrachtet.

Die im Juni vom IS aus dem Konsulat in der nordirakischen Stadt Mossul verschleppten 49 türkischen Geiseln kehrten am Samstagmorgen sicher in die Türkei zurück, wie der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu im Fernsehen sagte. Staatschef Recep Tayyip Erdogan zufolge wurden die Geiseln bei einer "Rettungsaktion" des Geheimdiensts befreit. Details dazu wurden zunächst nicht bekannt. Auch aus Rücksicht auf die entführten Türken, darunter zahlreiche Diplomaten, hielt sich Ankara bislang in seinem politischen Engagement gegen die IS-Dschihadisten zurück.

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zeigte sich "sehr erleichtert über die Befreiung der 49 türkischen Geiseln". Er dankte der Türkei gleichzeitig "für die Bereitschaft, die großen Lasten im Zusammenhang mit den Flüchtlingsströmen aus Irak und Syrien zu schultern."

Obama: "Nicht allein der Kampf der USA"

US-Präsident Barack Obama kündigte an, kommende Woche bei den Vereinten Nationen für die Bildung eines internationalen Bündnisses gegen den IS zu werben. "Dies ist nicht allein der Kampf der USA", sagte Obama in seiner wöchentlichen Radioansprache. Die ganze Welt müsse sich den radikalsunnitischen IS-Kämpfern entgegenstellen. Der US-Präsident wird kommende Woche zur Generaldebatte der UN-Vollversammlung nach New York reisen und dort auch eine Sitzung des UN-Sicherheitsrat zur Bedrohung durch Dschihadisten leiten.

Der UN-Sicherheitsrat forderte am Freitag die Staatengemeinschaft nach einer Sondersitzung auf, die Bemühungen der irakischen Regierung "bei der Wahrung von Sicherheit und der Bekämpfung des Terrorismus" zu unterstützen. Das Treffen im UN-Hauptquartier brachte insgesamt 40 Staaten zusammen, darunter auch der Iran.

"Pflicht für uns alle"

US-Außenminister John Kerry betonte, beim Kampf gegen die IS-Miliz gebe es "für fast jedes Land eine Rolle, einschließlich dem Iran". Irans Vize-Außenminister Madschid Tacht Rawantschi sprach sich dafür aus, beim Kampf gegen IS mit der irakischen und auch syrischen Regierung zusammenzuarbeiten. Die USA wollen zwar auch in Syrien IS-Stellungen aus der Luft beschießen, lehnen dabei aber eine Zusammenarbeit mit Präsident Baschar al-Assad ab. Der Iran gehört zu den wichtigsten Unterstützern von Assad, während der Westen, die Türkei, Katar und Saudi-Arabien hinter den moderaten Rebellen stehen.

Frankreichs Außenminister Laurent Fabius verwies darauf, dass 2003 die US-Invasion im Irak den Sicherheitsrat gespalten habe, 2014 aber sei es eine "Pflicht für uns alle", gegen die IS-Dschihadisten vorzugehen. Frankreich hat am Freitag als erstes Land nach den USA Luftangriffe auf IS-Stellungen im Irak geflogen.

mka/AFP/Reuters / Reuters