HOME

Japan in 30 Stunden: Kaiserliche Höflichkeiten einer Kanzlerin

Angela Merkel besucht ein Land voller Selbstzweifel, gibt aber keine Ratschläge. Die Kanzlerin braucht Japan bei der Lösung internationaler Großkonflikte.

Von Jens König, Tokio

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer dreißigminütigen Audienz mit dem japanischen Kaiser Akihito im Kaiserpalast in Tokio

Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrer dreißigminütigen Audienz mit dem japanischen Kaiser Akihito im Kaiserpalast in Tokio

Schnell, schnell, schnell, wir haben ja schließlich nicht ewig Zeit. Schon am Mittwochmorgen muss Deutschland wieder wegregiert werden, eine Kabinettssitzung steht auf dem Plan. Also fegt die Kanzlerin wie ein Wirbelsturm über Japan hinweg. Ein Besuch in nicht einmal 30 Stunden. Ein Tag in der Hauptstadt Tokio, am nächsten Vormittag ein Abstecher für zwei Stunden in die Hafenstadt Kawasaki. 18.000 Kilometer, 23 Stunden Flug, eine Nacht ohne Schlaf, straffes Programm. Fukushima, die Stadt des verheerenden Atomunfalls, der sich in diesen Tagen zum vierten Mal jährt? Steht nicht auf Angela Merkels Besuchsprogramm. Das hier ist hohe Diplomatie ganz auf Effizienz getrimmt.

Der Blick geht nicht zurück, sondern nach vorn. Deutschland hat in diesem Jahr die G7-Präsidentschaft inne, da gibt's vor dem Gipfel im Juni in Elmau viel zu planen und viel zu besprechen: Klima, Epidemien, Wirtschaft, Ukraine, internationaler Terror. Also ist die Kanzlerin zum ersten Mal seit 2008 wieder nach Japan gereist, was die Japaner schon als Wert an sich betrachten, weil Merkel in den letzten Jahren sehr oft in China war. Das beobachten die Japaner mit Neid und Argwohn, weil ihr Verhältnis zum großen Nachbarn China nicht zum Besten bestellt ist.

Ein Land in der Krise

Japan, Land der aufgehenden Sonne, 127 Millionen Einwohner, drittgrößte Volkswirtschaft der Welt, Deutschlands zweitwichtigster Handelspartner in Asien. Japan ist aber auch ein Land in der Krise, träge und voller Selbstzweifel. Seit Jahren wirtschaftlicher Stillstand, hohe Staatsverschuldung, eine unaufhaltsam alternde Bevölkerung. Die Zeit Aufsehen erregender technischer Innovationen ist lange vorbei. Wer weiß schon noch, dass das, was heute ein iPhone von Apple ist, mal der Walkman von Sony war - der heißeste Scheiss, den man unbedingt haben muss.

Auftritt Asimo

Angela Merkels Besuch ist also auch eine Bildungsreise in ein Land des Niedergangs, das international den Anschluss zu verlieren droht, weil es auf die Herausforderungen, vor denen es steht, nicht schnell genug reagiert. Erste Station: das Miraikan, Japans Nationales Museum für Wissenschaft und Innovation. Hier zeigen die Japaner in einer Dauerausstellung, was sie immer noch können. Sie präsentieren stolz ihre technologischen Errungenschaften.

Die Kanzlerin trifft auf Asimo, einen von Honda entwickelten humanoiden Roboter. Ein Typ auf zwei Beinen, der wie ein Mensch laufen und sprechen kann. "Ich habe gehört, Sie interessieren sich für Fußball?", sagt er zu Merkel. Die nickt belustigt. Also zeigt Asimo, was er so drauf hat. Er tritt gegen einen Ball. Nicht ganz die Raffinesse eines Messi-Freistoßes, aber immerhin. "Ich kann auch schnell rennen und auf einem Bein springen", sagt Asimo. Und rennt und springt auf einem Bein. Die Japaner träumen davon, solche menschlichen Roboter später in der Pflege der vielen alten Menschen einzusetzen. Merkel träumt vielleicht davon, so einen Asimo im Konrad-Adenauer-Haus einzustellen. Der könnte ihre Arbeit als CDU-Vorsitzende erledigen, so wild ist das nun auch wieder nicht. Dann hätte sie noch mehr Zeit für die Rettung der Welt.

Festival der Höflichkeiten

So ein politischer Besuch ist immer auch ein Festival der Höflichkeiten. Bloß kein böses Wort über den Gastgeber. Kritik an den "Abenomics", der Finanzpolitik des rechtskonservativen Ministerpräsidenten Shinzo Abe, der sein Land mit Geld überflutet, in der Hoffnung, damit die Wirtschaft anzukurbeln? Eine klare Antwort auf den aggressiven Nationalismus von Abe, den die Japaner benutzen, um einen alten Insel-Streit mit China zu befeuern und die eigene Kriegsschuld zu relativieren? Kommt Merkel nicht über die Lippen. "Ich bin nicht hier, um Japan Ratschläge zu geben, was es zu tun hat." Die Kanzlerin braucht Abe und dessen Unterstützung in den internationalen Großkonflikten, allen voran beim Zurückdrängen Putins.

Gut zu beobachten war diese Höflichkeit bei Merkels Auftritt in der Stiftung der liberalen Zeitung "Asahi Shimbun". Zweitgrößtes Blatt des Landes, Auflage der Morgenausgabe: acht Millionen Exemplare. "Asahi Shimbun" hatte bereits vor vielen Jahren aufgedeckt, dass das japanische Militär im Zweiten Weltkrieg koreanische Frauen zur Prostitution gezwungen hatte. Diese Berichte musste sie zurückziehen, weil einer ihrer Informanten gelogen hatte. Trotzdem ist die Zwangsprostitution eine anerkannte historische Tatsache. Die liberale Zeitung steht seitdem jedoch unter schwerem Beschuss der Konservativen. Ministerpräsident Abe wirft ihr vor, Japans Ansehen "schwer geschadet" zu haben. Merkels Rede bei der "Asahi Shimbun" im 70. Jahr nach Kriegsende ist eigentlich ein Politikum - das sie jedoch durch zurückhaltende Worte unterläuft. Sie spricht allgemein von Versöhnung, zitiert Richard Weizsäckers Satz von der Befreiung, betont, dass man die heutigen Grenzen akzeptieren müsse und nicht gucken solle, was vor 400 oder 500 Jahren war. Mehr als Anspielungen also nicht.

Frauenquote und Energiewende

In der Fragerunde nutzt Merkel jedoch die Gelegenheit, durch Lob ihrer eigenen Politik die japanischen Probleme indirekt aufs Korn zu nehmen. Ausstieg aus der Kernenergie, Frauenquote für große Unternehmen, die Integration von Migranten in die deutsche Gesellschaft - was zu Hause durchaus umkämpft war und der Kanzlerin erst abgerungen werden musste, wirkt hier in Tokio im Vergleich plötzlich wie eine Errungenschaft Merkelscher Politik und als leise Aufforderung an die Japaner, es ebenso zu tun. Nichts bräuchten die Japaner für ihre Wirtschaft dringender als Frauen in führenden Positionen und Ausländer mit innovativen Ideen. Aber auf beides verzichten sie bewusst. Der Anteil von Frauen in den Vorständen großer Unternehmen beträgt gerade mal ein Prozent. "Wenn die Menschen sehen, dass das auch mit Frauen geht", sagt Merkel, "dann wird das zur Normalität. Es braucht das Beispiel." Den Frauen im Publikum gefällt das sehr.

Höhepunkt eines jeden Japan-Besuches: die Audienz beim Kaiser. Im Kaiserlichen Palast im Zentrum von Tokio, hinter massiven Steinmauern und alten Gräben verborgen, für Normalsterbliche nicht zugänglich. Das strenge, erzkonservative Hofamt mit seinem eigenwilligen Protokoll flößt sogar der Kanzlerin Respekt ein. Es gehört sich nicht, mit dem Kaiser über Politik zu reden. Aber weil Merkel bei ihrem letzten Besuch 2008 Kaiser Akihito schon einmal begegnet war und sich mit ihm angeregt über Umweltschutz und Meeresforschung unterhalten hatte, ist sie diesmal ganz entspannt. Sie hat dem Kaiser einen seltenen Erstdruck des von Richard Wagner selbst verfassten Klavierauszugs des "Tannhäuser" als Geschenk mitgebracht. Der belohnt sie mit einer fast dreißigminütigen Audienz. Die Gäste am japanischen Hof zählen die Minuten als Ausweis ihrer eigenen Wichtigkeit. Merkel, die sonst nie Zeit hat, genießt die 30 Minuten. Ausnahmsweise.