VG-Wort Pixel

Zwei Fälle in Washington Mysteriöses "Havanna Syndrom" erreicht das Weiße Haus

Blick auf die Auffahrt zum Weißen Haus
Im Visier von ... was eigentlich? Zwei im Weißen Haus arbeitende US-Beamte sind am mysteriösen "Havanna Syndrom" erkrankt.
© Andrew Harnik / AP / DPA
Seit Jahren geben unerklärliche Erkrankungen von US-Diplomaten Rätsel auf. Nun scheint das mysteriöse "Havanna Syndrom" den Weg in die Machtzentrale in Washington gefunden zu haben.

Die Sache ist wahrlich mysteriös. Seit rund fünf Jahren wird beobachtet, dass US-amerikanische Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und auch Soldaten auf unerklärliche Weise erkranken. Gedächtnisverlust, Schwindel, Taubheit gehören zu den Symptomen, von denen Betroffene berichten und die bei manchen so schwer sind, dass sie sofort ärztlich behandelt werden müssen. Die Rede ist vom "Havanna Syndrom", das so genannt wird, weil es 2016 zunächst in der US-Botschaft in der kubanischen Hauptstadt aufgetreten ist (der stern hat berichtet). Mittlerweile wird das Phänomen weltweit beobachtet. Was die US-Behörden aber ganz besonders beunruhigt: Nun sind erstmals auch Beamte aus dem Weißen Haus betroffen.

Die Fälle, die erst jetzt durch Berichte des TV-Senders CNN und anderer US-Medien öffentlich wurden, ereigneten sich bereits im November vergangenen Jahres. Betroffen waren zwei Beamte des Nationalen Sicherheitsrates, davon einer am Tag nach der Präsidentschaftswahl, als er durch ein unbewachtes Tor nahe der sogenannten Ellipse das Gelände des Weißen Hauses betreten hatte. Die vergleichsweise leichten Symptome – Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit – sollen nach einer Woche wieder verschwunden sein. Schwerer erwischte es laut den Berichten einen weiteren Beamten, der wenige Wochen später durch einen anderen Zugang das Gelände der US-Machtzentrale betreten hatte und sofort ärztlich behandelt werden musste. Zusammen mit einem weiteren Vorfall im Norden Virginias, also in unmittelbarer Nachbarschaft von Washington, sind das schon drei der mysteriösen Krankheitsfälle unmittelbar vor der Haustür des Präsidenten. Die Sicherheitsbehörden seien entsprechend besorgt und alarmiert, so CNN unter Berufung auf mehrere, nicht näher benannte Personen, die mit den Vorfällen vertraut seien.

"Havanna Syndrom": Tägliche Berichte an den CIA-Direktor

Alarmiert vor allem, weil man trotz jahrelanger Ermittlungen bisher offenbar immer noch keine Ahnung hat, womit man es bei dem Phänomen eigentlich zu tun hat. Die filmreife Erklärung, es handele sich womöglich um Attacken einer anderen Macht durch Gift oder akustische Signale (über letztere berichtete die Nachrichtenagentur AP kurz nach den ersten Fällen in Havanna), klingt wahrscheinlicher, seit US-Staatsbedienstete nicht nur an einem Ort und nun sogar in Washington betroffen sind. Andererseits wurden bisher weder Gift oder Signalquellen gefunden, noch sind Hinweise auf einen Angriff oder einen Angreifer bekannt. Russland werden derartige Attacken zugetraut, doch es gibt nicht einmal Grund zu einem konkreten Verdacht. Wie die "New York Times" berichtet, haben sich Fälle von "Havanna Syndrom" inzwischen weltweit auf 130 summiert. Auch in Europa soll das Syndrom laut CNN aufgetreten sein; mindestens ein Fall habe sich innerhalb der vergangenen zwei Wochen ereignet, und auch in den USA gibt es angeblich weitere Verdachtsfälle.

Haben Sie das Zeug zum Geheimagenten? CIA veröffentlicht Rätselfrage

Wie ernst die Vereinigten Staaten die laut offizieller Bezeichnung "anomalen Gesundheitsvorfälle" inzwischen nehmen, lässt sich daran ablesen, dass Bill Burns, Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA, tägliche Berichte zum "Havanna Syndrom" erhalten soll, wie CNN erfahren haben will. Zudem habe die Administration von US-Präsident Joe Biden auf Druck von Betroffenen und Parlamentsabgeordneten, allen voran die beiden Vorsitzenden des Senats-Geheimdienstausschusses, die Bemühungen "dramatisch" verstärkt, die Ursache der Vorfälle zu klären und diesen vorzubeugen. Außerdem sollen Verantwortliche ermittelt werden, wie es in einer Erklärung eines Sprechers des Direktors der Nationalen Geheimdienste vom Dienstag heißt. "Dieses Angriffsmuster auf Mitbürger, die unserer Regierung dienen, weitet sich aus. Der Geheimdienstausschuss des Senats fordert, dass dieser Sache auf den Grund gegangen wird", so die Ausschussvorsitzenden in einer Erklärung. 

NSA-Memo: Erste Hinweise schon 2012

Damit haben die Geheimdienste bisher allerdings enorme Schwierigkeiten. Bisher sei es nicht einmal gelungen, anhand von Symptomen überhaupt eindeutig auf das "Havanna Syndrom" zu schließen. Ein inzwischen entwickelter Bluttest, der auch bei einem der betroffenen Washingtoner Beamten angewandt worden sein soll, liefere angeblich zwar einige "Marker", aber keine eindeutige Diagnose, heißt es. Als wahrscheinlichste Ursache gilt laut einem im März vorgelegten Gutachten der Nationalen Akademie der Wissenschaften "gerichtete, gepulste Hochfrequenzenergie". Doch auch für diese griffig "Mikrowellen-Theorie" genannte These gibt es letztlich keinen zweifelsfreien Beweis.

Und das, obwohl laut den US-Medienberichten ein Memo der National Security Agency (NSA) besagt, sogar schon seit 2012 Informationen über die Existenz einer "leistungsstarken Mikrowellensystemwaffe" zu haben, wodurch Wohnräume so mit Mikrowellen geflutet werden könnten, dass es bei Anwesenden zu Schädigungen des Nervensystems kommen könne. Das wären dann sage und schreibe neun Jahre ohne wirklich brauchbare Erkenntnisse. "Wir haben keine harten Hinweise - alles nur Indizien", zitiert CNN einen dementsprechend frustrierten Beamten. Und erst recht gebe es keine Antworten auf die Frage, wie eine solche Hochfrequenzwaffe selbst im dicht bevölkerten Washingtoner Zentrum unmerklich und zielgerichtet auf eine einzelne Person betrieben werden könne. Auch wieder nur eine Vermutung: Vielleicht handele es sich gar nicht um Angriffe, sondern um Versuche, Daten zu sammeln - etwa von den Handys der Regierungsmitarbeiter.

Kritik: Sache lange nicht ernst genug genommen

Dass die Sicherheitsbehörden derart im Dunkeln tappen, lässt Kritik an den Ermittlungen immer lauter werden. Offensichtlich habe man das "Havanna Syndrom" lange nicht allzu ernst genommen, kritisiert Geheimdienstausschuss-Chef Mark Warner. Während der Trump-Jahre habe man Berichten von Betroffenen teilweise sogar keinen Glauben geschenkt. All' das habe sich erst geändert, seit CIA-Chef Burns der Angelegenheit Priorität eingeräumt habe. Wichtig sei nun auch eine bessere Koordination der Ermittlungen, so Warner. Bisher seien einfach zu viele Regierungsstellen unabhängig voneinander damit befasst - darunter auch das Pentagon und das Außenministerium. Ob das jahrelange Stochern im Nebel so beendet werden kann, ist unklar. Die Forderungen, endlich die "smoking gun" zu finden, werden immer lauter – die eindeutige Erklärung, um was es sich beim "Havanna Syndrom" wirklich handelt.

Quellen: CNN; "New York Times"; The Hill; National Academy of Sciences; Mitteilung der Leitung des Geheimdienstausschusses des US-Senats


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker